Edith Stein über Teresa von Avila

Folgen wir Edith Stein und ihrer Sicht der heiligen Teresa von Ávila. Im folgenden ist der Hauptteil eines Aufsatzes von U. Dobhan OCD (Ordo Carmelitarum Discalceatorum) zu lesen, der Edith Steins Sicht um heutige Einschätzungen ergänzt; ein interessantes Beispiel, dass nicht die „menschliche Einordnung“ eines ‚heiligen Lebens‘ so viel Bedeutung einzunehmen braucht, sondern die Frucht solch eines Lebens… Welche Glaubensinhalte werden vertreten? Welche Ratschläge und Empfehlungen ergeben sich? Was strahlen die Menschen, die sich an diesem heiligen Leben orientieren, heute aus? – Folgen wir Edith Stein und sehen, welche Kraft sie aus den Schriften der heiligen Teresa von Ávila schöpfen konnte.

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EDITH STEIN ALS INTERPRETIN TERESAS VON ÁVILA

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Edith Stein hat sich in drei Abhandlungen direkt mit Teresa von Ávila beschäftigt:+

Liebe um Liebe. Leben und Wirken der heiligen Teresa von Jesus, entstanden 1933/Anfang 1934 (1);
Eine Meisterin der Erziehungs- und Bildungsarbeit: Teresia von Jesus, entstanden 1935 (2);
Die Seelenburg, entstanden Anfang 1936, als Ergänzung zu Endliches und Ewiges Sein. (3)

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Diese drei, von ihrer Intention und ihrem Aufbau her sehr unterschiedlichen Schriften bilden die Grundlage für ihre Interpretation Teresas. Bei der ersten Abhandlung geht es darum, Leben und Wirken Teresas von Ávila bekannt zu machen; bei der zweiten, vom angestrebten Leserkreis her – Lehrerinnen –, um die Darstellung Teresas als Meisterin der Erziehungs- und Bildungsarbeit, und in der dritten möchte Edith Stein mit Hilfe der Seelenburg Teresas „etwas darüber sagen, wie sich meine Ausführungen [in Endliches und Ewiges Sein] über den Bau der menschlichen Seele zu jenem Werk verhalten“. (4)

Historische Erkenntnisse

Angesichts der neuen historischen Erkenntnisse, die wir seit dem Entstehen dieser Schriften über Teresa von Ávila gewonnen haben, erweist sich Edith Stein auf diesem Gebiet, insbesondere in Liebe um Liebe, stellenweise auch in den beiden anderen Abhandlungen, ganz und gar als Kind ihrer Zeit. Das wird deutlich, wenn sie – um einige Beispiele zu nennen – über Teresas Heimat berichtet: „Acht Jahrhunderte unablässiger Kämpfe zwischen Kreuz und Halbmond lagen hinter dem spanischen Volke. In diesen Kämpfen war es zu einem Heldenvolk, zu einer Heerschar Christi des Königs herangeblüht. Teresas engere Heimat, das alte Königreich Kastilien, war die feste Burg, von der aus das Kreuz in zähem Ringen allmählich nach Süden vorgetragen wurde; die kastilischen Ritter bildeten die Kerntruppe des Glaubensheeres;“ über ihr Elternhaus: „Von altem Adel waren die Eltern, Alonso Sánchez de Cepeda und seine zweite Gemahlin, Beatriz de Ahumada. Nach der Sitte ihrer Zeit und ihres Landes wurde sie mit dem Namen der Mutter Teresa de Ahumada genannt“; (5) über den Zustand im Kloster der Menschwerdung: „Die reiche Ausstattung des Klosters gestattete ein angenehmes Leben, die alten Fasten- und Bußübungen waren größtenteils abgeschafft, im Verkehr mit Weltleuten herrschte große Freiheit. Der Zustrom zu diesem anziehenden Ort war so groß, dass das Kloster um 1560 hundertneunzig Ordensfrauen zählte;“ (6) über das Sterben des Vaters, das sie mit den Worten Teresas eher den hagiographischen Vorstellungen der damaligen Zeit als dem wirklichen historischen Ablauf entsprechend darstellt. (7)

Inzwischen haben wir gelernt, die Geschichte Spaniens differenzierter zu betrachten. Das Zusammenleben der drei monotheistischen Religionen blieb nicht ohne Auswirkung, so dass Spanien am Ende der Reconquista (1492) nicht einfach an dem Punkt weitermachen konnte, an dem das westgotische christliche Reich 711 aufgehört hatte. (8) Aber vor allem wissen wir heute, dass Teresa nicht aus einem alten Adelsgeschlecht stammt, sondern einen Vater hat, der noch als Jude geboren wurde, so dass sie zur diskriminierten Bevölkerungsschicht der Conversos gehört, die auf verschiedene Weise versuchten, davon loszukommen, sei es dass sie in altchristliche Familien einheirateten, verdächtige Familiennamen ablegten, oder sich Adelsbriefe kauften, mit deren Hilfe sie nach Westindien auswandern konnten und andere Vorteile genossen – alles Vorgänge, die wir in Teresas Familie beobachten können. (9) Das Verständnis und die Interpretation ihrer Persönlichkeit und auch ihrer Schriften hat sich von daher grundlegend verändert. Doch als Edith Stein ihre Abhandlungen schrieb, feierte man Teresa als „höchste Synthese der Rasse.“ (10) Schade, dass Edith Stein nicht mehr erfahren hat, daß die von ihr so hochgeschätzte und für sie so wichtige „heilige Mutter“ so wie sie jüdischer Abstammung war!

