Teil 6 – Nachfolge Jesu

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Teil 6 – Einübung in die Nachfolge Jesu

Teresa von Avila versteht das Gebet als Ausdruck der Gottes- und Nächstenliebe, zugleich aber verweist die Heilige mit Nachdruck auf die Voraussetzungen in der persönlichen Lebensgestaltung des einzelnen. Wer Gott wahrhaft liebe, suche seine Nähe auf, wolle sich nicht von ihm trennen, sondern werde jede Gelegenheit ergreifen, dem dreieinigen Gott eine Freude zu bereiten.

„Denn wenn sie (die Seele) soviel mit ihm zusammen ist, wie sie es sein soll, so denkt sie wohl wenig an sich selbst. Ihr ganzes Sinnen richtet sich darauf, wie sie ihn noch mehr erfreuen kann […] Die Zurückgezogenheit allein ist wenig, verglichen mit dem sehr viel größeren Gewinn, den man erlangt, wenn die Werke mit den Worten und Gebärden der Liebe übereinstimmen. Und wer nicht alles auf einmal tun kann, der möge langsam eins nach dem andern vollbringen“ (VII Moradas 4,9).

Doch wie vermag der Mensch, Gott zu erfreuen und seiner Liebe Ausdruck zu verleihen? Teresas Antwort ist christozentrisch und an der Heiligen Schrift ausgerichtet: Man bemühe sich, Christus immer ähnlicher zu werden und sich von seiner Liebe umformen zu lassen. Christus ähnlich werden kann man nur, wenn man mit ihm in einen lebendigen Dialog eintritt, sich seine Gesinnung zu eigen macht und sich darum bemüht, den eigenen Willen dem seinen anzugleichen.

„Wer sich dem Gebet zu widmen beginnt – vergesst das nie, denn es ist sehr wichtig -, der muss allein danach streben, sich mit allem Fleiß und Eifer, mit aller Entschlossenheit, deren er fähig ist, darauf einzustellen, dass sein eigener Wille mit dem Willen Gottes übereinstimme“ (II Moradas 1,8).

Dies ist ein lebenslanger Prozess: „Fangen wir an, vom Guten zum Besseren“ (Fundaciones 28,32). Die Einübung der Gesinnung Jesu im eigenen Leben ist die freie Antwort des Menschen auf den Ruf Gottes. Sie wird vollzogen, in dem man sein Leben ganz konkret am Verhalten Jesu Christi orientiert und die Botschaft des Evangeliums als persönliche Weisung für das eigene Leben annimmt und zu leben versucht.

„Richtet eure Augen auf den Gekreuzigten, und alles wird euch leicht werden. Wenn der Herr uns seine Liebe erwiesen hat in solch ungeheuren Werken und Qualen – wie wollt ihr ihn da allein mit Worten zufriedenstellen? Wisst ihr, was es heißt, wahrhaft geistlich zu leben? […] Allein mit Gebet und Beschauung könnt ihr euer Fundament nicht legen. Wenn ihr nicht nach Tugenden trachtet und euch nicht tätig darin übt, werdet ihr immer Zwerge bleiben“ (VII Moradas 4,9).

Um im Gebetsleben Fortschritte zu machen, müsse man sich vor allem um die Aneignung von drei Tugenden bemühen: Liebe, Losschälung und Demut (vgl Camino 4,4). Wie konkret Teresa von Avila in ihren Anweisungen ist, lässt sich anhand folgender Auszüge ermessen:

„Meiner Meinung nach wird der König der Herrlichkeit nicht in unsere Seele kommen […], wenn wir uns nicht bemühen, in den großen Tugenden zu erstarken“ (Camino 16,6). Ich möchte, meine Schwestern, dass wir uns in diesen großen Tugenden gut einüben und auf diese Weise Buße tun“ (Camino 15,3). „Bemüht euch, zu allen Menschen, die mit euch zu tun haben, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein, so dass sie gerne mit euch sprechen und so leben und handeln wollen wir ihr, ohne von der Tugend abgeschreckt und eingeschüchtert zu werden […] Lasst nicht zu, dass sich Seele und Leib verkrampfen, denn dadurch können viele Güter verloren gehen! Eure Absicht sei redlich und euer Wille, wie gesagt, entschlossen, Gott nicht zu beleidigen (Camino 4,17f.)!

