Nachfolge – Teil 5: Die Nachfolge und der Einzelne

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Die Nachfolge und der Einzelne

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Der Ruf Jesu in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen. Ob er will oder nicht, er muss sich entscheiden, er muss sich allein entscheiden.

Es ist nicht eigene Wahl, Einzelner sein zu wollen, sondern Christus macht den Gerufenen zum Einzelnen. Jeder ist allein gerufen.+

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„Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,26).

Er muss allein folgen. In der Furcht vor diesem Alleinsein sucht der Mensch Schutz bei den Menschen und Dingen um ihn herum. Er entdeckt auf einmal alle seine Verantwortlichkeiten und klammert sich an sie. In ihrer Deckung will er seine Entscheidung fällen, aber er will Jesus nicht allein gegenüberstehen, mit dem Blick auf ihn allein sich entscheiden müssen. Aber nicht Vater und Mutter, Frau und Kind, nicht Gesellschaft und Geschichte decken den Gerufenen in dieser Stunde. Christus will den Menschen einsam machen, er soll nichts sehen als den, der ihn rief.

In dem Ruf Jesu ist der Bruch mit den vorhandenen Lebensumständen, in denen der Mensch lebt, bereits vollzogen. Nicht der Nachfolgende vollzieht ihn, sondern Christus selbst hat ihn schon vollzogen, wenn er ruft. Christus hat den Menschen aus seiner Unmittelbarkeit zur Welt gelöst und in die Unmittelbarkeit zu sich selbst gestellt. Kein Mensch kann nachfolgen, ohne dass er den bereits vollzogenen Bruch anerkennt und bejaht. Nicht die Willkür eines eigenwilligen Lebens, sondern Christus selbst führt den Jünger so in den Bruch.

Warum muss das so sein? Warum gibt es nicht ein ungebrochenes Hineinwachsen, ein langsames heiligendes Fortschreiten aus den natürlichen Ordnungen desn gewohnten Lebens in die Gemeinschaft Christi? Was für eine ärgerliche Macht stellt sich hier zwischen den Menschen und die gottgegebenen Ordnungen seines vorhandenen Lebens? Ist das nicht ein Verachten der guten Gaben Gottes und des bis zum Rufen Jesu Christi gelebten Lebens, ein Beiseiteschieben der Welt, das mit der Freiheit des Christenmenschen nichts gemein hat? Aber bei all diesen Fragen dürfen wir festhalten: Es ist kein unfroher Verächter des Lebens, es ist kein Gesetz der Frömmigkeit, sondern es ist das Leben und das Evangelium selbst, es ist Christus selbst.

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Jesus hat sich mit seiner Menschwerdung zwischen mich und die Gegebenheiten der Welt gestellt. Ich kann nicht mehr zurück: Er ist in der Mitte, er will das Mittel sein, es soll alles allein durch ihn geschehen. Er steht nicht nur zwischen mir und Gott, sondern er steht auch in der Mitte zwischen mir und der Welt, zwischen mir und den anderen Menschen und Dingen. Er ist der Mittler, nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Wirklichkeit. Weil alle Welt durch ihn und zu ihm geschaffen ist (Joh 1,3; 1.Kor 8,6; Hebr 1,2), darum ist er der einzige Mittler in der Welt.

Es gibt seit Christus kein unmittelbares Verhältnis des Menschen mehr, weder zu Gott noch zur Welt: Christus will der Mittler sein. Der Bruch mit den Unmittelbarkeiten der Welt ist die Erkenntnis Christi als des Sohnes Gottes, des Mittlers. Nicht eigenmächtiges Handeln um eines Ideals willen, allein die Anerkennung einer vollzogenen Tatsache, nämlich das Christus der Mittler ist, der sich „dazwischen“ gestellt hat, trennt den Jünger von der Welt der Menschen und Dinge.

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Ginge es bei der Nachfolge nur um ein Ideal, dann wären wir in der Situation eines Abwägens zwischen unserer vorhandenen persönlichen Lebensordnung und einem ebensolchen Ideal; plötzlich ließe sich argumentieren, dass eine Abwertung des bisherigen Lebens nicht einfach so gerechtfertigt sei, dass – auch aus einer christlichen Ethik heraus! – einiges für die vorhandenen Lebensumstände und Verantwortlichkeiten spräche. Weil es aber nicht um ein Ideal und das Festhalten von Verantwortlichkeiten geht, sondern um die Tatsache des Lebens und des Wortes Jesu, also um die Person des Mittlers selbst, darum gibt es nur den Bruch mit den Unmittelbarkeiten des Lebens, darum muss der Gerufene Einzelner werden vor dem Mittler.

