Unser Weg durch die Wüste – ZWEITER TEIL – ( v) Der russische Pilger

 

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ZWEITER TEIL

»Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, bei allem sagt Dank.« (1 THESS. 5,16ff)

Der russische Pilger

Wir begegnen dem berühmt gewordenen Pilger im Alter von 33 Jahren. Lassen wir ihn selber reden: »Durch Gottes Gnade bin ich Mensch und Christ. Mein Leben ist das eines Sünders. Vom Beruf bin ich Pilger, habe kein Haus. Ich bin sehr arm, Ziel von Dorf zu Dorf. Ich trage nur eine Tasche mit trockenem Brot bei mir und die Bibel, das ist alles.

Am 24. Sonntag nach Pfingsten kam ich in eine Kirche, um während des Gottesdienstes zu beten. Man las aus dem ersten Brief des heiligen Paulus an die Thessalonicher, wo es heißt: Betet ohne Unterlass!

Diese Worte haben mich nicht mehr losgelassen. Ich habe mich gefragt, wie es möglich sei, ohne Unterlass zu beten, wo sich doch jeder tausender Arbeiten widmen muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ich habe die Bibel durchforscht, aber ich fand immer wieder nur das, was ich dort im Gottesdienst gehört hatte. Man muss immer beten, bei allen Gelegenheiten im Geist beten, überall bittend die Hände erheben.

Ich habe gesucht, lange gesucht. Ich las die Bibel, fragte mich, wo ein geistlicher Lehrer sei, der mir weiser und erfahrener Führer sein könnte. Ich zog meiner Wege, ohne recht zu wissen, wohin ich gehen sollte.

Ich war sehr traurig, weil ich nicht verstand, was ich gerne verstanden hätte. Zum Trost las sich in der Bibel. So zog ich fünf Tage lang auf einer großen Straße, als ich einem alten Mann begegnete, der sehr alt aussah. Auf meine Frage antwortete er, er sei Mönch, lebe mit anderen Brüdern in der Gegend, etwa 10 km entfernt. Ich solle mitkommen, bei ihm einkehren. Er sagte: Wir haben Starzen bei uns, die können dir sicher geistliche Unterweisung geben und im Lichte des Wortes Gottes und der Lehre der Väter dich auf den rechten Weg bringen.

Meine Frage stellte ich also dem Starez. Dieser machte das Zeichen des Kreuzes und ergriff das Wort: Danke Gott, mein Bruder, dass er dir diesen starken Hang zum ständigen Gebet gegeben hat! Erkenne daran den Ruf Gottes, finde Frieden in dem Gedanken, dass die Begegnung deines Willens mit dem Wort Gottes auf eine harte Probe gestellt wurde. Gott ist es, der dich das verstehen ließ. Sicher wird es weder die Weisheit dieser Welt noch Eitles verlangen, noch Neugierde sein, die dich zum himmlischen Licht des inneren Gebetes führen. Nur Armut des Geistes, Einfachheit des Herzens und Erfahrung bringen dorthin.

Was die Autoren so sagen, stützt sich immer auf intellektuelle Spekulationen und Vernunftgründe, fast nie auf lebendige Gebetserfahrung. Was aber das Gebet ist und wie man es lernt – die grundsätzlichen Fragen –, das können dir die Prediger in diesen Zeiten nur höchst selten sagen. Es ist aber auch schwieriger als alle ihre Beweise und Argumentationen, denn dazu braucht es nicht nur scholastisches Wissen, sondern mystische Erfahrung.

Ohne häufiges Gebet findet man den Weg nicht, der zum Herrn führt – die Wahrheit erkennen, das Fleisch mit seinen Verführungen kreuzigen, im Herzen von Christi Licht erleuchtet sein, am Erlösungswerk Anteil nehmen.

Während wir so redeten, waren wir beim kleinen Kloster angelangt. Ich wollte mich jetzt nicht von dem Alten trennen, bevor meine Wissensgier befriedigt war, und beeilte mich zu sagen: Ich bitte euch, verehrter Vater, erklärt ihr mir, was das innere, ständige Gebet ist, und wie man dahin gelangt.

Wir betraten seine Zelle, und der Starez sagte zu mir: Das innere und ständige Jesus Gebet ist die dauernde, ununterbrochene Anrufung des Namens Jesu mit den Lippen, dem Herzen und dem Verstand, an jedem Ort und zu jeder Zeit, auch im Schlaf. Das Gebet heißt: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!

