Charles de Foucauld (2/3) – Bekehrung und Gehorsam

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Charles de Foucauld

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Teil 2 von 3

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Die Bekehrung
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In den letzten Oktobertagen des Jahres 1886 suchte er erneut die Kirche auf. Abbé Huvelin ist wieder dabei, das Busssakrament zu spenden. Charles kommt nicht mit der Absicht, seine Sünden zu bekennen, er möchte lediglich mehr über den katholischen Glauben wissen. Doch der Priester fordert ihn ohne Umschweife zur Beichte auf und bittet ihn anschließend, die heilige Kommunion zu empfangen. Charles gehorcht. Eine totale, bedingungslose Bekehrung vollzieht sich: der Suchende empfängt von Gott den Glauben und alle Fasern seiner Existenz antworten mit einem definitiven „Ja“. Die Wende ist rückhaltlos. Seinem Freund Henri de Castriers schreibt er später: „Sobald ich wusste, dass es einen Gott gibt, war mir klar, dass ich nur für ihn leben konnte.

 Abbé Henri Huvelin, curé de Saint Augustin
Der begnadete Seelenführer Abbé Henri Huvelin

Und er vergisst sein Leben lang nicht, wer es war, der ihm den Glauben an Gott vermittelte. Er schreibt an den Priester später: „Als sie mich in den Beichtstuhl schickten, haben sie mir alle Güter gegeben.“ Der glühende Stolz des weltgewandten Grafen und sein anmaßender Machtwille werden umgewandelt in tiefe Demut und einen einzigartigen Gehorsam. „Der Glaube“, schreibt er in seinen in Nazaret verfassten Meditationen (1897/98), „ist mit Stolz unvereinbar, mit dem eitlen Ruhm, mit dem Gefallen am Prestige bei den Menschen.

Seine bislang schon hinlänglich wirre Lebensgeschichte wird nun keineswegs umstandslos in ruhige Bahnen gelenkt. Äußere Vorgänge und innere Kämpfe treiben ihn auch weiterhin immer wieder einmal zu Hektik und Sprunghaftigkeit. Aber in seinem Glauben und in seinem priesterlichen Glaubensboten hat der Ruhelose nun einen festen Lebensanker gefunden – und zwar deshalb, weil sich dieser ambitionierte Weltmann einem unscheinbaren und zurückhaltenden Abbé widerspruchslos unterordnete. Seine Zukunft suchte Charles nun in einem glaubenden Gehorsam, wie ihn sein Charakter eigentlich nicht erwarten ließ und wie er in dieser Radikalität überhaupt nur selten vorkommt.

In den ersten Monaten nach der Konversion muss der geistliche Führer Abbé Huvelin den stolzen Abenteurer in den Alltag des Lebens und Glaubens zurückholen – eine nach zwölf Jahren anarchischen Vagabundierens nicht eben leichte Aufgabe. Für das eine hilft ihm die Familie Moitessier, das zweite wird durch eine Vertiefung seiner theologischen Kenntnisse erreicht – zumal Charles‘ Vorstellung vom Christentum mit Elementen aus dem Koran vermischt war und sich mit biblischen Wundern schwer tat. Alles geschieht vorerst ohne viel Aufhebens und in aller Stille. Sein Dasein behält eine neu gefundene Gewöhnlichkeit. Er setzt seine wissenschaftlichen Arbeiten fort. Und es ist eine schwierige Zeit der Einübung in den Gehorsam. Denn Charles wird immer noch von seinen alten Dämonen versucht – nicht von denen des Fleisches, sondern von denen des Ansehens in den Augen anderer. Irgendwann interessiert er sich für einen geeigneten religiösen Orden. Er sucht eine strenge Gemeinschaft und studiert verschiedene Ordensgeschichten und –regeln. Doch Abbé Huvelin rät ihm, sich besser in das Evangelium zu vertiefen.

