NACHFOLGE (R.Guardini)

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Romano Guardini

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Zahlreiche Teilnehmer besuchten die Guardini-Fachtagung im Stift Heiligenkreuz bei Wien, zu der Frau Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Institutsvorstand des “EUPHRat”, geladen hat: Der Herr – gegen die Heilbringer. Die Christologie Romano Guardinis nach 75 Jahren. Versuche einer Würdigung. Im Mittelpunkt des Symposiums steht Romano Guardinis herausragendes Werk „Der Herr – Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi“. Es handelt sich um herausragende Predigten eines der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, herausgegeben im Jahr 1937, kurz vor der Katastrophe des zweiten Weltkriegs.
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>>> ROMANO GUARDINI: Christologie als Macht gegen Ideologie (B.-H. Gerl-Falkovitz)

>>> ROMANO GUARDINI: Kerygmatische Christologie – theologiegeschichtlich (Martin Brüske)

>>> ROMANO GUARDINI: Christus als „Mediator“ und souveräner Herr der Geschichte (F.-X. Heibl)

>>> ROMANO GUARDINI: Mystagogie. Zur geistlichen Lektüre des „Herrn“ (P. Kosmas OCist)

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1933 begannen die ersten Lieferungen von Predigten Romano Guardinis (1885-1968) „Aus dem Leben des Herrn“, zum Buch zusammengefaßt 1937 unter dem lakonischen Titel „Der Herr“. Dieses Meisterwerk hat seinerzeit und bis heute Unzählige auf unnachahmliche Weise an die Gestalt Jesu Christi herangeführt; noch Papst Benedikt XVI. erinnert im Vorwort zu seinem eigenen Jesusbuch an dieses Vorbild.

Kaum steht jedoch im Bewußtsein, daß der Titel „Der Herr“ herausfordernd in eine Zeit hineingesetzt wurde, die einem anderen Herrn verfallen war: dem „Führer“. Ebenfalls 1933/34 hatte Guardini eine Zeitdiagnose „Die religiöse Offenheit der Gegenwart“ entwickelt, worin er die neuheidnischen Götter von Sippe und Blut bedrohend charakterisiert. Noch während des Krieges versuchte er eine Augenöffnung über die Gestalt des „Heilbringers“ in Mythos, Offenbarung und Politik. Das Wissen um die Verführbarkeit der Zeit bedrängte ihn weiter nach dem Kriege; so sind die Auseinandersetzungen mit Rilke und Nietzsche ein Blick auf die zeitgeistige Anfälligkeit für eine gewollt a-christliche/anti-christliche Mystik.

Der große Maßstab, der mit der Gestalt des „Herrn“ gesetzt ist, bedarf nach 80 Jahren einer erneuten und vertieften Prüfung – nicht zuletzt um gegen heutige Herrengötzen aller Couleur das Auge zu schärfen. Peregrinantibus et iter agentibus – „Den Wandernden und Wegsuchenden“ widmet Guardini sein großes Werk. Was wäre dem Neuerwachen des Christentums in der Gegenwart angemessener?

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Eine kurze VITA und WERKSÜBERSICHT:

ROMANO GUARDINI (1885 – 1968)

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Romano Guardini wurde am 17. Februar 1885 in Verona geboren. Seine Mutter Paola Maria stammte aus dem Trentino, sein Vater Romano Tullo war Geflügelgroßhändler. Die beiden hatten neben Romano noch drei weitere Söhne. 1886 siedelte die Familie nach Mainz über, so dass Guardini dort zur Schule ging und 1903 am Humanistischen Gymnasium in Mainz die Reifeprüfung ablegte. Seit der Schulzeit war er mit Karl Neundörfer bis zu dessen Tod 1926 eng befreundet. Nachdem er zwei Semester Chemie in Tübingen und drei Semester Nationalökonomie in München und Berlin studiert hatte, entschied er sich, katholischer Priester zu werden.

