FATIMA

Hirten spielen im Christentum eine besondere Rolle.

Als Personalisierung von Sorge und Armut führen sie ein aufopferungsvolles Leben für die Herde.

Die Romantik ihrer Naturverbundenheit steht dabei im Kontrast zur Härte der Aufgabe und zur Bescheidenheit der Lebensführung.

Hirten sind prädestiniert für die Gottesbegegnung.

(Josef Bordat)
*

Die Rolle der Hirten

Ihnen offenbart der Engel des Herrn die Ankunft des Messias, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus.
Ihnen zeigt sich die Mutter Jesu, Maria, die Gottesgebärerin, Mutter des menschgewordenen Gottes, in Fatima: Jacinta Marto, Francisco Marto, Lúcia dos Santos.
Ihnen fällt es in Person eines Beduinen zu, die Schriftrollen von Qumran zu finden, die aus Sicht der theologischen Forschung so wichtig sind, weil sie die christliche Deutung zentraler Begriffe der Bibel bestätigen und die Wahrheit des Evangeliums unterstreichen. (Josef Bordat)

Die Marienerscheinungen von Fatima

Am Beginn des 20. Jahrhunderts durfte Fatima die berühmte Marienerscheinung erleben. Die Seherinnen schauten die Gottemutter, während zehntausende Menschen Zeugen des Sonnenwunders wurden.

Maria… (ist) zuinnerst in die Heilsgeschichte eingegangen… Daher ruft ihre (Maria) Verkündigung und Verehrung die Gläubigen hin zu ihrem Sohn und seinem Opfer und zur Liebe des Vaters. (LG 65)

Keine Frage, die Herausforderung scheint heute wieder größer, an Erscheinungen, insbesondere Marienerscheinungen zu glauben. Oder sollte man besser sagen, dass es die Gespaltenheit ist, die zugenommen hat? Einerseits haben wir die Technikverliebtheit und Wissenschaftshörigkeit, die auch unter Christen häufig anzutreffen ist.

Die heilige Synode… mahnt sogleich alle Kinder der Kirche, die Verehrung vor allem die liturgische der Seligen Jungfrau großmütig zu fördern. (LG 67)

Andererseits sehen wir das Phänomen Medjugorje, dessen marianische Flammen seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts brennen. Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen: Es gibt harte Fronten zwischen Ablehnern und Befürwortern, dass ist auch am Beispiel Medjugorje deutlich zu beobachten.

*

Wahrhaft recht ist es, Dich, o Gottesgebärerin, seligzupreisen,
der Du die seligste und reinste Mutter unser Gottes bist.
Wir lobpreisen Dich, der Du an Ehre die Cherubim übertriffst,
an Herrlichkeit die Seraphim bei weitem überragst.
der Du ohne deine Jungfräulichkeit zu verlieren,
das Wort Gottes zur Welt gebracht hast;
der Du wahrhaftig Mutter Gottes bist.

(Redemptoris Mater, Nr.32, Gebet der Ostkirche)

*

Im Rahmen des Rosenkranzgebets finden wir sofort einen wichtigen Bezug auf die Ereignisse in Portugal: „Kein Rosenkranz ohne Fatima“ kann man heute sagen, denn diese besondere Frucht von Fatima hat Eingang in das Gebet gefunden:

O mein Jesus, verzeihe uns unsere Sünden;
bewahre uns vor dem Feuer der Hölle,
führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene,
die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.

Inzwischen ist das Rosenkranzgebet mit dem Fatimagebet stark verbunden. Es darf als Segen gesehen werden, dass der Rosenkranz nicht nur von der Gottesmutter bestätigt, sondern mit diesem besonderen Gebet ergänzt worden ist.

*

Die Ereignisse von Fatima

Versetzen wir uns zunächst zurück in die Jahre 1916/1917. In Europa herrscht Krieg, der erste Weltkrieg zeichnet blutige Spuren. In solch grausamen Zeiten ist das Wirken der Gottesmutter besonders stark, so wird sie auch Königin des Friedens genannt. Etwa 130 km nördlich von Lissabon, einer ärmliche Gegend mit Bauern und Hirten, heißt es arbeiten und beten, doch hat man keine Ahnung von den Ereignissen der kommenden Monate.

*

Die Vorbereitung auf die Erscheinungen

Die Eltern der drei Hirtenkinder waren arme Landleute, aber doch von allen im Dorf hoch geschätzt und geachtet. Täglich mussten die Kleinen die Schafherden ihrer Familien auf die Weide führen. Alle drei waren fromme Kinder. Keines von ihnen konnte lesen oder schreiben.

Der Engel des Friedens

Im Frühling 1916, als die Kinder wie immer ihre Schafe hüteten und miteinander spielten, geschah etwas Seltsames: Ein starker Wind schüttelte plötzlich die Bäume. Als die Kinder aufschauten, sahen sie einen Jüngling, weisser als Schnee. Die Sonne machte ihn durchsichtig, als wäre er aus Kristall. Er war von grosser Schönheit. Als er den Kindern erschien, sagte er: „Habt keine Angst! Ich bin der Engel des Friedens! Betet mit mir. “ Er kniete auf die Erde nieder, beugte seine Stirn bis zum Boden und liess die Kinder dreimal diese Worte wiederholen:

Mein Gott, ich glaube an Dich,
ich bete Dich an,
ich hoffe auf Dich,
ich liebe Dich.
Ich bitte Dich um Verzeihung für jene,
die nicht glauben,
Dich nicht anbeten,
nicht hoffen und Dich nicht lieben.

