DER MENSCHLICHE GEIST UND DIE DREIFALTIGKEIT

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Der menschliche Geist und die Dreifaltigkeit
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Die Drei Personen und die Heilige Familie
Die Drei Personen und die Heilige Familie

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Das Geheimnis

Weil die Dreifaltigkeit das erhabenste Geheimnis unserer Religion ist, ist jetzt ein günstiger Augenblick, unsere Vorstellung von Geheimnis zu klären: Geheimnis bedeutet nicht eine Wahrheit, über die wir nichts wissen können, sondern eine Wahrheit, über die wir nicht alles wissen können.

Da gilt es zunächst zu sehen, warum das so sein muss, und dazu bedarf es glücklicherweise keiner tiefen Einsicht. In dem Augenblick, wo sich unser Geist mit einem höheren Geist zu messen hat, müssen die Vorgänge und Hervorbringungen des höheren Geistes uns in Geheimnis gehüllt erscheinen.

Wir können nicht nachvollziehen, wie dieser andere Geist agiert, und wir können nur zum Teil begreifen, wohin er gelangt. Aber das ist kein Grund, die Einsichten des anderen zurückzuweisen. Es wäre doch eine arme Welt, in der dein oder mein Geist der Beste aller existierenden wäre!

Von Gottes Geist, dieser Überfülle an Licht, können wir nur das Aufblitzen und einen Schimmer wahrnehmen, und das ist in unserer armen Dunkelheit unermesslich lichtvoll. Aber es wäre ein großer Irrtum, dies Aufblitzen und Schimmern für die ganze Fülle zu nehmen, und eine große Beschränktheit, zu wünschen, dass es die Fülle wäre.

Wenn wir etwas von Gott erfahren wollen, fangen wir im Dunklen an, völlig unwissend dringen wir in eine gewisse Helligkeit vor und bewegen uns dort ein wenig. Endlich finden wir uns ein zweites Mal der Dunkelheit gegenüber, aber diese ist sehr verschieden von der ersten, reicher als unser Licht; das erfährt jeder, der sich an das Studium der göttlichen Offenbarung gemacht hat:

Wenn der Geist anfängt, die großen Wirklichkeiten zu erfassen, die ihm angeboten werden, erscheinen sie ihm alle klar. Und nur wenn wir dahin kommen, im Licht zu leben, werden wir die mächtigere Dunkelheit gewahr, die sein muss, weil Gott unendlich ist und wir nicht.

Der Theologe sieht weitaus mehr „Schwierigkeiten“ in der Lehre von der heiligsten Dreifaltigkeit als der Anfänger, und es wäre seltsam, wenn es anders wäre. Er murrt auch nicht darüber, sondern er freut sich. Es war einer der größten Theologen, der den Satz aussprach caligo quaedam luxdie Dunkelheit ist eine Art Licht.
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Osterfeuer - Kind
Osterfeuer – Dunkelheit und Licht

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Sie ist eine Art Licht in zweierlei Hinsicht, einmal weil sie den Geist sehen lässt, warum er nicht mehr zu sehen vermag; er wird nicht nur vor den Kopf gestoßen vom Geheimnis, sondern bis zu einem gewissen Umfang von ihm erleuchtet; zum anderen erfährt der Geist etwas vom Reichtum jener Dunkelheit: wenn das Licht, das menschliche Augen sehen, schon so hell ist, wie hell muss dann die Dunkelheit sein, die zu hell für menschliche Augen ist?

Das Geheimnis zeigt sich uns nicht nur als etwas, was wir nicht sehen können, weil das Licht zu stark für unsere Augen ist; sondern auch, und manchmal ärgerlicherweise, als scheinbarer Widerspruch zu dem, was wir sehen. Wenn wir dahin kommen zu begreifen, was Gott uns durch seine Kirche gelehrt hat, dann stoßen wir auf gewisse Dinge, gegen die unsere Vernunft zu Felde ziehen möchte, andere, die unsere Empfindungen zu etwas anstacheln, was einer Revolte sehr nahe kommt.

Wir finden beispielsweise die Vorstellung ewiger Pein so schrecklich, dass wir sie nicht vereinbaren können mit einem liebenden Gott, oder wir halten die Lehre von der menschlichen Willensfreiheit für unvereinbar mit Gottes Allwissenheit.

