Unser Weg durch die Wüste (ii) Die Prüfung des Armen

 

Die Prüfung des Armen

Die Schöpfung ist nur ein Beginn. Was mir Himmel und Erde in ihrer Herrlichkeit und Unermesslichkeit, in ihrer Harmonie und Schönheit offenbaren, ist nur der Anfang eines Gesprächs. Dieses Kommunizieren wird noch viel weiter führen und in meinem ganzen Leben einen zentralen Platz einnehmen. Hat dieses Gespräch auch einen Beginn, so hat es doch kein Ende, denn die beiden Gesprächsteilnehmer – Gott und Mensch – sind ewig und werden im gleichen Hause zusammenwohnen. Es wäre doch merkwürdig, wenn man im gleichen Haus wohnt und nicht miteinander redet, merkwürdiger noch, wenn man sich nicht kennt.

Ziel des Menschen ist es, Gott kennenzulernen und mit ihm zu reden. Dieses Kennenlernen mag schnell oder langsam vor sich gehen; es mag leicht oder schwierig sein, mit Gott zu reden: es handelt sich jedenfalls um Bestimmung und Schicksal. Wir können dem Plan Gottes nicht entrinnen. Er aber will, dass die Menschen zu seiner Erkenntnis gelangen. »Sie sollten die Gottheit suchen, ob sie ihn fühlen und finden könnten, ihn, der doch nicht fern ist einem jeden von uns« (APG. 17,27).

Gott ist niemandem fern. Er war und ist immer mit uns. Durch das Geheimnis seines Wortes geht er ein in unseren Geist. Die Schrift vollendet das, was uns Berge, Meere und Sterne sagen; sie führt den Menschen zum Gespräch mit Gott.

Was Morgen und Abend bedeuten, lehren uns die Genesis und die Weisheitsbücher verstehen; was Schmerz ist lehrt uns die Geschichte Abrahams und das Buch Job; Knechtschaft der Sünde ist angedeutet im Buch Exodus, wo das störrische Menschenherz auf die rechte Bahn gewiesen wird durch die Bekanntgabe des Gesetzes. Der Durchzug durch das Rote Meer ermutigt zur Hoffnung auf Heil. Die Poesie des Hoheliedes verdeutlicht Grund und Ziel der Liebe. Der Psalter lehrt uns, wie wir beten sollen; die Aussprüche der Propheten erklären dem Menschen, dass er in die Gemeinschaft mit dem ewigen Gott berufen ist.

Der Mensch ist nicht Gott

Was sagt Gott den Menschen durch die Schöpfung? Was sagt Er durch die Schrift? Er sagt immer nur eines: dass Gott Gott ist und der Mensch Mensch. Die Konsequenzen ergeben sich von selbst. Aber darauf kommt es an: der Mensch soll wissen, dass Gott Gott ist, und er selbst der Mensch also nicht Gott.

Wer glaubt, hat die Macht Gottes in Händen. Leider gibt es aber auch die Erfahrung, dass man rufen muss: Ich kann an ihn nicht glauben! Alles ist plötzlich dunkel um mich her. Das Licht verbirgt sich hinter Wolken. Ich bin auf die Probe gestellt.

Das Dasein Gottes ist das Klarste und das Dunkelste zugleich. Es bringt unvergleichliche Freude, meine Hand in der seinen zu spüren. Hingegen haben wir den Eindruck entsetzlicher Dunkelheit, wenn wir auf den nackten Glauben zurückgeworfen sind. Im Glauben weiß ich zwar, dass Gott der Schöpfer ist, und dieser Glaube hilft mir. Aber das allein genügt nicht. Immer wieder braucht es Proben und Prüfungen, damit ich seine Gegenwart aufs Neue erfahre.

Der Glaube ist weder Gefühl noch Verstandessache. Glauben ist, sich in Dunkelheit ganz einem Gott hinzugeben, der selbst im Dunkeln und dunkel für uns ist. Dunkel ist er nicht, weil kein Licht in ihm wäre. Dieses Licht aber können wir nicht schauen, denn wir könnten es nicht ertragen.

Verstand und Glaube, Licht und Schatten, Sichtbares und Unsichtbares begegnen sich: das jeweilige Miteinander ist zumeist kompliziert. Uns bleibt oft nur das Warten, gelegentlich die Angst. Im Zustand des Wartens sind wir verpflichtet, den Blick immer nach vorne zu richten. Mehr oder weniger angstvoll halten wir Ausschau, ob dort am Horizont nicht endlich ein Sonnenstrahl hervor bricht.