Situation der Frau

Auch für die Situation der Frau ergeben sich, wenn sie vom historischen Kontext aus betrachtet wird, neue Erkenntnisse zu Teresas Leben und Werk. Die Frau lebte damals abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen grundsätzlich in einem Zustand der Diskriminierung und Marginalisierung, (11) was durch die Deutung der Theologen, den eigentlichen spiritus rectores in der damaligen sakralisierten Gesellschaft, als Wille Gottes sanktioniert wurde; da gab es kein Entkommen. (12) So ist z. B. die rasante Zuwachsrate im Kloster der Menschwerdung schlicht und einfach der Tatsache zu verdanken, dass vielen Frauen keine andere Wahl blieb, als ins Kloster einzutreten, da es, bedingt durch die Eroberung der neuentdeckten Länder, in Spanien einen Mangel an Männern gab und viele von diesen sich dort eine Frau suchten, wie Teresas Bruder Lorenzo. (13) Edith Stein schreibt das eher der Tatsache zu, dass „dieser anziehende Ort“ durch den „Rahmen, den seine Satzungen gaben, durchaus eine Möglichkeit zu einem echten Gebetsleben bot.“ (14)

Selbst die Klausur in den Frauenorden mit Gittern und Mauern bekommt vor diesem Hintergrund eine andere Bedeutung. Edith Stein schreibt, dabei ganz der traditionellen Sicht und Begründung der Klausur verhaftet: „Das alte Einsiedlerideal soll durch die strenge Klausur gesichert werden. Die hohe Mauer, die das Kloster und seinen Garten umgibt; das doppelte Gitter, das sie im Sprechzimmer von den Besuchern und das ihren Chor von der äußeren Kirche trennt; der Schleier, der ihr Gesicht vor allen Fremden verhüllt – das alles erinnert die Nonnen beständig daran, dass sie die Welt verlassen haben, dass sie als freiwillige Gefangene leben wie ihr Herr im Tabernakel, im ‚süßen Stand der Gotteshaft’, dass sie nichts von draußen zu erwarten haben, sondern alles von dem, was in diesen Mauern geborgen ist.“ (15) Teresa hatte offensichtlich etwas anderes im Sinn, so wenn sie auf der freien Wahl der Beichtväter besteht 16) und vor deren „Eitelkeit“ warnt oder schlichtweg verbietet, dass Vikare und Beichtväter in die Klausur gehen oder Aufträge erteilen. (17) Das zeigt, dass sie durch die strenge Klausur einen Freiraum schaffen wollte, (18) in dem die Schwestern ihr Leben so gestalten konnten, wie sie wollten, ohne Einmischung von Seiten der Männer. (19)

Dazu kam, dass das innere Beten, besonders wenn es Frauen hielten, für gefährlich galt. 20) Warum? Wer inneres Beten hielt, also so mit Gott umging, wie es seinem Bedürfnis entsprach, konnte innerlich wachsen und allmählich zu einem selbständig denkenden Menschen werden. (21) In einer streng hierarchisch gegliederten Kirche und Gesellschaft war so etwas aber unerwünscht, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft, (22) besonders für Frauen. Die Klausur, mit Gittern und Mauern, in die kein Mann hineingehen durfte, verschaffte den notwendigen Schutz, damit die Schwestern dieses Beten halten konnten. Und schließlich wusste Teresa aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass die „Welt“ nicht an den Mauern der Klausur Halt machte. (23)

Verschiedene Gebetswege

Selbst bei der Darstellung des Gebetsweges bewegt sich Edith Stein in den damaligen Vorstellungen, die sich allerdings bis heute gehalten haben, (24) wenn sie die Stufen des Gebetes beschreibt: „Als niederste Stufe wird das sogenannte mündliche Gebet bezeichnet, das Gebet, das sich an bestimmte festgelegte sprachliche Formen hält: das Vaterunser, das Ave Maria, der Rosenkranz, das kirchliche Stundengebet. … Eine Stufe höher steht das betrachtende Gebet. Hier bewegt sich der Geist freier, ohne Bindung an bestimmte Worte. … Es pflegt aber der Herr die Treue im betrachtenden Gebet noch auf eine andere Weise zu belohnen: durch Erhebung zu einer höheren Gebetsweise, … das Gebet der Ruhe oder der Einfachheit.“ (25) Sie spricht dann über Ekstasen und Visionen, die sich „an diese Stufe der mystischen Begnadung vielfach anschließen,“ sowie die mystische Verlobung und die mystische Vermählung. (26)

Heute wird Teresas oración (inneres Beten) richtiger als eine Grundhaltung denn als Gebetsweise verstanden, von der jedes Gebet – ob mündlich oder betrachtend – begleitet sein muss, sonst ist es in ihren Augen gar kein Gebet: Es meint die innere Aufmerksamkeit auf das DU Gottes bzw. Christi. Es geht ihr also nicht um bestimmte Frömmigkeitsformen oder Andachtsübungen, sondern um die Vertiefung der Beziehung. Besonders im Weg der Vollkommenheit betont Teresa immer wieder, daß mündliches Gebet, das die Bezeichnung „Gebet“ verdiene, eo ipso auch schon inneres Beten sei, um damit denen zu widersprechen, die inneres Beten für Frauen verbieten wollen. (27)

Doch im Hinblick auf das Wesen des Betens erweist sich Edith Stein in mehrfacher Hinsicht als treue Interpretin ihrer hl. Mutter. So charakterisiert sie die junge Novizin: „Aber die vorgeschriebenen Gebetszeiten genügten ihrem Eifer nicht. Sie verbrachte auch die freien Stunden am liebsten in stiller Betrachtung vor dem Tabernakel.“ (28) Dasselbe wird von Edith Stein selbst berichtet, die sich hier offensichtlich mit ihrer Ordensmutter identifizierte. (29) Und als Teresa auf dem Weg zur „heilkundigen Frau“ in Becedeas einige Monate bei ihrer Schwester verbrachte, vermerkt Edith Stein: „Obgleich sie hier wie in früheren Jahren von der Liebe der Ihren umgeben war und sich ihnen mit aller Herzlichkeit widmete, wusste Teresa doch den Tag so einzuteilen, dass ihr genügend Zeit zu einsamem Gebet blieb.“ (30)

