Unser Weg durch die Wüste – DRITTER TEIL – (x) Die Seligpreisungen

 

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Nur wer Gott betrachtet, kann überzeugend zu Mitmenschen sagen: komm und sieh, wie schön er ist! Sie hinführen zu betender Betrachtung – das ist die Seele eines jeden Apostolats. Du bist dazu nur in der Lage, wenn du selbst im Gebet geschaut hast. Nur dann kannst du sagen: komm mit mir auf den Heiligen Berg, mein Bruder! Komm und siehe selbst! Gott führt durch Gnade die Menschen zu sich, bedient sich dabei deines Beispiels und Vorbilds.

Noch so raffinierte Methoden, die wir uns zur Verkündigung ausdenken, garantieren den Erfolg nicht. Was wir können, ist, den Lichtschein der Seligpreisungen aufleuchten zu lassen, der dann sichtbar wird, wenn wir Jesus nahe sind.

Wenn ein Mensch verkündet, so ist das, wie wenn der Mond einen dunklen Pfad erleuchtet. Der Mond hat sein Licht nicht von sich selbst, sondern von der Sonne.

Christus ist die Sonne für diese Welt. In der Nacht, in der sich die Menschen befinden, braucht es jemanden oder etwas, wodurch das Sonnenlicht zunächst gesammelt wird. Das Licht Jesu muss also zunächst aufstrahlen in dir, wenn du andere erleuchten möchtest.

Willst Du andere bekehren, so unterlasse es ruhig, auf deine Weisheit zu bauen. Was zählt, ist einzig dein Vermögen, das Licht Jesu widerzuspiegeln.

Vor allem musst du die Seligpreisungen leben. Sie fassen den Sinngehalt des Evangeliums, die Lehre Jesu wunderbar zusammen.

– Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich
– selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden
– selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen
– selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden
– selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
– selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen
– selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen
– selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich

Selig die Armen im Geiste

Papst Innozenz III. war von äußerst pessimistischer Natur und sah überall die Sünde am Werk. In seinem Büchlein De Contemptu Mundi vergleicht er den Menschen mit einem umgestürzten Baum. In der Begegnung mit dem Armen von Assisi, dem Heiligen Franz, dem man nicht nur Demut, sondern auch Freiheit und Freude zugleich ansah, da hatte der Papst andererseits den Eindruck, der Baum stünde wieder aufrecht da, der Mensch habe zurückgefunden zu seiner Ursprungsherrlichkeit.

Man muss nur arm werden. Schon ist die von Gott ursprünglich verliehene Menschennatur in ihrer Schönheit wiederhergestellt. Unser Reichtum, unsere Intelligenz und unser Herz machen uns hässlich, verleihen uns lächerliche Züge. Was aber bedeutet in der Redeweise Jesu „arm“, was bedeutet „reich“?

Für die meisten Christen, die von Erneuerung der Kirche reden, ist der „Arme“ der unterbezahlte, schlecht gekleidete, hungernde Mensch Lateinamerikas oder das hungernde Kind in Afrika. Armut ist in diesem Verständnis gleichzusetzen mit Elend. Von da her ist der Ruf verständlich, die Kirche solle sich den benachteiligten und unterdrückten Menschen zuwenden.

Welche Bedeutung erhält wohl die Seligpreisung der Armen durch Jesus vor solchem Verständnishintergrund? Jesus hätte demnach sagen wollen: selig die Einwohner von Äthiopien, die Hungers sterben, selig die brasilianischen Kinder, die sterben, bevor sie überhaupt die Chance auf einen Bildungsweg haben, selig… Dann wäre es wohl dem Wunsch Jesu geradezu entgegengesetzt, wenn wir handeln, um jene Armen zu bekleiden und zu ernähren, denn das alles würde ja ihre Seligkeit mindern.

Der Arme im biblischen Sprachgebrauch ist nicht der Hungernde und Arbeitslose. Es handelt sich um einen ganz „normalen“ Menschen, um einen, der Wohnung, Kinder und Arbeit hat wie alle anderen auch, der seinem Beruf nachgeht, sich bei Bedarf Kleider kaufen kann und einen Arzt aufsuchen, wenn er krank ist. Der Arme kann Minister sein oder Bischof, Bauer oder Angestellter, Künstler oder Arbeiter, jung oder alt.

Der Arme ist ein Mensch!

Welchen Menschen darf man nach biblischem Sprachgebrauch „arm“ nennen? Der Mensch ist arm, der in Leid und Schmerzen oder auch im Lichte Gottes klar erkennt, was es bedeutet, Mensch zu sein. Es betrifft den Menschen, der seine Grenzen erkennt und anerkennt, dem sich das Geheimnis enthüllt, was es bedeutet, Geschöpf zu sein und nicht Schöpfer.

Der Mensch ist es, der versteht, was es bedeutet, krank zu sein, verletzbar, Sünder, bedürftig, eingespannt in das Kräftespiel der Mächtigen, an dem er nichts ändern kann; der Mensch erleidet und Furcht kennt, der, der Hilfe und Liebe braucht. Er ist selig oder wird selig, wenn er diese seine Grenzen anerkennt, sie annimmt aus den Händen Gottes im Wissen, dass sich nur so das Reich Gottes verwirklichen kann.

Natürlich gehören zu den „Armen“ auch die Arbeitslosen, Hungernden und Ausgebeuteten. Aber nicht sie allein sind es, und sie werden nicht deshalb selig gepriesen, weil sie nichts zu essen haben. Nur wer liebend sein Elend annimmt, wird zu einem „Seligen“; tut er es nicht, so kann er durchaus ein „Reicher“ im Geiste sein, obwohl er arm ist an Besitz.

Jeder von uns gehört in gewisser Weise der Kirche der Armen an. Jeder, gleichgültig, aus welcher sozialen Schicht er kommt, darf sich dem Gebet der Kirche anschließen, in dem sie sich als arm und hilfsbedürftig bekennt. „Posten“ oder „Positionen“, die einer innehat, spielen dabei überhaupt keine Rolle.

Wenn Jesus von den Armen spricht, denkt er an alle Menschen, nicht an eine bestimmte Kategorie. Er wollte keine rassistischen Ideen verbreiten, auch nicht eine Gruppe von Fanatikern und Fundamentalisten versammeln. Die Seligpreisung der Armut steht an erster Stelle in seinem Programm; sie bezieht sich auf das ganze der Wirklichkeit. Das ist ja das Wirklichste von allem, dass wir arm sind.

Als Kinder sind wir ganz arm, brauchen Unterstützung und Hilfe von allen Seiten. Als Erwachsene sind wir arm, verlangen nach so vielem, was wir nicht besitzen. Ganz arm sind wir im Tod, denn wir haben alles zu verlassen. Ist es in solcher Betrachtungsweise etwa nicht richtig, den Menschen als „Armen Jahwes“ zu definieren?

Schließlich ist ja auch Jesus – durch die Menschwerdung – ganz arm geworden. Arm war er in der Krippe und am Kreuz, arm beim Arbeiten und unter den Angriffen, denen er ausgesetzt war. Jesus hat uns nichts Neues gesagt damit, dass wir arm sind. Es handelt sich um nackte Wirklichkeit, die wir an jedem Tag unseres Lebens besser verstehen.

Neu ist, dass Jesus uns Arme seliggepriesen hat. Er hat uns klargemacht, dass dann, wenn wir diese unsere Armut liebend und vertrauend annehmen, uns schon auf Erden ein wenig Glückseligkeit zuteil wird.

