Unser Weg durch die Wüste (iii) Jenseits der Dinge

 

Jenseits der Dinge

Wir sind beim Kernpunkt angelangt. Es ist der Punkt, an dem der Glaube beherrschend hervortritt. Er antwortet dem, der sich müht, den Blick über die Dinge hinaus zu richten.

Das Buch Job – und alles was wir sonst gesagt haben – ist ja nur sinnvoll, wenn es uns lehrt, in Dinge und Sachverhalte zwar einzudringen, sie aber wieder zu verlassen, weil ein neues Leben uns berührt.

Die Dinge dieser Welt sind uns gegeben, damit wir uns mit ihnen beschäftigen und auf sie einlassen, mit dem Ziel jedoch, sie im Fortgang der Dynamik unseres Werdens hinter uns zu lassen, damit wir jenseits von ihnen den unendlichen, ewigen, unveränderlichen Gott treffen.

Nichts vermag den Menschen in der Zufälligkeit und Vorläufigkeit zu halten. Irgendwo gibt es einen Punkt, der uns anzieht und bewirkt, dass wir diese Grenzen überschreiten. Von diesem Punkt aus erhält alles Erklärung und Sinn.

Es ist, als ob gewaltige, tosende Ströme herabflössen in ein Meer des Friedens. Die Unruhe, die der Mensch in sich spürt, die ganze Völker treibt – sie ist das beste Zeichen hierfür. Am besten noch bezeugt diesen Sachverhalt die eschatologische Betrachtungsweise der Bibel.

Besonders eines ihrer Bücher bezeugt auf unübertreffliche Weise, wie unbefriedigt das menschliche Herz ist, ständig unterwegs und auf der Suche nach Erfüllung. Ich meine das Buch des Predigers. Ein seltsames Buch ist es. Es liest sich leicht, was aber nicht heißt, dass es auch leicht zu verstehen sei.

Heute, da ich alt bin und ein wenig geübt im Blick für das Ganze, ist es eines der Bücher, das mich am meisten überzeugt. Job bezeugt die Existenz Gottes, obwohl es Leiden und Schmerzen gibt. Der Prediger zeugt für Gott, obwohl es… Vergnügen und Freude gibt und er hat den Mut, zu sagen: Das Leben ekelt euch doch an. Ihr baut auf das, was Vergnügen bereitet. Ich muss euch sagen, dass ich daran kein Interesse mehr habe. Die Freuden dieser Erde bieten mir nichts mehr. Gerade in ihnen habe ich die Eitelkeit aller Dinge entdeckt. Durch sie ist mir der Durst nach etwas anderem, größeren gekommen. Hören wir den Prediger!

»Ich sprach zu mir selbst: Wohl an! Versuche es mit der Freude, und lass es dir gut gehen! Doch zeigte sich: auch dies ist Nichtigkeit. Zum Lachen sagte ich: Unsinn! Und zur Freude: was nützt sie? Ich nahm mir vor, meinen Leib mit Wein zu ergötzen… und mich der Torheit hinzugeben, bis ich sehe, was denn das beste sei für die Menschen Kinder, dass sie es tun die wenigen Tage ihres Lebens unter der Sonne. Ich schuf große Werke, baute mir Paläste und pflanzte mir Weinberge. Ich legte mir Gärten an und Parks und bepflanzte sie mit Fruchtbäumen jedweder Art. Ich legte mir Wasserteiche an, um daraus die jungen Baumanlagen zu bewässern. Ich erwarb mir Knechte und Mägde und hatte hausgeborene Sklaven; auch Vieh, Rinder und Schafe besaß ich in Menge, mehr als alle vor mir in Jerusalem. Ich häufte mir auch Silber und Gold auf, und die Schätze von Königen und Ländern. Ich verschaffte mir Sänger und Sängerinnen und den Überfluss der Menschensöhne, testen und testen… und nun prüfte ich alle meine Werke, die meine Hände vollbracht, und die Mühe, die ich beim Schaffen aufgewendet, und es ergab sich: Alles ist Nichtigkeit und Taschen nach Wind, und es bleibt kein Nutzen unter der Sonne!« (PRED. 2,1-11).

Es gehört Mut dazu, so zu reden. Man kann es nur, wenn man weiß, dass das Neue, das man sucht, auf der „anderen Seite“ liegt, oben, jenseits der Welt. Kein Nutzen unter der Sonne. Das kann nur jemand sagen, der sich die Erde wirklich erobert hat – so, wie nur jemand, der die Erde kultiviert hat, die Kultur gering einschätzen kann oder wie nur ein reicher oder ein Künstlerreichtum oder Kunst geringschätzig abtun kann. Sonst wäre das mindestens sehr oberflächlich daher geredet.