Die Tugend der DEMUT

Um anschaulich zu machen, wie viel von der Nachfolge Christi abhängt, gebraucht Teresa von Avila im Camino das Gleichnis vom Schachspiel. Auf diese Weise möchte sie ihre Schwestern zur Erkenntnis des rechten Verhaltens befähigen und ihnen helfen, ihr geistliches Leben auf einem festen Fundament zu errichten (vgl. Camino 5,2ff).
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Will einer Schachspielen lernen, muss er verstehen, zunächst die Figuren zum Spiel richtig aufzustellen, und muss die Funktionen der einzelnen Figuren kennen. Erst dann vermag er zu spielen und zu gewinnen. Das Schachspiel ist ein Bild für das Gebet, in dem Gott selbst der Partner ist. Erst wenn der Beter gelernt habe, die Tugenden (die Figuren) zu üben, sei er in der Lage, Gott zu „bezwingen“.

„Es gibt keine „Dame“, die den göttlichen König so sehr bezwingt, wie die Demut. Diese zog ihn vom Himmel herab in den Schoß der Jungfrau; und durch eben diese Demut werden wir ihn wie mit einem Haar in unsere Seele ziehen. Glaubt mir, je demütiger ihr seid, um so mehr werdet ihr ihn besitzen, und je weniger ihr es seid, um so weniger werdet ihr ihn besitzen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es Demut ohne Liebe oder Liebe ohne Demut gibt oder geben kann. Ebenso unmöglich können diese beiden Tugenden ohne große Losschälung von allem Geschaffenen bestehen“ (Camino 16,6).

Trotz der gegenseitigen Verwiesenheit dieser Tugenden kommt nach Ansicht der Heiligen der Demut die größte Bedeutung zu. Unter dieser christlichen Grundhaltung versteht Teresa das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit und Bedürftigkeit sowie das ehrliche Wissen, als Geschöpf Gottes alles von ihm empfangen zu haben.
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Wenn wir diesen Gedanken der großen Heiligen bildlich ein wenig weiter entwickeln, dann lässt sich ein wunderbarer, unendlich großer See denken, in dem unsere Seelen – als Gedanken Gottes – entstehen, die uns noch im Mutterleib eingehaucht werden; „Hat nicht mein Schöpfer auch ihn im Mutterleib geschaffen, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß gebildet? (Hi 31,15)“. So werden wir von unserem Schöpfer „beseelt“ und nach einem kurzen Verweilen auf der Erde, also nach dem Tod, kommen unsere Seelen wieder in diesem unermesslichen See zum ewigen Frieden und Lobpreis im Angesicht Gottes. Jetzt müssen wir noch verstehen, dass wir ohne Seele nichts sind – wir wären nur „seelenlose“ Wesen – und dass dieses unergründliche Gewässer niemand Geringeren als Gott darstellt. „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser“ (Ps 63). Jetzt kann der große Schöpfungsbogen vor unseren Augen erscheinen – wie wir von Gott kommen und schließlich zu Gott zurückkehren! Vielleicht hätte Teresa diese Vorstellung gefallen, wenn wir daran denken, wie sehr die Heilige das Element Wasser als Metapher für Fragen des geistlichen Lebens verwendet hat.

„Auch wenn wir alles tun, was an uns liegt, was können wir dem Herrn vergelten – wir, die wir nichts zu geben haben, wenn wir es nicht empfangen hätten? Wir können nur eines: uns selbst erkennen und vollkommen tun, was in unserer Macht steht, nämlich ihm unseren Willen schenken“ (Camino 32,13). „Einen einzigen Tag demütiger Selbsterkenntnis – auch wenn er uns viele Tränen und Mühe gekostet hat – halte ich für eine größere Gnade des Herrn als viele Tage, die wir im Gebet verbracht haben“ (Fundaciones 5,16).

