Charles de Foucauld (1/3) – ohne Glaube

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Charles de Foucauld

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Teil 1 von 3 *

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Aus der selbstherrlichen Welt in den heiligen Gehorsam
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Womöglich noch sperriger als das Wort „Entweltlichung“ klingt in heutigen Ohren der Begriff „Gehorsam“. Man denke beispielsweise an den sogenannten „Führergehorsam“… Der ursprüngliche Sinn von Gehorsam wird von solchen Perversionen aber nicht berührt: „Gehorsam“ kommt von „Hören“. Und wer auf das Wahre, das Gute und das Schöne hört, der versteht, was wirklich wichtig ist, und gewinnt eine Freiheit, die ihn vor jedem sklavischen Gehorsam bewahrt. Viele Widerstandskämpfer gegen Hitler sagten, dass sie Gott und ihrem Gewissen mehr gehorchen müssten als dem Tyrannen, und dieser gute Gehorsam auf Gottes Wort hin machte sie wirklich frei. Das meinte Sophie Scholl, als sie ihrer Mutter beim letzten Abschied sagte: „Gell, Jesus…“.

Gott und dem Gewissen gehorsam zu sein, ist eine Form der Nachfolge Jesu. Denn der Gehorsam dem Heilswillen Gottes gegenüber war das Lebensprinzip des Sohnes Jesus von Nazaret: „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden“, schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief (Röm 5,19) über Jesus; gegenüber den Philippern spricht er später vom radikalen Gehorsam Jesu in der Erniedrigung bis zum Tod am Kreuz (2,8). Die Christen glauben, dass dieser aus Liebe zu den Menschen in wahrhaft göttlicher Weise geleistete Gehorsam des Gottessohnes den ganzen Kosmos erlöst hat, aber auch jeden einzelnen Menschen, der auf Gott hört, der also insofern gehorsam ist.

Es liegt auf der Hand, dass die Bereitschaft zum Gehorsam starken Charakteren mehr abfordert als dem Phlegmatiker. Umso mehr verwundert, dass das Leben des französischen Grafen Charles de Foucauld diese Haltung auf so ausgeprägte Weise zeigt, denn er war eine kraftvolle Erscheinung, nicht ohne Ehrgeiz und Ambitionen. Doch gelangte er durch die Wirrnisse seines Lebens zu der Erkenntnis, dass Selbstgenügsamkeit und Selbstherrlichkeit den Weg zum Glück verfehlen. Er lernte, sich im Gehorsam auf Gottes Zeugen einzulassen, um auf diese Weise Gott mehr und mehr zu erkennen.

Charles-de-Foucauld - enfant

Charles de Foucaulds Kindheit war nicht glücklich. Er wurde am 15. September 1858 in Strasbourg geboren. Drei Jahre später kommt seine kleine Schwester Marie auf die Welt. Schon bald erkrankt sein Vater gefährlich an Tuberkulose und verlässt die Familie, um sie vor Ansteckung zu bewahren. Die Mutter Marie-Elisabeth findet daraufhin Zuflucht bei ihrem Vater, Oberst de Morlet. 1864 erleidet sie bei einer Fehlgeburt den Tod. Wenig später stirbt der Vater des kleinen Charles, der somit schon mit fünf Jahren Waise ist.

Als 1870 der Krieg zwischen Frankreich und Preußen ausbricht, ist der Junge zwölf Jahre alt. Die Niederlage der Franzosen bei Sedan und der Einmarsch des Feindes in Strasbourg erschüttern ihn zutiefst. Der Großvater verlegt den Wohnsitz der Familie nach Nancy, da Strasbourg deutsch geworden ist, so dass Charles auch seine Heimat verliert. Menschliche Nähe erfährt er durch seine Cousine Marie Moitessier, die neun Jahre älter ist als er uns sozusagen eine zweite Mutter für ihn wird. Doch sie heiratet 1874 Olivier de Bondy – und Charles vergräbt sich nach all diesen Trennungen zunehmend in sich selbst. Er füllt seine Tage mit der Lektüre von Büchern, angefangen bei dem Skeptiker Montaigne bis zu dem aggressiven Kritiker des Christentums Voltaire. Seine Welt ist das Diesseits, und alles Transzendente verliert sich. Bald braucht er Gott nicht mehr. Er lebt – nach seinen eigenen Worten – „ohne etwas zu leugnen noch etwas zu glauben“.

Charles dF - Saint Cyr Militärschule
Die spätere Militärschule Saint-Cyr

Als Beruf wählte er, für einen Adeligen nicht ungewöhnlich, eine Karriere in der Armee. Er sucht die Militärschule von Saint-Cyr aus und bereitet sich zwei Jahre lang in einer Einrichtung in Versailles darauf vor, dort die Aufnahmeprüfung zu machen. Die Kaderschmiede Saint-Geneviève kennt nur Leistung und Disziplin. Das ist Charles zuwider. Im zweiten Jahr beginnt er, das Leben selbst zu hassen. Er ist jetzt 17 und voller innerer Rebellion. „Ich war ganz Egoismus, ganz Gottlosigkeit, ganz Drang zum Bösen, ich war wie besessen“, wird er später bekennen. Er wird wegen Faulheit und schlechten Lebenswandels entlassen. Dennoch strebte er weiter eine Ausbildung in Saint-Cyr an und kann dort im Oktober 1876 tatsächlich die Aufnahmeprüfung bestehen.

