Teil 7 – Die Gebetslehre

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Die Gebetslehre der Vida

Teresa von Avila hat uns aus ganz verschiedenen Lebensphasen vier Werke hinterlassen, die wertvolle Hinweise für unsere Beziehung zu Gott geben. Um 1566/67 verfasste die Heilige den Camino als eine Unterweisungsschrift für Anfänger im geistlichen Leben. Hier wird der Zusammenhang zwischen mündlichem Gebet, innerem Gebet und Beschauung anhand eines Vaterunser-Kommentars besprochen. Einen ganz anderen Charakter trägt die Relation fünf, die zehn Jahre später in Sevilla entstand. Dieser für die Inquisitoren abgefasste Bericht über das Gebet enthält eine sehr knappe und zugleich präzise Umschreibung der verschiedenen Gebetsweisen, vor allem aber der mystischen Phänomene.

Aber unser Augenmerk soll sich auf die beiden bedeutenden Gebetstraktate richten, die auch die Entwicklung von Teresas Gebetserfahrung und Lehrmeinung veranschaulichen. Zum einen der älteste, 1565 abgefassten Text über das Gebet, die Kapitel 11 bis 21 der Vida und schließlich das reifste Werk der Heiligen, Die innere Burg, das 1577 fertiggestellt wurde.

In beiden Werken legen die von Teresa in bildhafter Sprache verfassten Abschnitte es vordergründig nahe, an eine chronologische Entwicklung von einer Gebetsweise zur nächsten zu denken. Aber dies ist ein Trugschluss, denn wenn Teresa von Stufen des Gebets spricht, möchte sie in der Beschreibung der einzelnen Gebetsstufen ein mögliches Wachstum in der Beziehung des Menschen zu Gott ausdrücken: Das Gebet steht in Wechselbeziehung zum Leben des Beters.

Teresa unterscheidet ganz allgemein zwischen „Stufen“ des Gebets, die vom menschlichen Bemühen abhängen (oratio ascetica), und höheren Stufen, die allein durch Gottes liebendes Wirken hervorgerufen werden (oratio infusa). Der Übergang erfolgt nicht kontinuierlich, sondern es obliegt dem Gnadenwirken Gottes und der menschlichen Mitwirkung, wie und auf welche Weise Gott an jedem einzelnen handelt.

„Die Seele wächst in diesem Leben, in dem wir stehen, nicht so wie der Leib, auch wenn wir sagen, dass sie das tut […] Sobald aber ein Kind herangewachsen ist und einen großen Leib bekommen und schon die Gestalt eines Erwachsenen hat, wird es nicht wieder kleiner und einen kleinen Leib haben; bei der Seele möchte der Herr das sehr wohl“ (Vida 15,12).

So kann es sehr wohl sein, dass man nach den mystischen (‚letzten’) Gebetserfahrungen wieder zu den ursprünglichen (‚ersten’) Gebetsformen zurückkehren muss.

Die Gebetslehre der Vida (Vida 11-21)

Die Heilige Teresa entfaltet ihre Gebetslehre in der Vida, indem sie die verschiedenen Gebetsweisen in Form eines Gleichnisses erläutert. Sie entwirft ein Gleichnis mit Bildmotiven aus der Natur (Garten, Wasser, Blumen) und legt es im Hinblick darauf aus, was das Gebet für den Menschen bedeutet.
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Teresa vergleicht die Seele mit einem Garten, der mittels menschlicher Vermögen (Gärtner) zu bewässern ist, damit die Tugenden (Pflanzen) in ihm wachsen und blühen können. Das Wasser, mit dem der Garten getränkt wird, ist die Gnade. Die Bewässerung des Gartens kann auf vier unterschiedliche Weisen geschehen; diese Bewässerungsformen ordnet Teresa den verschiedenen Gebetsweisen zu, die sich vor allem im Verhältnis von menschlichem und göttlichem Wirken und durch die Auswirkungen, die sie zurücklassen, unterscheiden.

