Unser Weg durch die Wüste (vi) Gebet und Offenbarung

 

Gebet und Offenbarung

Ich habe gesagt, Betrachtung heiße nicht, Gott anzuschauen, sondern von Gott angeschaut zu werden. Dies habe ich im Gebet gelernt.

Auf was sollte ich denn beim Gebet achten? Ich kann versichern, dass ich mich niemals so kurzsichtig fühle, wie wenn ich beim Gebet die Augen Gottes suche. Gerade beim Gebet erkennst du klar deine Grenzen, deine Situation als Geschöpf, somit ein radikales Unvermögen und grenzenlose Armut. Vor allem spürst du das alles, wenn dich der Glaube über die Grenze zum Unsichtbaren hinaus führt. Hast Du Gefühl, Gesundheit, Verstand hinter dir gelassen und bist eingetreten in das Reich des Geheimnisses, dann geht dir auf, was Erde bedeutet.

Du bist Erde, die auf Licht wartet, du bist schwarze Masse, die nur ein fähiger Künstler zu einem Kunstwerk umgestalten kann. Es bleibt dir nur, dich niederzusetzen und zu hoffen. Lass alles hinter dir, Raum, Zeit, Vernunft und Kultur; blicke nach vorn, blicke über dich, deine Fähigkeiten und Grenzen, hinaus.

Warte! Lass ruhig zu, dass dein Herz, das Prüfung und Leiden mitgemacht hat, keine Hoffnung auf dieser Erde mehr findet. Lass den Tränen ihren Lauf! Denke nur an eines: Gott ist vor dir, er kommt auch zu dir. Betrachtung heißt nicht schauen, sondern angeschaut werden. Er blickt dich liebevoll an. Und dabei schenkte er dir, was du suchst: Sich selbst. Es gibt kein anderes Geschenk für den, der lange gesucht hat. Unser Herz ist unersättlich. Gott allein genügt. Die Dinge dieser Welt können nicht befriedigen.

Gott steht immer vor dir und blickt dich an. Sein Blick hat Schöpferkraft, kann aus Unmöglichem Mögliches machen. In der Genesis wird berichtet, wie er das Chaos und die Wasser anblickt – das Weltall entsteht! Ebenso schaut er dich an – es verwirklicht sich Liebe!

Gott liebt dich wirklich. Ich verdiene es zwar nicht, aber er liebt mich, liebt dich. Diese Liebe ist völlig ungeschuldet. Er liebt mich nicht, weil ich einen großen Wert habe, sondern weil er nicht anders kann als lieben. Gott ist die Liebe. Lass es an dir geschehen, lass dich lieben!

Wie kann ich aber den lieben, den ich nicht erkenne und nicht sehe? Ich weiß doch, dass Gott unerkennbar ist. Hier liegt eine wirkliche Schwierigkeit, aber sie löst sich auf in dem Gedanken, dass Gott als die Liebe sich erkennen lässt. Wie sich der unsichtbare und unberührbare Gott in Christus sichtbar gemacht hat, so teilt sich der unerkennbare Gott mit in der Liebe.

Nimmst du betend diese Liebe an, dann lässt er sich von dir erkennen. In deine Seele trägt er die Umrisse seines Antlitzes ein. Erinnern wir uns an Jesu Worte: Das aber ist das ewige Leben, das sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus (JOH. 17,3).

Dies ist das Geheimnis, das von Ewigkeit her verborgen war und in der Fülle der Zeiten durch Jesus Christus offenbar wurde: Schöpfer und Geschöpf, Vater und Sohn sollen eins werden. Da es sich um einen lebendigen Vollzug – Erkenntnis und Liebe einen mich mit Gott – handelt, tritt der Mensch durch die Erkenntnis ein in den Raum göttlichen Lebens.

Gott konnte mich nicht auf die Liebe als erstem Gebot verpflichten, ohne sich zuvor erkennen zu lassen. Es handelt sich hierbei nicht um eine Art analoger Gotteserkenntnis, die uns schon der Verstand vermitteln könnte. Es geht um wahre, übernatürliche Erkenntnis Gottes und wesentlich um dieselbe Erkenntnis, die ich haben werde, wenn der Schleier des Glaubens aufgehoben ist und ich Gott sehe von Angesicht zu Angesicht. Nur Gott selber kann mir diese Erkenntnis geben.

Wenn ich so viel über diese Dinge rede, so trägt Jesus selbst die Schuld daran. Er hat ja gesagt: Ich werde mich ihm offenbaren (JOH. 14,21). Gemeint ist der, der Gott liebt. Um diese Offenbarung Jesu bemühe ich mich, auf sie warte ich, sie ersehne ich. Alle meine Karten setze ich auf die Begegnung zwischen dem Sichtbaren  und dem Unsichtbaren, der Erkennbarkeit Gottes, die man doch erkennend und liebend durchbrechen kann.    

Ich bin mir wohl bewusst, dass ich damit zu einem Marsch in der Wüste und zu totaler Hingabe einlade. Ich weiß aber, dass sich der Einsatz lohnt, dass ich weiß – um mit Paulus zu reden –, »an wen ich geglaubt habe!«

Wir sollten uns das Folgende vor Augen halten. Du sagst, du habest keinen Glauben? Dann liebe, und der Glaube wird sich einstellen. Du bist traurig? Liebe, und die Freude wird kommen. Du bist allein? Liebe, und deine Einsamkeit ist zu Ende. Du fühlst dich gleichsam in der Hölle? Liebe, und du betritt das Paradies. Denn das Paradies ist die Liebe.

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zum Abschnitt (7) >>> Gebet und Leben

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