Mehr Übel und Leiden in dieser Welt kommen sicher daher, dass Menschen sich mit der Wirklichkeit nicht abfinden, als vom wirklich Bösen. Es gibt Menschen, die können das ganze Leben hindurch nicht Ja sagen zu sich und ihrer Wirklichkeit.

Traurig ist es, aber es ist so. Die Seligpreisungen können auch aus diesen Formen der Knechtschaft befreien. Durch Christus und mit seiner Hilfe nehmen wir auch im Antlitz des hässlichsten Menschen noch eine Schönheit wahr, die geistgewirkt ist. So hat Papst Innozenz III. im Heiligen Franz schließlich einen Menschen ohne Komplexe gesehen, einen echten Menschen ohne Maske. Maske heißt Reichtum. Wir sollten immer wieder daran denken.

Wenn die Schrift von Reichen redet, so ist dabei nicht an Immobilien und Festgelage zu denken. Das Verwerfliche an der Haltung des reichen Prassers ist, dass er den Lazarus ausschließt, nicht sein Reichtum. Reichtum heißt den Bruder vom Fest ausschließen, andere berauben, habgierig zusammenraffen, nur an sich selbst zu denken.

Die erste Seligpreisung ist also sehr weit, sehr umfassend! Was aber haben wir Christen daraus gemacht!

Der wirklich Arme ist sich nicht nur seiner materiellen Grenzen bewusst, sondern ebenso – und mehr noch – schließt er jede Art von geistiger Überheblichkeit aus, weiß um seine Grenzen des Geistes. Er zieht gleichsam einen Grenzzaun um sein Herz, damit dort nicht alle möglichen, unnützen und gefährlichen Nichtigkeiten Einzug halten.

Die Reichen des Geistes, die Überheblichen und Stolzen, richten unter Umständen mehr Schaden an als die an Geld Reichen. Hochmütig wird sehr rasch der Mensch, der meint, die Wahrheit – oder die Kultur – für sich gepachtet zu haben.

Eine Gruppe von Reichen dürfen wir nicht vergessen. Ich denke an die, die sich für fromm halten, dabei sehr sicher sind, sich der Religion bedienen, wie man sich eines Besitzes bedient. Sie dienen nicht, sondern bedienen sich. Anstatt mit dem letzten Platz zufrieden zu sein, wollen sie immer weiter aufrücken nach oben (vgl. MT 23).

Jesus hat mit solchen nichts zu tun haben wollen. Er wusste, dass seine Worte bei den Pharisäern nicht ankommen konnten. Vergessen wir nicht: Jeder von uns kann aufs neue zum Pharisäer werden, Christus in seinem Herzen töten. Einziger Schutz dagegen ist, wenn wir uns immer wieder vor Augen halten, dass wir arm sind, klein und arm.

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Was heißt das – arm sein? Was wollte Jesus sagen, also die Armen seligpries? Immer neu stellen sich diese Fragen, immer wieder neu legen die Christen sie sich vor. In unserer sogenannten Wohlstandsgesellschaft möchten Sie klar sehen, wollen eine verantwortliche Haltung einnehmen.

Fast bei jeder Versammlung auf kirchlicher Ebene ist davon die Rede. Müssen wir allem Überfluss verkaufen? Darf ich mir ohne weiteres neue, modische Kleidung erwerben, üppige Urlaubsreisen planen und mitmachen? Sollten wir nicht all unseren Besitz zusammenlegen und leben wie die Christen, von denen die Apostelgeschichte redet? Die Antworten bleiben unbefriedigend.

Wir sind auf einem falschen Weg. Wir möchten Früchte, ohne uns zu dem Baum zu begeben, auf dem sie wachsen. Die Armut – jene, die ein Franziskus gelebt hat – ist eine reife Frucht, nicht die Antwort auf ein Problem. Der Baum, auf dem sie wächst, ist der Baum der Liebe.

Der Baum der Liebe ist nicht der Baum sozialer Gerechtigkeit oder Menschenfreundlichkeit. Schon gar nicht ist der  Baum des hochmütigen Zeugnisses, mit dem man beweisen will, besser zu sein als die anderen.

Der Baum der Liebe ist eben der Baum der Liebe. Nur der Liebende vermag die evangelische Armut zu leben. Ohne Liebe bleibt die Armut etwas Verkrüppeltes und Verstümmeltes, ist keine Seligkeit.

Bevor ich also die Frage nach der Armut stelle, muss ich mich erst bemühen zu lieben. Ich muss versuchen die Brüder so zu lieben, als ob sie mir ganz gleich wären. Das ist wahre, echte Liebe. Sie trägt sehr, sehr weit.

Vor allem muss ich herabsteigen von oben. Allmählich komme ich so zu wahrer Demut und zur Erkenntnis, dass alle Menschen gleich sind. Wir müssen jede Art von Einbildung ablegen, sonders die, wir seien gescheiter und begabter als die anderen.

Gesellschaftliche Übereinkünfte, die dieser Hautfarbe und jenem Blut einen höheren Wert zu erkennen, müssen verschwinden. Entsprechendes gilt für die Einstellung zur Kultur oder Religion. Nur so werden wir arm, werden wir arm im Herzen und im Geist.

Wenn ich den Mitbruder wirklich liebe, dann heißt das mehr, als dass ich ihn als mir gleich erachte an Intelligenz und Einkommen. Vor allem muss ich geistige Überheblichkeit ablegen. Gerade das kreiden uns die jungen Völker Afrikas und Asiens so an. Einen Schwarzen in Äthiopien trifft die Arroganz des Westens sicher mehr als das der materielle Reichtum der Weißen tut.

Dagegen vor allem richten sich die Worte Jesu – gegen Menschen, die sich für besser halten als andere, weil keine Liebe in ihrem Herzen ist. Wie ist es bei Liebenden, von denen der eine Teil reich, der andere arm ist? Der Reiche wird dem Geliebten alles geben, was er geben kann; der Arme verbirgt seine Armut in Demut, schenkt, was er schenken kann. Die Liebe durchdringt beide und fügt sie zu einer Einheit.

Liebe macht gleich und fügt zusammen. In diesem Sinne ist sie die Voraussetzung evangelischer Armut. Der so Liebende folgt Jesus nach, der für uns ganz arm wurde, indem er uns gleich geworden ist. So aber hat er uns reich gemacht mit seinem Reichtum.

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Jesus wächst heran in einem kleinen Ort, arbeitet, um leben zu können. Seine soziale Lage ist sicher schlechter gewesen als die vieler Menschen. Vergessen wir nicht, dass er gestehen muss, nicht zu wissen, wohin er das Haupt legen soll, nachdem er die Arbeit in Nazareth aufgegeben hat, um sich ganz der Verkündigung zu widmen. Wohlwollende Frauen helfen ihm ein wenig. Und gerade dieser Jesus preist die Armen selig!

Denken wir auch an sein Wort: »Was nützt es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, aber Schaden zu leiden an seiner Seele?« (MK 8,36). Jesus, der dem „Selig“ das „Wehe“ entgegengesetzt, hat wohl seine guten Gründe dabei. Sicher hält er uns nicht zum Narren.

Die Liebe Gottes will nur eines: uns retten. Gott sinnt Gedanken des Friedens, nicht des Verderbens. Um uns zu retten, will er, dass wir unter den Bedingungen leben, die zur Erreichung des Zieles am günstigsten sind.

Was für ein Mensch war Jesus? Er hat gearbeitet, war weder verelendet noch reich. Er wusste um die Grenzen des Menschen. Diese Grenzen lehren ihn den Wert von Wasser, Brot, einem Haus. Er hat Würde, weil er sich müht und arbeitet, hat sie nicht als Erbstück von den Eltern. Er liebt das Echte, verabscheut alles Gekünstelte, alle Tricks. Er hält nicht zum Narren, will nicht übervorteilen. Er ist schlicht und einfach.