„Ich meine, dass man auf viererlei Weisen bewässern kann: Entweder, indem man [1] Wasser aus einem Brunnen schöpft, was uns große Anstrengung kostet; oder [2] mit Hilfe von Schöpfrad und Rohrleitungen, wo das Wasser mit einer Drehkurbel heraufgeholt wird (ich habe es selbst manchmal heraufgeholt: das ist weniger anstrengend als jene andere Art und fördert mehr Wasser); oder [3] aus einem Fluss oder Bach: damit wird viel besser bewässert, weil die Erde besser mit Wasser durchtränkt wird und man nicht so oft bewässern muss; oder indem [4] es stark regnet, dann bewässert der Herr ihn ohne jede Anstrengung unsererseits, und das ist unvergleichlich viel besser als alles, was gesagt wurde“ (Vida 11,7).

(1) Brunnen

Die erste Bewässerungsart, die Teresa schildert, verlangt vom Menschen sehr viel eigene Aktivität. Denn das Wasser muss in diesem Stadium mühsam aus dem Brunnen gefördert werden. Um die innere Hinwendung zu Gott zu vollziehen, muss also – analog gesprochen – derjenige, der mit dem inneren Gebet beginnt, alle seine Seelenvermögen, Verstand, Willen und Gedächtnis einsetzen und auf Gott ausrichten lernen. Das ist alles andere als einfach und erfordert treue Einübung. Aus diesem Grund nennt man diese Gebetsweise auch asketisches Gebet. Mit der Schilderung dieser Gebetsform führt Teresa uns vor Augen, bis zu welchem Punkt der Mensch durch eigene Anstrengung gelangen kann.
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Doch wie sieht dies praktisch aus? Voraussetzung ist der feste Entschluss, Christus auf dem Weg des inneren Betens nachzufolgen und ihm das Kreuz zu tragen. Dazu bedarf es viel Mut, die Bereitschaft zu leiden und den Glauben, dass alles zu unserem Wohl geschieht. Denn es macht am Anfang viel aus, ob man sich zu großen Dingen aufschwingt. Darin sieht Teresa von Avila keine Vermessenheit oder falschen Idealismus, sondern der Glaube, dasselbe wie die Heiligen erreichen zu können, ist Ausdruck großen Gottvertrauens.

Daher hält sie es für notwendig, am Anfang nicht zu kleine Wünsche zu hegen, sondern den Weg mit Gott in Freude, Zuversicht und Freiheit zu gehen. Die ungewohnte Anstrengung besteht darin, in der Einsamkeit zu verweilen, auf die Sinneswahrnehmung nichts mehr zu geben, das eigene vergangene Leben zu überdenken und sich mit dem Leben Jesu zu beschäftigen.

Da bei dieser Anstrengung vor allem der Verstand beansprucht wird (=Wasserschöpfen), kann die Ermüdung dieses Seelenvermögens negative Auswirkungen haben: die Erfahrung von Trockenheit, Unlust, Aufgebenwollen, Niedergeschlagenheit, innerer Unruhe und Zerstreuung. Dennoch – so die Heilige – möge man sich nichts daraus machen, keine Andachtsgefühle zu empfinden. Man dürfe niemals versuchen, die eigenen Seelenvermögen zum Verstummen zu bringen, indem man zum Beispiel den Verstand nicht mehr gebrauche, denn das mache nur dumm und gefühllos. Es sei Gottes Sache, den Verstand (Geist) zu erheben. So könne der Wille zunehmen, so dass man bereit sei, viel für Gott zu tun, um ihn zu erfreuen. Jetzt bediene man sich nicht mehr vorformulierter Gebetstexte, sondern versuche, sich mit eigenen Worten an Gott zu wenden.

Um den Herrn zufriedenzustellen und sich selbst immer mehr zu erkennen, solle man sich zu Beginn des inneren Betens nicht um die anderen kümmern – denn eine große Gefahrenquelle für das geistliche Leben beruhe auf dem Schmerz über die Fehler der anderen und dem Wunsch, alle möchten geistliche Menschen sein. Daher rät Teresa den Anfängern, sich zu bemühen, bei den anderen immer die Tugenden und die guten Dinge zu sehen, sich seine eigene Schuld bewusst zu machen und vor der Sünde auf der Hut zu sein. „Der Herr fehlt uns nämlich nie und es liegt auch nicht an ihm, wir sind es, die es fehlen lassen und armselig sind“ (Vida 13,6).