Wer sich diese Anrufung zur Gewohnheit macht, wird einen großen Trost davon haben und sie immer wieder wiederholen müssen. Nach einiger Zeit kann er ohne sie nicht mehr leben, wird merken, dass seine Lippen sie vielleicht nicht aussprechen, sie in seinem Inneren aber wiederholt wird. Verstehst du nun, was das ist, das ständige Gebet?

Wer in den Büchern zur Geschichte des russischen Pilgers weiterliest, erfährt im Folgenden die anfänglichen Freuden, aber vor allem die anschließenden großen Mühen des Pilgers beim Erlernen des Gebetes. Hören wir dem russischen Pilger noch ein wenig zu:

Eines Morgens war es, als ob mich das Gebet wecken würde. Ich wollte meinem Morgengebete sprechen, aber meine Zunge war wie gelähmt. Ich hatte nur das Bedürfnis, das Jesusgebet zu sprechen. Ich begann damit und war glücklich. Meine Lippen bewegten sich wie von selbst. Ich hatte keine Anstrengung dabei. Jeder Tag verging in Freude. Ich war wie gelöst von mir selbst und fühlte mich in einer anderen Welt.

Nun bin ich wieder auf der Straße, spreche unablässig das Jesusgebet. Es ist mir werter und teurer geworden als alles andere. Oft gehe ich mehr als 70 km am Tag und weiß gar nicht, wohin ich gehe. Ich fühle nur das Bedürfnis, zu beten. Wenn es sehr kalt ist, spreche ich das Gebet aufmerksamer, und schon wird mir warm. Wird der Hunger übermächtig, rufe ich den Namen Jesu häufiger an, und schon spüre ich keinen Hunger mehr. Fühle ich mich krank oder tun mir Beine oder Rücken weh, dann konzentriere ich mich auf das Gebet, und schon ist der Schmerz vorbei.

Wenn mich jemand beleidigt, denke ich nur an das Jesusgebet. Schon vergeht der Zorn, und ich vergesse alles. So bin ich etwas merkwürdig geworden. Ich sorge mich um nichts mehr. Nichts Äußeres hat mehr Gewalt über mich. Ich möchte nur in der Einsamkeit sein, ständig beten. Alles gestaltet sich in Freude.

Gott weiß, was mir widerfahren ist, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich glücklich bin, weiß, dass ich jetzt verstanden habe, was die Worte des Apostels bedeuten: Betet ohne Unterlass!

Wenn ihr nicht klein werdet…

Oft und oft habe ich die Erzählung des russischen Pilgers gelesen. Es handelt sich wirklich um einen mystischen Text von seltener Einheit. Diese Erzählung bezeugt mir zusammen mit anderen Texten ähnlicher Art die Wichtigkeit des Kindseins im geistlichen Leben.

Je mehr ich mich auf unserer Welt mit ihrer Kultur, ihren Riesenmaßstäben und ihren Formen der Spezialisierung eingelassen habe, desto mehr habe ich die Notwendigkeit gespürt, mein geistliches Leben einfach zu gestalten.

Je mehr ich mich herumgeschlagen habe mit der Problematik christlichen Lebens heute, desto mehr war ich bestrebt, kindlich und mit dem Herzen zu beten. Ich muss gestehen, dass mich heute eher die Schlichtheit eines Papst Johannes oder eines Charles de Foucauld anzieht, als all das, was zum Thema 2.Vatikanisches Konzil, also dem „Aggiornamento der Kirche“, gesagt und geschrieben wurde.

Für stolze Menschen, wie wir es sind, ist es sicher nicht einfach, zu Kindern zu werden. Deshalb hat es Jesus ganz hart formuliert: Ihr werdet nicht eingehen…

Vielleicht klingt es unglaubwürdig, ich bin aber der festen Überzeugung, dass am Beginn eines ernsten geistlichen Lebens ein Akt der Demut stehen muss. Der Weg zum Glauben oder das Reifen darin sind für nicht wenige Menschen einfach versperrt, unmöglich, weil sie es nicht fertig bringen, zu werden wie die Kinder, sich Gott zu überlassen in einer ganz kindlichen Weise.

Mit List und Tücke nähert man sich Gott. Kein anderer Weg aber wird mehr vom Evangelium abgelehnt als der, dem ewigen unermesslichen Gottbedingungen aufzuerlegen. Gott wird dich nicht erhören, im Lauf der Zeit richtest du dich selbst zu Grunde.

Der russische Pilger hatte ein kindliches Herz und stellte seinem Gott keine Bedingungen. Deshalb mag ich ihn so. Gott war es, der in das Beten lehrte, Gott hat ihn aufgenommen in seinen Frieden und in seine Freude – und das trotz seiner schrecklichen Armut und seiner grenzenlosen Leiden.