Danach erhob er sich und sagte: „Betet so! Die heiligsten Herzen Jesu und Mariens hören auf eure Bitten.“

*

Glaubensschulung durch den Engel

Sehr oft wiederholten die Kinder das Gebet des Engels, so wie er sie gelehrt hatte. Im Sommer 1916 sahen die Kinder den Engel wieder. Sie waren beim Brunnen hinter dem Elternhaus von Lucia beim Spielen. Plötzlich war er vor ihnen und sagte:

„Was macht ihr? Betet! Betet viel! Die heiligsten Herzen Jesu und Mariä wollen euch Barmherzigkeit erweisen. Bringt ständig dem Allerhöchsten Gebete und Opfer dar! Bringt alles, was ihr könnt, GOTT als Opfer dar, als Akt der Wiedergutmachung für die Sünden, durch die Er verletzt wird, als Bitte für die Bekehrung der Sünder. Gewinnt so den Frieden für euer Vaterland. Ich bin sein Schutzengel, der Engel Portugals. Vor allem nehmt an und ertragt die Leiden, die der Herr euch schicken wird.“

Im Herbst hüteten die Kinder die Schafe dort, wo ihnen der Engel erstmals erschienen war. Sie beteten sein Gebet. Da stand er plötzlich leuchtend vor ihnen. In der linken Hand hielt er einen Kelch, und darüber schwebte eine Hostie, aus der Blutstropfen in den Kelch fielen. Er ließ Kelch und Hostie in der Luft schweben, kniete nieder und betete dreimal:

Allerheiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Hl. Geist,
ich opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut,
die Seele und die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus
gegenwärtig in allen Tabernakeln der Welt, zur Sühne
für alle Schmähungen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten,
durch welche Er selbst beleidigt wird.
Durch die unendlichen Verdienste Seines Heiligsten Herzens
und die des Unbefleckten Herzens Mariens
erflehe ich von Dir die Bekehrung der armen Sünder.

Dann stand der Engel auf, nahm die Hostie und gab sie Lucia. Den Kelch aber reichte er den beiden jüngeren Kindern, die den Inhalt ehrfurchtsvoll tranken. Dabei sprach er die Worte:

„Nehmet hin den Leib und das Blut Jesu Christi, der durch die so undankbaren Menschen furchtbar beleidigt wird.“ Danach warf sich der Engel nochmals nieder, betete von neuem dreimal:

„Heiligste Dreifaltigkeit!

Vater, Sohn und Heiliger Geist… „.

Dann verschwand er. Die Kinder aber waren wie betäubt. Sie beteten weiter, bis Francisco darauf aufmerksam machte, dass der Tag sich neige. Sie trieben ihre Herden nach Hause. Mit niemandem sprachen sie über das Erlebte. Die Worte des Engels, schreibt Lucia später, prägten sich unserem Geiste ein, wirkten wie ein Licht und ließen uns erkennen, wie sehr Gott uns liebt und wie sehr Er geliebt werden will. Ferner erkannten wir den Wert des Opfers und dass der Herr um der Opfer willen die Sünder bekehrt.

*

Dritte Erscheinung: 13. Juli 1917 – Cova da Iria

Die Dorfbewohner vernahmen den Ruf der Gottesmutter. Sie nahmen den Rosenkranz in die Hand und begleiteten diesmal die Seherkinder zur Cova da Iria. An der Steineiche angekommen, sah Lucia bald wieder den ersehnten “Blitz” sich nahen. Auf die erneute Frage, was die Dame von ihr wünsche, erhielt Lucia eine Antwort, die fortan dem Rosenkranz eine unerhörte, bisher unbekannte Dimension verleihen sollte:

Betet weiterhin jeden Tag den Rosenkranz zu Ehren Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, um den Frieden für die Welt und das Ende des Krieges zu erlangen, denn nur sie allein kann das erreichen!

Lucia bat um ein Zeichen. Doch die Gottesmutter verwies sie auf den Oktober; da werde sie ein Wunder vollbringen, damit alle zum Glauben kommen. Dann fuhr sie fort:

Opfert euch auf für die Sünder und sagt oft, besonders wenn ihr ein Opfer bringt: O Jesus, ich tue das aus Liebe zu Dir, für die Bekehrung der Sünder und zur Sühne für all die Sünden gegen das Unbefleckte Herz Mariens!

(Aus Lucias beschreibung der Ereignisse:) „Bei diesen letzten Worten öffnete sie aufs Neue die Hände wie in den zwei vorhergehenden Monaten. Der Strahl schien die Erde zu durchdringen, und wir sahen gleichsam ein Feuermeer und eingetaucht in dieses Feuer die Teufel und die Seelen, als wären sie durchscheinend und schwarz oder bronzefarbig glühende Kohlen in menschlicher Gestalt. Sie trieben im Feuer dahin, emporgehoben von den Flammen, die aus ihnen selber zusammen mit Rauchwolken hervorbrachen. Sie fielen nach allen Richtungen hernieder, wie Funken bei gewaltigen Bränden, ohne Schwere und Gleichgewicht, unter Schmerzensgeheul und Verzweiflungsschreien, die einen vor Entsetzen erbeben und erstarren machten. Die Teufel hatten die schreckliche und grauenvolle Gestalt von scheußlichen, unbekannten Tieren, auch waren sie durchsichtig und schwarz. (Ich muß wohl bei diesen Anblick ‘ai’ geschrien haben, wie die Leute es angeblich hörten.)“

Sie aber sagte in einem Ton tiefer Traurigkeit und liebender Güte zu uns:

Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Verehrung meines Unbefleckten Herzen in der Welt begründen. Wenn man tut, was ich euch sage, werden viele gerettet werden; wenn man aber nicht aufhört, Gott zu beleidigen, wird unter dem Pontifikat Pius’ XI. ein anderer, schlimmerer Krieg beginnen. Wenn ihr eine Nacht sehen werdet, erhellt von einem unbekannten Licht, dann wisset, dass dies das große Zeichen ist, das Gott euch gibt, dass er nun die Welt für ihre Missetaten bestrafen wird, und zwar durch Krieg, Hungersnot, Verfolgung der Kirche und des Heiligen Vaters. Um das zu verhüten, werde ich kommen, um die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen zu bitten. Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren, und es wird Friede sein; wenn nicht, dann wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Verfolgungen der Kirche heraufbeschwören, die Guten werden gemartert werden und der Heilige Vater wird viel zu leiden haben; verschiedene Nationen werden vernichtet werden; am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.

Wenn ihr den Rosenkranz betet, dann sagt nach jedem Geheimnis: O mein Jesus, verzeihe uns unsere Sünden; bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.