Gemeinsam mit seinem Schulfreund Karl Neundörfer begann er schon damals eine eigene Gegensatzlehre zu entwickeln. Sein Theologiestudium absolvierte er in Freiburg im Breisgau und Tübingen. In Tübingen bildeten er und Neundörfer einen studentischen Zirkel, unter anderem mit Josef Weiger und Philipp Funk. 1910 erhielt er in Mainz die Priesterweihe, arbeitete kurze Zeit als Seelsorger, bevor er erneut nach Freiburg im Breisgau ging, um in Theologie bei Engelbert Krebs zu promovieren. 1915 erhielt er den Doktortitel mit einer Arbeit über Bonaventura. 1922 folgte dann – während er weiter in der Seelsorge vor allem für Jugendliche tätig war – die Habilitation für Dogmatik an der Universität Bonn, erneut mit einer Arbeit über Bonaventura. Er verbrachte einen Teil seiner Bonner Zeit im Herz-Jesu-Kloster in Bonn–Pützchen, in dem er als Hausgeistlicher tätig war.

Er arbeitete in der katholischen Jugendbewegung mit, ab 1916 im Mainzer Juventus, ab 1920 vor allem im Quickborn, deren geistliches Zentrum die Burg Rothenfels am Main war. Alsbald wurde er zum geistlichen Mentor der Quickborner. Von 1927 bis 1933 war er Mitglied der Bundesleitung, von 1927 bis zur Konfiszierung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1939 Burgleiter.

1923 wurde Guardini auf einen Lehrstuhl für katholische Weltanschauung an der Universität Breslau berufen. Unmittelbar nach seiner Berufung wurde er in Breslau dauerhaft beurlaubt und lehrte fortan als „ständiger Gast“ (so die offizielle Bezeichnung im Vorlesungsverzeichnis) katholische Weltanschauung an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Dort blieb er bis zur erzwungenen Emeritierung 1939 durch die Nationalsozialisten. 1935 hatte er sich in seiner Schrift Der Heiland offen gegen die von den nationalsozialistischen Deutschen Christen propagierte Mythisierung der Person des Jesus gewandt und dagegen die enge Verbundenheit von Christentum und „jüdischer Religion“ mit der Historizität Jesu begründet. 1943 bis 1945 zog er sich nach Mooshausen zurück, wo sein Freund Josef Weiger Pfarrer war und sich schon seit 1917 ein Freundeskreis gebildet hatte.

1945 wurde Guardini an die Philosophische Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen berufen und lehrte dort wieder über Religionsphilosophie und christliche Weltanschauung. 1948 folgte er schließlich einem Ruf der Ludwig-Maximilians-Universität nach München, wo er bis zur Emeritierung erneut Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie lehrte. 1962 beendete Guardini die Vorlesungstätigkeit an der Universität München aus gesundheitlichen Gründen.

In seinen letzten Lebensjahren war der ohnehin von Schwermut geplagte Guardini häufig krank. Dadurch konnte er auch nicht wie vorgesehen als Theologe in der Liturgie-Kommission des Zweiten Vatikanischen Konzils eintreten.

Am 1. Oktober 1968 starb Romano Guardini in München. Er wurde auf dem Priesterfriedhof des Oratoriums des Hl. Philipp Neri in München (St. Laurentius) beigesetzt. 1997 wurde Guardinis Gebeine im Angedenken an seine Lehrtätigkeit an der Münchner Universität und seine Predigttätigkeit in die Münchner Stadt- und Universitätskirche St. Ludwig umgebettet. Die Zeremonie wurde durch Weihbischof Ernst Tewes geleitet. Den Nachlass verwaltet die von Guardini selbst mitbegründete Katholische Akademie in Bayern.

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GUARDINIS WERK

Guardini gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der katholischen Christologie des 20. Jahrhunderts, besonders in den Bereichen der Liturgie, der Religionsphilosophie, der Pädagogik, der Ökumene und der allgemeinen Geistesgeschichte. Seine christlich-existentiellen Auslegungen kirchlicher und weltlicher Philosophen und Dichter wie Rilke, Raabe und Dostojewski wurden und werden sowohl von Katholiken wie von Protestanten geschätzt.

Die Eindringlichkeit und anschauliche Differenziertheit seiner existentiellen Darstellungen des Denkens und Lebens eines Sokrates, Platon, Augustinus, Dante Alighieri, Pascal, Kierkegaard oder Friedrich Nietzsche waren und sind überzeugende Beispiele für seine Fähigkeit, den Zusammenhang zwischen Denken und Dasein zu erkennen und diesen philosophisch und theologisch analysierend dem Leser nahe zu bringen. Dieser lebendige Zusammenhang verbunden mit einer dem Menschen dienenden Philosophie und Theologie bestimmen auch seine eigenen Schriften.