Das Modell dieses Menschen tragen wir alle in uns, das Modell des Menschen, wie Gott ihn haben will. Es ist der Arme Jahwes, von dem die Schrift so viele redet. Abraham und Moses waren ja zuerst Arme Jahwes. Die Propheten waren es, Amos, Ezechiel, Jesaja – einfache, betende, geduldige Menschen.

Von der ersten Seite des Alten Testamentes bis zur letzten ist nur Platz für den „Armen Jahwes“. Die Armen bilden die Kette, deren letztes Glied dann Jesus ist, der Arme Jahwes schlechthin. Kein Platz für die Machthaber, die Reichen, die Hochmütigen.

Es bleibt jedem die Freiheit, Gott zu lieben oder nicht. Jeder kann wählen, wie er will. Ich wähle meinen Platz gerne unter den Armen. Nur sie können wirklich lieben.

Selig die Sanftmütigen

Dieses Kapitel über die Sanftmut würde ich am liebsten angesichts des Grabes von Martin Luther King schreiben, oder an dem von Gandhi. Beide sind sie Jesus sehr nahe gekommen, haben mit ihrem Blut den Wert der großen Revolution bezeugt, die der Sohn Gottes auf dieser kranken, verwüsteten, von Gewalttaten entstellten Erde auslösen wollte – die Revolution der Sanftmut. Die großen Märtyrer des Friedens müsste man vor Augen haben, alle Opfer von Gewalt und Hass. Sie alle sind Jesus nachgefolgt, ihm, der mit Recht als ein sanftes Lamm vorgestellt wird.

Gott hat es gefallen, Bilder zu wählen, unter denen er sich uns in geeigneter Weise vorstellen könnte. Es gibt zwei davon: die Taube und das Lamm. Die Taube versinnbildlicht den Geist Gottes, den lebendigen, da und dort wirkenden Geist. Das Lamm verweist auf Christus in seiner Sanftmut und Demut. Der Mensch hingegen, der sich besonders schlau wähnt, würde lieber den Löwen wählen oder ein anderes Tier, das diesem ähnelt. In seinem Wahn denkt er daran, wie er die Erde erobert und gestaltet hat.

Seit Tausenden von Jahren möchte man die Erde erobern, und noch ist es nicht gelungen. Löwen, Tiger und Schlangen werden auf dem Feldzeichen in den Kampf geführt. Am Abend des Kampfes ist aber immer alles in Blut gebadet, Ruinen und Verwüstung kennzeichnen das Feld.

Man ruht ein wenig aus, verbindet die Wunden, und bald ist wieder alles Entsetzen vergessen: Das ganze beginnt von vorne. Wieder denkt man, dieser eine Kampf würde Frieden bringen, aber wiederum hat man sich getäuscht. Es ist ein trauriges, ein verrücktes Spiel.

Ist nicht selbst Jesus zu dem Schluss gekommen, dass die Menschen verrückt sind? Er stirbt am Kreuz, die Menschen haben ihn dorthin gebracht. Da spricht er sein Urteil über die Menschen aus: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«

Heißt das nicht mit anderen Worten, dass die Menschen verrückt sind? Freilich ist der Mensch nicht bereit, diesen Titel anzunehmen. Verrückt waren vielleicht die, die früher einmal gelebt haben, oder bestimmte politische Führer. Keiner ist aber bereit, den Titel auf sich selbst zu beziehen.

Stattdessen wird der zum Narren erklärt, der den Menschen als „verrückt“ definiert: Jesus selbst. Man legt ihm im Verlauf seines Prozesses regelrecht ein Narrenkleid an. Du bist ein wirklicher Name: Hast du nicht verlangt, man solle dem Feind, der schlägt, auch noch die andere Wange hinhalten? (MT 5,39) Wir sind nicht Narren wie du. Gewisse Narrheiten tun wir eben nicht, wir denken nicht einmal daran, sie zu tun.

Ist es nicht so, meine Brüder? Ja, leider ist es so. Man spürt es immer wieder dann sehr deutlich, wenn zu einem sozialen Kampf aufgerufen wird oder zur Befreiung eines Volkes, wenn man daran denkt, die Menschheit auf dem Weg zur Gerechtigkeit wieder einmal einen großen Schritt voranzubringen.

Die Welt und Jesus Christus lassen sich nicht für einen. Spürt nicht das Menschenherz, dass der Geist dieser Welt und der Geist Jesu nicht zusammen wohnen können? Ich bin nun nicht der geeignete Mann, den Löwen zu überzeugen, dass das Lamm im Recht ist. Ich möchte nur dem helfen, der noch nicht eindeutig entschieden hat zwischen den beiden Lagern, den Christen auch, der zwar das Evangelium anerkennt und liebt, aber in Versuchung ist, sich auf die andere Seite zu schlagen, weil ihn beeindruckt, wie scheinbar erfolgreich Gewalt sein kann.

Viele sagen, ohne Waffen erreiche man nichts. Ich antworte im Namen Jesu: das ist nicht wahr. Man erreicht sehr viel, erreicht mehr ohne Waffen. Gandhi und King haben das durch ihr Leben bezeugt. Sie haben daran geglaubt, dass Sanftmut eine Seligkeit ist. Nicht nur für sich haben Sie das für Wahrheit gehalten, nicht nur für einzelne, sondern für ganze Völker. Auf diesem Weg wollten sie eine umfassende Befreiung erreichen.

Es ist aber sehr schwer, an die Macht der Sanftmut zu glauben. Jesus hatte Recht: »Hättet ihr Glauben wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Berg sagen: Hebe dich hinweg!«

Ein Glauben so groß wie ein Senfkorn – das ist nicht sehr viel. Wir haben aber nicht einmal dieses Maß an Glauben, mit anderen Worten, wir glauben nicht an Jesus. Ohne Gerechtigkeit zu wollen, gehören wir doch auf die andere Seite. Sein Wort tut uns weh, erweckt bei uns Anstoß, bestürzt uns zumindest. Wie kann man dem Wolf Einhalt gebieten ohne geeignete Waffe?

Erscheint die Gewaltlosigkeit so stark, dass man mit ihr zum Ziel kommt, die öffentliche Meinung beeinflussen und Regierungen stürzen kann, dann versucht man es mit Gewaltlosigkeit. Geht das Spiel aber nicht auf und lachen die Machthaber über die Gewaltlosen, da kehrt man rasch zur Gewalt zurück. Die Menschen schwankten wie die Rohre im Wind, ihr Glaube ist schwach.

Seligkeit schaut nicht auf Erfolge, sondern auf den ewigen Gott, auf den, der gesagt hat: »Ich habe die Welt überwunden.«

Seligkeit willen nicht sofort den Sieg. Sie vertraut dem, der schon gesiegt hat. Seligkeit liegt darin, sanftmütig zu sein. Die Ergebnisse hängen letztlich nicht von uns ab, von unserem Wollen und Können. Ja, die Seligkeit der Sanftmut kann zum Tode führen, wenn wir an King und Gandhi denken. Diese Art das Leben zu beenden ist aber ein guter Tod, und die Seligkeit endet mit dem Tod nicht. Die Seligkeit ist ewig wie Gott selber. Ihm vertraue ich, wenn ich auf dieser Erde sterbe, auch wenn es der Märtyrertod sein sollte.

Jesus hat keine Legionen der Engel herbeigerufen, um die Gewalttätigen und Übeltäter zu vernichten. Er bleibt seinem Programm treu. In seiner Sanftmut ist er selig, und er weiß, dass diese Sanftmut am Ende siegen wird.