Die Antwort lautet sicherlich, dass alle diese Dinge in einem Gesamtzusammenhang miteinander vereinbar sind – nur sehen wir diesen Zusammenhang nicht. Aber wir wissen, dass Gott nicht nur allwissend, sondern auch allgütig ist. Was er tut und was er offenbart, ist höchste Wahrheit und höchste Liebe. In diesem Vertrauen können wir Gott um Licht bitten, damit wir sehen, auf welche Weise er Wahrheit und Liebe ist.

Andererseits soll unser Vertrauen nicht um ein Gramm geringer sein, wenn unser Gebet um diesen besonderen Lichtschimmer nicht erhört wird.

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Sich die Lehre zu eigen machen

Der Mensch mit einer Idee in seinem Kopf und Liebe in seinem Herzen ist ein Mensch, nicht drei. Der erkennende und liebende Gott ist ein Gott – selbst wenn die Idee, die seine Erkenntnis hervorbringt, eine Person ist, und auch die inwendige Äußerung seiner Liebe eine Person ist; aber wir haben gesehen, dass die Idee innerhalb des Bewusstseins bleibt, von dem Sie gedacht wird, und die Liebe innerhalb der Natur, die liebt.

Dies ist die Antwort auf die Frage, womit wir unseren Versuch über die Lehre von der Dreifaltigkeit begannen. Darin besteht Gottes Leben: im unendlichen Ineinanderfließen von Erkennen und Lieben unter Dreien, die ein Gott sind. Die Theologie hat diese Lehre formuliert als „drei Personen in einer Natur„.

Als Formel ist es ein Meisterstück, eine der gewaltigsten Leistungen der Vernunft, der die Gnade beistand. Aber wenn es eine Formel bleibt, ist nicht viel Erhellendes oder näheren des darin: es gibt eine Menge Christen, für die „drei Naturen in einer Person“ gerade so viel oder gerade so wenig besagt.

Ich nehme an, dass die meisten Menschen, die sich angestrengt haben zu hören, was Gott uns über sein Innerstes mitteilt, dieselbe Erfahrung gemacht haben wie ich. Als ich zum ersten Mal einen wirklich kompetenten Vortrag über die Dreifaltigkeit hörte, lauschte ich bewundernd, konnte aber nicht viel damit anfangen.
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Theologie studieren
Der Weg vom Studium zum lebendigen Wort…

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Einige Zeit später hörte ich einen zweiten Vortrag, und diesmal, glaubte ich alles zu begreifen, was der Vortragende sagte; ich verlor mich in der Bewunderung für die intellektuelle Vollkommenheit im Aufbau dieser Lehre, und von da an hätte ich diese Lehre auch vortragen können.

Aber sie war in keiner Weise in meinem Bewusstsein lebendig; es war einfach nur ein intellektueller Besitz, den ich hervorholen konnte, wenn mir danach zu Mute war, um dann aber wieder alles wegzulegen in die unterste Schublade meines Bewusstseins. Kurz um, es hat lange gedauert, bis aus den intellektuellen Gedanken eine lebendige Lehre wurde.

Beim letzten Abendmahl, so berichtet uns Johannes, fasste unser Herr alle jene Andeutungen zusammen, die er in Bezug auf eine Mehrzahl von Personen in dem einen Gott gemacht hatte, und gab seinen Aposteln die vollständige Darstellung von der Lehre über die Dreifaltigkeit.

Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? … Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden. … Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. … Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt. Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.

(vgl. JOH Kapitel 16 und 17)

So legte Jesus uns, kurz bevor er sein menschliches Leben für uns alle ablegte, sein göttliches Leben dar. Wenn man dies bedenkt, erscheint es unglaublich, dass einer fragen kann, welchen Unterschied es denn für uns ausmachen soll, ob Gott eine Person ist oder drei Personen, oder was wir vor davon haben, wenn wir es wissen.

Der Mensch gewordene Gott deckt vor den Menschen sein innerstes Lebensgeheimnis auf, und da gibt es tatsächlich Leute, die Antworten: das ist zweifellos interessant – aber es betrifft nur ihn; was geht es mich an? Nun ist aber der hinreichende Grund, warum wir diese Lehre von ganzem Herzen glauben, dass sie die Wahrheit über Gott enthält.*

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Gott ist Liebe

Es ist wohl so, dass wir Laien der Lehre von der heiligsten Dreifaltigkeit nichts besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wir sind also dem Wunsch Gottes, erkannt zu werden, nicht mit dem Wunsch begegnet, ihn zu erkennen. Ein wichtiger Grund dafür mag sein, dass wir nicht immer ganz einsehen, was diese Lehre für unser geistliches Leben bedeutet.