Abermals erhob sich die Erscheinung und verschwand in östlicher Richtung in der Ferne des Firmaments.

Hier muss bemerkt werden, dass Schwester Lucia den Namen von Papst Pius XI. (1922-1939) ihrem Bischof gegenüber ausdrücklich bestätigte. Auf den später erhobenen Einwand, dass der 2. Weltkrieg (1939-1945) erst unter dem Pontifikat Pius’ XII. begann, antwortete sie, dass die Besetzung Österreichs 1938 als der eigentliche Beginn des Krieges anzusehen sei. Lucia nahm in der Tat an, dass das “außergewöhnliche” Nordlicht in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1938 jenes Zeichen Gottes für den Beginn des Krieges war, von dem in der Vision die Rede ist.

*

Sechste Erscheinung: 13. Oktober 1917 – Cova da Iria

Das Sonnenwunder

Die Zeit vom 13. September bis zum 13. Oktober war für die Seherkinder sehr bewegt. Sie litten viel unter den täglichen Beleidigungen der Dorfbevölkerung, deren größter Teil zwar sichtlich neugierig war, jedoch ein sehr ablehnendes bis spöttisches Verhalten an den Tag legte. Der Dorfpriester versuchte eifrig den Kindern und deren Eltern einzureden, dass sie alles zu leugnen hätten, da die Gottesmutter nicht so einfach irgendjemandem erscheine, und erst recht nicht in Fatima, und besonders auch wegen der feindseligen Einstellung der staatlichen Behörden, die das Leben der Kirche auch ohne wunderbare Erscheinungen schon zur Genüge einschränkten und erschwerten. Die Kinder mögen daher im Gehorsam und zum Wohle der Kirche derlei Dinge nicht weiterhin behaupten. Andere wiederum drohten den Kindern, nicht zuletzt der Administrator, der in Aussicht stellte, dass er im Oktober eine Bombe neben den Kindern zünden werde.

Am 13. Oktober regnete es schon frühmorgens in Strömen. Da die Eltern Lucias fürchteten, es könnte doch noch ein Schwindel aufgedeckt werden und dies der letzte Tag ihres Lebens sei, munterten sie Lucia auf, zur hl. Beichte zu gehen; sie selbst wollten, um ihr Kind zu beschützen, bei der behaupteten Erscheinung in unmittelbarer Nähe sein. Die Kinder arbeiteten sich durch den großen Schlamm, unterstützt von ihren Eltern, zur Steineiche durch. Überall suchten die Menschen den Kindern ihre Bitten mitzugeben: Betet für meinen blinden Sohn, für einen Gelähmten, für einen Kranken… Der Regen schien nicht aufhören zu wollen. Um die Mittagszeit knieten die Kinder nieder, denn sie sahen “ihren Blitz”, währenddessen das ganze Volk, es waren schätzungsweise 70.000 Personen zugegen, durchnässt vom Regen und in tiefem Morast stehend, den Rosenkranz betete.

“Was wünschen Sie von mir?” sprach Lucia die Gottesmutter an.

Ich möchte dir sagen, dass hier eine Kapelle zu meiner Ehre gebaut werden soll. Ich bin Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz. Man soll weiterhin täglich den Rosenkranz beten. Der Krieg geht zu Ende, und die Soldaten werden in Kürze nach Hause zurückkehren.”

Ich wollte Sie um vieles bitten: ob Sie einige Kranke heilen und einige Sünder bekehren möchten”, fragte Lucia. Einige ja, andere nicht. Alle aber müssen sich bessern und um die Vergebung ihrer Sünden bitten. – Lucia fügt hier an, dass die Gottesmutter mit traurigem Ausdruck sagte:

Man soll den Herrn, unsern Gott, nicht mehr beleidigen, der schon so sehr beleidigt worden ist.” Die “Frau” hatte ihren Namen genannt: Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz. Hatte sie bisher immer nur von den Kindern verlangt, täglich den Rosenkranz zu beten, so sprach sie nun alle Christen an:

Man soll weiterhin täglich den Rosenkranz beten!

Als Bestätigung der Macht, die sie diesem Gebet zu verleihen gedenkt, sagte sie voraus, dass die Soldaten bald heimkehren werden.

Man mag sich zuweilen fragen, warum den Rosenkranz? Und es mögen auch viele plausiblen Argumente dafür sprechen, im Grunde genommen jedoch bleibt die Antwort das Geheimnis der Gottesmutter. Viel wichtiger scheint mir an dieser Stelle der Hinweis darauf zu sein, dass es die Mutter Jesu und unsere himmlische Mutter war, die diesen Wunsch äußerte und Großes durch ihn versprach. Ziemt es sich für ein wohlerzogenes Kind nicht, den Wunsch einer Mutter, auch wenn alle Hintergründe nicht erhellt sind, zu erfüllen?

Als Dank für ihre Treue öffnete die Gottesmutter vor ihrem Weggang erneut ihre Hände, und ein Strahl, stärker als die Sonne, durchflutete den Ort. Die Kinder sahen sie in gewohnter Weise am östlichen Horizont verschwinden, währenddessen die Anwesenden Augenblicke des höchsten Glücks und zugleich unaussprechlicher Schrecken, das große Sonnenwunder, erlebten. Viele Menschen waren schlagartig gesund, Lahme erhoben sich und priesen Gott, Blinde riefen ihre Freude über das zurückgewonnene Augenlicht aus und jene, die die Erscheinungen – und mit ihnen den Glauben des Volkes – bekämpften, schlugen sich reumütig und zum Zeichen ihrer Bekehrung an die Brust.

