Unser Weg durch die Wüste – ERSTER TEIL – (i) Rückkehr in die Wüste

 

ERSTER TEIL

»Sie sollten die Gottheit suchen, ob sie ihn fühlen und finden könnten, ist er doch nicht fern von einem jeden von uns.« (APG. 17,27)

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Rückkehr in die Wüste

Im Evangelium bedeutet die Wüste die Zeit, in und mit der sich Jesus auf sein Wirken vorbereitet: »Und sofort trieb ihn der Geist hinaus in die Wüste. 40 Tage lang war er in der Wüste und wurde vom Satan versucht. Mit den wilden Tieren war er zusammen, und die Engel dienten ihm« (Mk. 1,12).

Die Wüste ist Ort des ungestörten und unerschütterlichen Seins mit dem Vater: »Setzt euch hier nieder, während ich bete… Dann ging er ein wenig weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass diese Stunde an ihm vorbeigehen möge, wenn es möglich wäre, und sprach: Abba, Vater…« (Mk. 14,32ff).

Wenn sich die Propheten und Jesus in die Wüste zurückgezogen haben, müssen auch wir es von Zeit zu Zeit tun.

Es geht natürlich nicht darum, sich wirklich und tatsächlich in die Wüste zu begeben. Für viele wäre das eine besondere Art von Luxus! Es geht vielmehr darum, ein Stück Wüste in das eigene Leben hineinzutragen. Dies heißt, sich zurückzuziehen, sich zu lösen von den Dingen und den Menschen. Nur so können wir geistig gesund bleiben. In die Wüste gehen meint, sich in einem Zimmer einschließen, allein in einer leeren Kirche sein, sich eine Andachtsecke einrichten, wo man den persönlichen Kontakt mit Gott pflegen, wo man Frieden finden kann.

Letztlich bedeutet es nichts anderes, als Gott zu gehorchen. Schließlich gibt es ein Gebot – von vielen vergessen, die sich dem Dienst in der Kirche widmen, vergessen selbst von Priestern und auch von Bischöfen – , das anordnet, die Arbeit zu unterbrechen, sich von den Verpflichtungen zu lösen und sich ganz der wohltuenden Untätigkeit einer Betrachtung hinzugeben.

Gott spricht: »Gedenke des Sabbatstags, dass du in heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun. Der siebte Tag aber ist Sabbat für Jahwe, deinen Gott. Da darfst du keinerlei Werk tun, weder du selbst noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch der Fremde der sich in deinen Toren aufhält. Denn in sechs Tagen hat Jahwe den Himmel, die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist, erschaffen; aber am siebten Tag ruhte er. Deshalb hat Jahwe den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt« (EX. 20,8-11).

Man braucht nicht zu fürchten, dass die anderen Schaden nehmen, wenn man sich von Zeit zu Zeit zurückzieht. Unsere Liebe zum Nächsten wird nicht abnehmen, wenn wir versuchen unsere persönliche Liebe zu Gott zum wachsen zu bringen. Es wird sogar recht vorteilhaft sein für die Entfaltung jener Liebe!

Wir müssen uns eins vor Augen halten: unsere Liebe zu den Mitmenschen, die Hingabe an sie, die uns aufgetragen ist, die demütige Hinwendung zum Armen mit seinen Problemen – das alles ist sehr fordernd und beanspruchend. Man kann es nur leisten, wenn man mit einer starken und sehr persönlichen Liebe dem Herrgott verbunden ist. Nur dann bleibt unsere Liebe zum Nächsten ursprünglich und immer neu.

Es entspricht dem Wunsch Gottes und der Natur des Menschen, diese beiden Weisen der Liebe nicht zu trennen, sie vielmehr in einer ausgewogenen Dialektik zusammenzuhalten.

Und es ist das Geschick des Menschen, allein zu sein. Daher müssen wir uns auf die Einsamkeit immer wieder vorbereiten, müssen auf sie hinreifen. Die Wüste ist der Ort dieser Reife.

Die Wahrheit liegt also in der Verbindung beider Dimensionen. Nicht umsonst ist das Kreuz Symbol des Christentums. Bis zum Blutzeugnis gelebt, verbindet es beide Weisen der Liebe: die zum Vater und die zum Nächsten.

