Unser Weg durch die Wüste (viii) Die Nacht ist am hellsten

 

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Die Nacht ist am hellsten

Um 3:00 Uhr früh bin ich aufgestanden, um unter dem wunderbaren Sternenzelt von Beni-Abbes zu beten. Der Mond war nicht zu sehen; umso mehr traten die Sterne hervor – der große Wagen, die Jungfrau, und wie sie alle heißen. Bevor ich mit dem Beten beginnen, trinke ich mit meinen Augen förmlich dieses geheimnisvolle Sternenlicht.

Jeder hat doch seine eigene Art, wie er es anstellt mit dem Beten. Wichtig ist zunächst die Einsicht, dass es im allgemeinen nicht gut möglich ist, sich ganz einfach und ohne weitere Vorbereitung auf den Knien niederzulassen. Die Seele musste erst zur Ruhe kommen, oder man muss schlicht aus dem Schlaf erwachen. Ein wenig menschliche Klugheit und Erfahrung ist also durchaus am Platz, wenn es um etwas geht, das fordernd ist wie das Gebet.

In meinem Fall hilft das anschauen des Sternenhimmels. Andere betrachten vielleicht Blumen, Berge, Gewässer oder eine schlafende Stadt. Manche heften die Augen am liebsten gleich auf ein Kruzifix, wieder andere nehmen den Rosenkranz in die Hände. Worauf es ankommt, ist allein dies: dass wir begreifen, kleine Menschen zu sein, und das uns dementsprechend kleine Dinge helfen.

Unsere gute Seele ist etwas so kompliziertes! Gar nicht leicht ist es, sie zunächst „ruhig zu stellen“. Und erst der Körper! Er zwickt da und dort, und wir fühlen das Gewicht, das uns auf der Erde hält.

Aber da hilft nichts. Du musst diese deine Situation ertragen, musst Geduld haben. Zwar muss du dir auch dann und wann einen Stoß geben. Vor allem aber gilt es, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Es ist wirklich nicht leicht sich in „Gebetsstimmung“ zu bringen. Irgendetwas ist immer hinderlich.

Ich muss schon etwas lächeln, wenn ich höre »Alles musst du einbringen ins Gebet, dein ganzes Ich«, das ist schon sehr theoretisch gesprochen. Es ist, wie wenn man von einer Wüstenwanderung redet, ohne je eine gemacht zu haben. Alles einbringen? Gar nichts möchte ich „einbringen“. Ich möchte mich, meinen Kopf und mein Herz, vergessen, möchte die Gedankenwelt am liebsten in eine Kammer sperren, damit sie mich wenigstens für eine Stunde in Ruhe lässt.

Dann wird auch noch gesagt, man solle die Brüder, den Nächsten mitbringen ins Gebet, dürfe sie nicht vergessen dabei! Aber wann finden sich dann die Minuten, um ganz allein mit Gott zu sein? Zum Beten ist ein wenig Einsamkeit nötig, Abstand, Trennung. Deshalb ist die Wüste so wichtig, das Sichzurückziehen, das Niederknien.

Ich komme zurück auf die Mitmenschen. Jesus selbst ist es, der mich dazu verpflichtet – gäbe es ihn nicht, dann würde ich ganz in der Wüste untertauchen. Allen, die das Gebet in Gemeinschaft und mit den Nächsten fordern, sage ich – ich schenke ihnen 23 lange Stunden, aber lasst mich doch bitte die 24. allein mit Gott!

Ernst beten heißt also, wenigstens die 24. Stunde Gott zu schenken, ihm allein. Er ist Gott, hat einen Anspruch darauf, dass ich mich ihn widme, wie etwa ein Gast einen solchen Anspruch hat, der mich besuchen kommt. Wie tröstlich ist es doch, wenn man in ein Haus kommt und die Bewohner sich Zeit nehmen für dich, weil du gekommen bist! – Diese „heilige“ Gewohnheit ist uns Abendländern ein wenig abhandengekommen. Hier in der Wüste kennt und pflegt man sie noch wie zu Zeiten Abrahams.

Da ist einer, der sucht dich, möchte ein wenig mit dir zusammen sein. Gott selbst ist deshalb vom Himmel herabgekommen, ist deshalb Mensch geworden. Und die Eucharistie: hat sie nicht den Zweck, dass Gott möglichst lange bei dir, mit dir verweilen kann?