Gott aber wartet immer auf uns, wie er Abraham, Moses und Job erwartet hat. Oftmals dürfen wir erleben, wie der kleine Isaak in der liebenden Fürsorge des Vaters lebte. Wir dürfen in Frieden leben, haben den Eindruck, alles im Griff zu haben. Also zweifeln wir nicht an Gott. Unser Glaube fällt uns ganz leicht. Aber dann kommt der Tag…

»Nach diesen Begebenheiten geschah es, da prüfte Gott Abraham und sprach zu ihm: …Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak …und bringe ihn als Brandopfer dar!« (GEN. 22,1-2).

Dies ist die Stunde der Prüfung

Der Himmel wird dunkel, der Glaube von allem entblößt. Man fragt sich: Wie kann ein Gott der Liebe ein solches Opfer verlangen? Ist der Glaube vielleicht nur ein Fallstrick? Ist er Einbildung? Warum müssen kleine Kinder aus Hunger sterben? Warum werden Unschuldige getötet und Böse triumphieren? Warum nimmt ein Erdbeben vielen Menschen Gesundheit und Leben? Dies ist die Stunde der Prüfung, die Stunde des Anstoßes. Der Himmel bleibt verschlossen, stumm und feindlich. Er gibt keine Antwort.

Warum, Herr?
Warum, Vater?
Warum, Gott?

Dieser Gott, zu dem wir der rufen, ist gerade mit einem „Spiel“ beschäftigt. In diesem Spiel sind wir, ob wir es wissen – und ob wir wollen oder nicht, der „Einsatz“. Kein Spiel ist es freilich, sich Kurzweil zu verschaffen, sondern eine große Herausforderung, die Gott annimmt.

»Der Satan erwiderte Jahwe: „Ist denn Job umsonst so gottesfürchtig? Hast du nicht selbst einen Zaun errichtet um ihn, sein Haus und als sein Eigentum ringsum? Das Werk seiner Hände hast du gesegnet, und sein Besitz dehnt sich im Lande aus. Doch strecke einmal deine Hand aus und rühre an all seinen Besitz! Wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen!« (JOB 1,9ff).

Satan hat Gott herausgefordert. Gott scheint gefangen wie in einer Falle. Er überlässt den Job dem Widersacher. Die Schläge, die Job treffen, sind hart. Dieses Schicksal dauert immer länger und wird immer dramatischer. Satan peinigt Job mit bösartigen Geschwüren von der Fußsohle bis zum Scheitel. Job nimmt sich eine Scherbe, um sich damit zu kratzen, während er mitten in der Asche sitzt. Selbst seine Frau gibt ihm den Rat, Gott zu verfluchen und zu sterben. Aber Job sagt: »Wenn wir das Gute von Gott annehmen, warum nicht auch das Böse?« Job sündigt nicht mit seinen Lippen, wie die Schrift sagt.

Was für ein Mitleid müssen wir doch mit denen haben, die in der Nacht verbleiben, sagt der heilige Johannes vom Kreuz. Wie müssen wir jene bemitleiden, die, gefangen in den Kräften der Sinne und des Geistes, sich auf die Erde werfen, weinen und fluchen! Mit jenen, die mit ihrer Vernunft auf jeden Fall den Glauben einholen wollen; mit denen, die das Geheimnis Gottes aufbrechen wollen!

Wir glauben, zu wissen, und wissen doch nichts. Wir glauben, zu sehen, und sind doch blind. Was wissen wir schon vom Tod, vom Ewigen, vom Warum der Dinge, von Schmerzen, von dem, was vor uns gewesen ist oder nach uns kommen wird!

Wir denken, wir hätten einen Plan, und haben doch keinen! Wir glauben, wir wüssten, was gut für uns ist, und doch wissen wir es nicht! Vielleicht sind wir sogar drauf und dran, zu zerstören, was gut für uns ist.

Wieder und wieder fallen wir auf die Erkenntnis zurück, dass wir in der Vorläufigkeit, im Zustand des Werdens leben. Unruhe und Dunkelheit, die wir in uns spüren, sind das beste Zeichen dafür. Vor allem aber geht es um Geduld. Mit Geduld werden wir unsere Seelen retten, wie die Schrift sagt.

Es gibt Menschen, die flüchten in einen unheilbaren Optimismus, gerade so, als ob sie Gott verteidigen wollten: Es ist wirklich nicht alles in Ordnung in der Welt. Aber wenn sich alle Menschen guten Willens zusammenschließen, dann kann es besser werden. Vielleicht können wir den Hunger beseitigen, und mit der Technik eine Welt schaffen, in der es sich nachhaltig in Frieden wohnen lässt.