Nur ein Sterbender versteht das Leben. Nur, wer die Dinge, die das Leben bietet, dahin gibt, weiß um ihren eigentlichen Wert. Wie redet der Prediger von ihnen?

»Süß ist das Licht, und den Augen tut es wohl, die Sonne zu sehen. Ja, lebt ein Mensch auch viele Jahre, so solle sich doch darüber freuen, und er soll daran denken, dass der Tage des Dunkels viele sein werden. Alles, was kommt, ist Wahn! Freue dich, junger Mann, in deiner Jugendzeit; lass froh den Sinn dir sein in deinen jungen Tagen! Geh hin, wohin dein Herz dich zieht und die Augen dich locken! Doch wisse wohl, dass Gott dich über all dieses zur Rechenschaft ruft. Banne den Ärger aus deinem Sinn, und halte das Übrige vom Leibe! Denn Jugend und Kindheit sind nichtig.

Denke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, von denen du sagen wirst: Sie gefallen mir nicht; ehe die Sonne dunkler wird und das Licht und der Mond und die Sterne, und ehe die Wolken nach dem Regen wiederkehren; wenn die Wächter des Hauses zittern und die starken Männer sich krümmen, wenn die Mahlmägde nicht mehr arbeiten, weil der Tag sich verdunkelt in den Fenstern; wenn die Tore nach draußen sich schließen und der Laut der Mühle leiser wird; wenn der Laut der Vögel innehält und alle Lieder schweigen; wenn man sich fürchtet vor dem Hagel und auf dem Wege Schrecknisse lauern. Dann blüht der Mandelbaum, das Heupferd ist satt, der Kapernstrauch gibt seine Frucht, während der Mensch in sein ewiges Haus geht!

Auf der Straße gehen schon die Klagefrauen umher. Ehe der silberne Strick zerreißt und der goldene Leuchter zerspringt und der Krug an der Quelle zerschellt und das Rad am Brunnen zerbricht; der Staub zur Erde zurückkehrt, wie er war, und der Odem zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben. Wahn, nur Wahn, so spricht der Prediger, alles ist Wahn!« (PRED. 11,7-12,8).

Die Erde interessiert mich nicht mehr. Ich habe genug von ihr, sie gefällt mir immer weniger. Ich schätze sie nur, insofern Sie mir Gelegenheit bietet, ein wenig zu lieben und an meine Erlösung mitzuwirken, aber sie zieht mich nicht mehr an. Ich verstehe jetzt, dass es darauf ankommt, vorwärts zu schreiten.

Ich kenne das Auf und Ab des Lebens, Gutes und Böses. Jetzt ziehe ich es vor, mich anderen Wirklichkeiten zuzuwenden. Ich bin nämlich zu der Überzeugung gekommen, dass diese Welt eigentlich nicht für uns geschaffen ist. Sie ist nicht das Paradies, ist nur dazu da, dass sich unser Verlangen nach etwas anderem steigere. Vor allem aber ist sie schrecklich alt, ist sie mir immer mehr eine Last. Meine Augen suchen den, der immer neu ist, den wahren, ewigen, einzigen Gott.

Der Mensch auf Erden lebt als ein Zustand des Wartens. Er bleibt in seinem Leben unstet, muss leiden. Allein die Zukunft ermöglicht ihm die Hoffnung. Jede Generation versucht, sich auf der Erde wohnlich einzurichten. Aber immer sind diese Versuche fehlgeschlagen. Was dem Menschen geblieben ist, ist Misstrauen gegen den anderen, ist großer Pessimismus. Von bleibendem Wert ist nur der gute Wille der Menschen „guten Willens“.

Was bleibt ist die Liebe, mit der die Menschen je und je zu Werk gehen, denn so nähern sie sich dem Urbild, dem göttlichen Reich, in dem alle gleich und Schwestern und Brüder sind. Niemals darf man den Menschen allein in irdischen Dimensionen betrachten, trägt er doch den Keim des Göttlichen in sich und das Streben hin zu jenem Reich. Sobald er wahrnimmt, dass er die Gotteskindschaft keimhaft in sich trägt, kann er sich nicht mehr damit zufrieden geben, einfach nur Mensch zu sein.