Avelino de Almeida, ein Reporter, beschreibt in “O Século” den Ablauf der Ereignisse, wie sie von den Anwesenden erlebt wurden. Das ganze Volk in der Cova sah plötzlich ein Lichtbündel wie einen Sonnenball. “Der Stern erinnerte an eine Platte aus mattem Silber. Es war möglich, ohne auch nur im geringsten geblendet zu werden, in diese ‘Scheibe’ zu schauen. Sie brannte und blendete nicht. Man möchte sagen, dass sich eine Sonnenfinsternis ereigne. Aber siehe! Es löst sich ein kolossaler Schrei, und man hört von den Zuschauern, die sich in der Nähe befanden, wie sie rufen: Ein Wunder, ein Wunder! Ein Schauspiel, ein Schauspiel! Bleich vor Schrecken, mit entblößtem Haupt, starrte alles in den blauen Himmel; der Feuerball hatte die Wolken durchbrochen und war zu sehen wie eine vibrierende Sonne. Die Sonne machte schroffe Bewegungen, wie sie bisher niemals zu beobachten waren, ganz gegen alle kosmischen Gesetze; es löste sich auch aus dem Mund einiger der typische Ausdruck: „Die Sonne tanzte.

Vom Vater Lucias sind die Worte überliefert: „Alle hatten die Augen zum Himmel erhoben, als die Sonne stillstand, und danach zu tanzen begann. Sie blieb stehen, um nochmals zu tanzen, bis sie sich ganz vom Himmel zu lösen und auf uns hernieder zu fallen schien wie ein riesiges Feuerrad. Es war ein schrecklicher Augenblick. Viele schrien: O weh, wir sterben alle! Unsere Liebe Frau, hilf uns! Es gab Leute, die laut ihre Sünden bekannten. Schließlich blieb die Sonne auf ihrem gewohnten Platz stehen.“

Erst als das Ereignis vorbei war, bemerkten die Menschen, dass ihre völlig durchnäßten Kleider plötzlich trocken waren. Die Seher selbst bemerkten kaum etwas von dem, was um sie herum geschah. Noch schauten sie der im Horizont verschwindenden Lichtflut nach, als ihnen plötzlich weitere Schauungen zuteil wurden. Lucia beschreibt das Folgende mit sehr einfachen, schlichten Worten als ein unvergeßliches, eindrückliches Erlebnis und bemerkt dazu, dass sie, um alles richtig zu beschreiben, keine passenden menschlichen Worte fände.

Nachdem Unsere Liebe Frau in der unendlichen Ferne des Firmaments verschwunden war, sahen wir dann zur Seite der Sonne den heiligen Josef mit dem Jesuskind und Unsere Liebe Frau in Weiß gekleidet mit einem blauen Mantel. Der heilige Josef mit dem Jesuskind schien die Welt mit einer Handbewegung in Kreuzesform zu segnen. Kurz darauf verschwand die Erscheinung.

Die Gottesmutter hatte schon in der Erscheinung vom September angedeutet, dass sie im Oktober nicht allein kommen werde. Als erstes sah Lucia den hl. Josef, der seinen Segen der Welt spendet. Dies darf als Hinweis gewertet werden, dass die Familie schwerwiegenden Belastungsproben ausgesetzt sein werde. Fatima zeigt hier einen Weg auf, wie die Familien aus der Krise kommen können: Die demütige Bescheidenheit, mit der der hl. Josef seinerzeit den Willen Gottes ohne große Nachforschungen erfüllte, ist, bei näherem Hinsehen, genau der Gegenpol jenes Familienbildes, in dem jeder nur auf seine Freiheit, seine zu erreichenden Ziele, seine Ideale pocht und vielfach Partner und Kinder auf der Strecke – von Streit, Zwietracht und Auseinandergehen – bleiben. Der hl. Josef hat unserer heutigen Welt, gerade im Hinblick auf die Familie, einiges zu sagen!

Dann sahen wir Unseren Herrn und Unsere Liebe Frau, so Lucia in ihrem Bericht. Ich hatte den Eindruck, es sei Unsere Liebe Frau von den Schmerzen. Unser Herr schien die Welt in der gleichen Weise zu segnen wie der heilige Josef. Diese Erscheinung verschwand, und ich meine wohl, dass ich auch noch Unsere Liebe Frau vom Karmel gesehen habe.

*

Das Geheimnis von Fatima

In ihrer „Dritten Erinnerung“ für den Bischof von Leiria hat Sr. Lucia folgendes aufgezeichnet:

Ich werde daher etwas über das Geheimnis sagen und die erste Frage beantworten müssen. Welches ist das Geheimnis? Ich glaube, ich kann es sagen, da ich doch die Erlaubnis vom Himmel dazu habe. Die Vertreter Gottes auf Erden haben mich verschiedentlich und in mehreren Briefen dazu ermächtigt. Ich glaube, dass Eure Exzellenz einen davon aufbewahrt. Er stammt von P. Jose Bernardo Gonçalves, und er trug mir darin auf, an den Heiligen Vater zu schreiben. Ein Punkt in diesem Schreiben bezieht sich auf die Offenbarung des Geheimnisses. Etwas habe ich bereits gesagt. Aber um dieses Schreiben, das kurz sein sollte, nicht zu lang werden zu lassen, habe ich mich auf das Nötigste beschränkt und überließ es Gott, mir eine günstigere Gelegenheit dafür zu geben …

*

Das Geheimnis besteht aus drei verschiedenen Teilen, von denen ich zwei jetzt offenbaren will.

Erster Teil

Der erste Teil war die Vision der Hölle. Unsere Liebe Frau zeigte uns ein großes Feuermeer, das in der Tiefe der Erde zu sein schien. Eingetaucht in dieses Feuer sahen wir die Teufel und die Seelen, als seien es durchsichtige schwarze oder braune, glühende Kohlen in menschlicher Gestalt. Sie trieben im Feuer dahin, emporgeworfen von den Flammen, die aus ihnen selber zusammen mit Rauchwolken hervorbrachen. Sie fielen nach allen Richtungen, wie Funken bei gewaltigen Bränden, ohne Schwere und Gleichgewicht, unter Schmerzensgeheul und Verzweiflungsschreien, die einen vor Entsetzen erbeben und erstarren ließen. Die Teufel waren gezeichnet durch eine schreckliche und grauenvolle Gestalt von scheußlichen, unbekannten Tieren, aber auch sie waren durchsichtig und schwarz.