Die Schöpfung als Gleichnis

Am Morgen war ich schon vor Sonnenaufgang in den Dünen. Der Wind des Vortags hatte sie wunderbar geformt und ließ sie nun in ihrer ganzen Großartigkeit und geheimnisvollen Pracht vor dem Auge entstehen. Das Sandmeer erstreckte sich vor meinen Augen bis hin zum Horizont, wo das Licht zögernd den Anbruch des neuen Tages ankündigte.

Wenig Schauspiele der Natur sind so rein, wie das Sandmeer unter dem blauen Himmel der Wüste! Es ist wie ein Schauspiel, das die Schöpfung zu Anfang darbot. Mit großer Eindringlichkeit verweist das sichtbar geschaute auf das dahinter liegende Unsichtbare. Sand und Himmel sind verbunden, nur andeutungsweise getrennt sich die Linie des Horizonts. Die Schöpfung in ihrem Gleichnischarakter hebt neu an. Ihre ganze verborgene Bedeutung tut sich mir auf.

Wer mit dem reinen Auge eines Kindes jenes Schauspiel angeschaut, kann nicht zweifeln: Gott ist da, wie du selbst, wie der Sand und der Himmel das sind. Sofort kannst du mit ihm ins Gespräch kommen.

Auf solche Weise wird er gegenwärtig. Seine Worte sind es, die die Einzelteile jenes Gesamten vor meinen Augen gestaltet haben. Sein Reden ist in den Dingen enthalten, sein Denken ausgedrückt in der Wirklichkeit, die mich umgibt.

Alles wird zum Gleichnis, bereitet mich auf etwas vor, das kommen soll und doch schon gekommen ist. Ich spüre, dass er da ist und auf mich zukommt, empfinde, wie er mich umarmt als einer, der lange Zeit auf mich wartete und wusste, dass ich kommen würde.

Voll dankbarer Liebe blicke ich auf diese Schönheit, die seine Schönheit ist, betrachte diese Harmonie, welche die seine ist. Es wird mir auf einmal ganz leicht, mit dem Psalmisten zu sagen:

»Preise den Herrn, meine Seele,
Gott, mein Gott, wie bist du überaus groß!
Gekleidet bist du in Hoheit und würde,
wie ein Mantel umhüllt dich das Licht.
Den Himmel hast du ausgespannt wie ein Zelt,
deine Wohnung errichtet über den Wassern.
Die Wolken machest du dir zum Wagen,
auf Sturmesfittichen fährst du dahin:
Zu deinen Boten bestellst du die Winde,
zu deinen Dienern das zündende Feuer« (PS. 104).

Auf solche Weise begegnet dir Gott; sag ja dazu! Es genügen eine gerade Linie am Horizont, ein Stückchen Himmel oben und ein wenig Sand unten. Du kannst schauen und abermals schauen. Du sollst nichts erbitten, nur schauen und betrachten. Lass dich nicht davon abbringen durch die Bosheiten, die in deinem Herzen schlummern.

Du spürst dabei, dass dieses Menschenherz schon Fragen stellen will, während es doch darauf ankommt, zu schauen. Statt sich hinzugeben, will es schon aufmucken. Es lässt deinem Auge kaum Zeit zum schauen, beginnt schon zu zweifeln, verlangt vom unsichtbaren Gott ein weiteres Zeichen. »Gib mir ein Zeichen – ein anderes als das, dass du mir schon gegeben hast!«

Nein, ich erbitte kein anderes Zeichen von ihm. Mit genügen die Dinge, die ich sehe. Man verlangt ja auch keine Visitenkarte von der Mutter, aus deren Leib man gekommen ist. So verlange ich auch kein Zeichen von meinem Gott, der ihr doch in der Schöpfung mit all ihren Inhalten gegenwärtig ist und sie doch unendlich überragt.

Wenn ich aber auf seine Zeichen achte, an denen es wirklich nicht fehlt, muss ich mir eine Haltung zu eigen machen, die als Bedingung „sine qua non“ für meine Beziehung zu Gott im Evangelium ausgesprochen ist: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht eingehen in das Reich« (MT. 18,3).

Versuche einmal, dich zeitlich zurückzuversetzen und dir vorzustellen, wie du noch im Schoß deiner Mutter warst, mit Händen, Füßen und dem ganzen Sein eingeschlossen in sie. Du empfindest sie, spürst sie, berührst sie, aber du siehst sie noch nicht. Die Zeit ist noch nicht da, sie zu sehen – könntest du an ihrer Gegenwart zweifeln, daran, dass sie wirklich da ist? Und doch: Du siehst sie nicht.