Klein müssen wir also werden, so klein wie möglich. Darin liegt das große Geheimnis des mystischen Lebens. Sind wir einmal an dem Punkt angelangt, an dem nur noch die betrachtende Seele und das liebende Herz zählen, dann verschwinden auch Hochmut und Stolz. Unser Ich, das sich am liebsten zum Zentrum des Universums machen würde, steht nicht mehr im Mittelpunkt. Um aber Gott schauen zu können, muss man sich die Augen demütig und das Herz einfach bewahren.

Eins sollten wir immer vor Augen haben: Beten heißt mehr zuhören als reden. Betrachten heißt mehr angeschaut werden als Anschauung. Wenn dies unser Bewusstsein durch waltet, dann sind wir bei der Wahrheit angelangt und das Gebet wird zu einem echten Lebensvollzug, zu einer wahren Lebenshaltung.

Von Gott angeschaut werden: so umschreibe ich Betrachtung, denn sie ist eher passiv als aktiv, ist mir Schweigen als reden, ist mehr Erwartung als Handeln.

Was bin ich vor Gott? Was kann ich tun, seine Offenbarung zu „verdienen“? Wenn Er mit dem Schlüssel des Wahrhaftigen schließt, öffnet keiner (vergleiche OFFB. 3,7), und wenn Er mit dem Schlüssel des Wahrhaftigen öffnet, schließt keiner. Er ist das aktive Element in der Liebe, er ist der erste. Er lässt es in mir zum Gebet kommen, er wird mir zum Gebet.

Ich weiß nicht, was euch im Innern widerfahren ist, ich kann nur sagen, was ich bei mir selbst erlebt habe: Er hat mich zuerst gesucht, ist mir nachgegangen. Er geht mir weiterhin nach. Erst war es recht schwierig, seine Gegenwart wahrzunehmen und seine Hand zu spüren. Jetzt aber habe ich Erfahrung in zu bemerken, auch wenn der Ort der Begegnung dunkler ist als früher und die Kraft der Erinnerung nachlässt.

Mit Gott habe ich noch nie große Schwierigkeiten im Glauben gehabt. Trotz meiner Untreue und meiner Sünden, meinem Egoismus und meiner Oberflächlichkeit gibt es doch nichts, kein Geschöpf und kein Naturding, was mir nicht von ihm redete, für mich nicht sein Wort, sein Zeichen und Hinweis wäre. Ich weiß mich ganz in Gott – so, wie das Kind im Leib der Mutter.

Diesen Vergleich empfand ich immer am treffendsten. Er macht deutlich, dass die Einigung mit Gott jetzt schon besteht, wie sich das Kind jetzt schon im Mutterleib befindet. Zwischen der Mutter und dem Kind, das sie im Leibe trägt, bestehen ins Auge springende Unterschiede. Die Mutter hat ganz bestimmte Möglichkeiten, ihr Mutterbewusstsein zu gestalten und ihre Mutter Liebe zu entfalten. Das Kind hingegen ist ganz hilflos, ist blind und mehr oder minder passiv.

Noch größere Unterschiede bestehen freilich zwischen Gott und mir. Das Maß meiner Blindheit ist weit größer als das bei einem Ungeborenen, unsere Möglichkeiten sind noch weit geringer. Ich glaube nicht zu übertreiben.

So bezeugt die Erfahrung eines jeden von uns, wie wahr doch Jesu Worte sind: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Nichts ist nichts, daran gibt es doch wohl nichts zu rütteln. Wenn Jesus sagt, ohne ihn können wir nichts tun, dann ist das, als ob er sagte: Mit mir könnt ihr alles vollbringen.

Eines der Paradoxe unserer Einigung mit Gott ist die Allmacht des Unvermögens – anders ausgedrückt: der Mut der Schwachheit, wie er im Ausruf des Paulus zum Ausdruck kommt: Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.

Als Kind im Schoße Gottes lebt man in Frieden und Sicherheit. In der Finsternis sieht man das Licht, angesicht des Todes bleibt die Hoffnung. Man muss sich einfach hingeben, im Glauben leben und dem ewigen Gott vertrauen.

Wenn ich aus der Gewissheit leben kann, dass Gott am Werke ist, während ich schlafe; dass er an mich denkt, während ich arbeite; dass er im rechten Moment eingreift und mir zuhört, wenn ich bete; dass er mein Morgen kennt – das ist wahrer Friede, ist Antwort auf alle Probleme des Glaubens.

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zum Abschnitt (6) >>> Gebet und Offenbarung

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