Zweiter Teil

Diese Vision dauerte nur einen Augenblick. Dank sei unserer himmlische Mutter, die uns vorher versprochen hatte, uns in den Himmel zu führen (in der ersten Erscheinung). Wäre das nicht so gewesen, dann glaube ich, wären wir vor Schrecken und Entsetzen gestorben. Wir erhoben den Blick zu Unserer Lieben Frau, die voller Güte und Traurigkeit sagte:

Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Verehrung meines Unbefleckten Herzen in der Welt begründen. Wenn man tut, was ich euch sage, werden viele gerettet werden, und es wird Friede sein. Der Krieg wird ein Ende nehmen, wenn man aber nicht aufhört, Gott zu beleidigen, wird unter dem Pontifikat Pius’ XI. ein weiterer, schlimmerer Krieg beginnen. Wenn ihr eine Nacht sehen werdet, erhellt von einem unbekannten Licht, dann wisset, dass dies das große Zeichen ist, das Gott euch gibt, dass er nun die Welt für ihre Missetaten bestrafen wird, und zwar durch Krieg, Hungersnot, Verfolgung der Kirche und des Heiligen Vaters. Um das zu verhüten, werde ich kommen, um um die Weihe Rußlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen zu bitten. Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Rußland sich bekehren, und es wird Friede sein; wenn nicht, dann wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Verfolgungen der Kirche heraufbeschwören, die Guten werden gemartert werden und der Heilige Vater wird viel zu leiden haben; verschiedene Nationen werden vernichtet werden; am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Rußland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.

*

In einem Kommentar des Historikers Michael Hesemann heißt es:

Das Himmelszeichen, auf das sich die Botschaft bezog, hat es tatsächlich gegeben. Am Abend des 25. Januars 1938, also im Pontifikat Pius XI., färbte sich der Himmel über Europa blutrot. In vielen großen Städten heulten die Sirenen, weil Bürger glaubten, ein Feuer sei ausgebrochen. In der gesamten Alpenregion schien es, als sei die Morgendämmerung vorverlegt worden, so tiefrot glühte der Horizont. Bis hinunter nach Italien, Spanien und Portugal, ja sogar in Gibraltar, auf Sizilien und in Nordafrika wurde das Phänomen beobachtet, das später von der Wissenschaft als gigantische Aurora borealis erklärt wurde, als Nordlicht von historischen Dimensionen. Zu den unzähligen Zeugen des kosmischen Schauspiels gehörten auch die Nonnen des Klosters von Tuy in Spanien, in das Lucia eingetreten war. Gleich am nächsten Tag setzte sie sich hin und schrieb einen längeren Brief an ihren Bischof, die Provinzoberin und ihren Beichtvater, in denen sie erklärte, Gott habe dieses Zeichen benutzt, „um der Menschheit anzukündigen, dass Seine Gerechtigkeit bald die schuldigen Nationen treffen sollte“; es war ihr 21 Jahre zuvor von der Gottesmutter angekündigt worden.

Nur durch diesen Umstand können wir sicher sein, dass auch die Erwähnung des „unbekannten Lichtes“ kein „vaticinium ex eventu“, keine vordatierte Pseudo-Prophezeiung war. Etwa zeitgleich mit dem Himmelszeichen hatte Adolf Hitler in der Reichskanzlei in Berlin beschlossen, alles für den Einmarsch in Österreich vorzubereiten. Am 12. März 1938 überschritten deutsche Truppen zum ersten Mal seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder eine Grenze. Zweieinhalb Monate später folgte die Besetzung Tschechiens, am 1. September 1939 der Angriff auf Polen, der zur Kriegserklärung der Westmächte führte. Noch 1941, als Lucia das zweite Geheimnis niederschrieb, ja selbst im Mai 1942, zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, erschienen Hitlers Truppen unbesiegbar. Erst die Niederlage von el-Alamein im Oktober 1942, gefolgt von der Einkesselung der 6. Armee vor Stalingrad im November 1942, wendeten das Blatt. Fortan war Stalin auf dem Vormarsch. Bei Kriegsende hatte die Sowjetunion zwölf vor dem Krieg unabhängige europäische Staaten besetzt: Polen, Ostdeutschland (DDR), Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Jugoslawien, Litauen, Lettland und Estland. Eine massive Unterdrückung des kirchlichen Lebens bis hin zur offenen Verfolgung unbequemer Christen war in ihnen allen die Folge. Die baltischen Staaten und die Slowakei verloren darüber hinaus jede staatliche Souveränität und wurden zwangsweise in die Sowjetunion bzw. die Tschechoslowakei eingegliedert.

Am Jahrestag des Attentates, dem 13. Mai 1982, reiste der polnische Papst zum ersten Mal nach Fatima, um der Gottesmutter für seine Errettung zu danken. Schon vorher hatte er die Kugel, die seinen Körper durchdrungen hatte, in die Krone der Gnadenstatue des Erscheinungsortes einarbeiten lassen. Als er in einer feierlichen Zeremonie die ganze Welt der Gottesmutter weihen wollte, korrigierte ihn Schwester Lucia, die eigens zu diesem Anlass ihr Klausurkloster in Coimbra verlassen durfte: Das müsse schon in Einklang mit der gesamten Weltkirche geschehen, so hatte es ihr Maria in einer späteren Vision offenbart.

Also bereitete Papst Johannes Paul II. jetzt diesen Weiheakt vor. Am 8. Dezember 1983 schickte er Briefe an alle Bischöfe der Weltkirche, einschließlich jene der orthodoxen Kirchen, in denen er sie dazu einlud, mit ihm gemeinsam am Festtag Mariä Verkündigung, dem 25. März 1984, eine Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens zu vollziehen. Zu diesem Zweck ließ er eigens das Gnadenbild von Fatima nach Rom einfliegen, wo es die Nacht in seiner Privatkapelle verbrachte. Am nächsten Morgen wurde die Statue vor dem Petersdom aufgestellt, wo Johannes Paul II. zum Abschluss eines fast zweistündigen Pontifikalamtes die Weiheformel sprach. Zeitgleich vollzogen Hunderte Bischöfe in aller Welt mit ihren Gemeinden denselben Ritus. „Vom Atomkrieg, von unberechenbarer Selbstzerstörung, von jeder Art des Krieges, bewahre uns!“, betete er anschließend. „Ist Russland jetzt geweiht?“, ließ er über seinen Apostolischen Nuntius bei Schwester Lucia nachfragen. Sie bejahte. „Jetzt warten wir auf das Wunder“, meinte der Nuntius. „Gott wird sein Wort halten“, versprach sie.