Charles de Foucauld - Soldat, Kaderschmiede Saumur Kavallerie 1833
Charles de Foucauld – Soldat (rechts: Saumur, Kavallerie)

Doch seinen Lebensekel nimmt er mit. Sein Verhalten bringt ihm Disziplinarstrafen ein: „schmutzige Kleidung“ – „zu lange Haare“. Die anstehende Beförderung wird im verweigert. Von Oktober 1878 an folgt dann für ein Jahr die Kavallerieschule von Saumur. Auf der Leistungsliste ist er bei Schulabschluss der 87. von 87 Kandidaten. Er bleibt der bedrückte Lebemann, als er mit 20 zum Leutnant der Husaren ernannt wird. In Pont-à-Mousson richtet er sich eine Junggesellenwohnung ein, lässt von Paris eine Gruppe von Prostituierten kommen, organisiert Feste für die Kameraden und lebt auf großem Fuße. „Innere Leere, Traurigkeit… Ekel, Überdruss“ quälen ihn, wie er in einem Lebensrückblick schreibt. Nach außen hin überspielt er jedoch alle Melancholie durch aristokratischen Hochmut.

Doch eines Tages liest er in der Zeitung, im afrikanischen Oran (Algerien) hätten sich Volksstämme gegen die Soldaten seines Regiments erhoben. Er ist elektrisiert, fährt sofort zum Kriegsministerium nach Paris und wird nach Afrika versetzt. Er will sich vor sich selbst als Ehrenmann beweisen – und gegenüber seiner Familie, die ihn ihre Geringschätzung durchaus hatte spüren lassen. So war in ihm ein starker Geltungsdrang geweckt worden. In den Herausforderungen des Krieges wendete sich dann seine Trägheit in Durchhaltevermögen, sein Nichtstun in Engagement. Und nicht zuletzt hat die Erfahrung der Wüste reinigende Wirkung.

Die Armee erscheint ihm allerdings noch nicht als der rechte Ort, Mannesmut und Kühnheit zu zeigen. Charles hat das Bedürfnis, etwas aus sich selbst heraus zu schaffen. Der Nimbus des Einzelgängers verspricht ihm einen noch überzeugenderen Effekt. So plant er eine geographische Forschungsreise nach Marokko – bislang ein weißer Fleck auf den Landkarten. Er weiß jedoch, dass es große Hindernisse gibt. Nicht als Christ, sondern nur als Jude verkleidet würde er sich unter den Arabern bewegen können. Die Gefahren für Leib und Leben und die Strapazen sind vorauszusehen. Dennoch unternimmt er nach sorgfältigen Vorbereitungen das Wagnis und durchquert von Juni 1883 bis Juni 1884 das Land. Er macht Notizen und Zeichnungen von allen Orten, die er aufsucht. Zurück in Paris erntet er den erhofften Ruhm: die „Geographische Gesellschaft Frankreichs“ verleiht ihm ihre erste Goldmedaille.

Charles de Foucauld - Skizze aus Marokko
Charles de Foucauld – Skizze aus Marokko

Allein, auch der Applaus der Gesellschaft sättigt den Hunger des jungen Mannes noch nicht. Obwohl zurück in Paris bleiben ihm afrikanische Szenen vor Augen. Der Islam hat „eine tiefe Erschütterung“ in ihm ausgelöst. Er hat die Männer im Gebet gesehen, mitten auf den Straßen Algiers oder in der Wüste auf den Knien liegend. Sie lenken sein Denken über die Welt hinaus. „Der Anblick dieses Glaubens, dieser Männer, die in der ständigen Gegenwart Gottes leben, ließ mich ahnen, dass es etwas Größeres und Wahrhaftigeres gibt als unsere weltlichen Geschäfte“, berichtete er später seinem Freund Henri de Castries. Doch auch die Wärme familiärer Nähe tut ihm gut: Onkel und Tante Moitessier nehmen ihn wie einen Sohn auf. Besonders nahe steht ihm, wie schon erwähnt, deren Tochter Marie, die sich ein Leben lang um ihn sorgen wird wie eine ältere Schwester.

„Gott – lass mich Dich erkennen“

Durch die beiden Frauen tritt ein Priester in sein Leben, der uns die heilsame Wirkung eines begnadeten Seelenführers vor Augen stellt: Abbé Henri Huvelin. Er ist 20 Jahre älter als Charles, Schüler der berühmten Elite Hochschule Ècole Normale Supérieure, aber ohne alle Karriereambitionen. Prediger an der Kirche Saint Auguste, sitzt er dort stundenlang im Beichtstuhl und unterrichtet die jungen Interessierten in Kirchengeschichte. Durch die Bekanntschaft mit Marie de Bondy weiß er von Foucaulds Suchen und Kämpfen. Charles geht gelegentlich in diese Kirche und spricht ein Gebet, das er später als „seltsam“ bezeichnen wird: „Gott, wenn du existierst, lass mich dich erkennen.

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 >>> im nächsten Teil geht es um Charles de Foucaulds Konversion,

im dritten und letzten Teil um sein entweltlichtes Leben )

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Der Text ist eine Zusammenfassung des Blogbetreibers aus dem Buch
„Benedikts Vermächtnis und Franziskus‘ Auftrag –
ENTWELTLICHUNG – eine Streitschrift“, Herder 2013

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2 Gedanken zu “Charles de Foucauld (1/3) – ohne Glaube

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