Bei dieser ihrer Darstellung gewährt uns Edith Stein einen Blick auf ihre eigene Art zu beten: „Das Gebet ist der Verkehr der Seele mit Gott. Gott ist die Liebe, und die Liebe ist sich selbst verschenkende Güte; eine Seinsfülle, die nicht in sich selbst beschlossen bleiben, sondern sich andern mitteilen, andere mit sich beschenken und beglücken will. Dieser sich selbst ausspendenden Gottesliebe verdankt die ganze Schöpfung ihr Dasein. Die höchsten aller Geschöpfe aber sind die geistbegabten Wesen, die Gottes Liebe verstehend empfangen und frei erwidern können: die Engel und Menschenseelen. Das Gebet ist die höchste Leistung, deren der Menschengeist fähig ist. Aber es ist nicht allein menschliche Leistung. Das Gebet ist eine Jakobsleiter, auf der des Menschen Geist zu Gott empor- und Gottes Gnade zum Menschen herniedersteigt. Die Stufen des Gebets unterscheiden sich nach dem Maß des Anteils, den die natürlichen Kräfte der Seele und Gottes Gnade daran haben. Wo die Seele nicht mehr mit ihren Kräften tätig ist, sondern nur noch ein Gefäß, das die Gnade in sich empfängt, spricht man von mystischem Geschehen.“ (31)

Vom inneren Beten her definiert Teresa in Edith Steins Darstellung nun auch ihr Lebensideal, das in ihren neugegründeten Klöstern gelebt werden und entsprechend geprägte Menschen anziehen soll: „Das Lebensideal war es, wozu es sie [Teresa] hinzog, seitdem sie erfahren hatte, was der innere Verkehr der Seele mit Gott bedeutet. Die Lebensform, die das innere Gebet in den Mittelpunkt stellt und alle Hindernisse aus dem Weg räumt, … fand sie in der ursprünglichen Regel unseres Ordens.“ (32)

Das innere Beten ist schließlich auch das erste Kriterium bei der Aufnahme von Kandidatinnen: „Erste Vorbedingung für das Gelingen des Erziehungswerkes ist Vorsicht bei der Aufnahme von Kandidatinnen: wenn sie nicht ‚dem Gebet ergeben’ sind, ‚aufrichtig nach Vollkommenheit streben und die Dinge der Welt verachten’, besteht keine Aussicht, dass sie ans Ziel kommen.“ (33) Für eine Karmelitin sind „diese Stunden einsamer Zwiesprache mit Gott … der Mittelpunkt ihres Lebens, von hier aus baut sich für sie alles auf; hier findet sie Ruhe, Klarheit und Frieden, hier lösen sich alle Fragen und Zweifel, hier erkennt sie sich selbst und was Gott von ihr will, hier kann sie ihre Anliegen vortragen und Gnadenschätze empfangen, von denen sie freigebig an andere austeilen kann.“ (34)

Eine Lebensform

Teresa ging es um eine Lebensform, die das innere Beten in den Mittelpunkt stellt. Für dieses Wesensmerkmal des Ideals Teresas ist Edith Stein eine getreue Interpretin, und das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum Teresas Vida ihrem „langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende gemacht hatte.“ Als sie schließlich in den Karmel eintrat, fand sie das, was sie damals schon längst entdeckt hatte und praktizierte, (35) denn sie fühlt sich von Anfang an wie zu Hause, (36) obwohl es nicht an Schwierigkeiten fehlte. (37) Wir können sagen: Das innere Beten Teresas hat sie in den Karmel geführt und ihr geholfen, dort ihren Weg zu gehen. Kein Wunder, dass sie bereits im Juli 1916, als sie bei einem Besuch des sog. Frankfurter Doms, der in Wirklichkeit die St. Bartholomäuskirche ist, von einer Frau, die zum stillen Beten hereinkam, so beeindruckt war. 23 Jahre später schreibt sie darüber im Rückblick: „Wir traten für einige Minuten in den Dom, und während wir in ehrfürchtigem Schweigen dort verweilten, kam eine Frau mit ihrem Marktkorb herein und kniete zu kurzem Gebet in einer Bank nieder. Das war für mich etwas ganz Neues. In die Synagogen und in die protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte, ging man nur zum Gottesdienst. Hier aber kam jemand mitten aus den Werktagsgeschäften in die menschenleere Kirche wie zu einem vertrauten Gespräch. Das habe ich nie vergessen können.“ (38)

Im Zusammenhang mit dem inneren Beten, dem von Edith Stein bestens verstandenen und praktizierten Hauptanliegen Teresas, sind ihre Ausführungen zur „Seelenburg“ besonders aufschlussreich. Sie gibt eine Darstellung dieser Schrift „möglichst mit den eigenen Worten unserer heiligen Mutter …, weil man schwerlich bessere finden kann.“ (39)

Ausgehend von der Behauptung Teresas, dass „die Eingangspforte in diese Burg das Gebet und die Betrachtung ist“, (40) stellt Edith Stein die Fragen, „ob dem Bau der Seele auch abgesehen von der Einwohnung Gottes noch ein Sinn zukomme, ob es vielleicht noch eine andere Pforte gebe als die des Gebets.“ (41)

Wohnort Gottes

Das sind Fragen, die zur Zeit Teresas keinen Sinn hatten, da die ganze Welt „gläubig“ und es unvorstellbar war, dass jemand die Existenz Gottes nicht anerkännte, doch heute haben sie ihre Berechtigung. Edith Stein war das auch bewusst, denn sie stellt die Frage, was „denn die ganz ‚äußerlichen’ Menschen zum Eintritt durch die Pforte des Gebetes bewegen mag, wenn sie noch nicht solche Rufe vernehmen. Die Heilige äußert sich darüber nicht. Ich vermute, dass sie wie selbstverständlich mit Menschen rechnet, die durch ihre fromme Erziehung daran gewöhnt sind, zu gewissen Zeiten zu beten, und genügend in den Glaubenswahrheiten unterrichtet, um in ihrem Sinn an Gott zu denken, während sie beten.“ (42) Denkt Edith Stein an sich? Was hat denn sie „zum Eintritt“ bewegt? Ist ein Mensch, der nicht an Gott glaubt und dessen Existenz leugnet, auch „Wohnort Gottes“, und gibt es infolgedessen eine Eingangspforte entsprechend dem, was im glaubenden Menschen das Gebet ist?