Nur wenn man das Gebet so versteht, kann es Trost und Hilfe werden. »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an« (OFFB. 3,20). Das Gebet hat Sinn und Bedeutung, weil ich betend um ein lebendiges Gegenüber weiß. So ist das Gebet echt, wahr, lebendig.

Die Sterne sind ein Stück Natur. Sie führen mich zu Gott, deshalb kann ich unter dem Sternenhimmel gut beten. Die Bibel ist das Wort Gottes. Auch sie führt mich zum Gebet. Wenn ich aber kann, bete ich am liebsten vor dem Altarsakrament. Dort ist Er gegenwärtig, durch den alles geschaffen wurde und den uns die Bibel als Erlöser aller Menschen vorstellt.

In der Eucharistie ist alles zusammengefasst, Natur und Bibel. Alle drei enthalten das Göttliche, aber die Eucharistie ist das größte. Sie ist die Fülle schlechthin, die in der Schrift genannte versteckte Perle. Sie ist der verborgene Schatz, ist Gott selber, der mir dort ganz nahe kommt.

Denkt daran, dass die Kirche immer an diesem Geheimnis des Glaubens festgehalten hat! Es geht um die lebendige Gegenwart Jesu. Ist das für mich nicht Rechtfertigung genug, dass ich dort, vor dem Tabernakel, bete? Ich glaube fest daran, dass Jesus eben nicht nur in der Messe gegenwärtig ist, sondern auch zwischen den einzelnen Messen, immer. Dieser Glaube hat mir unendlich viel geholfen und gegeben. Und vor dem Tabernakel habe ich das Beten gelernt.

Immer wieder trete ich hin vor den Tabernakel, denn dies ist der beste, der wahrhafteste Weg, zum unsichtbaren Gott zu gelangen.

Dort stehe ich am äußersten Grenzpunkt meines Menschseins. „Geheimnis des Glaubens“ – diese Worte gewinnen hier vollste Bedeutung. Der Verstand muss zurückbleiben. Nur der Glaube erfasst, dass in diesem Stück Brot Jesus gegenwärtig ist. Es ist ein nackter, dunkler, oft schmerzlicher Glaube.

Wenn ich aber mein ganzes Vertrauen auf das setze, was Gott gesagt hat, dann werde ich reich an Hoffnung und Liebe. Der Glaube bringt Hoffnung und Liebe mit sich, wie auch jede der drei göttlichen Personen die beiden anderen herbeiführt. Glaube, Hoffnung und Liebe führen dich ganz sicher hin zum unsichtbaren Gott.

Sie offenbaren mir den verhüllten Jesus. Ich weiß ihn gegenwärtig als Sohn Gottes und Sohn Mariens, als den Jesus des Abendmahls und des Karfreitags. Er begegnete mir als der Christus von gestern, heute und morgen.

Dieses Brot erzählt mir von ihm. Es redet von seiner Demut und Hingabe, fasst mir alles zusammen, was er gesagt und getan hat. Vor allem sagt es mir, dass ich mit dieser Nahrung ewiges Leben aufnehme (JOH. 6,58).

Um des ewigen Lebens willen, um unseres ewigen Lebens willen, ist er zu uns gekommen, sind wir auf ihn hin orientiert. Die ewige Gotteskindschaft ist Ziel von allem. Über Jesus komme ich zum Vater, über ihn weiß ich vom Vater, sehe ich den Vater. Er ist der Offenbarer des Vaters. Und diese Offenbarung ist ewiges Leben (JOH. 17,3).

Wir sollten aber gar nicht so viel darüber reden und nachdenken, sondern still werden und hören. Auch das ist eine Lehre, die uns der russische Pilger gibt. Sammle dein ganzes Sein in dem einen Satz: »Herr Jesus, erbarme dich meiner.« Wiederhole ihn immer wieder, Sorge dich um sonst nichts. Dieser Gebetsruf durchstößt die Mauer, die uns vom Unsichtbaren trennt.

Die Eucharistie ist wie die Wolke, die das Volk Gottes in der Wüste begleitete, wie die Feuersäule, die ihm voranging in dunkler Nacht. Diese Nacht ist aber keine Nacht mehr. Sie ist am hellsten von allem.

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zum Abschnitt (9) >>> Das Gebet dessen, der keine Zeit hat

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