Teil 2 – Gebetsformen

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Teil 2 – Verschiedene Gebetsformen

Es braucht Geduld und Zeit, um voranzuschreiten. Das innere Beten sollen wir nie aufgeben, da es der der Weg ist, auf dem Gott uns zum Ziel des Lebens führen und uns reich mit seiner Liebe beschenken will. Die Treue und Beharrlichkeit in der Übung des Gebets ist entscheidend, um nicht vom Weg abzukommen.

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„Du mein Herr, wie bist du doch der wahre Freund, und wie bist du mächtig! Wenn du willst, vermagst du es auch, und du hörst niemals auf, Liebe zu zeigen, sofern man dich nur liebt! Alles möge dich preisen, Herr der Welt! Wer könnte das laut genug herausschreien, um zu verkünden, wie treu du zu deinen Freunden stehst! Du mein Herr, wie zärtlich, sanft und köstlich verstehst du es, mit ihnen umzugehen!“ (Vida 25,17)

Ausgehend von dieser alles begründenden Beziehung des Menschen zu Gott erhalten auch alle anderen traditionellen Formen des Gebetes wie Stundengebet, Lobpreis, Anbetung, Bitte, Fürbitte, Stoßgebete ihren Stellenwert. Dabei distanziert sich Teresa deutlich von Fehlformen des Gebetes, in denen Gott zur Befriedigung der eigenen egoistischen Motive angerufen und damit im Grunde missbraucht wird. “ Ich muss lachen (…) und bin gleichzeitig schmerzlich berührt wegen der Dinge, die man hier unserem Gebet empfiehlt: Wir sollen Gott um Geld und alle möglichen materiellen Dinge bitten (…) Ich bin allerdings fest überzeugt, dass Gott mich in solchen Dingen nie erhört (…) ich würde mich freuen, wenn man verstünde, dass man Gott nicht mit dieser Inständigkeit um solche Dinge bitten soll!“ (Camino 1,5)

Mündliches Gebet, Betrachtung und Beschauung

Teresa führt uns im weiteren durch die klassische Einteilung des Gebetes in oratio (mündliches Gebet), meditatio (Betrachtung) und contemplatio (Beschauung), die auf die Lektüre der Kirchenväter zurückgeht. In ihrer Gebetslehre geht sie nur an wenigen Stellen auf das mündliche und liturgische Gebet ein, sondern möchte uns vor allem das innere Gebet erschließen, die sogenannte oratio mentalis.

Das innere Gebet als tiefe, liebende Begegnung

Der lateinische Begriff oratio mentalis lässt sich nur dann in Teresas Sinn begreifen, wenn wir mens so verstehen, dass damit die drei Seelenvermögen Verstand, Wille und Gedächtnis umfasst werden: Wie oben angesprochen entwickeln wir aus genau diesen seelischen Fähigkeiten unseren Glauben, unsere Liebe, und unsere Hoffnung.

Die Bezeichnung oratio mentalis im Sinne des inneren Gebetes meint daher eine Gebetsweise, die alle deine Seelenvermögen einschließt und dabei von deinem tiefsten Inneren ausgeht: Dieses „seelische“ Gebet kann einem mündlichen Gebet vorangehen, oder das eigentliche Gebet im Rahmen einer Meditation sein.

Dabei versteht Teresa unter diesem inneren Gebet nicht nur das wortlose, stille Gebet, das die Betrachtung (meditatio) umfasst, sondern vielmehr das innere Bewusstsein, die wache und liebende Aufmerksamkeit, mit der wir uns Gott zuwenden und die das Gebet erst zu einem wahrhaften Gebet, zu einer Begegnung mit Gott, werden lässt.

„Wollt ihr jedoch mit Gott sprechen, wie es sich für einen so großen Schöpfer geziemt, müsst ihr wohl bedenken, zu wem ihr redet und wer ihr seid. (…) Ja, wenn ihr vor ihn hintretet, so bedenkt und begreift, mit wem ihr nun sprechen wollt! Erwägt und erkennt, vor wem ihr steht!“ (Camino 25,1)

Das Herz für Gott öffnen!

Mit diesem Ansatz in ihrer Gebetslehre überwindet Teresa die scheinbar große Differenz zwischen mündlichem und innerem Gebet, die in ihrer Zeit propagiert wurde. Ihr ist wichtig, dass jede Gebetsform das Herz für Gott öffnen und seiner Gegenwart und seiner Gnadenwirkung im Menschen Raum geben soll. „Während ihr das Vaterunser oder ein anderes mündliches Gebet sprecht, ist es durchaus möglich, dass der Herr euch in vollkommene Beschauung (contemplatio) versetzt.“ (Camino 25,1) Indem Teresa die Notwendigkeit des mündlichen, liturgischen und inneren Gebets gleichermaßen hervorhebt, beugt sie Verunsicherungen vor, und stellt darüber hinaus Unterscheidungskriterien auf, an denen sich jedes Gebet als „echt“ zu erweisen hat.

Wann ist ein Gebet authentisch und wahr?