Gott hielt sein Wort. Nicht einmal ein Jahr nach der Weltweihe, am 11. März 1985, wurde Michail Gorbatschow neuer Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er kündigte an, dass fortan ein neuer Wund in Rußland wehen würde, sprach von „Glasnost“, Offenheit, und „Perestroika“, Umgestaltung. Bereits im Dezember 1985 traf er US-Präsident Ronald Reagan, der noch zwei Jahre zuvor die UdSSR als „Reich des Bösen“ bezeichnet hatte, in Genf. Es sollte das erste von insgesamt acht Gipfeltreffen sein, auf denen eine breit angelegte nukleare und konventionelle Abrüstung beschlossen wurde. Plötzlich war von „Entspannung“ im bislang so angespannten Verhältnis der beiden Machtblöcke zueinander die Rede, kündigte ein Tauwetter das Ende der politischen Eiszeit und den nahenden Frühling an.

Jetzt schöpften auch die Landsleute des polnischen Papstes, deren Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ bislang unterdrückt worden war, neue Hoffnung. Die dritte Polenreise Johannes Pauls II. 1987 stand im Zeichen des wieder gewonnenen Optimismus. Und noch einmal setzte der Papst auf Maria, als er das Jahr 1987/88, angesetzt als 2000-Jahrfeier der Geburt der Gottesmutter, zum „Marianischen Jahr“ erklärte. Durch Satellitenschaltungen mit Hunderttausenden von Pilgern in 16 Marienheiligtümern der Welt verbunden, live übertragen in 22 Länder, eröffnete Johannes Paul II. die Feierlichkeiten mit einem Rosenkranzgebet in der römischen Basilika S. Maria Maggiore. Dann vertraute er der „Mutter der Christen“ „in besonderer Weise die Völker an, die ihren … tausendsten Jahrestag ihrer Bindung an das Evangelium feiern“ – gemeint waren Russland und die Ukraine, deren Christen in diesem Jahr der Taufe der Kiewer Rus im Jahre 988 gedachten. Auch der neue Generalsekretär würdigte dieses Jubiläum. So bat Michail Gorbatschow den russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und fünf Metropoliten (Erzbischöfe) zu sich in den Kreml, um ihnen die Verabschiedung eines neuen Gesetzes anzukündigen, das erstmals in der Sowjetunion die Religionsfreiheit garantierte. Endlich durften im ganzen Land wieder Kirchenglocken läuten, was unter den Kommunisten bislang verboten war. Über 4000 bislang zwangsweise geschlossene Kirchen durften wieder zu religiösen Zwecken genutzt werden. Auch das berühmte Kiewer Höhlenkloster und andere bedeutende Klöster im ganzen Land gab Gorbatschow der Kirche zurück. Zur Tausendjahrfeier der Bekehrung Russlands wurde sogar eine hochrangige Vatikan-Delegation eingeladen.

Als ein Jahr später die Menschen erst in Polen, dann in Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien auf die Straße gingen, um gegen die kommunistischen Machthaber zu demonstrieren, war es Gorbatschow, der entschied, sie gewähren zu lassen. Die Folge war, dass die Mauer fiel, die bislang nicht nur die beiden deutschen Staaten, sondern ganz Europa geteilt hatte. Am 1. Dezember 1989 besuchte der Russe als erster Generalsekretär der KPdSU den Papst. „Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Begegnung von der göttlichen Vorsehung vorbereitet wurde“, begrüßte ihn Johannes Paul II. So pilgerte er noch einmal am 13. Mai 1991 nach Fatima, um der Madonna zu danken, „dass Du Völker in die Freiheit geführt hast“. Dieses Mal nahm auch der russische Botschafter an der Zeremonie teil, als der Papst seine Weltweihe, „die söhnliche Anvertrauung der menschlichen Rasse an Dich“, wiederholte. Noch ehe das Jahr zuende ging, war die Sowjetunion Geschichte.

In den folgenden beiden Jahrzehnten, ja bis auf den heutigen Tag, erlebte Russland eine beispiellose Renaissance des Glaubens, eine Wiedererweckung seiner Kirche, eine Rechristianisierung in unglaublichen Dimensionen. Schon 1990 zog die erste Prozession seit der Machtergreifung der Kommunisten durch Moskaus Straßen. Seitdem finden Taufen und kirchliche Hochzeitsfeiern wieder in aller Öffentlichkeit statt, Ostern und Weihnachten wurden zu arbeitsfreien Feiertagen erklärt, nationale Heilige aus der Vergessenheit geholt und in vom landesweiten Fernsehen übertragenen Festgottesdiensten geehrt. Vertreter der Kirche nahmen wieder am öffentlichen Leben teil. Auch eigene Kindergärten und Schulen durfte die russisch-orthodoxe Kirche wieder unterhalten.

Was dann auf den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 folgte, ist vielleicht das größte Wunder unserer Zeit. Die Zahlen jedenfalls sprechen eine deutliche Sprache. Während die Zahl der praktizierenden Christen im Westen abnahm (die der Katholiken im wiedervereinigten Deutschland etwa schrumpfte von 28,2 Millionen in 1991 auf 24,4 Millionen in 2011), verdoppelte sie sich in Russland von unter 50 Millionen (1990) auf über 113 Millionen (2012). Bei einer Umfrage im Jahr 2000 bezeichneten sich 82 % der Russen als „orthodoxe Christen“. Die Zahl der Gemeinden stieg (von 1990 bis 2011) von 3451 auf 30.142, die der Diözesen von 38 auf 160, die der Klöster von 18 auf 788, die der theologischen Lehrstühle von 5 auf 200. Die orthodoxe Kirche hat im neuen Russland eine unüberhörbare Stimme, ja sie formte die neue Identität des Landes und verlieh ihm die Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen und nicht allen Versuchungen des materialistischen Westens zu erliegen. Gewiss kann man von einer „Bekehrung Russlands“ sprechen, ganz wie es die Gottesmutter in Fatima prophezeit hatte. Der Welt wurde, trotz regionaler Konflikte, eine „Zeit des Friedens“ geschenkt. Seit der Ära Gorbatschow gehört das Schreckensszenario eines Atomkrieges zwischen West und Ost der Vergangenheit an, ebenso das Wettrüsten der Blöcke. In Europa herrscht Frieden, sind nahezu alle Grenzen offen, lässt sich fast in die meisten Länder ungehindert reisen. Das Versprechen von Fatima hat sich erfüllt.