Denken wir aber nur daran, ein einziges Erdbeben ganze Städte hinweg radiert oder Naturkatastrophen die Arbeit von Millionen Armen zuschanden machen! Da ist doch ganz offensichtlich etwas nicht in Ordnung. Da muss sich doch im Herzen der Zweifel regen an Gottes Güte und Allmacht.

Nein, meine Brüder! Job hat recht: Jahwe hat gegeben, Jahwe hat genommen; der Name Jahwes sei gepriesen. Die Prophetin Hanna hat recht, als sie sagte: »Jahwe macht tot und macht lebendig, er stürzt in die Unterwelt und führt herauf. Jahwe macht arm, er macht auch reich. Er erniedrigt und erhöht« (1 SAM. 2,6-7).

Gott ist nicht der zuverlässige Wächter unseres Hauses. Er ist ein sehr ernster, ein strenger Gott, der mich zu Boden werfen kann, um meine Seele zu retten; der ein Volk von allem entblößen kann, um es vor dem Heidentum zu retten.

Gott gibt und nimmt

Gott gibt und nimmt. Diese Wahrheit sollten wir, die wir hier auf Erden leben, immer wieder beherzigen und annehmen, besonders dann, wenn wir in die Versuchung kommen, Gott für einen Wundertäter für unsere kleinen Wehwehchen zu halten. Er ist nicht der, den eine unreife Theologie vorstellt als jemanden, der immer erklären muss, warum er dich jetzt ins Krankenhaus schickt oder warum du arbeitslos bist. Von solcher Theologie braucht Gott wahrlich nicht verteidigt zu werden!

Es ist völlig nutzlos, Gott angesichts der Dinge in dieser Welt zu verteidigen, die nicht so in Ordnung sind, wie sie unserer Meinung nach in Ordnung sein sollten. Es ist auch verlorene Zeit, dem Adam alle Verantwortung aufzubürden. Unser Glaube ist so lange nicht echt, solange wir nicht in der Lage sind, Gutes und Böses aus seinen Händen entgegenzunehmen, wie es Job getan hat.

Nicht Gott sollten wir um Brot bitten, sondern die Regierenden und Wissenschaftler. Was hat die Bestellung unserer Felder und die Fruchtbarkeit der Erde mit Gott zu tun? So klingen die Worte „moderner“ Menschen. Sie haben sich „befreit“ vom Heiligen, vom Übernatürlichen, vom Weihwasser und natürlich vom Gebet. Sie sind nicht mehr in der Lage, das Vaterunser zu sprechen, weil den Wissenschaftlern und Technikern ein größeres Können zugeschrieben wird, als sie es wirklich haben. Doch auch am Ende aller Technologie steht – die Enttäuschung einer unberechenbaren Welt.

In einer Zeit, die ganz vom Rationalismus beherrscht ist, kann man gar nicht laut genug sagen und immer wieder sagen: Denk daran, Israel, Gott ist dein Gott, und er ist allein Gott! Er ist der Gott der Unmögliches möglich macht!

Glaube an ihn, vertraue ihm! Er befreit sich von Verzweiflung, nimmt jeden Zweifel! Er hat dich in die Wüste geführt, um dein Herz zu reinigen. Israel soll nicht sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, da wir nun so zahlreich geworden sind? So spricht Jahwe. Stellt mich doch auf die Probe! Kommt in den Tempel, befreit euch von eurer Bosheit! Dann werdet ihr sehen, ob ich nicht in der Lage bin, über euch die Fülle meiner Gaben auszugießen (vergleiche Sacharja).

Ich bin dein Gott, es gibt keine anderen Götter neben mir. So weit es ist vom Aufgang des Himmels bis zum Untergang, so groß ist meine Barmherzigkeit für jene, die mich fürchten und meinen Namen anrufen. Ich bin der Gott des Gestern, des Heute und für immer.

Traurig ist es, wenn solche Worte in der Christenheit nicht mehr gehört werden. Wer wird da noch sagen, dass das Brot eine Gabe Gottes ist? Wer wird es sagen, wenn selbst Priester glauben, es sei ein Geschenk der reichen Staaten und man könne genügend davon haben, wenn man nur richtig plant?

Mehr als je zuvor sind wir heute in Gefahr, das Evangelium zu einem Handbuch für ein geregeltes, von Gleichheitsdenken bestimmtes Zusammenleben der Völker zu machen. Schlägt der Arme Jahwes diesen Weg ein, so ist er belogen und wird enttäuscht. In der Wüste, die doch sein Herz reinigen sollte, wird er sterben vor Hunger und Durst, weit weg von seinem Schöpfer. Gott möge das nicht zulassen!

+++

zum Abschnitt (4) >>> Jenseits der Dinge…

+++

Ein Gedanke zu “Unser Weg durch die Wüste (ii) Die Prüfung des Armen

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s