Weil das innere Beten am Anfang mit vielen Schwierigkeiten verbunden sei, so dass man es sofort wieder aufgeben wolle, sei es eine große Hilfe, wenn man einen geistlichen Lehrmeister finde, der einen korrigieren und im geistlichen Leben begleiten könne (vgl. Vida 13,3ff). Bei der Wahl seines Ratgebers solle man kritisch sein und nicht nur darauf achten, dass er im geistlichen Leben erfahren sei, sondern dass er auch Klugheit und theologische Bildung besitze. Mit dem ihr eigenen Humor formuliert die Heilige, man solle sich hüten, seinen Verstand einem zu unterwerfen, der keinen guten habe, und nicht von dem Bemühen um Selbsterkenntnis ablassen, weil darin der Weg bestehe, um im Gebet weiter voranzukommen (vgl. Vida 13,19).

(2) Schöpfrad

In Teresas Gleichnis beschreibt die Bewässerung mit einem Schöpfrad das Gebet der Ruhe. Dieses zeichnet sich sowohl durch Phasen der Anstrengung als auch durch Phasen der Ruhe aus. Das Wasser sei näher und kann mit weniger Mühe herbeigeschafft werden; so könne der Gärtner (unser Seelenvermögen) auch einmal ausruhen. Auf das Gebet bezogen möchte Teresa damit zum Ausdruck bringen, dass es dem Menschen in diesem Stadium schon leichter fällt, sein Seelenvermögen auch gut einzusetzen. Der Wille sei bei dieser Gebetsweise ganz mit Gott beschäftigt, und Verstand sowie Erinnerung leisteten ihren Teil dabei, Gott zu genießen.
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Teresa betont, dass man im Gebet der Ruhe zwar verstehe, das Gott einen höre, aber weil diese geistlichen Erfahrungen noch völlig fremd und neu seien, wisse man nicht, was man erfahre noch woher es komme. Man verstehe sich vielmehr selbst nicht und wisse nicht, wie man sich am besten verhalten solle. Die Wahrnehmung von Gottes Gegenwart hinterlasse eine große innere Zufriedenheit und man habe den Eindruck, alles in seinem Innersten zu finden. Das erfülle einen mit tiefem Trost und äußere sich nicht selten in Freudentränen. Gott beginne, sich der Seele hier auf eine solche Weise mitzuteilen, dass sie durch die Erkenntnis des Ewigen ganz vom Glück überwältigt sei und sich nach nichts anderem mehr sehne.

Teresa charakterisiert diese Gebetsweise vornehmlich durch die Vereinigung des Willens mit Gott. Diese Form des Gebets sei wie ein kleiner Funken wahrer Liebe, den Gott in der Seele zu entzünden beginne, und man solle begreifen, was diese mit Wonne verbundene Liebe, die Ruhe und die Sammlung seien. Die Erkenntnis dieser Gnade als unverdientes Geschenk Gottes ermögliche es dem Beter, sich in dieser Zeit des Gebets richtig zu verhalten. Die Heilige rät in dieser Phase nicht mit vielen Worten zu beten, sondern mit Sanftheit vorzugehen – im festen Vertrauen, dass Gott einen erhöre. Die Betätigung des Verstandes sei jetzt nur hinderlich und führe zur Lauheit des Willens. Man solle hier nicht zu argumentieren suchen, sondern die Seele ruhen lassen. Vielmehr solle die Willenskraft durch Liebeserweise weiter geweckt werden, um den Liebesfunken noch stärker zu entfachen.

Auch in diesem Stadium des Gebets könne eine Periode der Trockenheit eintreten, die dazu diene, das zu beseitigen, was den Menschen am inneren Wachstum hindere und ihn von einer intensiveren Begegnung mit Gott trenne:

„Es kommen für die Seele Zeiten, in denen die Erinnerung an diesen Garten weg ist: Dann sieht es aus, als sei alles verdorrt und als gebe es kein Wasser mehr, um ihn zu erhalten […]. Da macht man große Not durch, denn der Herr möchte, dass der arme Gärtner den Eindruck hat, dass alles, was er auf den Erhalt des Gartens und die Bewässerung des Gartens verwendet hat, umsonst war. Gerade dann aber wird das noch verbleibende Unkraut […] wirklich ausgerottet und mit der Wurzel entfernt“ (Vida 14,9).

