Unser Weg durch die Wüste (vii) Gebet und Leben

 

Gebet und Leben

Leben und Gebet kann man nicht trennen. Ein Leben ohne Gebet ist ein Leben ohne Verbindung zur wesentlichen Dimension des Existierens. Nur Sichtbares und Irdisches kann dieses Leben befriedigen, die Unendlichkeit und Ewigkeit menschlicher Bestimmung bleiben im verborgen. Die Welt, in der wir leben, ist keine profane Welt, auch wenn wir sie oft zu profanisieren versuchen. Sie ist hervorgegangen aus den Händen Gottes und wird von Gott geliebt.

Wenn man begreifen will, welchen Wert Gott dieser Welt zuerkennt, braucht man nur an das Leben und Sterben seines einzigen Sohnes zu denken. Im Gebet können wir dies verstehen, wie wir auch nur betend begreifen können, dass alles, was uns umgibt, in Gottes Augen einen heiligen Wert besitzt. Wer nicht betet, hält Gott aus seinem Leben heraus – und nicht nur Gott, sondern alles, was in der Welt, die er erschaffen hat und in der wir leben, auf ihn verweist.

Wollen wir das Beten lernen, dann müssen wir uns zuerst mit der unverkürzten Wirklichkeit des Menschen solidarisieren, mit seiner Bestimmung und mit der Bestimmung der ganzen Welt. Zu allem müssen wir Ja sagen. So hat es auch Gott selbst in der Menschwerdung getan.

Wir denken oft, zu Gott beten hieße, ihn an die Dinge zu erinnern, die er zu vollbringen vergessen hat. Beten ist in Wirklichkeit – wie Antoine Blum sagt – der Schritt nämlich, den Christus getan hat, als er ein für allemal Mensch wurde.

Hinsichtlich der Welt müssen wir also einen Schritt tun, der uns in eine Lage versetzt, aus der wir nie mehr entlassen sind. Das ist nicht leicht. Hinzu kommt, dass wir eine falsche Vorstellung davon haben, was Leben und Gebet sind.

Wir stellen uns vor, Leben sei Handeln, Beten hingegen bedeute sich irgendwohin zurückziehen, unseren Nächsten und unsere Situation des Menschseins zu vergessen. Das aber ist falsch. Das ist eine Verleumdung von Leben und Gebet.

Wenn wir im Rahmen unserer persönlichen Gottesbeziehung eine Art Isolierung errichten, dann erinnert er selbst uns daran, dass wir die Brüder nicht vergessen dürfen, dass sich unsere Liebe mit ihnen solidarisieren muss. Gott selbst hat uns in Jesus Christus das Gebot der Liebe gegeben – jedem von uns, der ganzen Kirche: »Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!« Diese Liebe heißt Selbsthingabe.

Wer zu Gott betet, muss mitleidend auf die gesamte Schöpfung blicken, auf ihre materiellen und ihre geistigen Inhalte. Arbeitswelt, Natur und Gnade gehören dazu, der Boden auf dem ich gehe, wie auch die Engel, an die ich um des Zeugnisses Christi willen glaube. Der Mensch, der das Geschaffene nicht annimmt, kann keine Beziehung der Liebe zu Gott haben, zu jenem Gott, der alles geplant hat und erhält. Es gibt eine Einheit des Ganzen, und die Mitte dieser Einheit ist Gott. Gott ist das Antlitz und das Herz des Universums. Verliere ich das Ganze der Wirklichkeit aus dem Blick, kann ich nicht wirklich Gesprächspartner Gottes sein, denn er hat mich gewollt, er will auch das Ganze.

Sicher gibt es manches um mich herum, das ich nur im Glauben verstehen kann. Das Gebet aber darf nicht erst beginnen, wenn ich alles begriffen habe. Ich kann sagen: Das verstehe ich noch nicht, Gott wird es mir erklären, wenn es an der Zeit ist. Das Gebet beginnt aber immer mit den Worten: »Vater unser im Himmel«. Das ist wirklich Optimismus!

Mit dem Wort „Vater“ sage ich: Ich vertraue dir, denn du bist Vater, und als Vater kannst du mich nicht enttäuschen. Zwar ist er ein verborgener Vater, aber doch ist der Vater. Darüber darf ich mich freuen, auch wenn mir vieles geheimnisvoll und verborgen bleibt.

Jemand sagte mir einmal: ich kann so lange an Gott nicht glauben, solange es leidende Menschen und Tiere gibt. Ja, das Wissen ist bedrückend, dass in der Schöpfung so viele Lebewesen auf Kosten von anderen leben. Solange ich aber grüblerisch bei diesen Tatsachen verweile, bin ich noch nicht eingetreten in den Raum des Geheimnisses. Der Tod wird mich ereilen, während ich noch an die Schlachthäuser dieser Welt denke.

Jeder darf sich ausdenken, wie es in der Welt aussehen müsste, wenn er sie geschaffen hätte. Ich denke aber, wir werden unsere Pläne schnell und beschämt verstecken und vernichten, wenn wir einmal Gott von Angesicht zu Angesicht sehen.

Unser Gebet wird rasch besser, intensiver, stärker, wenn wir Ja sagen zum Willen Gottes. Es existiert tatsächlich ein starkes Band zwischen Gebet und Leben. Im Moment erscheint es uns oft so, als seien sie getrennt. Am Ende werden wir erkennen, dass es eine Einheit war. Gebet wird Leben, Leben wird Gebet.

Heute hört man oft, man müsse ganz verfügbar werden, dass ein guter Anfang. Ich glaube, man muss weitergehen: wir müssen Gabe werden. Eine Gabe ist etwas Festes, worüber sich nicht diskutieren lässt. Wir lieben aber das Diskutieren so sehr! Eine Gabe ist etwas passives, während wir so gerne aktiv sind. Ein Geschenk ist ein Ausdruck von Liebe. Uns zieht aber Wahrheit mehr an, ist sie doch leichter fassbar, eher greifbar. Und jeder gefällt sich darin, seine Wahrheit zu haben!

Mein Leben muss also Hingabe werden. Dann wird es auch Gebet. Dann ist mir die Einheit meines Seins gelungen, dann betrete ich den Raum des Wirklichen. Wer Hingabe und Vollkommenheit lebt, ist Licht. Er ist Gabe für Gott und für die Menschen. Die Heiligen sind die Menschen, denen das gelungen ist.

So verstehen wir das Wort Jesu der gesagt hat: »Eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt« (JOH. 15,13).

Vor allem aber sollen wir niemanden verletzen. Wer jemanden verwundet, während Wahrheit und Liebe nicht geeint sind in ihm, beschwört Schreckliches herauf. Es ist wie ein Schlag, den man seinem Kind im Hass gibt. Wer nicht liebt, ist im Tode. Der Tod aber vermag nur Totes zu zeugen, auch wenn er alle Wahrheit zur Hand hat.

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zum Abschnitt (8) >>> Die Nacht ist am hellsten

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