Jesus sagt uns: »Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.« Also ist die Erde in der Haltung der Sanftmut zu verwalten. Man sage mir nicht, das sei schwer. Ich weiß ja, dass es schwer ist. Unsere Sünden, unser kleiner Glaube und das Fehlen guter kindlicher Instinkte sind schuld daran, dass wir den Forderungen des Evangeliums nicht nachkommen. Deshalb sind wir nicht selig, haben Angst, sind unentschlossen und kleinmütig.

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Da höre ich Einwände: aber wir glauben doch auch an Gott und den gerechten Menschen! Wir wollen Völker und Menschen befreien, aus den Klauen von Kapital und Macht herausholen. Wir wollen, dass Hautfarbe, Rasse, Migrationshintergrund etc. keine Rolle mehr spielen. Und doch glauben wir, dass wir dabei mit Macht und Gewalt besser zum Ziel kommen. Mit daran Schuld ist unsere Ungeduld, unser Mangel an gerechter und gottgerichteter Geduld, man könnte auch sagen: Die Illusion schneller Lösungen führt zu Gewalt.

Ich erinnere mich an eine Geschichte aus den Südstaaten der sechziger Jahre, wo die Schwarzen um ihre Freiheit kämpfen mussten. Ein kleiner Schwarzer namens Tom war, wie jeden Tag nach der Schule, zur Zeitungsagentur gegangen, um sich einen großen Pack Zeitungen abzuholen. Er hatte die Zeitungen zu den Austrägern zu bringen, bevor er nach Hause gehen und essen konnte.

Eines Tages geschah es, dass er großen Drang verspürte, sein kleines Geschäft zu verrichten. So zog er in der sengenden Hitze durch die Straßen, das Zeitungspaket auf den Schultern. Nirgends war eine Bedürfnisanstalt, die er aufsuchen konnte. Eine gab es wohl, aber die waren nur für Weiße. Tom hatte Angst, hineinzugehen. Vielleicht würde gerade ein großer weißer Jim herauskommen.

Doch diesmal muss ich es versuchen! Diese Straße ist unbelebt, kein Mensch ist in Sicht – niemand. Er ging hinein. Der frische, kühle Ort gefiel ihm sehr. Ein großes Schild erregte seine Aufmerksamkeit. Neugierig, wie Jungen nun einmal sind, wollte er lesen, was darauf stand.

Plötzlich hörte er Schritte, wie von einem großen weißen Jim. Tom fühlte sich verloren, wie im Käfig. Er kannte ja das Gesetz, das ihm dort den Eintritt verbot. Armer Tom! Du bist zwar schnell, aber dem ist stärker, und du hast keinen Ausweg. Er wird dich zur Erde werfen, du wirst vom Boden lecken müssen.

Du stehst jetzt vor der Wahl, Tom. Du kannst mit unterwürfigem Blick versuchen, dich hinaus zu drücken. Draußen drehst du dich um und wirft einen Stein nach Jim. Dann läufst du schnell weg und erzählst zuhause stolz, was du getan hast für die Demütigung, die dir zuteil wurde.

Du kannst auch etwas anderes tun, Tom. Du stehst auf, schmutzig wie du bist, und in diesem Schmutz, dem Schmutz aller Welt, siehst du das Blut Jesu Christi. Jim ist nicht grausam, er ist unwissend. Vergib ihm, Tom, im Namen Jesu Christi. Sicher ist es schwerer, zu lieben, als sich zu rächen. Aber die Gesellschaft, die wir für das gemeinsame Morgen anstreben wollen, braucht solche Taten, gleichsam als Zement… Morgen wirst du mit Jim zusammenleben. Er wird dich verstehen, die wir jetzt versuchen, ihn zu verstehen. Du, Tom, baust dein Morgen in der Kraft der Liebe.

Das ist nicht nur eine Geschichte. Es ist ein Stück Evangelium, gelebt von einem kleinen schwarzen unter den Anweisungen des Friedenspropheten Martin Luther King. Er war der Überzeugung, ein Volk könne jede Art von Revolution in Liebe vollbringen.

Die Revolutionen der Liebe sind dauerhaft. Die Revolutionen, die mit Waffen vollbracht werden, ziehen immer Gegenrevolutionen nach sich. Wer liebt, braucht niemanden zu fürchten. Er hat nur Gott vor sich – und mit sich.

Manch einer wird vielleicht darüber lachen. Aber Jesus ist ja auch verlacht worden. Entscheidend ist immer der glaube, der die Welt überwindet. Der Glaube schenkt uns Hoffnung auf dauerhaften Frieden:

»Dann wohnt der Wolf bei dem Lamm und lagert der Panther bei dem Böcklein. Kalb und Löwenjunge weiden gemeinsam, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Die Kuh wird sich der Bärin zugesellen, und ihre Jungen liegen beieinander; der Löwe nährt sich wie das Rind vom Stroh. Der Säugling spielt am Schlupfloch der Otter, und in der Höhle der Natter streckt das entwöhnte Kind seine Hand« (JES 11,6-8).

Selig die Barmherzigen

Wenn wir einmal – nach ein paar 1000 Jahren Fegefeuer – zur Pforte des Paradieses gelangen, Seelen einer großen Menge von bekannten und unbekannten Seelen, und wenn dann ein Engel des Herrn die Anweisung gibt, jeder solle sich an seinen Platz begeben, dann werden wir uns sicher gerne in den hintersten Winkel verziehen, dort, wo es vielleicht ein wenig dämmrig ist.

Es wird anders sein als an der U-Bahn-Station, wo sich alle, Christen selbstverständlich nicht ausgenommen, drängen und stoßen, um zuerst einsteigen zu können.

An jenem Ort des betenden und geduldigen Wartens, den wir Fegefeuer nennen, wird reichlichst Zeit sein, zur Erkenntnis zu gelangen, was für unwürdige Seelen wir doch sind und dass wir es einzig der Barmherzigkeit Gottes verdanken, wenn wir doch noch ins Paradies kommen.

Wir werden froh und dankbar sein, dass uns dieses und jenes verziehen wurde, werden keine Lust mehr haben, über unsere „Verdienste“ zu diskutieren. Vielmehr werden wir Ausschau halten nach denen, die unter uns auf Erden gelitten haben.

Auch auf den Abteilungsleiter werden wir zu gehen, dessentwegen uns oft die Galle überlief, und auf die Schwiegermutter, die jeden Tag neue Sticheleien ersonnen hatte. Wir werden auf sie zugehen, sie umarmen und für uns sagen: „Gott hat mir eine Menge von Sünden vergeben. Wie gut, dass auch ich etwas vergeben darf!“

Schade ist doch, dass wir dies alles erst „da oben“ verstehen werden! Hier unten bleibt es beim drängen und stoßen, um vor den anderen zu stehen. Es bleibt bei zahllosen Streitereien, bei Zornausbrüchen und Beschimpfungen. Möchten wir jeden Tag doch ein wenig im Lichte des Geschehens „da oben“ sehen! Offen lägen dann alle unsere Hassgefühle, Antipathien und bösen Gedanken!

Mit solchem Verhalten haben wir uns nicht verfehlt an fernen Chinesen oder Sudanesen, sondern am Mitbruder, an der Mitschwester, der oder die neben mir gebetet hat, an der Ehegefährtin, mit der ich das Leben verbracht habe, an der Mutter, am Arbeitskollegen.

Wer von uns steht in seinem Leben nicht „gegen“ irgend jemanden? Und genau deshalb sind wir nicht selig.