So bringt Teresa zum Ausdruck, dass gerade die Erfahrung der Trockenheit und des Unvermögens, sich Gott mit eigener Anstrengung zu nähern, den Beter demütig macht, indem sich dieser mit der Wahrheit seiner (begrenzten) geschöpflichen Existenz konfrontiert sieht. Indem Gott dem Menschen solche Erfahrungen und Mühen zumute, möchte er ihn auf eine neue Weise der Gottesbegegnung vorbereiten, aber ihn auch erkennen lassen, welche Gnade er ihm durch das gebet der Ruhe bereits erwiesen habe. Am inneren Fortschritt, den der Mensch hier mache, zeige sich das Wirken des Heiligen Geistes. Richte man sich in Freude mit allen Gedanken auf Gott aus, bemühe man sich, aus allen Gebetserfahrungen demütig hervorzugehen, habe man eine große Sehnsucht nach Einsamkeit und Fortschreiten im Gebet, sei man auf einem guten Weg.

Schließlich machen die Wirkungen dieser Gebetsweise deutlich, wie man sie beurteilen müsse: je größer die Gnade, desto tiefer die Erkenntnis, die Demut, die Hingabe, die vertrauensvolle Gottesfurcht und die Gottesliebe. Aber auch wenn es sich um eine Täuschung des Bösen handle, sei dies an den Wirkungen auf die Seele ersichtlich: Unruhe, keine Festigung in der Wahrheit, keine Klarheit der Erkenntnis, keine Demut.

Teresa bedauerte sehr, dass zwar viele bis zu dieser Erfahrung der Gegenwart Gottes vordrängen, aber dann im Gebetsleben nicht weiterkämen, weil sie nicht richtig darauf zu antworten vermöchten oder die ihnen geschenkte Gnade nicht verstünden. Sie möchte durch die Beschreibung ihrer eigenen Erfahrungen gerade jenen Mut machen, die den Weg des inneren Betens wegen der Schwierigkeiten wieder aufgegeben haben. Allerdings vermag der „laienhafte“ Leser und Beter Teresa nur bis zu dieser Gebetsweise, in der das menschliche Verhalten im Vordergrund steht, zu folgen. Denn die Möglichkeit des gedanklichen Nachvollzugs ist bei der Beschreibung der beiden weiteren Gebetsweisen nicht gegeben, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Das Wirken Gottes bestimmt nun das Gebet, alles menschliche Bemühen tritt zurück.

(3) Fluss

Bei der dritten Bewässerungsform, dem Fluss oder der Quelle, die den Garten der Seele tränken, übernimmt Gott selbst die Funktion des Gärtners: Die Seelenvermögen Verstand, Wille und Erinnerung sind gotterfüllt, der Herr möchte, dass sich die Seele während des Gebetes völlig ausruht und sich von den Früchten des Gartens ernährt.
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Teresa von Avila hier zu verstehen ist nicht ganz einfach, weil sie sich ihrer besonderen Bildersprache bedient, um ihre Erfahrungen begreifbar zu machen. Die Gottesbeziehung hat in diesem Stadium des Gebets eine solche Intensität angenommen, dass die Vermögen der Seele sich nur noch mit Gott beschäftigen können. Dieser Zustand wird wie ein „Schlaf der Vermögen“ erlebt, indem man sich zufrieden und voller Glück erfährt. Die Seele wisse nicht, was sie tun solle, denn sie erfahre sich wie außer Sinnen und berauscht von Liebe. Aber dieses Erlebnis bedeutet immer noch keine vollständige Gotteinung der Seelenvermögen, sondern ihre „aufnehmenden Fähigkeiten“ bleiben bestehen und die Seele ist von Gott ganz ergriffen. Aus diesem Grund werde der Mensch, der diese Nähe Gottes erlebe, zum Lobpreis angeregt.

