Nachfolge – Teil 4: Die Nachfolge und das Kreuz

zurück zu NACHFOLGE (D.Bonhoeffer)

+++++++++++
+

Die Nachfolge und das Kreuz

 .
Der Ruf in die Nachfolge steht im Zusammenhang mit der Leidensverkündigung Christi.
Jesus muss leiden und verworfen werden. Es ist das Muss der Verheißung Gottes, auf das die Schrift erfüllt wird. Leiden und Verworfenwerden ist nicht dasselbe. Jesus konnte ja der im Leiden noch gefeierte Christus sein. Auf dem Leiden könnte ja noch das ganze Mitleid und die Bewunderung der Welt liegen.

Jesus ist aber der im Leiden verworfene Christus; das Verworfenwerden nimmt dem Leiden jede Würde und Ehre, es soll ein ehrloses Leiden sein. Leiden und Verworfenwerden sind im Kreuz Jesu zusammengefasst: Kreuzestod heißt als Ausgestoßener, als Ketzer leiden und sterben. Jesus muss genau diesen Schandtot sterben kraft göttlicher Notwendigkeit.

„Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen. Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe. Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt“ (Mk 8,31-38).

Jeder Versuch, dieses Notwendige zu verhindern, ist satanisch. Selbst oder gerade dort, wo es aus dem Kreis der Jünger kommt; denn der Böse will Christus nicht Christus sein lassen. Dass es Petrus ist, der Fels der Kirche, der sich hier schuldig macht unmittelbar nach seinem Bekenntnis zu Jesus Christus und nach seiner Einsetzung durch ihn, besagt, dass die Kirche selbst von Anfang an Anstoß an dem leidenden Christus nimmt. Auch sie will sich als Kirche Christi nicht das Gesetz des Leidens durch ihren Herrn aufzwingen lassen. Damit ist der Böse vom ersten Moment an in der Kirche gegenwärtig. Jesu Antwort macht es deutlich: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“

.

.

So ist für Jesus die Notwendigkeit gegeben, das Muss des Leidens nun auch klar und eindeutig auf seine Jünger zu beziehen. Wie Christus nur Christus ist als der Leidende und Verworfene, so ist der Jünger nur Jünger als der Leidende und Verworfene, als der Mitkreuzigte. Die Nachfolge als Bindung an die Person Jesu Christi stellt den Nachfolgenden unter das Gesetz Christi, also unter das Kreuz. Die Mitteilung dieser unverrückbaren Wahrheit an die Jünger beginnt nun merkwürdigerweise damit, dass Jesus seine Jünger noch einmal ganz freigibt. „Wer mein Jünger sein will…“ sagt der Meister. Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, nicht einmal unter den Jüngern. Noch einmal ist alles auf die Entscheidung der Jünger gestellt – so einschneidend ist das, was jetzt gesagt werden soll.

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst“. Wie Petrus in Verleugnung Christi sagte: Ich kenne diesen Menschen nicht, so soll der Nachfolgende dies nun zu sich selbst sagen. Dabei kann Selbstverleugnung niemals aufgehen in einer noch so großen Fülle einzelner Akte der Selbstzermarterung oder asketischen Übungen; es heißt nicht Selbsttötung, weil auch hier noch der Eigenwille des Menschen sich durchsetzen kann. Selbstverleugnung heißt Christus kennen, nicht mehr sich selbst, nur noch ihn sehen, der vorausgeht, und nicht mehr den Weg, der uns zu schwer ist. Selbstverleugnung heißt im Kern: Christus geht voran, halte dich fest an ihn, an sein Wort.

.

.

„…der nehme sein Kreuz auf sich“. Es ist die Gnade unseres Herrn Jesus, dass er seine Jünger auf dieses Wort vorbereitet hat durch das Wort von der Selbstverleugnung. Haben wir uns wirklich ganz vergessen, kennen wir uns selbst nicht mehr, dann allein können wir bereit sein, das Kreuz zu tragen um seinetwillen. Kennen wir nur noch ihn, dann kennen wir auch die Schmerzen unseres Kreuzes nicht mehr, dann sehen wir ja nur noch ihn. So hat Jesus uns durch sein Leben und sein Rede vorbereitet, auch dieses harte Wort als Gnade zu vernehmen. Dieses Gnadenwort findet uns in der Freude unserer Nachfolge und bestärkt uns in ihr.