Die Seligkeit beginnt in dem Augenblick, da wir uns selbst überwunden, dem Nächsten aus Barmherzigkeit verziehen haben. So spiegeln wir ein wenig die göttliche Barmherzigkeit. »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«

Ich glaube, wir machen darin nur wenig Fortschritt. Es gibt Ordensmänner und -frauen, die sich schrecklich um ihre Keuschheit bemühen, aber in ihrer Gemeinschaft niemals guten Willen zeigen. Familien gibt es, die hart kämpfen und arbeiten, um ihren Kindern das tägliche Brot zu verdienen, die aber ständig zerstritten sind.

Oft wird das Evangelium überhaupt nicht mehr gelesen. An seine Stelle sind die verschiedensten Gedanken und Einstellungen, Menschenrechte und humanistische Manifeste getreten, die unsere Beziehung zu den Menschen (vielleicht auch zu Gott) regeln sollen.

Jeder betet etwas anderes an: der eine die Keuschheit, der andere die Würde der Kirche, dieser die Arbeit, jener den guten Ruf. Schriften oder Katechismen, alte und neue, spielen eine große Rolle. Jesus kommt dabei zu kurz. Deshalb sagt er:

»Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück.

Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden.

Gebt, so wird euch gegeben werden: In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.« (LK 6,27-38).

Könnte es klarere Worte geben? Könnte Jesus deutlicher sagen, wie wir uns verhalten sollen und wie Gott will, dass wir mit den anderen leben?

Also das noch nicht genüge, legt er noch klar, dass wir einfach Heuchler sind, wenn wir uns gegenteilig verhalten.

»Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist! Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.« (MT 18,23-35).

Ausnahmslos kommen wir alle in diesem Gleichnis vor. Und für uns ist es erzählt. Jeder von uns ist der, der seinem König eine riesige Summe schuldet. Wer davon nicht überzeugt ist, sollte dieses Buch nicht weiterlesen, und schon gar nicht das Evangelium selbst. Freilich, im Fortgang des Lebens wird uns das mehr und mehr klar, besonders dann im Alter.

Vergessen wir nie: Jesus wurde von Menschen zu Tode gebracht, die sich selbst für makellos und gut hielten! Es waren solche, die glaubten, schon gerettet zu sein. Jeder von uns – und das ist das furchtbare – trägt ein Stückchen ihrer Einstellung in sich: Wir fühlen uns ganz sicher, halten uns für gut. Pharisäer sind wir allesamt. Deshalb klappt es mit unseren Beziehungen zum Nächsten nicht, deshalb steckt so viel Gift in unseren Urteilen, sündigen wir so häufig gegen die Liebe.

Wir sind nicht selig, weil wir nicht barmherzig sind. Barmherzig sind wir nicht, weil wir uns den anderen überlegen fühlen. Barmherzigkeit kommt aus Liebe, denn wer liebt, erhebt sich nicht über andere. Er fühlt sich sogar kleiner als sie.

Wer nicht liebt, erhebt sich über andere.
Wer liebt, fühlt sich den anderen gleich.
Wer viel liebt, fühlt sich kleiner als die anderen.

Wer nicht liebt, ist im Tod. Wer liebt, ist im Leben. Wer viel liebt, ist ein Heiliger.

Die Seligpreisung der Barmherzigkeit gehört zur Heiligkeit. Jesus hat uns dieses Ziel immer wieder vor Augen geführt, hat uns deutlich gemacht, dass wir es erreichen können. Er war barmherzig, erniedrigte sich ganz. Er nahm es sogar auf sich, wie ein Verbrechen zu sterben.

»Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.« (PHIL 2,6-11).

Wir sind nicht beständig und immer gleich stark in der Liebe. Wir kämpfen zwischen Tod und Leben, sind hingeordnet auf Jesus.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen Ratschlag geben. Es gibt Augenblicke, da bringst du es nicht fertig, deinen Bruder zu lieben, du magst dich anstrengen wie du willst. Schuld daran sind deine Sünde, deine Bosheit und Oberflächlichkeit.

So erinnere dich daran, dass es eine übernatürliche Gabe ist, den Bruder auch dann zu lieben, wenn du auf seinem Antlitz Lüge und Hass siehst. Dabei bleiben wir immer stehen. Wenn du „handelst, als ob“, dann liebst du mit der Liebe, mit der Jesus geliebt hat.

Du brauchst dich nicht gewaltsam Mühen, deine Gefühle zu ändern: Es wird dir doch nicht gelingen. Die Gefühle folgen nicht immer der Wahrheit. Wie soll ein Herz lieben können, das schrecklich leidet unter empfangener Beleidigung? Und doch kannst du Taten setzen, kannst beten und handeln! Ich möchte das noch ein wenig erläutern.

Jemand aus deiner Familie hat dich beleidigt, jedenfalls fühlst du dich beleidigt. Ihr versteht euch nicht mehr. Du denkst, du hast Recht: Der andere habe aus Egoismus und Bosheit zugesprochen oder gehandelt, habe dir weh tun wollen. Daher diskutierst du auch gar nicht weiter. Aber gerade deshalb, weil du vielleicht Recht hast, sage ich dir: Versuche, dich zu überwinden!

Tue den ersten Schritt, biete die Versöhnung an! Du solltest die Wunde nicht noch tiefer machen, solltest nicht an alles denken, was Du jenem Gutes getan hast. Dann leidest du nur noch mehr. Hilf dir selbst, indem du an seine guten Seiten denkst. Du wirst sicher welche finden. Dir wird einfallen, was er dann und wann Gutes für andere oder auch für dich getan hat.

Vor allem aber versuche, dich kleiner zu fühlen als er. Schau ihn und sein Vergehen an, wie Jesus ihn vom Kreuz herab anschaut. Tu so, als würdest du ihn lieben. Dann liebst du ihn auch wirklich.

In deiner zur Ruhe kommenden Seele wirst du dann spüren, welche Form der Liebe und Güte die Seligpreisung der Barmherzigkeit uns nahe bringt. Der Wunsch Jesu, »damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet, denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (MT 5,45), wird bei dir Erfüllung und Wirklichkeit.

In manchen Fällen magst du sogar in den Besitz von Unterlagen und Dokumenten kommen, die betreffende Beleidigungen oder Diebstähle beweisen. Du könntest damit zu Gericht gehen. Jetzt aber bezeugt du vor dir selbst, deinen Mitbrüdern und vor Gott, ob du dem Evangelium glaubst oder nicht. Deine Gefühle sollten jetzt keine Rolle spielen, denn die Liebe wird in dieser Situation nicht zuoberst stehen.

Du kannst aber so tun, „als ob“. Du kannst handeln, als ob du jene Menschen liebst, wirklich liebst. Du zeigst sie eben nicht an. Jesus selbst rät dir zu solchem Vorgehen. Sein Evangelium ist die vollkommene Liebe.

Die Gefühlswelt mag später geordnet werden, im Abstand. Im Moment ist es nur wichtig, Fakten zu setzen, Fakten der Barmherzigkeit und der Liebe. Dann wird unser Lohn Sein, »und ihr werdet Söhne des Höchsten sein, denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen« (LK 6,35).

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Söhne des Höchsten, der gütig ist gegen die Undankbaren und Bösen! Es ist ein schmaler Weg, der dorthin führt, gesäumt von all den Schwierigkeiten des Alltags und unserer Beziehungen zu den Mitmenschen.

Vergessen wir eines nicht: Oft kommt es nicht so sehr darauf an, Gerechtigkeit und Wahrheit zu beschwören. Sie können uns mitunter sogar hinderlich sein.