Edith Stein bleibt die Antwort nicht schuldig und führt damit Teresas Anliegen in unsere Zeit fort: „Beide Fragen müssen wir anscheinend bejahend beantworten. Die Menschenseele hat als Geist und Ebenbild des göttlichen Geistes die Aufgabe, die ganze geschaffene Welt erkennend und liebend aufzunehmen, ihren Beruf darin zu verstehen und entsprechend zu wirken. … Und wenn die innerste Wohnung dem Herrn der Seele vorbehalten ist, so gilt doch auch, dass nur von der letzten Tiefe der Seele aus, gleichsam vom Mittelpunkt des Schöpfers aus, ein wirklich entsprechendes Bild der Schöpfung zu gewinnen ist: immer noch kein allumfassendes, wie es Gott selbst eigen ist, aber doch ein Bild ohne Verzerrungen. So bleibt durchaus bestehen, was die Heilige so klar gezeigt hat: dass das Eingehen eine schrittweise Annäherung an Gott bedeutet.“ (43)

Die Pforte des Gebetes

Nachdem sie drei Wege für den Eintritt in das Innere des Menschen (44) mit ihren verheerenden Folgen dargestellt hat, (45) kommt sie auf die Frage zurück, „ob nicht am Ende doch die Pforte des Gebetes der einzige Zugang zum Innern der Seele sei.“ (46) Als einen gewissen Beweis gelten ihr die Bahnbrecher der neuesten Geistes- und Seelenwissenschaften – „ich denke vor allem an Dilthey, Brentano, Husserl und ihre Schülerkreise –, von denen sie zwar nicht den Eindruck hat, „als ob sie religiös bestimmt wären und‚ durch die Pforte des Gebetes eingegangen’ waren“, (47) doch „wird man nicht leicht ein bloßes Nebeneinander annehmen, sondern einen tiefen Zusammenhang vermuten dürfen.“ (48) So öffnet Edith Stein die modernen Wissenschaften in Richtung auf das, was Teresa von Ávila im Bezug auf das Beten sagt. Müssen wir etwa unsere Vorstellung von Beten erweitern? Wir wissen, dass für Edith Stein das „Suchen nach der Wahrheit ein einziges Gebet war,“ (49) und sie überzeugt war, dass jemand, der „die Wahrheit sucht, Gott sucht, ob es ihm klar ist oder nicht.“ (50) So erweist sich Edith Stein gegenüber den modernen Geistes- und Seelenwissenschaften als sehr optimistisch, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Wahrheit zu suchen.

In der gleichen Schrift Seelenburg gründet sich Edith Stein nochmals auf Teresa von Ávila. In die Seelenburg wird das Ich „immer wieder gerufen und zwar – das ist wieder der Punkt, in dem wir über das hinausgehen mussten, was uns die Seelenburg [Teresas] bezeugt – nicht nur zur höchsten mystischen Begnadung, der geistlichen Vermählung mit Gott, sondern um von hier aus die letzten Entscheidungen zu treffen, zu denen der Mensch als freie Person aufgerufen wird.“ (51) In diesem Sinn fallen nach Teresa, so wie Edith Stein sie sieht, die verantwortungsbewusste Entscheidung des Menschen, die sich ja in der Seelenmitte vollzieht, und die freie Vereinigung des Menschen mit Gott, die sich auch in seiner Seelenmitte ereignet, zusammen. Das geht zwar über Teresas Anliegen und Fragestellung hinaus, doch ist immerhin bedenkenswert, was diese über die Vereinigung des Willens des Menschen mit dem Willen Gottes sagt: „Wegen mangelnder Zurückgezogenheit werdet ihr es nicht versäumen, die wahre Vereinigung zu erreichen, die in der Übereinstimmung unseres Willens mit dem Willen Gottes besteht. Und genau das ist die Vereinigung, die ich mir wünsche und die ich in euch allen gern gesehen hätte, und nicht wie so manche wonniglichen Verzückungen, die man Vereinigungen nennt, die es aber nur sein werden, wenn ihnen die genannten vorausgehen. Aber wenn nach solchen Entrückungen der Gehorsam noch gering, der Eigenwille aber groß ist, dann besteht die Vereinigung nicht mit dem Willen Gottes, sondern mit der Eigenliebe.“ (52)

Gehorsam und Nächstenliebe

Mit anderen Worten: Um zur Vereinigung mit Gott zu kommen, bedarf es nicht notwendigerweise einer besonderen Umgebung, wie der Zurückgezogenheit, also eines besonderen sakralen Raumes, noch frommer Anwandlungen und übernatürlicher Vorgänge, also besonderer, das Sakrale fördernder Bedingungen, sondern des „Gehorsams“ und der Nächstenliebe, wobei „Gehorsam“ hier nicht eng, sondern weit, als verantwortete Annahme und Erledigung der Lebensaufgabe zu verstehen ist. (53) Teresas Sicht und Verständnis von oración (innerem Beten) als „innere Aufmerksamkeit auf das Du Gottes bzw. Christi“, wobei Frömmigkeitsübungen und Andachtsübungen nicht im Vordergrund stehen, sondern als „Leben in Beziehung“, sind Voraussetzung für diese Spiritualität. So wird Teresa von Ávila für Edith Stein zur Garantin dafür, dass ein Mensch, der eine verantwortungsbewußte Entscheidung trifft, diese in seiner Seelenmitte trifft, also da, wo Gott wohnt; und vielleicht müssen wir auch hier anfügen: „…ob es ihm klar ist oder nicht.“ (54) Mit einer solchen Sicht des Menschen präsentiert Edith Stein eine weite, universale Spiritualität. Wir können sagen: Wer darum bemüht ist, verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen, lebt aus seiner Seelenmitte, wo sich nach Teresa „die geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele ereignen.“ (55)