Betrachtung oder meditatio nenne ich ein langes Nachsinnen mit dem Verstand, das folgendermaßen vor sich geht: Wir beginnen an die Gnade zu denken, die uns Gott erwies, indem er uns seinen einzigen Sohn gab, und bleiben dabei nicht stehen, sondern gehen weiter zu den Geheimnissen seines ganzen glorreichen Lebens; oder wir beginnen beim Gebet am Ölberg, und der Verstand hält nicht inne, bis er ans Kreuz gelangt ist; oder wir wählen einen Ausschnitt der Leidensgeschichte, etwa die Gefangennahme, und dringen in dieses Geheimnis ein, indem wir genau die einzelnen Erscheinungen betrachten, die es da zu bedenken oder zu empfinden gibt.“ (VI. Wohnung 7,10)
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Diese mit dem Verstand vollzogene Schriftbetrachtung ist von der Beschauung oder contemplatio zu unterscheiden, die dem Menschen intuitiv als rein unverdientes Gnadengeschenk zuteil wird. Die Initiative bei den übernatürlichen Gebetsformen der Beschauung geht allein von Gott aus, und ist durch keinerlei Gebetstechniken „produzierbar“. Gott wirkt dabei unmittelbar auf den Menschen ein und lässt ihn seine Gegenwart als eingegossenes Licht oder eingegossene Weisheit erfahren. (Camino 6,9) Die Gnade der Beschauung wird Menschen zuteil, die durch ein gottgefälliges Leben darauf vorbereitet sind. Aber Gott bedient sich dieses außerordentlichen Weges auch, um Menschen zur Umkehr zu bewegen!

„Sagt man einem Wanderer, er sei vom Weg abgekommen und habe sich verirrt, treibt man ihn dadurch hin und her, und durch das lange Suchen nach dem richtigen Weg ermüdet er, verliert Zeit und gelangt erst später zum Ziel. Wer könnte es wohl als schlecht empfinden, wenn man sich zu Beginn des Stundengebets oder des Rosenkranzes erst darauf besinnt, mit wem man nun spricht und wer man selbst ist, um zu wissen, wie man ihm begegnen muss? (…) Wenn ihr alle Nötige tut, um diese beiden Punkte in aller Tiefe zu erfassen, habt ihr schon vor Beginn des mündlichen Gebets lange Zeit in innerem Gebet verbracht!“ (Camino 22,3)

Soweit haben wir verschiedene Arten des Betens betrachtet und uns die Frage gestellt, wie das innere Gebet, die Betrachtung oder die Gnade der Beschauung zu unterscheiden sind. Dabei haben wir sachliche, theoretische Beurteilungen kennengelernt. Beim Beten selbst sind wir – vor allem als Anfänger – von vielen Faktoren abgelenkt und gestört: Diese Fragen aus der Praxis des Betens sind Thema des nächsten Abschnitts!

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Fortsetzung siehe >>> Teil 3

5 Gedanken zu “Teil 2 – Gebetsformen

    1. Lieber Thomas – eine konkrete Frage sehe ich zwar nicht, aber vielleicht sind zwei Hinweise gut:
      Unser tägliches Brot… in dieser scheinbar so einfachen Bitte wird zweierlei angesprochen:

      1. Das tägliche Brot **zum Leben**: Wir erbitten für unseren Alltag soviel, dass wir leben können, nicht mehr und nicht weniger. Teresa spricht im nächsten Kapitel vom ‚Alltag des Betens‘, also davon, dass wir auch Gott für jeden erbitten.

      2. Das (tägliche) **Brot des Lebens**: Durch und mit und in Jesus Christus bitten wir aber auch darum, sein Brot des Lebens und sein Blut der Vergebung zu uns nehmen zu dürfen – in Form der Eucharistie…

      …Gott sei mir dir!

  1. Wer Theresia von Avila verstehen will, muss die Bereitschaft in sich tragen das Gott in seinem Leben Alles in Allem wird. Ich muss Gott als einen Liebenden erfahren haben, um bereit zu sein durch die Dunkelheit meines Nichts zu sterben, damit alles in mir Christus wird.

    1. Hallo Marina,
      Meinungen sind frei, und so soll jeder dazu denken und schreiben, was er/sie will.

      Vergessen sollte dabei nicht werden, dass Teresa von Avila eine der ganz großen Persönlichkeiten des katholischen Glaubens ist, die vielen Menschen – einschließlich mir – auch noch 5 Jahrhunderte später viel zu sagen hat.

      Beim ersten Mal Durchlesen trifft einen natürlich die doch ungewohnte Sprache… doch inhaltlich ist das einfach auf den Punkt, was diese auch unglaublich praktische Frau (sie hat immerhin 5 Klöster gegründet!) so von sich gibt:

      “Ich muss lachen (…) und bin gleichzeitig schmerzlich berührt wegen der Dinge, die man hier unserem Gebet empfiehlt: Wir sollen Gott um Geld und alle möglichen materiellen Dinge bitten (…) ich würde mich freuen, wenn man verstünde, dass man Gott nicht mit dieser Inständigkeit um solche Dinge bitten soll!“

      Was ist daran peinlich? Das ist so sehr aus der Praxis – oder kennst Du niemanden, der nicht gerne für Gesundheit, Wohlergehen und persönliches Glück betet???
      Wer erzählt uns denn heute in so unverblümter Sprache, dass solche „wie bleibe ich gesund und werde glücklich“-Gebete herzlich wenig mit Beten zu tun haben???

      Noch ein Zitat aus diesem 2. Teil:

      „Wer könnte es wohl als schlecht empfinden, wenn man sich zu Beginn des Stundengebets oder des Rosenkranzes erst darauf besinnt, mit wem man nun spricht und wer man selbst ist, um zu wissen, wie man IHM begegnen muss?“

      Auch das ist einfach auf den Punkt getroffen. Sind wir uns heute bewusst, wie klein und armselig wir eigentlich sind – und wie strahlend die Größe und Liebe Gottes sind? Der Respekt vor Gott, so ist meine Erfahrung, kommt oft zu kurz, auch aus persönlicher Erfahrung weiß ich davon zu berichten…

      Teresa ist nicht peinlich, sondern (sprachlich) ungewohnt, eine tolle Frau, die unserer Zeit viel zu sagen hat.
      So sieht also meine Meinung aus.

      Im dritten Teil der Serie geht’s übrigens um die Praxis des Betens…
      lg
      Stefan

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