Wenn mich ein anderer Mensch verletzt, in welcher Weise auch immer, ist es mir unmöglich, nicht zu sagen: „Ich habe Recht.“ Ich kann ja nicht einfach die Augen vor Tatsachen verschließen. Das ist eben die Wahrheit. Aber auch in diesem Fall muss ich nicht unbedingt nur ausgehen von der Ebene der Wahrheit und Richtigkeit, muss nicht die Gerechtigkeit anrufen. Ich kann mich auf den Weg der Liebe begeben. Sonst bleibt auf ewig das Dilemma zwischen meinem Bewusstsein, Recht zu haben, und dem Standpunkt des anderen.

Fast immer wurden Kriege im Namen der Gerechtigkeit geführt. Im Namen der Wahrheit wurden Menschen eingekerkert, hat doch ein jeder eine (zumeist seine) Wahrheit zu vertreten und zu verteidigen.

Jesus denkt anders. Versuchen wir, sein Denken immer besser zu verstehen! Er übersteigt die Gerechtigkeit durch die Liebe, stellt über die Wahrheit seine eigene Hingabe.

Er wusste ja, was im Menschen ist, wusste, dass die Menschen böse sind. Er praktiziert vor den Menschen keine schöne Rederei, tut keineswegs so, als seien sie alle Heilige. Er drückt sich also nicht vor der Wahrheit. Es ist vielmehr so, als vergäße er sie für einen Moment. Wie einst Isaak, sieht er in Esau den Jakob:

»Als er den Duft seiner Kleider roch, segnete er ihn und sprach: Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft eines fruchtbaren Feldes, das Jahwe gesegnet hat. Es gebe dir Gott vom Tau des Himmels und vom Feld der Erde und Korn und Most in Fülle« (GEN 27,27-28). Nicht aber Esau stand vor seinem Vater, sondern Jakob, und er geht gesegnet hinweg.

Wie könnte uns Gott retten, wenn für ihn nicht die Liebe über Gerechtigkeit und Wahrheit stünde? Jesus schließt das Kapitel ausschließlich geltender Gerechtigkeit, er eröffnet ein neues, das der Barmherzigkeit. Er tut es durch sein Opfer, seine Hingabe.

Jetzt haben wir ebenso „klug“ zu sein, indem wir dem Nächsten ein Maß zumessen, das er eigentlich nicht verdient hat. Begegnen wir einem Übeltäter, einer Maria Magdalena oder auch einem Petrus, so werden wir Ihnen vergeben. Nicht Steine heben wir vom Boden, sondern wir sagen wie Jesus zur Ehebrecherin: »Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (JO 8,11).

Selig, die reinen Herzens sind

Teilhard de Jardin hat die Kirche mit vielen Worten gepriesen und gelobt. Sein Lebenswerk spiegelt sehr gut wider, was es heutzutage meint, ein „reines Herz“ zu haben.

Ein reines Herz haben jene, die es vermögen, ohne List und hintergründiges Denken ja zu sagen zur Schöpfung. Jesus hat uns nicht unterdrücken, sondern zur Freiheit führen wollen. Deshalb sollen auch wir die Dinge dieser Welt nicht beflecken und in den Staub ziehen.

Ehrfürchtig und ohne Hintergedanken wollen wir unsere Arbeit leisten, unser Familienleben gestalten. Der Ehepartner sei nicht mein unterwürfiger Besitz, sondern ein Mensch, dem ich mich mit Ehrfurcht und Respekt nähere. Anmaßung, Bosheit und Falschheiten hindern uns daran.

Man kann seine Frau in keuscher Weise umarmen, getragen vom Schöpferwillen Gottes, oder man kann sich ihr in einer Weise nähern, die in ihr nur ein Lustobjekt sieht. Zwischen beiden Einstellungen ist ein gewaltiger Unterschied, und doch ist es äußerlich dieselbe Umarmung.

Jesus hat uns nicht unsere Liebe nehmen, sondern hat sie für uns schöner und menschlicher machen wollen. Wenn wir das verstehen, haben wir das ganze Evangelium besser verstanden. Wir aber sind leider darauf aus, die Liebe „durchzuprobieren“, unsere eigenen Erfahrungen sammeln zu wollen, anstatt uns nach dem Gesetz Gottes zu richten, dass er uns aus Liebe gegeben hat.

Wer die Seligpreisungen nicht hören will, kommt nicht sehr weit. Ärzte, Anwälte und Richter beweisen das indirekt durch ihre vielfältigen Erfahrungen. Die Leiden auf der einen Seite, die Bosheiten auf der anderen scheinen weder Grenze noch Maß zu kennen.

Der Weg der Schuld ist kein einfacher Weg. Ungerechter Besitz tut weh. Gewalt zeugt eigenes Leid. Besitzgier bringt Unzufriedenheit hervor. Und welche Lüge ist es doch, Wollust und Prostitution „dolce Vita“ zu nennen.

Wie können die Menschen nur so blind sein! Die Seligpreisungen Jesu lesen wir vor einer Wirklichkeit, die sich darstellt wie ein Meer von Schmutz und Schlamm. Hier könnte uns wirklich ein Anflug von Pessimismus überkommen. Waren die Konzilsväter nicht doch zu optimistisch? Haben Sie die Welt, mit der sie die Kirche ins Gespräch bringen wollten, richtig beurteilt?

Aber die Konzilsväter haben sich nicht beirren lassen. Das Konzil nennt die Kirche „Volk Gottes“. Auf der einen Seite steht das sündige Volk mit der kirchlichen Hierarchie, auf der anderen nur Jesus. Alle sind wir Sünder, große Sünder. Unsere Hoffnung angesichts dieser Wirklichkeit ist darin begründet, dass Christus seine Kirche retten will und retten wird.

Uns allen, Christen und Nichtchristen, fällt es schwer, uns der Schöpfung ganz rein und ehrfürchtig zu nähern, ohne Egoismen, Hintergedanken und List.

Auch Bischöfe können geldgierig werden. Auch Priester können mehrere Liebschaften haben [oder gar Missbrauch ausüben]. Tage genügen schon, dass wir uns aus Nachlässigkeit und Faulheit von Gott entfernen. Niemand soll sich einbilden, schon gerettet zu sein. Als armer Teufel versuche ich täglich, mich mit der Gnade Gottes vom Bösen zu befreien und im Glauben zu verharren.

Weil die Welt so ist, hatten die Konzilsväter mit ihrem Optimismus Recht. Sie waren getragen von der Hoffnung auf Heil, Heil für mich und für alle Menschen.

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Seligkeit besteht weniger im Kampf gegen die Hölle, sie besteht vor allem darin, das Paradies zu erbauen, ist sie doch selbst das Paradies!

Die Reinheit des Herzens ist also etwas sehr positives. Es handelt sich um tiefe Überzeugung. Jetzt schon bin ich in Glückseligkeit, jetzt schon lebe ich die Freude, auch wenn ich die Gesetze von Sittlichkeit und Liebe zunächst als Gesetze empfinde.

Deshalb hat Jesus gesagt: »Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.«

Die Gottesschau ist die positive Seite der Seligkeit. Reinheit des Herzens führt mich direkt zur Gottesschau. Wenn ich mich rein und ohne Argwohn den Dingen dieser Welt nähere, sie auf diese Weise bejahe, dann entdecke ich unter und hinter ihnen das Antlitz Gottes.

Wenn die Welt wüsste, wie schön und befriedigend die Gottesschau ist, dann würde sie rasch ihren ganzen Reichtum aufgeben, um zu Gott zu kommen.

