Unser Weg durch die Wüste (ix) Das Gebet dessen, der keine Zeit hat zum Beten

 

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Das Gebet dessen, der keine Zeit hat zum Beten

Immer, wenn ich etwas zum Gebet geschrieben habe, erreichen mich Briefe wie diese: „Was du sagst, ist schön und gut, aber was soll ich tun? Die Arbeit lässt mir kaum Zeit zum Atmen. Familie, Beruf, Mitarbeit in der Pfarre… ab und zu muss man ja auch mal ein Buch lesen, und das Beten wird mir zur Anstrengung…“

Es gibt 1000 Beispiele und Ausreden. Tatsächlich muss es sich um ein riesengroßes Problem handeln, sonst wäre es nicht so verbreitet unter den Christen von heute. So waren es genau diese zahlreichen Einwände, die mich zum Schreiben des vorliegenden Buches veranlassten. Vielleicht trage ich gar nichts zur Lösung des Problems bei. Jedoch glaube ich schon, dass mein Grundgedanke – die Dinge dieser Welt auf Transzendenz hin zu übersteigen – zuerst die anspricht, die in dieser Welt sind. Nur, wenn man zuerst „drinnen“ war, kann man sich das „Darüberhinaussteigen“ leisten.

Denken wir also an die Menschen, die einen vernünftigen Ausgleich versuchen zwischen harter Beanspruchung im Alltag und dem Gebet. Ich würde ihnen sagen: Nehmt ein Stück Papier her und schreibt folgendes Gebet – es stammt von Pater de Foucauld – darauf:

Mein Vater,
dir gebe ich mich ganz hin.
Was du auch mit mir tust – ich danke dir.
Ich bin bereit zu allem und nehme alles an,
wenn sich nur dein Wille an mir
und an allen Geschöpfen erfüllt.
Ich möchte nichts anderes, mein Gott.
In deine Hände befehle ich meine Seele.
Ich liebe dich, mein Gott,
und deshalb übergebe ich dir meine Seele
mit der ganzen Liebe meines Herzens.
Aus Liebe möchte ich mich dir immer wieder hingeben,
ohne Vorbehalte,
vertrauensvoll.
Denn du bist mein Vater.

Wiederholt dieses Gebet so oft, bis ihr es auswendig könnt. Pater de Foucauld hat das mitten in der Wüste, und der Nomaden und Kamelen, geschrieben! Man täusche sich freilich nicht: Gerade das geschäftige Treiben der Nomaden zeigt an, dass es sich um Menschen handelte, die viel arbeiten, ihr Brot sauer verdienen. In seinem Tagebuch lesen wir: »Heute musste ich in meiner Einsiedelei mehr als 400 Personen empfangen. Wo wird das mit deiner Klausur enden, Bruder Charles?«

400 Menschen hat dieser Mann an einem Tag empfangen! Da kann man sich doch auch Fragen: wo hat er seine Zeit hergenommen? Wann, wo blieb ihm Zeit, seine beachtlichen Wörterbücher und Bibelübersetzungen anzufertigen, gleichzeitig aber auch noch Kontakt mit allen zu halten? Dabei war er auch noch allein, musste für sich selbst kochen und von Zeit zu Zeit seine Kleider waschen.

An einer anderen Stelle des Tagebuchs heißt es: »Heute feiern die Araber von Beni-Abbes. Sicher kommen sie nicht zu mir in die Einsiedelei. Welche Freude, acht lange Stunden allein zu sein und beten zu können! Jesus, welches Glück, Dich in der Hostie betrachtend anbeten zu können, dich zu bitten, zu lieben.«

Es kommt wohl darauf an, in sich zunächst einmal den Wunsch nach Gebet zu entdecken. Ich bin sicher, dass dieser Wunsch das Gebet entstehen lässt. Das Jammern, man könne nicht die Zeit zum Beten finden, genügt nicht. Zuerst müssen wir ehrlich unser Gewissen erforschen. Vielleicht ist unser Klagen nur eine Entschuldigung wegen eines schlechten Gewissens.

Habe ich keine Zeit (nehme ich mir keine Zeit), dann brauche ich auch nicht zur Kirche zu gehen und dort eine kleine Stunde zu beten. Wenn ich sie aber einmal habe, dann darf ich keine feigen Ausflüchte suchen. Sonst beweise ich, dass mein Wunsch nicht ernst, mein Klagen unberechtigt war.

Beten heißt lieben. Man liebt Gott, wie man Menschen liebt, Geschwätz gilt dann nicht. Liebt einer seine Braut wirklich, dann braucht er seine Arbeitsverpflichtungen und sein Fernsein nicht ständig zu entschuldigen. Sie versteht das alles ohne weiteres. Selbst zeitweilige räumliche Trennung kann die Liebe nicht zum Aufhören bringen. Lest das Hohelied. Dort kommt ganz klar zum Ausdruck, dass es mit der Liebe zwischen Menschenseele und Gott so ist wie mit der zwischen Braut und Bräutigam.

Hast du keine Zeit zum Beten, so frage dich doch ehrlich, ob du Zeit zur Liebe hast. Kann man sich nicht auch auf Abstand? Was empfindest du, wenn du an Gott denkst? Erfüllt es dich mit Freude und Zuneigung?

Ist es vielleicht nicht möglich, ein kurzes Gebet auch einmal während der Arbeit zu verrichten? Oder abends, nach Schluss zu beten: »Mein Jesus, Barmherzigkeit. Wir sind nichts als Sünder!«

Warum richtest du dir nicht eine Art Oratorium in deinem Zuhause ein, dort, wo du lebst, liebst und leidest? Mein Leben als Kleiner Bruder hat mich gelehrt, wie hilfreich das ist. Wenn wir unterwegs sind und an einen neuen Ort kommen, sind wir Kleinen Brüder geradezu gehalten, uns zuerst einen Ort zu schaffen, wo wir leichter beten können. Das ist wichtiger als Küche oder Schlafstätte, denn dort sollen wir Trost finden, sollen wir Gott begegnen. Oft ist es nur ein Teppich an der Wand mit einem Kreuz und einem Bild der Mutter Gottes…

Wer viel beschäftigt ist, wird durch eine solche Stätte immer wieder an das Gebet erinnert werden. Er kann abends dort einige Momente verweilen, im Evangelium lesen, mit den anderen aus der Familie beten.

Und dann gibt es ja die Möglichkeit, dass sich Menschen in Wohnungen zusammenfinden, dort beten, ja selbst mit einem Priester anbeten und Eucharistie feiern. Wie schön ist es, sich die Stadt von morgen vorzustellen, in der da und dort ein Licht aus den Wohnungen die Gegenwart Jesu anzeigt!

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zum Abschnitt (10) >>> Die Seligpreisungen

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