Es gibt für uns keinen Weg zum Anderen mehr, als den Weg über Christus, über sein Wort, und über unsere Nachfolge. Unmittelbarkeit ist Trug. Weil aber diese Täuschung geächtet werden muss, die uns die Wahrheit verbirgt, darum muss die Unmittelbarkeit zu den Menschen und Dingen verbannt werden, um des Mittlers Jesus Christus willen. Wo immer eine Gemeinschaft uns hindert, vor Christus ein Nachfolger und Einzelner zu sein, wo immer eine Gemeinschaft Anspruch auf Unmittelbarkeit erhebt, dort muss sie um Christi willen geächtet werden; denn jede Unmittelbarkeit ist, wissentlich oder nicht, Verachtung des Sohnes Gottes, Ächtung des Mittlers, auch und gerade dort, wo sie sich christlich verstanden wissen will. [Anmerkung von Zeit zu beten: So kann beispielsweise die selbstverständlich gewordene Anwendung der Abtreibung (wie vom Papst immer wieder angesprochen) als eigenmächtiges Ausschließen des Mittlers durch den gesellschaftlichen Konsens einer „Kultur des Todes“ verstanden werden; so muss die Forderung humanistischer Manifeste nach einem Verbot christlicher Kindererziehung (!) als aggressiver Ruf nach Unmittelbarkeit zur Welt und Ausschließenwollen des Wortes Jesu Christi gewertet werden.]

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Es ist andererseits auch eine schwere Verirrung der Theologie, wenn sie die Mittlerschaft Jesu zwischen Gott und Mensch dazu benützt, die Unmittelbarkeiten des Lebens damit zu rechtfertigen. Ist Christus der Mittler, so sagt man, dann hat er damit die Sünde aller unserer Unmittelbarkeiten zur Welt getragen und uns darin gerechtfertigt. Jesus sei unser Mittler mit Gott, damit wir uns wieder ruhigen Gewissens unmittelbar zur Welt verhalten könnten; absurderweise gerade zu jener Welt, die Christus kreuzigte [und groteskerweise gerade zu dieser Welt, die gegenwärtig den begleiteten Suizid gesellschaftsfähig macht; Anmerkung]. Damit wird die Liebe Gottes mit der Liebe zur Welt auf einen Nenner gebracht [damit wird das Gleichnis vom reichen Jüngling für überflüssig erklärt; Anmerkung]. Aus den Worten Jesu über die Ächtung der Unmittelbarkeiten wird so das selbstverständliche und freudige Ja zu den „gottgegebenen Wirklichkeiten“ dieser Welt. Aus der Rechtfertigung des Sünders wird schließlich die Rechtfertigung der Sünde, wie dies im Kapitel „Teure Gnade“ versus billige Gnade veranschaulicht wurde.

„Gottgebene Wirklichkeiten“ gibt es für den Nachfolger Jesu nur durch Jesus Christus hindurch. So geht auch der Weg zur Wirklichkeit des anderen Menschen, mit dem ich zusammenlebe, durch Christus, oder es ist ein Irrweg. Die liebevollste Einfühlung, die durchdachteste Psychologie, die natürlichste Offenheit dringt nicht wesentlich zum anderen Menschen vor, denn Christus steht dazwischen. Nur durch ihn hindurch führt der Weg zum Nächsten. Darum ist die Fürbitte der verheißungsvollste Weg zum anderen Menschen, und das gemeinsame Gebet im Namen Christi die echteste Gemeinschaft.

Es gibt keine echte Bindung an die Gegebenheiten der geschaffenen Welt, es gibt keine echten Verantwortlichkeiten in der Welt ohne die Anerkennung des Bruches, durch den wir bereits von ihr getrennt sind. Es gibt keine echte Liebe zur Welt außer der Liebe, mit der Gott die Welt geliebt hat in Jesus Christus. „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht“ (1.Joh 2,15). Und: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16).

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Der Bruch mit den Unmittelbarkeiten ist unvermeidlich. Ob dieses Loslösen sich äußerlich vollzieht im Bruch mit der Familie oder bestimmten gesellschaftlichen Verpflichtungen; ob einer gerufen wird, öffentlich für den Mittler Christus einzutreten und sichtbar die Schmach Christi zu tragen; oder ob der Bruch verborgen, von ihm allein gewusst, getragen werden muss in der Bereitschaft, ihn jederzeit sichtbar zu vollziehen; das ist kein letzter Unterschied.

Abraham wurde zum Vorbild für beide Möglichkeiten. (1) Er musste Freundschaft und Vaterhaus verlassen – Gott trat zwischen ihn und die Seinen, der Bruch war ein äußerlicher. (2) Später wird Abraham von Gott gerufen, seinen Sohn Isaak zu opfern. Nicht nur natürliche Unmittelbarkeit (Sohn), sondern selbst geistliche Unmittelbarkeit wird hier zerbrochen: Abraham muss lernen, dass die Verheißung auch nicht an Isaak, sondern eben an Gott allein hängt. Kein Mensch erfährt von diesem Ruf Gottes, auch die Knechte nicht, die Abraham begleiten. Abraham bleibt ganz allein, er ist ganz und gar Einzelner. Er nimmt den Ruf an ohne zu zögern, er nimmt Gott bei seinem Wort, in einfältigem Gehorsam. Abraham hatte alles verlassen und war Christus nachgefolgt, und mitten in der Nachfolge darf er nun wieder in der Welt leben, in der er zuvor lebte. Äußerlich bleibt alles beim alten. Aber das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2.Kor 5,17).