Die Welt aber weiß es nicht. Wer soll es ihr klarmachen? Sicher nicht der, der nur mit Worten kommt. Das Evangelium muss mit dem Leben bezeugt und verkündet werden. Wer die Seligpreisungen verkünden will, muss in gewisser Weise selbst selig sein. Wer Reinheit des Herzens lehrt, habe zunächst selbst ein reines Herz.

Wenn wir selbst Gott dadurch spüren und sehen, dass wir uns „reinen Herzens“ den Dingen und Geschöpfen dieser Welt nähern, vermitteln wir den Mitmenschen Sehnsucht nach solcher Reinheit und geben ihnen Hoffnung auf etwas Größeres.

Selig die Friedensstifter

Wenn ich versuche, mir meine Seele vorzustellen, dann sehe ich oft das Bild von einem Schifflein im Meer oder auch von einem Nomadenzelt in der Wüste. Meer oder Wüste bezeichnen die Grenzen meiner Einsamkeit. Jeder kann hin gelangen, aber jeder muss sich dabei anstrengen.

Ich muss mich selbst sehr mühen, vorzustoßen in das Zentrum meines Ichs, wo ich gewöhnlich Frieden vorfinde.

Das Bild vom Zelt gefällt mir besonders, zumal jetzt, wo ich es sehr gut kenne und auch aufstellen kann. Dabei kommt es darauf an, besonders geeignete Plätze zu finden. Diese Suche am Abend hat mir immer viel Freude gemacht.

Am Tage macht es mir keinerlei Schwierigkeiten, in unmittelbarer Nähe von vielen Menschen zu leben. Aber des Nachts ziehe ich die Einsamkeit vor. Ich suche ein wenig Schweigen und Sammlung. Die Sonne sinkt, der Wind legt sich. Es kommen Stunden des Friedens.

Du entzündest zunächst ein Feuer, kochst dir Wasser für eine Suppe, brichst dein Brot hinein. Suppe und Datteln stärken dich. Das Feuer glimmt weiter, erleuchtet deine Behausung wie eine Kirche.

Dann gehst du ein wenig hinweg, setzt sich auf einer Düne oder einem kleinen Felsen nieder, sammelst dich und beginnst mit dem Beten.

Ich kann gar nicht intensiv genug schildern, was es bedeutet, auf solche Weise Stunden mit Gott verbringen zu können. Man sollte sich der Möglichkeiten solcher Begegnungen nicht berauben, auch wenn es am Anfang schwer ist.

Man ist ja nie allein dabei. Oft brauche ich allerdings schon bis zu einer Stunde, um die Wirklichkeiten ganz zu realisieren, die einem im Gebet begegnen. Das Ganze ist ein Kampf mit einem Engel, wie auch Jakob in jener Nacht mit einem Engel kämpfte.

Das Gebet muss sich mehr und mehr läutern. Anfangsschwierigkeiten dürfen nicht entmutigen. Dann spürst du aber unweigerlich, was es ist mit dem Frieden Gottes. Gott wird gegenwärtig, er offenbart sich.

Das Gebet ist hart und angenehm zugleich. Beides zeigt untrüglich das Handeln Gottes in uns an. Niemals halten wir ihn in Händen, jedoch kann man mitererleben, was da geschieht. Niemals ist es aber vorhersehbar. Gott bleibt am Ruder.

Das ist aber nicht so wichtig. Er ist ja Gott, ich bin sein Geschöpf. Er weiß alles, ich weiß nichts. Es ist gut, dass er mich gelegentlich daran hindert, zu schnell zu gehen; dass er mir meine Pläne zerstört, damit seine sich verwirklichen können. Er beginnt mit dem Gespräch, nicht ich. Es sieht mich auch in dunkler Nacht, sieht den Weg, den ich gehen sollte.

Das, was mich immer wieder befähigt, zu beten oder doch beten zu wollen, ist der Friede. Hat man Schwierigkeiten hinter sich gelassen, die Fantasie bezähmt, sich gesammelt, dann spürt man jenen Frieden, der unaussprechlich ist. Man freut sich mehr und mehr an einer Wirklichkeit, die sich im eigenen Ich herausformt, man lernt diese Wirklichkeit immer besser kennen und immer höher schätzen.

Natürlich wird man sie unter Umständen auch bei anderen Gelegenheiten spüren – vielleicht dann, wenn man einen festen Vorsatz zur Änderung des Lebens gefasst hat. Immer ist es derselbe Gott, der uns begreifen lässt, dass in der Unordnung kein Frieden, in der Vergötzung von Geschöpflichem keine Anbetung liegen. Es ist schon Wahres daran, wenn man Frieden umschreibt als „Ruhe in der Ordnung“.

Schwer ist es, den Frieden Gottes zu spüren, wenn man sich nicht ernstlich vornimmt, das Leben zu ändern: Dem zu vergeben, der mich beleidigt hat; ernsthaft seiner Arbeit nachzugehen; die eigenen Lüste und Wünsche zu bezähmen.

Die Einheit zwischen Gebet und Leben ist wie die zwischen Tag und Nacht, zwischen Handeln und Denken. Man braucht darüber nicht zu diskutieren, es steht zweifelsfrei fest. Wenn wir erst einmal von unserer Seite dieser Einheit verwirklichen, dann schenkt er uns die Freude seiner Nähe und seines Friedens. Man sollte sich also beim Gebet nicht beeilen, sich nicht von der Zeit knechten lassen. Freuen wir uns an diesem Frieden, solange es möglich ist!

Diese Freude wird wie Licht auf unserem Antlitz. Die Menschen brauchen dieses Licht. Unser Apostolat besteht darin, dieses Licht zu bringen, nicht unsere hohlen Worte.

Der Friede Gottes liegt auf dem Antlitz jener, die das Evangelium „Söhne Gottes“ nennt. »Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen« (MT 5,9).

Ich will erzählen, wie mir die Gnade zuteil wurde, dieses Licht zu schauen.

Einmal hatte ich mir eine Beinverletzung in der Wüste zugezogen. Die oberen bestimmten mich darauf hin zu leichteren Arbeiten. Ich war zu den Kleinen Brüdern gegangen mit dem Gedanken, einmal Bergführer auf hohen Bergen sein zu können, oder doch wenigstens bei den Bergleuten von Kenia zu arbeiten. Nun aber musste ich für meine Mitbrüder kochen, für sie, die sich von Zeit zu Zeit in die Wüste zurückziehen. Uas sind die Wege Gottes!

Die Arbeit, den Mitbrüdern beizustehen, die sich dem Gebet widmeten, sagt mir zu, denn ich habe dabei selber beten gelernt. Die Hilfe bestand darin, Ihnen alle drei oder vier Tage das Lebensnotwendige zu bringen, während sie 40 Tage nach dem Vorbild Jesu in der Wüste beteten.

Ich hatte also den Kopf zu bereiten, um dann hinaus zu ziehen. Die Einsamkeit dort ist schwer zu meistern. Sie ist hart und fordernd. In der Schule von Charles de Foucauld sind die kleinen Brüder allerdings gut für sie vorbereitet, haben sich daran gewöhnt, die Einsamkeit mit Gott ertragen zu können.

Entweder man ist glücklich dabei, oder man kommt damit überhaupt nicht klar. In der Regel habe ich es mit der ersten Gruppe zu tun.

Bei solchen Gelegenheiten habe ich nun erfasst, was es nun ist mit dem Licht, das auf Menschengesichtern aufleuchten kann. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass dieses Licht in den Gesichtern und Augen aufscheint, denn Gott ist ja Gott, und keine Mauer, oder kein Stern.

Dieses Licht, das ich wahrgenommen habe, hat in mir den Wunsch geweckt, bei ihnen zu sein, immer wieder mit Gott zu reden, vor allem aber zu hören. Immer wieder wollte ich diese Augen, diese Gesichter schauen.