Keiner sah das so klar wie der Mann der Vorsehung, Papst Johannes Paul II. So vertraute er dem italienischen Journalisten Vittorio Messori, der das Interviewbuch „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ herausgab, als sein ganz persönliches Resümee der Ereignisse an: „Und was ist über die drei portugiesischen Kinder aus Fatima zu sagen, die unerwartet und kurz vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution hörten: ‚Russland wird umkehren’ und ‚Am Ende wird mein Herz triumphieren’…? Sie könnten derartige Aussagen unmöglich erfunden haben. Sie kannten sich weder in der Geschichte noch in der Geographie aus, und noch weniger wussten sie über Sozialbewegungen oder Ideologieentwicklung. Und doch ist genau das eingetreten, was sie angekündigt hatten. Vielleicht ist der Papst auch aus diesem Grund aus einem ‚fernen Land’ gerufen worden; vielleicht hat das Attentat auf dem Petersplatz gerade am 13. Mai 1981, dem Jahrestag der ersten Erscheinung von Fatima, stattfinden müssen, damit alles durchsichtiger und verständlicher würde, damit die Stimme Gottes, die in die Menschengeschichte in ‚Zeichen der Zeit’ spricht, einfacher zu hören und zu verstehen sein würde.“

*

Der dritte Teil des Geheimnisses

Papst Johannes Paul II. hat die beiden Seherkinder Francisco und Jacinta am 13. Mai 2000 in Fatima seliggesprochen. Am 26. Mai 2000 hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger gemeinsam mit seinem Sekretär Erzbischof Tarcisio Bertone in Rom den Text des dritten Teils des Fatima-Geheimnisses im Auftrag des Hl. Vaters veröffentlicht:

J.M.J. Der dritte Teil des Geheimnisses, das am 13. Juli 1917 in der Cova da Iria, Fatima, offenbart wurde. Ich schreibe aus Gehorsam gegenüber Euch, meinem Gott, der es mir aufträgt, durch seine Exzellenz, den Hochwürdigsten Herrn Bischof von Leiria, und durch Eure und meine allerheiligste Mutter. Nach den zwei Teilen, die ich schon dargestellt habe, haben wir links von Unserer Lieben Frau etwas oberhalb einen Engel gesehen, der ein Feuerschwert in der linken Hand hielt; es sprühte Funken, und Flammen gingen von ihm aus, als sollten sie die Welt anzünden; doch die Flammen verlöschten, als sie mit dem Glanz in Berührung kamen, den Unsere Liebe Frau von ihrer rechten Hand auf ihn ausströmte: den Engel, der mit der rechten Hand auf die Erde zeigte und mit lauter Stimme rief: Buße, Buße, Buße!

Und wir sahen in einem ungeheuren Licht, das Gott ist, „etwas, das aussieht wie Personen in einem Spiegel, wenn sie davor vorübergehen“ einen in Weiß gekleideten Bischof; „wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war“. Verschiedene andere Bischöfe, Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen die einen steilen Berg hinaufsteigen, auf dessen Gipfel sich ein großes Kreuz befand aus rohen Stämmen wie aus Korkeiche mit Rinde. Bevor er dort ankam, ging der Heilige Vater durch eine große Stadt, die halb zerstört war und halb zitternd mit wankendem Schritt, von Schmerz und Sorge gedrückt, betete er für die Seelen der Leichen, denen er auf seinem Weg begegnete. Am Berg angekommen, kniete er zu Füßen des großen Kreuzes nieder. Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen. Genauso starben nach und nach die Bischöfe, Priester, Ordensleute und verschiedene weltliche Personen, Männer und Frauen unterschiedlicher Klassen und Positionen. Unter den beiden Armen des Kreuzes waren zwei Engel, ein jeder hatte eine Gießkanne aus Kristall in der Hand. Darin sammelten sie das Blut der Märtyrer auf und tränkten damit die Seelen, die sich Gott näherten. Tuy, 3. Januar 1944.

*

Zu diesem Geheimnis schreibt Michael Hesemann:

Erst mit Johannes Paul II., dem Mann der Vorsehung, erfüllte sich der letzte Teil der Prophezeiung. Dass der Türke Mehmet Ali Agca ausgerechnet am Fatima-Tag, dem 13. Mai 1981, zwischen 17.17 und 17.19 Uhr ein Attentat auf den Wojtyla-Papst verübte, war für ihn kein Zufall. Es war ein Wunder der Gottesmutter, dass er überlebt hatte. Von den drei Kugeln, die an diesem Nachmittag abgefeuert wurden, trafen zwei den Polen. Die erste war in seinen Unterleib eingedrungen, hatte den Dickdarm durchbohrt und den Dünndarm an mehreren Stellen verletzte, bevor sie in den Papst-Jeep gefallen war. Die zweite, die offenbar die Halsschlagader treffen sollte, hatte zuerst seinen rechten Ellenbogen gestreift und den Zeigefinger seiner rechten Hand gebrochen, bevor sie zwei amerikanische Pilgerinnen verletzte. Mit schmerzverzerrten Gesicht, mit einem Gebet an die Gottesmutter auf den Lippen („Jesus, Maria, meine Mutter“), brachte ihn sein Fahrer zur nächstgelegenen Ambulanzstation, von wo aus er in die Gemelli-Klinik gefahren wurde. Kaum war er dort eingetroffen, verlor er bereits das Bewusstsein. Die Ärzte, die ihn operierten, gestanden später, dass sie nicht daran geglaubt hätten, dass er überleben würde. Sie baten seinen Sekretär, Msgr. (heute Kardinal) Stanislaus Dziwisz, ihm die Krankensalbung zu spenden. Die Operation dauerte fast fünfeinhalb Stunden. Zwar mussten 25 Zentimeter seines Darms entfernt werden, doch die Ärzte konnten aufatmen. Kein lebenswichtiges Organ oder die Wirbelsäule waren betroffen.