Teresa umschreibt diese Gnade auch als „heilige Verrücktheit“, in der sich der Mensch restlos Gottes Wirken ausliefert. Daher wird diese Gebetserfahrung mit dem Prozess der Agonie verglichen. Das Erlebnis der Gotteserfahrung sei so überwältigend, dass man die Befreiung aller Bindungen ersehne, die den dauerhaften Genuss Gottes verhinderten. Die Wirkungen, die diese Gebetsweise in der Seele hinterlässt, sind nach Ansicht der Heiligen vor allem durch ein Wachstum der Tugenden und des Gnadenlebens erkennbar. „Sie sieht, dass sie eine andere geworden ist, doch weiß sie nicht, wie“ (Vida 17,3). Auch die Demut und die Gotteinung der Seelenvermögen seien in diesem Stadium größer als in den bisherigen, vor allem aber seien die Seelenvermögen in der Lage, Gottes Wirken zu erkennen.

(4) Regen

Diese Erkenntnis von Gottes Wirken in der Seele ist bei der nun folgenden Gebetsweise nicht mehr möglich. Denn die Seele nimmt nichts mehr wahr, sondern lebt ganz im Genuss Gottes, weil sowohl Gedächtnis als auch Verstand und Wille mit Gott geeint sind. In der Vida weist sie darauf hin, dass die jeweiligen mystischen Phänomene Ausdruck eines bestimmten Gnadenwirkens Gottes in der Gotteinung sind.

Zur Veranschaulichung ihres Gedankengangs greift die Heilige auf das Bild des Feuers zurück: „Ein kleines Feuer ist ebenso gut ein Feuer wie ein großes, und doch nimmt man sehr wohl den Unterschied zwischen beiden wahr“ (vgl. Vida 18,7). Das Feuer symbolisiert die Gotteinung, die unterschiedliche Intensitätsgrade und Formen annehmen kann wie Erhebung des Geistes, Geistesflug, Entrückung… Teresa begreift diese Phase der Gotteinung also nicht statisch, sondern als einen inneren Prozess, in den die ganze Person mit Leib, Seele und Geist eintritt.
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Im Gleichnis mit den verschiedenen Bewässerungsarten des Gartens entspricht diese Gebetsweise dem Regen, mit dem Gott den Garten der Seele tränkt. Wie in der Natur der Regen die effektivste und einfachste Weise der Bewässerung ist, so gilt dies analog von der Gotteinung. Die Gnadenwirkung ist so effektiv und stark, dass ein deutlicher Fortschritt im Geistesleben ersichtlich wird. Doch was nun „wirklich“ während der Gotteinung geschieht, entzieht sich nach Teresa der menschlichen Erkenntnis- und Ausdrucksfähigkeit, da „das, was dort vor sich geht, so dunkel ist“ (Vida 18,14). Es ist ein Verstehen im Nichtverstehen.

Nach Ansicht der Heiligen entspricht die Erfahrung des Apostels Paulus „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20) genau dem Phänomen der Gotteinung, in dem die Seele das Empfinden hat zu sterben. Teresa beschreibt sehr eindrücklich, wie sich die mystischen Phänomene auf den Leib, mehr noch auf die Sinne und die Seelenvermögen auswirken:

„Während die Seele noch auf ihrer Suche nach Gott ist, fühlt sie mit größter, zärtlicher Beseligung, wie sie fast ganz ohnmächtig wird in einer Art Schwächeanfall, bei dem ihr der Atem stockt und alle Körperkräfte schwinden, so dass sie nicht einmal die Hände bewegen kann, es sei denn mit viel Schmerz. Es fallen ihr die Augen zu, ohne sie schließen zu wollen, oder falls sie sie doch offen hält, sieht sie fast nichts, noch gelingt es ihr, wenn sie liest, ein Wort auszusprechen, ja sie schafft es kaum, eines richtig zu erkennen. […] Sie hört zwar, begreift aber nicht, was sie hört. So nützen ihr die Sinne nichts, es sei denn, um sie nicht vollends in Ruhe zu lassen; also schaden sie ihr eher. Sprechen ist vergeblich, denn es gelingt ihr nicht, ein Wort zu bilden, und wenn es ihr gelingt, fehlt ihr die Kraft, es auszusprechen. Es geht nämlich alle äußere Kraft verloren, während sie in der Seele zunimmt“ (Vida 18,10).