Es war wie im Paradies. Und dieses Paradies tragen wir ja schon in uns, wenn wir selbst in Gott leben.

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Das Licht, das die Menschen des Friedens erleuchtet, wollte ich selbst weitergeben. Dabei habe ich eines gelernt: Nicht Tugend führt zum Gebet, sondern Gebet führt zur Tugend.

Man muss sich das immer wieder klarmachen, denn in der Regel versuchen wir den umgekehrten Weg. Wir meinen, die Ergebnisse hingen von unseren Bemühungen ab, während sie doch aus unserem langen, geduldigen Beten kommen.

Wenn heute ein Paar zu mir kommt, das sagt: Es geht alles schief. Wir sind in Schwierigkeiten, lieben uns nicht mehr so wie früher, streiten oft – dann pflege ich zu antworten: Betet viel, versucht eure Beziehungen zu Gott zu verbessern, dann werden sich eure Schwierigkeiten von selbst lösen.

Kommt ein junger Mann zu mir, der immer wieder erfährt, wie schwach sein Willen in sittlicher Hinsicht ist, dann rate ich ihm, nicht mehr auf Fitnessstudios oder Yoga zu bauen, sondern auf die göttliche Gnade und auf Gottes Gegenwart in der Eucharistie. Vor allem aber soll er täglich mindestens eine Stunde beten, demütig beten.

Sogar bei schweren Fällen von Rauschgiftsüchtigen sage ich in meinem Vertrauen auf die ändernde Kraft des Gebets: Wenn du geheilt werden willst, dann mache die Sonnenkur!

Ja, Jesus ist doch die Sonne, die auf der Erde scheint und sie heilen kann. Willst du geheilt werden, dann gehe über ein Jahr hinweg jeden Tag für eine Stunde in eine kleine Kapelle und sprich immer nur das eine: „Jesus, sei barmherzig. Ich bin ein Sünder.“

Lass dich von einem guten Priester oder geistlichen Berater führen. Lies auch die Bibel, feiere die Liturgie mit. Vor allem aber halte dich viel in der Sonne auf: Lass Jesus dir ganz nahe werden, lass die Sonne Eindringen in deine Wunden.

In den meisten Fällen kamen die Heilungserfolge vor der gedachten Zeit.

Manch einer wird darüber lachen. Der, der die Macht Jesu nicht kennt, muss es ja tun. Ich versichere aber, dass die Schwierigkeiten, solche Wunder herbeizuführen, weniger in der Macht Jesu liegen, sondern in der Glaubensschwäche dessen, der geheilt werden soll.

Vielleicht sagt jetzt einer: Eben den Glauben habe ich nicht, oder ich habe nur ganz wenig davon. Dann verrate ich dir ein Geheimnis. Der Gedanke stammt von Pascal. Ich habe oft und oft die tiefe Wahrheit erfahren, die darin liegt: »Tue, als ob!« Du glaubst, nicht genug Glauben zu haben? Dann handle so, als ob du Glauben hättest. Du wirst die Erfolge sehen.

Manchmal bittest du, aber alles ist trocken in dir. Du fragst dich, ob du überhaupt etwas oder jemanden außerhalb der sichtbaren Welt annimmst. Du möchtest weglaufen. Nein, bleibe!

»Tue so, als ob!« Tue so, als ob du mit aller Kraft beten könntest. Vor allem verkürze nicht die vorgesehene Zeit. Glaube und Wille durchdringen sich. Der Glaube hängt hingegen nicht vom Gefühl ab. Wenn du von solchen Gebeten aufstehst, wirst du merken, dass ich dir einen guten Rat gegeben habe.

Deine Probleme können gar nicht groß genug sein. Du bist verliebt in niemanden, der verheiratet ist. Oder du bist in die sinnliche Abhängigkeit eines anderen Menschen geraten. Oder du hast deine Weihe und Hingabe an Gott verraten. Auch hier gibt es keinen anderen Weg als zunächst Frieden mit Gott zu machen. »Tue, als ob…« du allen Glauben, alle Hoffnung und alle Liebe hättest.

Beginne den Kampf, aber vertraue nicht auf dich, sondern allein auf Gott. Der Friede wird nicht nach einem Tag kommen, aber er kommt sicher.

Wenn du doch glauben könntest, sagte Jesus. Wenn du doch zu mir kommen könntest, der ich Weg, Wahrheit und Leben bin! Glaube an mich; du wirst leben, auch wenn du schon tot bist!

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Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen. Die Gotteskindschaft ist die Gabe des Friedens. Wir gehören zu einer Familie, die Gott als Vater hat. Das ist wohl die größte Gabe, die Gott schenken kann. Sie nimmt Angst und sogar den Tod. Ich brauche nicht mehr zu fürchten, alleine sterben zu müssen.

Das einzige Gebet, das uns Jesus gelehrt hat, lautet:

»Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.«

Wer dieses Gebet betet, kommt auch nicht in die Gefahr, Transzendenz und Immanenz zu verwechseln. Ich glaube, diese irrige Auffassung ist besonders verbreitet. Weil bestimmte Zusammenhänge der Natur heute bekannter sind als früher, gelangen die Menschen leichter dahin, das unmittelbare Einwirken Gottes auf alles zu leugnen.

Was hat Gott zu tun mit Wind und Meer? Was hat er zu tun mit der Gesundheit der Menschen, der Fruchtbarkeit der Erde? Man glaubt, nun wisse man endlich, wie und wo das göttliche der menschlichen begegnet. Frühere Vorstellungen waren kindlich, sind zu korrigieren. Kirche und Welt müssen sich durchdringen.

Fallen wir nicht in den „anderen Graben“! Wir haben uns freigemacht vom Aberglauben und Infantilismus der alten Weiber, die als letzte noch die Kirchen – auf dem Land – besuchen. Hoffentlich sind wir aber noch in der Lage, das „Vaterunser“ zu sprechen. Sonst finden wir uns, ohne es zu wollen, auf einmal außerhalb der Kirche wieder.

Wie aber kann man dieses Gebet – »Unser tägliches Brot gib uns heute« – sprechen, wenn man nicht glaubt, dass Gott auch in die Natur und konkret in unser Leben eingreift? Wie kann ich sagen: »Erlöse uns von dem Bösen«, wenn ich vor einer schweren Operation der Ansicht bin, alles hinge allein vom Chirurgen ab?

Über kurz oder lang wird man überhaupt nicht mehr beten, man kann es gar nicht mehr. Als ob das Ohr für Jesu Botschaft fehlen würde, auch wenn man noch nicht an dem Punkt ist, an dem man sagt, es gäbe keinen Gott.

Gott ist mein Vater. Er behandelt mich immer als sein Kind. In Kleinen und Großen sorgt er für mich, ob es sich um meine Nahrung handelt, oder um meinen Beruf, oder um mein Sterben.

»Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als das Kleid? Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?

Wer aber von euch vermag mit seinen Sorgen seiner Lebenslänge eine einzige Elle hinzuzufügen? Und was sorgt ihr euch wegen der Kleidung? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Ich aber sage euch: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von diesen. Wenn aber Gott das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr euch, ihr Kleingläubigen!

Sorgt euch also nicht und sagt nicht: was werden wir essen? Oder: was werden wir trinken? Oder: was werden wir anziehen? Denn nach all dem trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß ja, dass ihr das alles braucht.

Suchet vielmehr zuerst das Reich und seine Gerechtigkeit, und all das wird euch dreingegeben werden. Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage« (MT 6,25-34).

Friede wird zu uns kommen, wenn wir dies alles für wahr und sicher halten.

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