Studium der Bibel

Hier fängst er schließlich Feuer. Was ihn nach dieser Lektüre nicht mehr zur Ruhe kommen lässt, ist die Person Jesu Christi. Abbé Huvelin weiß seinen jungen Konvertiten zu führen. Er rät ihm zu einer Reise, um die Orte und Wege Jesu kennen zu lernen. Jesus hat ja auf Erden unter uns gelebt, sein Menschsein, seine Geschichte und auch die geographischen Spuren seines Erdenlebens können uns zu ihm führen. Charles stimmt schließlich zu, „gegen alle Neigung, allein aus Gehorsam“. Von November 1888 bis Februar 1889 durchstreift er das Land des Herrn – eine kürzere Forschungsreise als die nach Marokko, gewiss, aber eine Reise mit lebenslanger Wirkung. Wieder hat sich der Gehorsam gegenüber Abbé Huvelin bewährt. Besonders Jesu Niedrigkeit und die Armut der Heiligen Familie berühren ihn tief. So sucht er nun den Platz, an dem er selbst auch ein solches Leben führen könnte. Mit unvermindertem Eifer wird er selbst das zu verwirklichen trachten, was ihm in Nazaret begegnet ist: die Liebe, die sich erniedrigt. Doch wo kann er dieses Ideal der Selbstverleugnung in Armut in konkretes Leben umsetzen?

Abbeye Notre Dames des Neiges
Abbaye Notre Dames des Neiges

Abbé Huvelin macht ein Trappistenkloster aus, das wegen seiner Strenge und wegen der Unwirtlichkeit des Landstrichs bekannt ist: Notre-Dame-des-Neiges, so hoch in der Ardèche gelegen, dass der Winter dort sechs Monate dauert. Drei Jahre des Wartens erlegt der Abbé seinem Konvertiten auf, dann soll der seiner inneren Stimme nachgehen und Ordensmann werden dürfen. „Jeder weiß, dass die Liebe vor allem die Nachahmung will, so blieb mir der Eintritt in den Orden, in dem ich die genaueste Nachahmung fände“, schreibt er an Henri de Castries. Der Abschied aus der Welt von seinen Lieben, am 15. Januar 1890 bereitet ihm unsägliche seelische Schmerzen.

Charles - Kasel aus Notre Dame des Neiges
Charles de Foucauld – Kasel aus Notre Dame des Neiges

Er notiert in sein Tagebuch: „Opfer, das mich alle meine Tränen kostete, wie es scheint, denn von der Zeit an, von dem Tag an weine ich nicht mehr, es scheint, ich habe keine Tränen mehr… höchstens, wenn ich daran zurückdenke… Die Wunden des 15. Januar bleiben immer dieselben… Das Opfer von damals bleibt das Opfer jeder Stunde.

Entweltlichung wird hier zum existenziellen Ereignis, doch Charles ist entschieden. In seinen Meditationen von Nazaret (1897/98) betet er: „Durst, Dir das größte mir mögliche Opfer zu bringen, indem ich für immer meine Familie verließ, die all mein Glück ausmachte, und von ihr weit wegzugehen, um zu leben und zu sterben.“ Neben den vielen Aufzeichnungen und Meditationen, die Charles hinterlassen hat, ist uns ein ausführlicher Briefwechsel mit Abbé Huvelin erhalten. Wegen der örtlichen Entfernung war eine geistliche Begleitung nur schriftlich möglich. Die so entstandene Niederschriften haben ihr Gutes: Sie entheben den Beobachter der Notwendigkeit spekulativer Vermutungen und führen das weitere Ringen verlässlich vor Augen, indem der Ordensmann seinen von Gott gewollten Lebensweg aufspürte.

Bald entdeckte er, dass alle Dürftigkeit und Härte, die er in der Ardèche vorfindet, seinen Vorstellungen von Selbsthingabe noch nicht genügen. „Ich habe niemals, auch nicht in den ersten Tagen, in Notre-Dame-des-Neiges das gefunden, was mir vor Augen stand“, wird er 1896 an Marie de Bondy, seine Cousine, schreiben. Um sein Ideal zu verwirklichen, bittet er um eine Versetzung in das Trappistenkloster Notre-Dame-du-Sacré-Coeur in Akbès (Syrien), wo er die größere Armut vermutet. Wiederum ist er enttäuscht. In einem der ersten Briefe an seinen geistlichen Führer schreibt er: „Sie hoffen, ich lebte in ausreichender Armut  – nein, wir sind arm für die Reichen, aber nicht so arm, wie es unser Herr war, nicht so arm, wie ich in Marokko war, nicht so arm wie der heilige Franziskus… Ich bedauere das, ohne dass es mich verstörte, auch dies nehme ich still und Gehorsam an“ (5. November 1890). Seine Ernsthaftigkeit lässt mit der Zeit einen anderen Gedanken in ihm wach werden: er könnte vielleicht selbst eine Gemeinschaft gründen, die von der Armut und Niedrigkeit Nazarets geprägt ist. Im September 1893 trägt er diesen Plan erstmals Abbé Huvelin vor, weil er ihn nur nach dessen Billigung angehen will.