[Anmerkung: Bonhoeffers Argumentation nimmt ihren Ausgangspunkt im Alten Testament. Die Verheißung Gottes an Abraham ist das Kommen des Erlösers Jesus Christus, wie uns im Neuen Testament bestätigt wird: Abraham steht durch seinen gelebten Glauben in der Freundschaft Gottes und im (vorweggenommenen) Gehorsam gegen den verheißenen Sohn Gottes. So spricht die Gottesmutter im Magnificat: „Der Mächtige… nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“ (Lk 1,55). Und Jesus spricht: „Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich“ (Joh 8,56). Schließlich resümmiert Jakobus: „So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Freund Gottes genannt“ (Jak 2,23).]

Das ist die andere Möglichkeit, Einzelner zu sein, mitten in der Gesellschaft, in der Gemeinschaft, im Vaterhaus und mit Besitztümern Christi Nachfolger zu sein. Aber es ist eben Abraham, der zu dieser Existenz gerufen wird, Abraham, der vorher selbst durch den sichtbaren Bruch hindurchgegangen war, dessen Glauben dem Neuen Testament zum Vorbild wurde. Gar zu leicht möchten wir diese Möglichkeit des Abraham verallgemeinern, gesetzlich verstehen, also sie ohne weiteres auf uns selbst beziehen. Das sei eben auch unsere christliche Existenz, mitten in dem Besitz der Güter dieser Welt Christus zu folgen und so Einzelner zu sein. Es ist aber gewiss, dass es der leichtere (!) Weg für den Christen ist, in den äußeren Bruch geführt zu werden, als den heimlichen Bruch verborgen im Glauben zu tragen. Wer das nicht weiß, wer das nicht aus der Schrift und aus der Erfahrung weiß, der betrügt sich gewiss auf dem anderen Wege. Er wird in die Unmittelbarkeit zurückfallen und Christus verlieren.

Nun steht es ganz sicher nicht in unserer Willkür, diese oder jene Möglichkeit zu wählen. Wir werden nach Jesu Willen so oder anders herausgerufen aus der Unmittelbarkeit, und wir müssen Einzelne werden, sichtbar oder verborgen.

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Ebenderselbe Mittler aber, der uns zu Einzelnen macht, ist damit auch der Grund ganz neuer Gemeinschaft. Er steht in der Mitte zwischen dem anderen Menschen und mir. Jesus trennt, aber er vereint auch wie kein anderer zuvor. So ist zwar der unmittelbare Weg zum Anderen aufgelöst, aber es wird nun dem Nachfolgenden der neue und allein wahre Weg zum Anderen über den Mittler gewiesen.

„Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. Viele aber, die jetzt die Ersten sind, werden dann die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein“ (Mk 10,28-31).

Jesus spricht hier zu solchen, die Einzelne geworden sind um seinetwillen, die alles verließen, als er rief, die von sich sagen können: siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Ihnen wird die Verheißung neuer Gemeinschaft gegeben. Hundertfältig sollen sie schon in dieser Zeit empfangen, was sie verlassen haben. Jesus spricht hier von seiner Gemeinschaft, die sich in ihm findet. Wer den Vater verließ um Jesu willen, der findet hier gewiss einen Vater wieder, er findet Brüder und Schwestern, ja es sind ihm sogar Äcker und Häuser bereitet. Jeder tritt allein in die Nachfolge, aber keiner bleibt allein in der Nachfolge.

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„Hundertfältig – unter Verfolgungen“, das ist die Gnade der Gemeinde, die ihrem Herrn unter dem Kreuz nachfolgt. Das also ist die Verheißung für die Nachfolgenden, Glieder der Gemeinde unter dem Kreuz zu werden, eine neue Gesellschaft des Mittlers, eine Gesellschaft unter dem Kreuz zu sein.

„Während sie auf dem Weg hinauf nach Jerusalem waren, ging Jesus voraus. Die Leute wunderten sich über ihn, die Jünger aber hatten Angst. Da versammelte er die Zwölf wieder um sich und kündigte ihnen an, was ihm bevorstand“ (Mk 10,32).

Wie zur Bestätigung des Ernstes seines Rufes in die Nachfolge und zugleich der Unmöglichkeit der Nachfolge aus menschlicher Kraft; wie zur Bekräftigung seiner Verheißung, unter Verfolgungen ihm zuzugehören; so geht Jesus nun voran nach Jerusalem zum Kreuz, und die ihm Nachfolgenden befällt Staunen und Furcht über diesen Weg, auf den er sie ruft.

DB Nachfolge, S.87-95

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Ende der Reihe.

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2 Gedanken zu “Nachfolge – Teil 5: Die Nachfolge und der Einzelne

    1. Ich bin wieder auf Ihre wertvolle Seite gestoßen.
      Aber bitte löschen Sie doch das Coverbild von Schmidt-Salomons: Manifest des evolutionären Humanismus! Die Werbung für das religionskritische Basispapier der deutschen „Neuen Atheisten“ passt ganz und gar nicht auf Ihre Seite.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Falko

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