„Warum sind Sie nicht gestorben?“, fragte der Attentäter Ali Agca immer wieder, als Johannes Paul II. ihn am 27. Dezember 1983 in seiner kahlen Zelle im Gefängnis von Rebibbia besuchte: „Ich weiß, dass ich richtig gezielt habe. Ich weiß, dass es ein zerstörerisches, todbringendes Geschoss war. Warum sind Sie denn nicht gestorben?“ Ein Zeuge dieser Begegnung war der heutige Kardinal Stanislaus Dziwisz, damals der persönliche Sekretär des polnischen Papstes. Er notierte später in seinen Erinnerungen: „Mein Eindruck war der (…), dass Ali Agca in Angst war. Er hatte Angst vor der Tatsache, dass da Kräfte am Werk gewesen waren, die stärker waren als er. Ja, er hatte wirklich genau gezielt, aber das Opfer lebte. Er war deshalb wegen der Existenz solcher Kräfte verängstigt, zumal er auch entdeckt hatte, dass es nicht nur eine Fatima gab, die Tochter Mohammeds war, sondern auch jene Frau, die er ‚Göttin von Fatima‘ nannte. Er fürchtete, wie er selbst berichtet hat, dass diese so mächtige Göttin ihm zürnen und ihn vernichten würde. Das ganze Gespräch drehte sich nur um dieses Thema.“

Tatsächlich war Johannes Paul II. zu diesem Zeitpunkt längst zu der Einsicht gelangt, dass es kein Zufall war, dass er noch lebte, und dass sich das Attentat ausgerechnet am 13. Mai ereignet hatte. Immer sicherer galt es ihm, dass es eine Vorsehung gibt, eine „mütterliche Hand“ (mano materna), die einen so treffsicheren Schützen, ja einen professionellen Killer wie Ali Agca, sein Ziel verfehlen ließ, ja die Kugel an ihm vorbei gelenkt hatte. Als er sich schließlich am 18. Juli 1981 von Franjo Kardinal Seper, dem damaligen Präfekten der Glaubenslehrekongregation (und Amtsvorgänger Joseph Kardinal Ratzingers) die Fatima-Akte aus dem Archiv holen und ins Krankenhaus bringen ließ, wo er sich gerade eines zweiten Eingriffs unterzog, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Denn als er die beiden versiegelten Umschläge, den Originaltext von Schwester Lucia in portugiesischer Sprache und die italienische Übersetzung, öffnete, da erkannte er sich wieder in der Vision der Kinder:

„Und wir sahen in einem ungeheuren Licht, das Gott ist: ‚etwas, das aussieht wie Personen in einem Spiegel, wenn sie davor vorübergehen‘ und einen in Weiß gekleideten Bischof – ‚wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war‘. Wir sahen verschiedene andere Bischöfe, Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen einen steilen Berg hinaufsteigen, auf dessen Gipfel sich ein großes Kreuz befand aus rohen Stämmen wie aus Korkeiche mit Rinde. Bevor er dort ankam, ging der Heilige Vater durch eine große Stadt, die halb zerstört war und halb zitternd mit wankendem Schritt, von Schmerz und Sorge gedrückt, betete er für die Seelen der Leichen, denen er auf seinem Weg begegnete. Am Berg angekommen, kniete er zu Füßen des großen Kreuzes nieder. Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen.“

Während die Welt noch rätselte, wer hinter dem Attentat stand – der KGB, ein verrückter Einzeltäter oder islamistische Extremisten – ließ Johannes Paul II. diese Frage völlig gleichgültig: „Das interessiert mich nicht, denn es ist der Teufel gewesen, der das getan hatte“, erklärte er später, „der Teufel kann auf tausend verschiedene Arten Verschwörungen anzetteln, und ich habe an keiner dieser Methoden das geringste Interesse.“ Viel mehr wollte er wissen, was Gott ihm mit diesem Zeichen, mit seiner Rettung vor dem sicheren Tod, denn sagen wollte. Und schließlich fand er seine Antwort. Die Vision der Kinder, so war er sicher, spiegelte auch seinen persönlichen Lebensweg wider, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die Greuel des Holocaust, die er erlebt hatte, die Expansion des Kommunismus und den Krieg der gottlosen Ideologien gegen die Kirche und den christlichen Glauben. Doch in der gleichen Botschaft, so deutete er den Text, zeigte die Gottesmutter den Ausweg aus der Krise auf: „Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.“

(Michael Hesemann ist Historiker und Autor des Bestsellers „Das Fatima-Geheimnis“)

*

Mehr zu Fatima erfährst du über die Webseite des Fatima-Weltapostolats

*

Für den Rosenkranzmonat wünsche ich allen Lesern

Gottes Segen und die Fürsprache Mariens !

*

Zum Abschluss nochmals die Linksammlung mit marianischen Themen und Gebeten, die auf diesem Blog zu finden sind:

>>> Marianisch leben (von Josef Bordat)

+

>>> Medjurgorje

+

>>> Mariengebete

>>> Rosenkranzgebet

>>> Geschichte des Rosenkranzes

>>> Betrachtung zu den schmerzhaften Geheimnissen

>>> Betrachtung zu den freudenreichen Geheimnissen

>>> Betrachtung zu den glorreichen Geheimnissen

>>> Betrachtung zu den lichtreichen Geheimnissen

+

>>> Was ist eine marianische Gesinnung

+

>>> Marienweihe – 33 Schritte

>>> Marienweihe – in der Tradition der Karmeliter

>>> Marienweihe – in der Tradition der Jesuiten

>>> Marienweihe – in der Tradition der Schönstatt-Bew.

*

Ein Gedanke zu “FATIMA

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s