Ergibt sich von daher auch ein Ansatz für eine Antwort auf die Säkularisierung, auf das Verschwinden des Sakralen aus unserem Lebensumfeld? Bedenkenswert ist jedenfalls die Tatsache, dass der Gottessohn durch die Kénosis [Entäußerung oder Losschälung; bei Jesus denken wir an den „armen“ Jesus, der auf seine göttlichen Attribute verzichtet; s. auch Phil 2,7] aus dem sakralen Bereich in die „Welt“, das „Saeculum“, gekommen ist und somit die Säkularisierung angestoßen hat. (56)

Teresa als Pädagogin

Ein zweiter charakteristischer Zug Teresas, der in Edith Steins Darstellung ins Auge fällt, ist die pädagogische oder menschenbildnerische Begabung, die sie ihrer heiligen Mutter zuspricht. Ausgangspunkt dafür ist Ediths Überzeugung, dass „einer so liebevollen Seele es nicht genügen konnte, für ihr eigenes Heil Sorge zu tragen und durch eigene Vollkommenheit dem Herrn Freude zu bereiten“ (57), d. h. Edith Stein ist überzeugt, dass Teresas Sorge für ihre Mitmenschen, also der apostolische Geist, eine Frucht ihrer Liebe zu Gott ist, denn „wer liebt, den drängt es, etwas für den Geliebten zu tun“, (58) womit sie eine ähnlich lautende Aussage Teresas aufgreift. (59) Nachdem die ersten Klöster von Schwestern und Brüdern gegründet waren, und „eine weitverzweigte Ordensfamilie zu ihr als ihrer Mutter aufschaute“, „stand ihr“, so stellt Edith Stein fest, „das Erziehungsziel klar vor Augen: es war ein Lebensideal, das sie im Herzen trug, ohne es noch praktisch erprobt zu haben, und ein Persontypus, der diesem Ideal entspricht.“ (60)

Bei der Beschreibung des Persontypus liest Edith Stein aus den Schriften Teresas folgende Eigenschaften heraus:
Gründliche Demut: „Nur wer sich selbst für nichts achtet, wer in sich nichts mehr findet, was wert ist, verteidigt und ‚durchgesetzt’ zu werden, in dem ist Raum für das schrankenlose Walten Gottes.“ Damit projiziert sie allerdings die zu ihrer Zeit vorherrschende Sicht von Demut auf Teresa, die selbst eine andere hatte; für diese ist Demut „Wandel in Wahrheit“, (61) was besagt, dass ein Mensch in der existentiellen Wahrheit seines Lebens verwurzelt ist: Er erkennt an, dass er von Gott geschaffen ist und nicht kraft eigener Leistung, sondern aus Gottes Liebe lebt. Seine menschliche Würde entdeckt er darin, als Geschöpf Gottes zur Freundschaft mit Gott berufen zu sein. Der demütige Mensch begegnet nicht nur Gott, sondern auch seinen Mitmenschen mit einer realistischen Selbsteinschätzung, in der er sich weder überschätzt noch auf ungesunde Weise abwertet.
Weiters unbedingter Gehorsam: „Nur wer seinem eigenen Willen entsagt, ihn einem fremden Willen unterordnet, kann sicher sein, dass er Gottes Willen folgt.“ Diese Sicht von Gehorsam ist von Teresa bis Edith Stein unverändert geblieben, heute sprechen wir von „mündigem oder dialogischem Gehorsam“, was bedeutet, dass die Entscheidungsfindung eine Zusammenarbeit von Oberen und Untergebenen ist.
Schließlich Loslösung von allen Geschöpfen, womit Edith Stein den „Verzicht auf alle natürlichen Genüsse“ meint, den sie sehr richtig begründet: „Wurzel und Krone des Ganzen ist die Gottesliebe“, das heißt die Liebe zu Gott, aus der sich die Liebe zu den Seelen ergibt. Hier gewährt uns Edith Stein wieder einen Blick in ihr Inneres: „Die rückhaltlose Liebe an ihn ist die Quelle jenes inneren Friedens und Glücks, dessen äußerer Widerschein die immer gleichbleibende Heiterkeit, die stille Fröhlichkeit ist. Aus der Liebe zum Heiland, der immer wachsenden Vereinigung mit ihm, ergibt sich die glühende Liebe zu den Seelen: Die zarte schwesterliche Liebe zu den Nächsten in der klösterlichen Familie, der apostolische Eifer für die Sünder und Ungläubigen, das Verlangen, durch Leiden am Erlösungswerk mitzuhelfen.“ (62) Diese Gedanken finden sich auch bei Teresa, doch setzt sie den Akzent etwas anders: Gottesliebe bedeutet bei ihr in erster Linie die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein – trotz all ihrer Erbärmlichkeit („ruindad“) oder gerade wegen dieser –, was ihr dann die Kraft zur Nächstenliebe gibt. (63)

Das Amt der Priorin

Gelegenheiten zur praktischen Erprobung dieses Erziehungsideals gab es im Leben Teresas viele; zwei seien erwähnt: Als Teresa im Oktober 1571 gegen den Willen der Schwestern das Amt der Priorin auferlegt wurde, kam es beim Amtsantritt zu einer offenen Rebellion gegen die neue Priorin. Edith Sein schreibt: „Wie groß war ihr [der Schwestern] Erstaunen, als sie auf das Glockenzeichen hin den Kapitelsaal betraten und auf dem Stuhl der Priorin die Statue Unserer Lieben Frau, der Königin des Karmel, erblickten, in ihren Händen die Schlüssel des Klosters, zu ihren Füßen die neue Priorin. Die Herzen waren überwunden, ehe noch Teresa das Wort ergriff und ihnen in ihrer unwiderstehlich liebenswürdigen Weise auseinanderlegte, wie sie ihr Amt auffasste und führen wollte.