Die Schwierigkeit ist hier prinzipiell dieselbe wie mit jeder körperlichen Erfahrung. Man kann nicht wissen, welches Essen einem bekömmlich ist, bis man es gegessen hat; man schmeckt die Freuden der Ehe und das Wunder des Kinderbekommens nicht, bis man verheiratet ist und sich Nachwuchs einstellt.

So verhält es sich auch mit unserer Lehre. Nur wenn man sie zu sich nimmt und mit ihr lebt, erfährt man, was sie einem bedeutet. Aber selbst demjenigen, der noch keine lebendigen Erfahrungen mit ihr gemacht hat, kann man einiges sagen.

Dabei lernen wir zum Beispiel, dass Gott einen ihm entsprechenden Partner für sein unendliches Liebesvermögen hat. So herrlich es für uns ist, dass er uns liebt, wäre es töricht zu behaupten, dass wir entsprechende Partner seiner unendlichen Liebe sein könnten – wir können sie weder verstehen noch erwidern, selbst in der dürftigsten Weise nicht.

Es ist, als ob ein Mensch auf einer verlassenen Insel nur einen Singvogel zum Lieben hätte – er könnte ihn einfach nicht lieben mit der Fülle der Liebe, die einem Menschen möglich ist. Nur im Austausch mit ihresgleichen erreicht die Liebe ihren Höhepunkt.

Wenn Gott niemanden hätte, den er lieben könnte als nur die, die weniger sind als er, wäre es schwer zu glauben, dass Gott die Liebe ist. Denn es verhält sich so, dass Gottes Liebe im Sohn und im Heiligen Geist unendlich angenommen und unendlich erwidert wird.

Schließlich lässt uns die Kenntnis der drei Personen tiefer verstehen, was es bedeutet, dass wir selbst nach Gottes Bild gemacht wurden. Der Mensch ist kein Einzelwesen, zusammengesetzt aus Materie und Geist, und dann, durch seinen Geist und seine geistigen Kräfte dem unendlichen Geist ähnlich.
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Martin Luther King - every man...
Gemeinschaft kann nur durch Liebe überleben!

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Der Mensch kann überhaupt nicht als Einzelwesen verstanden werden; er ist ein soziales Wesen, organisch verbunden mit anderen, weder ins Leben getreten noch am Leben erhalten ohne die Hilfe von anderen. Gemeinsamkeit gehört zu seinem Wesen.

Und jetzt wissen wir, dass auch zum Wesen Gottes Gemeinsamkeit gehört, so dass wir auch dadurch ihm ähnlich sind. Indem wir Gott betrachten, lernen wir das Geheimnis der Gemeinschaft, so herrlich definiert von Augustinus: eine Gemeinschaft ist eine Mehrzahl, die sich einig ist über das, was sie liebt.

Wir lernen die Wahrheit, die der heilige Thomas ausgesprochen hat: wo jeder sein Recht sucht, ist Chaos. Denn das Geheimnis der göttlichen Gemeinschaft ist unendliche Hingabe.

Wenn nun einer diese Lehre mehr und mehr in sich lebendig werden lässt, dann ergibt sich immer zu etwas Neues als Antwort auf die Frage, was wir „davon haben“ oder besser gesagt warum sie von höchster und heiligster Wichtigkeit für uns ist:

Zum einen ist diese Lehre die höchste Wahrheit, und zwar die höchste Wahrheit über das höchste Wesen. Für diese Wahrheit, wie für alle Wahrheiten, gilt die Regel: die bloße Tatsache, dass sie wahr sind, genügt, um sie anzunehmen. Wenn sonst nichts daraus zu „gewinnen“ wäre, so wäre dies Gewinn genug.

Fassen wir zusammen: Gott ist Dreifaltigkeit. Die Dreifaltigkeit ist nichts von Gott abgesondertes. Sie ist Gott. Wenn jemand die Lehre von der Dreifaltigkeit auslässt, weil er sie nicht kennt oder nicht zu begreifen meint, kann er trotzdem über Gott reden. Aber wenn er sie kennt und sie trotzdem auslässt, wie kann er dann über Gott reden? Viel wichtiger noch: Wie kann er zu Gott sprechen?

Schließlich: Wie kann er Jesus Christus nachfolgen? – und wie kann er seinen Nächsten wahrhaft lieben, wenn er sich die göttliche Gemeinschaft der unendlichen Hingabe nicht zum Vorbild und das unablässige Beten zum dreifaltigen Gott nicht zur Tugend nimmt?

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Link zur >>> Übersicht über alle Kapitel des Buches

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