Kreuz ist nicht notwendigerweise Misere und schweres Schicksal, sondern es ist das Leiden, das uns aus der Bindung an Jesus Christus allein erwächst. Kreuz ist nicht zufälliges, sondern notwendiges Leiden. Kreuz ist dabei Leiden und Verworfenwerden – um Jesu Christi willen, nicht um irgendeines anderen (weltanschaulichen) Verhaltens oder Bekenntnisses willen. Eine Christlichkeit, die aus der Heiligen Schrift allein einen billigen Glaubenstrost macht, wird das Kreuz als die tägliche Misere, als die Not und Angst unseres täglichen Lebens verstehen; dabei wird vergessen, dass Kreuz immer zugleich Verworfenwerden bedeutet, dass die Schmach des Leidens zum Kreuz gehört. Dieses wesentliche Merkmal ist für eine säkulare Gesellschaft schwer zu begreifen, die bürgerliche und christliche Existenz nicht mehr zu unterscheiden weiß. Allein die Bindung an Jesus, wie sie im Christusleiden der Nachfolge geschieht, steht ernsthaft und tatsächlich unter dem Kreuz.

„…der nehme sein Kreuz auf sich“. Es liegt schon bereit, von Anfang an, der Jünger braucht es nur aufzuheben. Damit aber keiner meine, er müsse sich selbst irgendein Kreuz suchen, er müsse willkürlich ein Leiden suchen, sagt Jesus, es sei einem jeden sein Kreuz schon bereit, ihm von Gott bestimmt und zugemessen. Der Mensch soll das ihm verordnete Maß von Leiden und Verworfensein tragen. Es ist für jeden ein anderes Maß. Den einen würdigt Gott großer Leiden, er schenkt ihm die Gnade des Martyriums, den anderen lässt er nicht über seine Kraft versucht werden. Doch es ist immer dieses Eine Kreuz.

.

.

Jedem Christen wird es auferlegt. Das erste Christusleiden, das jeder erfahren muss, ist der Ruf, der uns aus den Bindungen dieser Welt herausruft. Es ist das Sterben des vorhandenen Menschen in der Begegnung mit Jesus Christus. Wer in die Nachfolge eintritt, gibt sich in den Tod Jesu; dabei ist das Kreuz nicht das schreckliche Ende eines frohen Lebens, sondern es steht am Anfang der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Jeder Ruf Christi führt in den Tod. Ob wir mit den ersten Jüngern Haus und Beruf verlassen müssen, um ihm zu folgen, oder ob wir umgekehrt aus dem Kloster in den weltlichen Beruf hineingehen [ein Hinweis auf den Weg Luthers; Anmerkung], es wartet in beidem der eine Tod auf uns, der Tod an Jesus Christus, das Absterben unseres vorhandenen Menschen an dem Ruf Jesu.

Weil jedes Gebot Jesu uns sterben heißt mit all unseren Wünschen und Begierden, und weil wir unseren eigenen Tod nicht wollen können, darum muss Jesus Christus in seinem Wort unser Tod und unser Leben sein. Der Ruf Christi, die eigentliche Taufe stellt den Christen in den täglichen Kampf gegen die Versuchung und gegen den Bösen. So bringt jeder Tag mit seinen Anfechtungen in Fleisch und Welt neue Leiden im Namen Jesu über seine Jünger. Die Wunden, die hier geschlagen werden und die Narben, die ein Christ aus diesem Kämpfen davonträgt, sind lebendige Zeichen der Kreuzesgemeinschaft mit Jesus Christus.

.

Aber noch ein anderes Leiden und eine andere Entehrung bleibt dem Christen nicht erspart. Zwar ist Jesu Kreuzesleiden allein versöhnendes und heilendes Leiden für alle Menschen, aber weil Christus um der Welt willen gelitten hat, weil auf ihn alle Last der Schuld fiel und weil Jesus seinen Nachfolgern die Frucht seines Leidens zueignet, darum fällt auch auf den Jünger die Sünder der Welt, sie bedeckt ihn mit Schande und treibt ihn wie einen Sündenbock vor die Tore der Stadt. So wird der Christ zum Träger von Sünde und Schuld für andere Menschen. Er müsste darunter zusammenbrechen, wenn er nicht selbst von dem Jesus getragen würde, der alle Sünden trug. Der Christ wird zum Lastträger – „einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2). Die Last des Bruders, die ich zu tragen habe, ist nicht nur dessen äußeres Geschick, dessen Art und Veranlagung, sondern es ist im eigentlichsten Sinn die Sünde. Ich kann sie nicht anders tragen, als ich sie den Brüdern und Schwestern vergebe, in der Kraft des Kreuzes Christi, dessen ich teilhaftig geworden bin. So stellt der Ruf Jesu zum Kreuztragen jeden Nachfolgenden in die Gemeinschaft der Sündenvergebung.