Der Vergleich mit der Mutter hat mir sehr geholfen, dass Warum des Glaubensdunkels zu verstehen, dass Warum der Frage zu beantworten, warum wir klein werden müssen vor dem Geheimnis des Seins.

Wir leben noch in den Dingen, in der Geschichte, im zufälligen und in der Dynamik des Werdens. Erst am Ende werden wir die göttliche Jenseitigkeit schauen können, das, was über die Dinge hinausgeht, jenseits von ihnen steht. Vorläufig aber können wir nur warten. Leben heißt nichts anderes als warten. Warten, bis wir Gott schauen von Angesicht zu Angesicht.

„Die neuen Himmel und die neue Erde“, uns verheißen vom Geist, werden tatsächlich neu sein – nichts Altes, dass man nur neu hergerichtet hat. Gott erwartet von uns nicht, dass wir Himmel und Erde neu schaffen. Seine neue Schöpfung hängt nicht ab von der kulturellen und technologischen Stufe, die wir gerade erreicht haben. Was also erwartet Gott von uns?

»Doch wird der Menschensohn, wenn er kommt, Glauben finden auf Erden?« (LK. 18,8). Was erwartet der also von uns – von uns, die wir jetzt durchaus in der Lage sind, die Welt mit Atombomben ganz und gar zu zerstören?

Gott ist Gott, weil er das Unselige nicht braucht. Alle unsere Technik wird im Sand enden, so, wie das erste Rad im Sand endete, das vielleicht einmal ein Gazellenjäger in dieser Weite der Sahara konstruiert hat. Unsere Kultur und Wissenschaft wird im Sand enden, wie es den Errungenschaften alter Kulturen geschehen ist. So fallen wir auf das rätselhafte Wort der Offenbarung zurück, die von „neuen Himmel und einer neuen Erde“ redet.

Bei diesen Ausführungen wird mancher Leser stutzig werden. Schon höre ich seine besorgte Frage: »Und was ist mit all unserem Mühen und Tun? Was bleibt von dieser irdischen Welt?«.

Was bleibt, ist die Liebe. Das Haus verschwindet, es bleibt aber die Liebe, die es erbaut hat. Das Büro verschwindet, es bleibt aber der Schweiß, mit dem wir unser Brot verdient haben. Revolutionen verschwinden, es bleiben aber die Tränen, die um der Gerechtigkeit willen vergossen worden. Unser alter Körper verschwindet, es bleiben aber die Zeichen unseres Opferns und die Wunden, die ihm anhaften. Sie gehen über auf den neu geschaffenen, göttlichen Leib, der bewirkt ist durch die Auferstehung und der nicht mehr Sklave des Todes ist.

Deshalb ist die Tatsache der Auferstehung Jesu schon den ersten Verkündern des Evangeliums so wichtig. Christus ist erstanden, auch unser Leib wird auferstehen. Da Christus auferstanden ist, hat meine Freude einen guten Sinn; sie kommt sicher zur Vollendung. Es geht nur noch darum, zu warten. Das Warten ist der Sinn meiner Geschichte, meines Betens und Hoffens.

»Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Und die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, sah ich herabsteigen aus dem Himmel von Gott her, bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt wird. Und ich hörte eine mächtige Stimme vom Throne her sprechen: „Siehe, das Zelt Gottes unter den Menschen. Und er wird bei ihnen sein Zelt aufschlagen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und er wird abwischen jede Träne von ihren Augen, und es wird keinen Tod mehr geben, auch keine Trauer, keinen Klageschrei, keine Mühsal wird es mehr geben; denn das Frühere ist vorbei.“ Und der auf dem Throne saß, sprach: „Siehe, ich mache alles neu.“ Und er spricht: „Schreibe: diese Worte sind zuverlässig und wahr!“ Auch sagte er zu mir: „es ist geschehen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ich will dem Dürstenden umsonst zu trinken geben vom Quell des Lebenswassers. Der Sieger wird dies zum Erbe empfangen, und ich will in Gott sein, und er wird Mission sein“« (OFFB. 21,1-7).

»Und der Geist und die Braut sprechen: „Komm!“ Und wer es hört, soll sprechen: „Komm!“ Und wen es dürstet, der komme, wer will, der empfange lebendiges Wasser umsonst…

Der dies bezeugt, spricht: „Ja, ich komme bald!“ Amen, komm, Herr Jesus!« (OFFB. 22,17-20).

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zum Abschnitt (3) >>> Die Prüfung des Armen

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