Unter ihrer weisen und maßvollen Leitung, vor allem durch den Einfluss ihres Wesens und Wandelns wurde in kurzer Zeit der Geist des Hauses erneuert.“ (64) Noch deutlicher wird Edith Stein, wenn sie von Teresas Einfluss auf Johannes vom Kreuz spricht: „Es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass die Begegnung mit der Heiligen für Johannes vom Kreuz von entscheidender Bedeutung war, und dass er in ihrer Schule ein anderer wurde, als er vorher war.

Johannes vom Kreuz

Damit soll nicht gesagt werden, dass er ihr seine Heiligkeit verdanke. Unseren Vater Johannes möchte man einen geborenen Heiligen nennen. … Nicht das war es also, wozu ihn die heilige Mutter heranbilden musste. Aber zu einem Vater der Reform gehörte noch etwas anderes. Er war keine geborene Führernatur wie Teresia. Er war ein Einsiedler, der nach einem stillen und verborgenen Leben verlangte. Wenn wir nun sehen, wie er bald nach der Trennung von der heiligen Mutter, von der elenden Hütte in Duruelo aus – der Wiege der Reform – dem Landvolke der Umgebung predigte, wie er etwas später im ersten Noviziat des Ordens zu Pastrana den jungen Nachwuchs nach seinem Bilde formt, im ersten Ordenskolleg zu Alcalá die Studien leitet, im Kloster der Menschwerdung in Ávila als Beichtvater der Nonnen der heiligen Mutter beisteht, um den gesunkenen Geist dieses ihres alten Heimatklosters zu erneuern; wenn wir seine Briefe lesen, in denen er sich als ein erleuchteter und unbeirrter Seelenführer zeigt; wenn wir in seinen mystischen Schriften den großen Kirchenlehrer kennenlernen, dann glauben wir das Meisterwerk zu sehen, das die Hand der heiligen Mutter, vom Heiligen Geist geführt, gebildet hat.

Er selbst mag etwas davon empfunden haben, als er vor seinem Aufbruch nach Duruelo beim Abschied vor ihr niederkniete und um ihren Segen bat.“ (65) Damit hat Edith Stein den Einfluss Teresas auf Johannes vom Kreuz richtig eingeschätzt und auch richtig erkannt, auf was es ihr in erster Linie ankam, und das ist um so erstaunlicher als Johannes vom Kreuz zu diesem Zeitpunkt, also in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, im allgemeinen eher als strenger Asket und Lehrer des „nada“ galt. Teresa resümiert jedenfalls nach einem Jahr: „Mir hat der Geist und die Tugend, die ihm der Herr in so vielen Gelegenheiten gegeben hat, viel Mut gemacht, um zu glauben, dass wir gut begonnen haben. Er ist dem inneren Beten sehr ergeben (66) und hat einen guten Verstand. Möge der Herr ihn weiter voranbringen.“ (67) Um diese Zeit hatte sie ihn noch besser kennengelernt, da sie ihn im August 1568 bei ihrer Gründung in Valladolid einige Wochen bei sich gehabt hat. (68)

Am Schluss ihres Artikels setzt Edith Stein – selbst eine erfahrene und begabte Pädagogin – ihrer „heiligen Mutter“ ein wunderbares Denkmal:

„Die wunderbare Bildungsarbeit unserer heiligen Mutter hat mit ihrem Tode nicht geendet. Ihre Wirkung erstreckt sich über die Grenzen ihres Volkes und ihres Ordens hinaus, ja sie bleibt nicht einmal auf die Kirche beschränkt, sondern greift auch auf Außenstehende über. (69) Die Kraft ihrer Sprache, die Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit ihrer Darstellung schließen die Herzen auf und tragen göttliches Leben hinein.“ (70)

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Fußnoten:

(1) Zum ersten Mal 1934 in der Reihe Kleine Lebensbilder (Nr. 84) des Kanisiuswerkes, Freiburg/Schweiz, erschienen, veröffentlicht in ESW XI, Verborgenes Leben. Hagiographische Essays. Meditationen. Geistliche Texte. Druten-Feiburg, 1987, 40-88.
(2) Erschienen als Beitrag für die Zeitschrift Katholische Frauenbildung im deutschen Volk, 48. Jahrgang, Februar 1935, veröffentlicht in ESW XII, Ganzheitliches Leben. Schriften zur religiösen Bildung. Freiburg, 1990, 164-187, mit zwei Anhängen: Neue Bücher über die hl. Teresia von Jesus und Sämtliche Schriften der heiligen Theresia (188-192). (3) Veröffentlicht in ESW VI, Welt und Person. Beitrag zum christlichen Wahrheitsstreben. Louvain-Freiburg, 1962,39-68.
(4) ESW VI,39.
(5) ESW XI,41.
(6) ESW XI,49.
(7) ESW XI,60. Ähnlich in ihrer Besprechung der neuen deutschen Übersetzung von Teresas Vida (ESW XII,190f.).
(8) Siehe dazu u. a. J. Pérez, Historia de una tragedia. La expulsión de los judios de España. Barcelona, 2001, 19.
(9) Zur Geschichte der konvertierten Juden siehe z. B. A. Domínguez Ortiz, Los Judeoconversos en España y América, Madrid, 1971.
(10) So der Titel eines Buches von Silverio de Santa Teresa, Santa Teresa de Jesús, síntesis suprema de la Raza. Madrid, 1939, 1944 in italienischer (Procura Missioni dei Carmelitani Scalzi, Roma), und 1947 sogar in einer englischen Übersetzung (Sands & Co. Publishers Ltd., London and Glasgow) erschienen, allerdings jeweils mit dem unverfänglichen Titel S. Teresa di Gesù bzw. Saint Teresa of Jesus. So wird es verständlich, daß die ersten Hinweise auf Teresas jüdische Abstammung, die sieben Jahre später auftauchten, also nur vier Jahre nachdem Edith Stein Opfer eines rassistischen Regimes geworden war, lange Zeit auf großen Widerstand stießen und nur sehr zögerlich rezipiert wurden. (N. Alonso Cortés, Pleitos de los Cepeda, in: Boletín de la Real Academía Española 25 (1946) 85-110. Den vollständigen Text dieser Prozesse veröffentlichte T. Egido, El linaje judeoconverso de Santa Teresa. Madrid, 1986).
(11) Siehe dazu M. Fernández Álvarez, Casadas, Monjas, Rameras y Brujas. La olvidada historia de la mujer españolaen el Renacimiento. Madrid, 2002.
(12) M. Vigil, La vida de las mujeres en los siglos XVI y XVII. Madrid, 21994, 105f.
(13) M. Vigil, aaO. 208-215, spricht in diesem Zusammenhang von den Frauenklöstern als „Parkhäusern für Frauen.“
(14) ESW XI,49.
(15) ESW XII,177.
(16) CE 8,2 (CV 5,2). Für die damalige Zeit eine unerhörte Forderung.
(17) CE 7,2 (fehlt bezeichnenderweise in der 2. Fassung); CE 8,6 (CV 5,6).
(18) Siehe dazu z. B. F 31,46: „…die große Gnade, die der Herr den Schwestern erwiesen hat, indem er sie für sich auserwählt und davon befreit hat, einem Mann unterworfen zu sein, der ihnen oft genug das Leben ruiniert und gebe Gott, nicht auch ihre Seele.“ Bezüglich des Vikars, ein vom Bischof oder Provinzial ernannter Stellvertreter mit weitreichenden Vollmachten, siehe auch Brief an J. Gracián vom 19.2.1581.
(19) Die Aufgabe der Beichtväter reduziert sie praktisch auf die Absolutionserteilung (CE 7-8). Siehe auch J. Gracián, der über einen Vorfall im Kloster Sevilla berichtet: „Erzählst du mir nicht, welche Anklagen man bei der Inquisition gegenüber den Schwestern vorbrachte? Daß sie einander beichten, wobei sie sich auf die Anordnung der Mutter stützen, daß sie der Priorin Rechenschaft über ihr geistliches Leben ablegen sollten. Und so geschah es, daß die Inquisitoren kamen, um den Fall zu prüfen und die Mutter Isabel de San Jerónimo fragten, ob denn die Unbeschuhten Schwestern der Priorin ihr Herz eröffneten. Sie antwortete: Ja. Und als sie weiter fragten, ob sie denn manchmal auch ihre Sünden sagten, sagte sie: ‚Ja, mein Herr, aber die Priorin, der wir sie bekennen, erteilt uns keine Absolution’, worüber der Inquisitor herzlich lachte.“ (Peregrinación de Anastasio, hg. von J. L. Astigarraga, Roma, 2001, 244f.).
(20) Siehe Teresas Reaktion darauf in CE 35,2 (CV 21,2).
(21) Das wird sehr schön klar in Teresas konkreter Anweisung für das innere Beten in CE 42,4f: (CV 26,4f.) „Wenn ihr froh seid, dann schaut auf ihn als Auferstandenen, denn allein schon die Vorstellung, wie er aus dem Grab kam, wird euch froh machen … Wenn ihr in Nöten oder traurig seid, betrachtet ihn an der Geißelsäule, schmerzerfüllt, ganz zerfleischt wegen der großen Liebe, die er zu euch hat, von den einen verfolgt, von den anderen angespieen, von wieder anderen verleugnet, ohne Freunde und ohne, daß irgend jemand für ihn einträte, aus Kälte zu Eis erstarrt, großer Einsamkeit ausgesetzt, daß ihr euch wohl gegenseitig trösten könnt. Oder schaut ihn im Garten an, oder am Kreuz, oder damit beladen, wo sie ihn kaum verschnaufen ließen. Er wird euch mit seinen schönen, mitfühlenden, tränenerfüllten Augen anschauen, und auf seine eigenen Schmerzen vergessen, um euch über eure hinwegzutrösten, und nur, weil ihr zu ihm kommt, um ihn zu trösten, und den Kopf wendet, um ihn anzuschauen.“
(22) Siehe z. B. Teresas Rebellion dagegen in V 37.
(23) Siehe z. B. MC 2,26: „Andere gibt es, die für den Herrn alles verlassen und weder Haus noch Hof haben und auch an Bequemlichkeiten keinen Geschmack mehr haben, noch an den Dingen der Welt, sondern bußfertig sind, da ihnen der Herr schon Licht gegeben hat, wie armselig sie sind, doch haben auch sie ein ausgeprägtes Prestigedenken.“ Siehe dazu auch V 21,9; CE 17,4; 18,1.3; CE 63,3 (CV 36,3f.). „Prestigedenken – honra“ ist ihrer Meinung nach schlimmste „Welt“. Siehe z. B. CE 64,1: „Wißt ihr, in den Orden haben sie genauso ihre Prestigegesetze: Sie steigen in Würden auf, wie die Leute in der Welt…“ 58