Mit seiner ersten größeren Schrift Vom Geist der Liturgie (1917) hat er Maßstäbe für die Liturgische Bewegung und Liturgische Erneuerung gesetzt und damit die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils wesentlich geprägt. Er stellt darin unter anderem den relativen Primat des Logos vor dem Ethos wieder her, und zwar einen Primat der Ordnung, nicht aber der Würde. Außerdem versuchte er, die Polarität zwischen Spiel und Ernst in der Liturgie wieder ins Bewusstsein zu heben. Anfangs sträubte er sich zwar noch, sich wie Johannes Pinsk an einem Volksaltar „beim Gebet und der Heiligen Handlung ins Gesicht sehen zu lassen“, hat „aber dann nachgegeben und bereut, es nicht früher getan zu haben“.

Nach dem Krieg veröffentlichte er die während seines Exils in Mooshausen entstandene theologisch-politische Besinnung Der Heilsbringer, in der er wie schon zu Beginn des „Dritten Reichs“ Hitlers Versuch, sich als Heilsbringer zu stilisieren, als totalitaristisch brandmarkte. Er bemühte sich daher in der Folgezeit insbesondere um ein „Ethos der Macht“ sowohl gegenüber anonymen „Es-Mächten“ (Medien, Bürokratie, Wirtschaft) als auch gegenüber den totalen Machtansprüchen politischer Ideologien.

Da er aufgrund seiner Sonderstellung „zwischen“ den Fakultäten kein Promotionsrecht hatte, hatte er keine unmittelbaren wissenschaftlichen Schüler. Sein Einfluss, vor allem über die katholische Jugendbewegung, ist aber aufgrund zahlreiche Selbstbekenntnisse offensichtlich geworden. Zu seinen indirekten Schülern dürfen daher unter anderem zählen: Max Müller, Josef Pieper, Felix Messerschmid, Heinrich Getzeny, Rudolf Schwarz, Franz Stock, Fritz Leist, Walter Dirks, Georg und Hermann Volk, Heinrich Fries, Alfred Schüler, Johannes Spörl. Enge Beziehungen pflegte er zu den Oratorianern in Leipzig und München, allen voran Werner Becker und Heinrich Kahlefeld sowie Josef Gülden, Klemens Tilmann und die späteren Bischöfe Otto Spülbeck und Ernst Tewes. Auch in psychotherapeutischen Kreisen hatte er zahlreiche Freunde, unter anderem Viktor Emil von Gebsattel, Viktor von Weizsäcker, Paul Matussek. Aber sogar bei Hannah Arendt und Iring Fetscher finden sich beeindruckte Zeugnisse für seine wissenschaftlich-charismatische Ausstrahlung. Die Katholische Akademie in Bayern vergibt seit 1970 den renommierten Romano-Guardini-Preis.

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5 Gedanken zu “NACHFOLGE (R.Guardini)

  1. Ich bin weder Priester noch Theologe. Habe 2004 von meiner verstorbenen Tante einen Kreuzweg aus dem Jahre 1934 für privaten Gebrauch, verfasst von Romano Guardini bekommen. Meine Begeisterung über diese tiefsinnige Beschreibung des Leidens und Sterbens Jesu Christi kannte keine Grenzen. Das hat mich veranlasst den Kreuzweg abzuschreiben und an diverse Priester weiter zu geben. Über die Reaktion möchte ich mir kein Urteil erlauben, nur soviel, Romano Guardini ist nicht mehr gefragt. Statt dessen ist Karl Rahner der große Favorit.
    Gerade darin sehe ich einen Grund der derzeitigen Verwerfungen innerhalb des Klerikus. Diese Oberflächlichkeit ist der Hauptgrund des Niedergangs, da steht ein Romano Guardini im Wege, Karl Rahner ist gefragt.

    1. Dieses kürzliche Guardini Symposium, auf das sich meine Beiträge beziehen, ist nun ein erstes kräftiges Zeichen einer Trendwende, einer guten und zeitgerechten Wende:

      Autoren, die tatsächlich der Wahrheit verpflichtet sind, werden sich immer durchsetzen.
      LG, Stefan Ehrhardt

  2. Bin mit der Spiritualität dieser Riesen der Theologie des 20. Jhdt. aufgewachsen und danke Gott, dass es so sein Wille war. Er ist ein würdiger Wegweiser im Gewimmel der heutigen Falschen Propheten.

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