Gott und sich selbst gegenüber wahrhaftig zu sein und nicht vor der Wahrheit davonzulaufen, ist nach Ansicht der Heiligen nichts anderes als Demut. Darum sollten wir uns immer bemühen, die Wahrheit zu erkennen, „weil Gott die höchste Wahrheit, die Demut aber nichts anderes ist, als in der Wahrheit zu wandeln“ (vgl. VI Moradas 10,7 u. Vida 40,3). Die Selbsterkenntnis und Erfahrung der eigenen Begrenztheit mache dem Menschen seine Abhängigkeit von Gott neu bewusst, aber hinterlasse in ihm auch eine tiefe innere Freude und Dankbarkeit darüber, alles von Gott erwarten zu dürfen.
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So ermutigt Teresa alle, sich die Gesinnung Jesu zu eigen zu machen, von ihm zu lernen und das geistliche Leben auf dem festen Fundament der Demut zu errichten. So „müsst ihr also danach streben, die Geringste von allen zu sein und die Sklavin aller, und müsst schauen, wie und durch was ihr den anderen Freude machen und ihnen dienen könnt (VII Moradas 4,9). Vor allem die Betrachtung der Demut Jesu Christi lässt uns erfahren, wie weit wir davon entfernt sind, demütig zu sein.“ Daher dürfe das Streben nach dieser Tugend niemals aufhören, wolle man auch im Gebet Fortschritte machen: „Solange wir uns auf dieser Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger wäre als die Demut“ (I Moradas 2,11).

Die Tugend der LOSSCHÄLUNG

In seinem Bemühen um Selbsterkenntnis zeige sich dem Menschen, wo er Schwachpunkte, Ängste und Bindungen habe, die einem vertrauensvollen Umgang mit Gott entgegenstehen: Diese Hindernisse können uns gleichsam so besetzen, dass uns die innere Freiheit fehlt, um Gottes Ruf zu entsprechen. Wenn man sich der eigenen falschen Abhängigkeiten, Gewohnheiten und Anhänglichkeiten bewusst wird, müsse man sich um die Wiedererlangung der Freiheit des Geistes bemühen.

Darin sieht Teresa die Aufgabe der Losschälung – ein Wort, dessen Bedeutung nicht mehr ohne weiteres verstanden wird. Gemeint ist mit diesem Begriff aus dem asketischen Sprachgebrauch „Befreiung“. Alles soll überwunden, los-geschält werden, was das Wesen des Menschen verdeckt. Teresa kennt zwei Arten der Befreiung; die äußere Losschälung besteht (für Teresa und ihre Schwestern) in der gewählten Armut und Einfachheit des Lebens, die die Bereitschaft zum Verzicht auf Wohlstand und Luxus bedeutet, hin zu einem Leben in Verborgenheit und Einsamkeit, als frei gewählte Selbstbeschränkung um eines höheren Gutes willen.
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Wichtiger noch als die Befreiung von äußeren Verpflichtungen ist die Loslösung vom eigenen Ich, die durch Selbstverleugnung eingeübt werden soll, eine auch in Teresas Augen anspruchsvolle geistliche Übung. Doch weil sie die Hingabefähigkeit des Menschen an Gott vorbereite, sei sie für jedes tiefere geistliche Leben unverzichtbar (vgl. Camino 10,2). Hiermit ist nicht gemeint, dass alles vom Menschen Geschaffene keinen Wert in sich besitze, sondern dass wir erst das richtige Verhältnis dazu gewinnen müssen. Gleiches gilt auch für menschliche Beziehungen und Abhängigkeiten.

„Die Losschälung hängt nämlich nicht von der leiblichen Trennung ab, sondern davon, dass die Seele entschlossen den guten Jesus, unseren Herrn, umfasst; denn da sie in ihm alles findet, vergisst sie alles“ (Camino 9,5) Diese geistliche Übung führe zur ungeteilten Hingabe an Gott: „Ein gutes Mittel, ständig daran zu denken, ist, das alles Eitelkeit ist und wie schnell alles vergeht! Auf diese Weise wenden wir unsere Zuneigung von den wertlosen Dingen ab und richten sie auf Unvergängliches […] dadurch wird die Seele gestärkt. Verwenden wir große Sorgfalt auf die ganz kleinen Dinge! Versuchen wir, sobald wir an etwas hängen, die Gedanken davon abzuwenden und Gott zuzuwenden“ (Camino 10,2).

Demut und Losschälung sind demnach für Teresa grundlegende Haltungen, die den Menschen von sich selbst befreien und ihn befähigen, Gott wahrhaftig zu lieben. Wie bedeutsam diese Übungen in Teresas Augen sind, dürfen wir dem folgenden Temperamentsausbruch entnehmen.