Trappistenkloster Notre Dame d'Abkes, Syrien
Trappistenkloster Notre Dame d’Akbès
Trappisten in N.D. du Sacré-Cœur de Cheiklé - Akbès
Trappisten in N.D. du Sacré-Cœur d’Akbès

Sein geistlicher Führer jedoch hat große Bedenken. Doch wenn jemand glaubt, damit wäre die Sache abgetan, so verkennt er die Willenskraft von Charles – auch wenn sie den Gehorsam aus Glauben niemals abschüttelt. Charles bindet sich zwar durch die zeitlichen Gelübde zunächst an die Trappistengemeinschaft, kann aber sein Vorhaben nicht vergessen. So stimmt Abbé Huvelin schließlich 1895 Foucaulds Abschied aus dem Orden zu. Er zeigt dabei seine Feinfühligkeit und Seelenkenntnis: „Ich bedaure immer noch, dass ihr Mönchtum bei den Trappisten nicht sein kann. Es gibt in ihnen einen zu starken Drang zu einem anderen Ideal, und sie haben nach und nach durch diesen Impuls diese Umgebung hinter sich gelassen und fühlen sich fremd. Ich glaube wirklich, dass sie den Impuls nicht ersticken können.“

Es treibt Charles nach Nazaret. Allerdings steht vorher noch eine einschneidende Gehorsamsprobe an: die erbetene Entlassung aus dem Orden. Obwohl das Kloster ihm Zeiten des inneren Friedens geschenkt hatte, konnte es seinem Lebensideal nicht gerecht werden. Dreieinhalb Jahre hatte er schon auf die Exkardination durch den Generalabt Dom Wyart gewartet. Am 23. Januar 1897 begegnet er endlich dem Vorgesetzten, erläutert dabei jedoch in keiner Weise seine Bitte, sondern bleibt vollkommen stumm. Und auch ohne Erläuterung erhält er die lang ersehnte Freiheit für seinen besonderen Ruf.

Ein beeindruckender Akt des Gehorsams

Dieser so erwünschten Billigung war ein beeindruckender Akt des Gehorsams vorausgegangen. In seiner Nazaret-Meditation vom November 1897 schildert er, wie er sich auf das Treffen vorbereitet hatte.

„Bevor der Generalabt diese Entscheidung äußerte, hatte ich Gott versprochen, alles zu tun, was mir der Generalabt nach der Prüfung meiner Berufung [Gründung eines eigenen Ordens], und was wir mein Beichtvater sagen würden. Wenn Sie also gesagt hätten: „Machen Sie in zehn Tagen ihre ewigen Gelübde und lassen Sie sich zum Priester weihen“, hätte ich mit Freude gehorcht in dem Bewusstsein, den Willen Gottes getan zu haben… denn wenn man nichts anderes als den Willen Gottes sucht und Vorgesetzte hat, die allein diesen suchen, ist es unmöglich, seinen Willen nicht zu erkennen.“

Charles de Foucauld - Nazaret - Zeichnung
Charles de Foucauld – Zeichnung aus Nazaret

In einem Brief fügt er in der eher erschreckenden Kompromisslosigkeit, die ihm eigen ist, hinzu: „Wir wollen uns dem Herrn nicht als Lebendige schenken, da Er für uns gestorben ist. Wir wollen uns Ihm so schenken, wie Er sich uns geschenkt hat, als Tote, als Leichnam: vollkommene Liebe ist vollkommener Gehorsam.

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>>> der dritte und letzte Teil beschreibt Charles des Foucaulds Leben in der Wüste

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Der Text ist eine Zusammenfassung des Blogbetreibers aus dem Buch
„Benedikts Vermächtnis und Franziskus‘ Auftrag –
ENTWELTLICHUNG – eine Streitschrift“, Herder 2013

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