(24) Auch im Katechismus der Katholischen Kirche ist diese Einteilung zu finden (Nr. 2700 bis 2744).
(25) ESW XI,53.
(26) ESW XI,54.
(27) Siehe etwa CE 37,2ff; 38,2; 40-41 (CV 22,2.8; 24-25)
(28) ESW XI,50.
(29) So berichtet eine der ehemaligen Mitschwestern Edith Steins in Echt in einem 1976 von der damaligen Präsidentin der Föderation der niederländischen Karmelitinnenklöster, Sr. Ancilla Heggen, geführten unveröffentlichten Interview: „An Sonn- und Feiertagen kniete sie oft stundenlang vor dem Tabernakel. An Einkehrtagen konnte man sie den ganzen Tag im Chor finden, am liebsten beim Allerheiligsten.“ (Edith-Stein-Archiv, Karmelitinnenkloster Köln [EI,13, S.7]).
(30) ESW XI,51f.
(31) ESW XI,52f.
(32) ESW XII,171.
(33) ESW XII,176.
(34) ESW XII,180.
(35) A. U. Müller – M. A. Neyer, Edith Stein, 163-165.
(36) Sie schreibt fünf Wochen nach ihrem Eintritt: „Ich bin jetzt an dem Ort, an den ich längst gehörte. Und es liegt mir sehr fern, denen einen Vorwurf zu machen, die mir den Weg freigemacht haben – wenn das auch nicht in ihrer Absicht lag.“ (Brief vom 20.11.1933 an H. Brunnengräber [ESGA 3, Brief 296] u. a. aus dieser Zeit).
(37) Damit meint sie all die Äußerlichkeiten, die sog. Ordensobservanz, die damals weitgehend das Klosterleben bestimmten: „…ich habe das Gefühl, daß das eigentliche Noviziat erst vor kurzem begonnen hat, seitdem das Eingewöhnen in die äußeren Verhältnisse – Zeremonien, Bräuche u. dergl. – nicht mehr so viel Kraft verbraucht.“ (Brief vom 15.12.1934 an H. Conrad-Martius [ESGA 3, Brief 353]). Siehe dazu auch M. A. Neyer, Teresia Renata Posselt ocd., 470.
(38) ESGA 1,331f.
(39) ESW VI,61.
(40) 1M 1,7.
(41) ESW VI,62.
(42) ESW VI,42.
(43) ESW VI,62.
(44) „Eine Möglichkeit des Zugangs ins Innere ergibt sich aus dem Verkehr mit anderen Menschen“ (ESW VI,62). „Ein anderer Antrieb zur Hinwendung auf das eigene Selbst ergibt sich erfahrungsgemäß rein durch das Erstarken des Eigenwesens in der Zeit des Reifens vom Kinde zum Jugendlichen“ (ESW VI,63). „Und denken wir schließlich an die wissenschaftliche Erforschung der inneren Welt“ (ESW VI,63).
(45) Hier spricht Edith Stein von der Psychologie der letzten drei Jahrhunderte und erwähnt als Hauptströmung den englischen Empirismus, der „nicht nur alles Bleibende und Dauernde, die Wirklichkeitsgrundlage der wechselnden Erscheinungen, d. h. des fließenden Lebens, geleugnet, sondern aus dem Fluß des seelischen Lebens selbst Geist, Sinn und Leben ausgeschaltet [hat]. Was heißt das anderes als daß man von der Seelenburg nur die Ringmauern stehen ließ, und auch von ihnen nur die Trümmer, die von der ursprünglichen Gestalt kaum noch etwas verrieten, da ja ein Leib ohne Seele kein wahrer Leib mehr ist.“ (ESW VI,64).
(46) ESW VI,64.
(47) Sie spricht von Dilthey, der gut vertraut war mit den Problemen der protestantischen Theologie, von Brentano, einem katholischen Priester und von Husserl, der stark mit der philosophia perennis verbunden war.
(48) ESW VI,62-65.
(49) Mündlich überlieferte Aussage. Abgedruckt in Kölner Selig- und Heiligsprechungsprozeß der Dienerin Gottes Sr. Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein), Professe und Chorschwester des Ordens der Allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel. Köln, 1962, 70.84.
(50) Siehe Brief vom 23.3.1938 an A. Jägerschmid (ESGA 3, Brief 542).
(51) ESW VI,67.
(52) F 5,13.
(53) Siehe dazu Teresas Ausführungen in F 5,6-8.
(54) Siehe Brief vom 23.3.1938 an A. Jägerschmid (ESGA 3, Brief 542).
(55) 1M 1,3.
(56) Siehe dazu G. Vattimo, Glauben – Philosophieren. Stuttgart, 1997, bes. 32-39.
(57) ESW XI,70.
(58) ESW XI,69. Ähnlich auch in ESW XII,169: „Nun drängte sie die Liebe, etwas für Gott und sein Reich zu tun.“ Diese Motivation gilt es zu unterstreichen, damit klar wird, daß Teresa nicht einfach als eine der „Hauptfiguren der Gegenreformation“, also aus der Reaktion heraus, gehandelt hat, wie man immer wieder lesen kann.
(59) Siehe CE 69,3 (CV 40,3). Auf den Zusammenhang zwischen Gottes- und Nächstenliebe hat Teresa mehrfach hingewiesen, ganz eindrücklich in 5M 3,8.11.
(60) ESW XII,171.
(61) 6M 10,8
(62) ESW XII,175.
(63) Siehe z. B. ihre Kurzformel: „Amor saca amor – Liebe bringt Liebe hervor“ (V 22,14), sowie „Werke möchte der Herr“ (5M 3,11), und: „Dazu ist das Gebet da, meine Töchter, dazu dient diese geistliche Vermählung, daß ihr immerfort Werke entsprießen, Werke“ (7M 4,6), und viele andere Stellen. Siehe Teresa von Ávila, Das Buch meines Lebens, Freiburg 2001, Anm. zu V 22,14.
(64) ESW XI,83
(65) ESW XII,185.
(66) Eine Bestätigung dessen, was oben über die Wichtigkeit des inneren Beten gesagt wurde; darauf kam es ihr an.95 6M 10,8.
(67) Brief von September 1568 an Francisco de Salcedo (Postskriptum).
(68) Dabei hatte sie ihn „über unsere gesamte Vorgehensweise“ informiert, „damit er alles gut verstünde, wie das mit der Einübung ins Absterben, dem geschwisterlichen Umgang und der Rekreation ist, die wir gemeinsam haben, was alles mit großer Mäßigung geschieht…“ (F 13,5).
(69) Dabei denkt sie vielleicht an sich, denn sie war ja noch Außenstehende, als Teresa nach ihr „griff.“
(70) ESW XII,187

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Quelle: Teresianischer Karmel in Deutschland

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