Wie aber soll der Jünger wissen, was sein Kreuz ist? Der Nachfolgende wird es empfangen, wenn er in die Nachfolge des leidenden Herrn eintritt, er wird in der Gemeinschaft Jesu sein Kreuz erkennen. So wird das Leiden zum Kennzeichen der Nachfolger Christi. Wer aber sein Kreuz nicht aufnehmen will, wer sein Leben nicht zum Leiden und zur Verwerfung durch die Menschen geben will, der verliert die Gemeinschaft mit Jesus, der ist kein Nachfolger. Wer aber sein Leben in der Nachfolge verliert, im Kreuztragen, der wird es in der Nachfolge selbst, in der Kreuzesgemeinschaft wiederfinden. Das Gegenteil zur Nachfolge ist das Sichschämen Christi, sich des Kreuzes schämen, Jesus als Ärgernis am Kreuz.

.

.

Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus. Darum ist das Leiden der Christen nichts Befremdliches; es ist vielmehr Gnade und Freude. Die Zeugnisse der ersten Märtyrer der Kirche bezeugen es, dass Christus den Seinen den Augenblick des höchsten Leidens verklärt durch die unbeschreibliche Gewissheit seiner Nähe und Gemeinschaft. „Er (Stephanus) aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los …und steinigten ihn. […] Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er“ (Apg 7,55).

Das Leiden muss getragen werden, damit es vorüber geht. Entweder die Welt muss es tragen und daran zugrunde gehen, oder es fällt auf Christus und wird in ihm überwunden. Jesus bittet den Vater, der Kelch möge vorüber gehen; der Kelch wird an Jesus vorübergehen, aber allein darin, dass er getrunken wird. Das weiss Jesus, als er in Gethsemane zum zweiten Male niederkniet, dass das Leiden vorübergehen wird, indem er es erleidet. Leiden ist auch Gottferne. Jesus hat diesen Satz des Alten Testaments bejaht. Leiden ist auch Gottferne. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Jesus trägt auch diese Gottferne, er nimmt das Leiden der Welt auf sich und überwindet es.

Christus leidet stellvertretend für alle. Aber seine – wie auch alle späteren – Gemeinden wissen, dass das Leiden der Welt einen Träger braucht. So fällt in der Nachfolge Christi das Leiden auf sie, und die Gemeinden tragen es, indem sie selbst von Christus getragen werden. Denken wir beispielsweise an Paulus, wie er im 1. Korintherbrief seiner Gemeinde schreibt: „Habt nichts zu schaffen mit einem, der sich Bruder nennt und dennoch Unzucht treibt, habgierig ist, Götzen verehrt, lästert, trinkt oder raubt; mit einem solchen Menschen sollt ihr nicht einmal zusammen essen. Ich will also nicht Außenstehende richten – ihr richtet ja auch nur solche, die zu euch gehören -, die Außenstehenden wird Gott richten“ (1.Kor 5,11).

.

.

Gott ist ein Gott des Tragens. Jesus hat alle, die mit mancherlei Leiden und Lasten beladen sind, gerufen, ihr Joch abzuwerfen und sein Joch auf sich zu nehmen, das sanft ist, und seine Last, die leicht ist. Sein Joch und seine Last sind das Kreuz. Unter diesem Kreuz zu gehen ist nicht Elend und Verzweiflung, sondern Erquickung und Ruhe für die Seele, ist höchste Freude. Hier gehen wir nicht mehr unter selbstgemachten Gesetzen und Lasten, sondern unter dem Joch dessen, der uns kennt und der selbst mit unter dem Joch geht. Jesus selbst ist es, den der Nachfolgende findet, wenn er sein Kreuz aufnimmt.

„Es muss gehen nicht nach deinem Verstand, sondern über deinen Verstand; senk dich in den Unverstand, so gebe ich dir meinen Verstand; nicht wissen, wohin du gehest, das ist recht wissen, wohin du gehest. So ging…Abraham… und wusste nicht wohin. Er gab sich in mein Wissen, und ist kommen den rechten Weg an das rechte Ende. Siehe, das ist der Weg des Kreuzes, den kannst du nicht finden, sondern ich muss dich führen als einen Blinden… Nicht das Werk, das du erwählest, nicht das Leiden, das du erdenkest, sondern das dir wider dein Erwählen, Denken, Begierden zukommt, da folge, da rufe ich, da sei Schüler, da ist es Zeit, dein Meister ist da kommen“ (Luther, 2. Bearbeitung der 7 Bußpsalmen).

(DB, Nachfolge, S.77-85)

zur Fortsetzung Teil 5

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s