„O herrliche Tugenden, Herrinnen über alles Geschaffene, Herrscherinnen der Welt, Befreierinnen von allen Fallstricken und Intrigen des Teufels, so sehr Geliebte unseres Lehrmeisters Christus, der nie auch nur einen Augenblick ohne sie war! Wer diese Tugenden besitzt, kann getrost hinausgehen und gegen die gesamte Hölle und gegen die ganze Welt und ihre Versuchungen antreten. […] Niemand braucht er zu fürchten… Er fürchtet nur, seinem Gott zu missfallen, und fleht ihn an, ihn in diesen beiden Tugenden zu festigen…“ (Camino 10,3).

Die Tugend der NÄCHSTENLIEBE

Die innere Freiheit und rechte Selbsterkenntnis sind nach Teresa nicht nur eine wichtige Voraussetzung für die Gottes-, sondern auch für die Nächstenliebe, die eine Frucht der Begegnung mit Gott im Gebet ist. Die Heilige unterscheidet im Camino zwei Formen von Liebe oder Agape, die sinnlich-geistige und die rein geistige Liebe. „Die eine ist geistig – denn nichts scheint die Sinnlichkeit oder das Zartgefühl unserer Natur so zu erregen, dass sie ihre Reinheit verlieren könnte; die andere ist ebenfalls geistig, aber in sie mischt sich unsere Sinnlichkeit und Schwäche“ (Camino 4,12).

Im Zusammenhang mit der Gebetslehre erläutert Teresa nur die rein geistige Liebe, denn die Erkenntnis ihres Wesens ist eine große Hilfe zur Unterscheidung der Geister. „Hat Gott einen Menschen zur klaren Erkenntnis darüber geführt, was die Welt und ihr Wesen ist, dass es noch eine andere Welt gibt und welcher Unterschied zwischen beiden besteht, dass die eine ewig und die andere nur ein Traum ist; hat er ihn erkennen lassen, was es heißt, seine Liebe dem Schöpfer zu schenken oder [andererseits] das Geschöpf zu lieben. – Ein solcher Mensch liebt völlig anders als wir, die wir noch nicht so weit gelangt sind“ (Camino 6,3).
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„Seht, es ist ein herrlicher Tausch, unsere Liebe für die Liebe Gottes zu geben! Bedenkt, dass er alles kann, wir jedoch hier auf Erden nur das vermögen, wozu er uns fähig macht. Was tun wir also für dich, o Herr, unser Schöpfer? Es ist soviel wie nichts“ (Camino 16,10).

Diese Liebe kann im Menschen erst aus der Vereinigung des menschlichen mit dem göttlichen Willen entspringen. Da der Mensch aus sich heraus nicht lieben kann, sondern nur durchlässig werden muss für die Liebe Gottes, ist sie ein unverdientes Geschenk, reine Gnade. Allerdings kann sich der Mensch für den Empfang dieser Gnade vorbereiten! Teresa nennt hierfür ganz konkrete Mittel:

(1) Man möge nicht über das Verhalten anderer urteilen, sondern sich an die eigene Schwäche erinnern;

(2) man habe Mitleid mit den anderen, die angefochten werden;

(3) man bemühe sich, die Fehler der anderen in Geduld zu ertragen, und ihnen durch die Übung der Tugend, die ihrem Fehler entgegengesetzt ist, durch die Tat zu begegnen;

(4) auch könne man alles nachahmen, was man an den anderen an Tugenden erkenne;

(5) allerdings mühe man sich, den eigenen Vorteil zurückzustellen;

(6) und anderen Lasten abzunehmen;

(7) und vor allem zu wachen und zu beten (vgl. Camino 7,5-9).

Menschen, die Gott zu dieser Liebe geführt hat, ist es gleichgültig, ob man sie mag oder nicht. „Es wird euch vorkommen, als liebten solche Menschen niemanden und könnten auch niemand lieben außer Gott. O doch, sie lieben, und zwar viel inniger: ihre Liebe ist aufrichtiger, leidenschaftlicher und nutzbringender; kurz, es ist die wahre Liebe. Solche Menschen sind stets dazu geneigt, weit mehr zu geben als zu empfangen; sogar dem Schöpfer gegenüber verhalten sie sich so. Eine solche Liebe ist, wie ich meine, des Namens Liebe wert“ (Camino 6,7).

Nachdem in den vorliegenden Teilen 1 bis 6 der Nährboden aufbereitet wurde, können wir zum eigentlichen Thema übergehen, den Grundlagen der Gebetslehre der Heiligen Teresa von Avila.

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Fortsetzung siehe >>>Teil 7

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