Zwar füge diese Gebetsweise dem Leib keinen Schaden zu, da sie nur kurze Zeit andauere, aber sie hinterlasse eine tiefe Sehnsucht nach dem Tod, um des erfahrenen Glücks beständig teilhaftig zu werden. Die Seele möchte nichts mehr anderes außer ihren Gott, sie möchte ihn „ganz und gar und weiß doch nicht, was sie da möchte“ (Vida 20,11). Diese Sehnsucht werde als ein beglückender geistiger Schmerz erfahren, weil auf die Gotteinung innere Not und Einsamkeit folgten. Selbst die normalen Dinge des Alltags wie Essen und Schlafen fielen ihr schwer. Denn die starke Gottesliebe, die sie befallen habe, sei wie ein beständiges Martyrium.

Je nachdem welche Form die Gotteinung annehme, vermöge der Mensch nicht, sich dagegen zur Wehr zu setzen. So werde er zum Beispiel bei der Verzückung ganz plötzlich bei vollem Bewusstsein fortgetragen, ohne zu wissen, wohin. Durch diese Erfahrung des „Ausgeliefertseins“ wüchsen die Demut und die Erkenntnis der Nichtigkeit der Welt. Vor allem erlange die Seele durch die innige Verbindung mit Gott innere Freiheit sowie Souveränität und erstarke in den Tugenden, vor allem in der Liebe und in der Demut. Teresa steht daher diesen mystischen Gebetsformen nicht skeptisch gegenüber, sondern betrachtet sie, insoweit sich die positiven Wirkungen auf die Seelenvermögen mehren, als eine Gnade, die einem erwiesen wird, um in der Gottes- und auch Nächstenliebe zu wachsen.

Diese Gebetsweise ist für den Menschen auch deshalb eine große Gnade, weil sie das Denken daran gewöhnt zu verstehen, was wirklich Wahrheit ist. Teresas Verständnis des mystischen Gebets ist sehr ausgewogen. Sie leugnet nicht seinen Wert für das Wachstum des geistlichen Lebens, aber sie betont auch, dass es allein in Gottes Ratschluss liege, wem er auf diese Weise begegnen wolle. Man dürfe das Wasser der Gnade zwar erbitten, aber wenn der Regen ausbleibe, solle man wieder zu den anderen Formen der Bewässerung zurückkehren (vgl. Vida 18,9).

Das ist ein wichtiges Grundprinzip der Gebetslehre der Heiligen Teresa von Avila. Sie macht sehr deutlich, dass die einzelnen Gebetsweisen nicht chronologisch aufeinanderfolgen, sondern dass sie Ausdruck des Gnadenwirken Gottes sind.

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Diese 7 Folgen geben einen Überblick über die Voraussetzungen, Eigenschaften und Wirkungen der Gebetsweisen nach Teresa von Avilas „Vida“. Als späteres großes Werk der Heiligen Teresa ist die „Innere Burg“ zu nennen: Dort wird die Seele als Kristall gezeichnet, in dessen (Burg-)Kammern  sich das Seelenleben auf verschiedenen Ebenen bewegt…

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Buchtipps:

Teresa von Avila begegnen (aus der Reihe Zeugen des Glaubens), Maria Antonia Sondermann, Sankt Ulrich Verlag (2007)

Aus der Quelle schöpfen, Das innerliche Gebet nach Teresa von Avila, Peter Dyckhoff, Don Bosco Verlag (2002, 2. Auflage)

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2 Gedanken zu “Teil 7 – Die Gebetslehre

    1. Danke für die Blumen…

      …die ich gerne an die Autoren der obengenannten Bücher weitergebe ;-)

      Der vorliegende 7-teilige Text fasst insbesondere die Publikation von Maria Antonia Sondermann zusammen, die als Einführung sehr zu empfehlen ist.

      LG, Stefan

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