Eben deshalb ist der Mensch so unruhig, eben deshalb verlangt es ihn dauernd nach „Neuem“. Eben deshalb will er hinausgelangen über die Dinge dieser Welt, hin zum Unsichtbaren. Wir tragen die Keime zum ewigen, göttlichen Leben in uns diese wollen sich entwickeln und Früchte hervorbringen auf einer Ebene, die nicht mehr die unsere ist, sondern die des „Reiches“, von dem das Evangelium redet. In mir fließt Blut, das nicht von meiner irdischen Abstammung herkommt, von Vater oder Mutter. Das ist die größte aller Wahrheiten: Ich bin nicht nur der Arme Jahwes, sondern ein Kind Jahwes. Als Menschenkind bin ich geboren, durch die Gnade aber wieder geboren im Kind Gottes. Das alles ist die wirkliche Grundlage für unsere Größe und Motiv unseres Hoffens.

Ich bekenne mich in gewisser Hinsicht zur Evolution. Dahin bin ich nicht gelangt durch das Studium von Skeletten irgendwelcher Lebewesen, sondern durch die Erfahrung des Werdens in meinem Inneren, durch die Erfahrung jener Evolution, die aus mir, dem Menschenkind, ein Kind Gottes macht. Aus meiner religiösen Erfahrung darf ich bezeugen, dass das Wort von „Kindern Gottes“ nicht nur ein Vergleich, sondern Wirklichkeit ist.

Was ich gesagt habe, möchte ich mit einer kleinen Begebenheit veranschaulichen. In Tazrouk hatten die Kleinen Brüder Jesu eine Kommunität. Sie lebten mit armen Familien zusammen, die ehemals Sklaven der Tuareg waren, versuchten, ein wenig Getreide und Gemüse anzubauen, sowie alle, die dort waren.

Eines Abends näherte sich ein Schwarm von Störchen, die – es war Frühling – auf dem Weg in den Norden waren. Sie ließen sich direkt über dem Dorf nieder, um hier die Nacht zu verbringen. Ein Storch geriet mit den Beinen in eine der Kaninchenfallen. Die Nacht verging, die Kleinen Brüder hatten nichts bemerkt, das Tier verlor Blut. Alles war umsonst es noch zu retten. Der Storch starb noch am gleichen Tag.

Die Störche setzten am nächsten Tag ihren Flug fort – mit einer Ausnahme. Der männliche Gefährte des toten Storches – es hatte sich um ein weibliches Tier gehandelt – blieb. Er flog mit kläglichem Geschrei immer wieder die Stelle an, wo sich die Störchin verfangen hatte. Das ging so bis zum Abend.

Am nächsten Tag wiederholte sich das ganze. Die anderen Störche waren wahrscheinlich längst am Mittelmeer. Dieser eine suchte und suchte seine Gefährtin. Er blieb dann das ganze Jahr über. Tagsüber flog er aus, um sich Futter zu suchen, abends kehrte er klagend zu der bewussten Stelle zurück, wollte dort ruhen, wo die Gefährtin ihr Blut vergossen hatte. Die Kleinen Brüder gewöhnten sich an den Storch, und umgekehrt. Das Tier kam in ihrem Garten, nahm dort auch schon einmal etwas Fleisch oder Brot in Empfang. Es war rührend zu sehen, wie der Storch auf die Liebe und Zärtlichkeit der Männer reagierte.

Ich vergesse nie den Blick, die ständig gleiche Bewegung des Schnabels. Ich versuchte, das Tier zu verstehen, aber es ging nicht. Es war und blieb ein Storch. Beiden von uns war es unmöglich, die Natur gesetzten Grenzen zu überschreiten. Es gab keine Möglichkeit der Verständigung.

Doch hat mich dieser Wanderer einiges gelehrt. Von heißen Ländern war aufgebrochen, von Mali vielleicht oder von Niger. Ohne Radar und Karte hatte er Tausende von Kilometern zurückgelegt, um das Nest des Vorjahres wieder aufzufinden. Trotz dieser erstaunlichen Fähigkeiten war es ihm versagt, mich zu verstehen, meine Stimme zu deuten.

Oft habe ich an diese Begebenheit denken müssen, wenn ich über den Unterschied zwischen der menschlichen und der göttlichen Natur nachdachte. Zwischen beiden liegt ein Graben. Gott wohnt in der Transzendenz. In Gottes ewigem Geheimnis, dass er in unseren Tagen offenbart hat, ist aber beschlossen, dass dieser Abgrund, dieser Graben ausgefüllt wird. Gott macht, dass der Mensch wirklich zu seinem Kind werden kann. Es ist, wie wenn ich die Macht gehabt hätte, den Storch zu meinem Kind zu machen, mich von ihm begreifen zu lassen, ihn zu veranlassen, mit mir zu reden, mein Leben zu leben, meine Intelligenz, meine Liebe und mein Wollen zu haben.

Johannes drückt es so aus: »Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blute und nicht aus dem Wollen des Fleisches und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind« (JH. 1,12-13).

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zum Abschnitt (5) >>> Jesus…

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