SÜHNE + LIEBE

Eine vergessene Tugend: Sühne

Im Kontext schmerzlicher Themen in Gesellschaft (Abtreibung und begleiteter Suizid) und Kirche (sexueller Mißbrauch) rückt ein theologisches Thema stärker ins Blickfeld: Sühne. Aber um gleich einem Mißverständnis vorzubeugen: Sühne ist eigentlich eine positive Tugend des täglichen Lebens.

In seinem Buch „Sühne – heute aktuell?“ hat sich Pater Karl Wallner OCist (Stift Heiligenkreuz) auf die Spurensuche nach den verlorenengegangenen Bedeutungen verschiedener Schlüsselbegriffe gemacht – Schuld und Vergeltung einerseits, Sühne und Liebe andererseits.

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P.Karl Wallner OCist mit Papst Benedikt XVI. in Stift Heiligenkreuz 2007

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Unser Gebet kann – unter vielen anderen möglichen Dimensionen – eine Form der Sühne sein. Vorab eine Definition der Sühne, wie ich sie dem Buch von Pater Karl Wallner entnommen habe:

Nach dem Verständnis der Kirche ist Sühne die freiwillige Teilnahme an den Leiden Christi, dessen letzter Sinn und Zweck in der Erlösung aller Menschen besteht.

Sühne ist die Offenheit und Freiwilligkeit, sein Leben in das Leiden Christi hineinverfügen zu lassen, um anderen das Heil zu ermöglichen.

Dabei meint „Hineinverfügen lassen“ bereit sein für die kleinen und großen Sühneopfer, die unser Lebensweg bereithält. Es sind Liebesopfer für unsere Nächsten und für den einen Leib unserer Kirche.

Pater Karl Wallner OCist

Wenn wir also im Gebet das Erlösungsopfer Christi preisen, dazu die Kraft des Herrn für unsere eigenen Kreuze ansprechen, unsere Bereitschaft für die Sühneopfer auf unserem Lebensweg erklären, und unser Gebet für die Leiden und Anliegen unserer Nächsten und aller Menschen opfern, dann leisten wir Sühne.

Wir versöhnen (ver-sühnen) uns mit dem Herrn (Versöhnung kommt von Sühne!), wir nehmen an seinem Sühneopfer und seiner Liebeshingabe teil, wirken an der Erlösung aller Menschen mit, begreifen das Geheimnis der stellvertretenden Sühne, und stehen mit unserem Gebet in der Nachfolge Christi. Ein einfaches Sühnegebet lautet:

Mein Gott,
ich glaube, ich bete an, ich hoffe, ich liebe Dich!
Ich bitte Dich um Verzeihung für jene,
die nicht glauben,
nicht anbeten,
nicht hoffen
und Dich nicht lieben.

Amen.

(Der Engel des Friedens, Fatima 1916)

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++„Sühne – heute aktuell?“ P.Karl Wallner OCist, Wien 1998

++EINFÜHRUNG

++Was ist Sühne im eigentlichen christlichen Sinn?
++Wir sprechen von einer unangenehmen, und heute selten beantworteten Frage.

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ABGRENZUNGEN

Sühne, weltlich gesehen? Hier sprechen wir von Strafvollzug, bis hin zur Todesstrafe. Das Bezahlen-Müssen steht im Vordergrund, auch in Fällen, wo es vorstellbar wäre, ist zumeist keine Wiedergutmachung vorgesehen.

Sühne, als religiöser Begriff? Begriffe wie Schuld, Sünde, Vergeltung, Rache, Leiden, Kreuz, Versöhnung, Erlösung tauchen auf: Wird hier ein finsteres, heute nicht mehr nachvollziehbares Kapitel (Schuld, Rache, Vergeltung, Buße) angesprochen; oder nicht doch eine der schönsten und glücklichsten Seiten des christlichen Glaubens (Liebe, Versöhnung, Erlösung)?

Schuld und Sühne sind verknüpft, zwei Seiten einer Medaille: Die Sühne Christi hat ja den einen, großen Grund, „die Schuld der Welt hinwegzutragen„. (Joh 1,29)

Begriff und Realität der Sünde erschließen sich vielen Menschen nicht mehr. Folglich wird die Sünde als Begründung von Schuld oftmals in Frage gestellt. Wenn die Sünde aber nicht mehr anerkannt wird, dann wird auch die Sühne am Kreuz zu einer unentschlüsselbaren Chiffre: Das Kreuz wird zu einem bedrohlichen und absurden Bild verzerrt.

Zur Sünde sagt die Heilige Schrift: „Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir Gott zum Lügner“ (1 Joh 1,10), und wir lesen gleich im folgenden Abschnitt: „Wenn einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.“ (1 Joh 2,1b-2) Die Rede ist zunächst von der Finsternis der Sünde, mehr aber noch von der Befreiung von dieser durch das Sühneopfer Christi.

Der Sühnebegriff findet unterschiedliche Resonanz in der aktuellen Theologie. Sobald man angesichts des Sühneopfers Christi insbesondere die Liebe des dreifaltigen Gottes nicht mehr sieht, sondern den beleidigten und zornigen Himmelsgott in den Vordergrund stellt, dem durch das Schlachtopfer Genugtuung geleistet werden musste, findet man sich in einem irregeleiteten Schuld-und-Rache-Glauben. Diejenigen Vertreter der neueren Theologie, die das Thema Sühne an den Rand drängen, leisten dieser Verzerrung der Lehre vom Kreuzestod Vorschub.

Versöhnung kommt vom Wort „sühnen“, hat also nichts mit „Sohn“ zu tun. Versöhnung bedeutet, dass Gott die Menschen in Christus „ver-sühnt“ hat. Wie aber sehen Christen das Sühneopfer des Erlösers heute? Die Bibel offenbahrt uns den Kreuzestod Christi als unüberbietbaren Akt der Liebe. Wie aber wird „Liebe“ heute bewertet? Und was kann der Mensch zu dieser Sühne beitragen?

Liebender Gott – und menschliche Sühne, wie verträgt sich das? „Gott ist die Liebe!“ heißt es in 1 Joh 4,8. Der Begriff Liebe freilich wurde, parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung, immer stärker losgelöst von einer moralischen Verantwortung verstanden: Ein schönes Gefühl, solange es Spaß macht. So ist die Radikalität der Aussage „Gott ist die Liebe“ nicht mehr zu verstehen, sondern jetzt denken wir: Gott ist bedingungslos und harmlos in seiner Liebe zu uns. Er liebt und verzeiht ganz unabhängig davon, was wir Menschen tun!

Ganz folgerichtig bewirkt dieses zeitgenössische Denken, dass kein Verständnis mehr für den aktiven und dramatischen Liebesakt Gottes gegen die Sünde vorhanden ist, wie es der Sühnetod Christi am Kreuz „für unsere Sünden“ voraussetzt.

Andererseits ist es bemerkenswert, dass gerade bei den Heiligen der jüngeren Zeit der Gedanke der stellvertretenden Sühne zu finden ist, sogar in besonders starkem Maß: P.Maximilian Kolbe, Edith Stein und die Hl. Therese von Lisieux seien stellvertretend genannt. Die zuletzt genannte „kleine Therese“ opferte ihre seelischen und körperlichen Leiden ausdrücklich für die Bekehrung der Sünder auf und verstand ihre Sühne als missionarisches Werk.

Die vielen offenen Fragen nach dieser kurzen Einführung lauten: Wie ist Gott? Was bedeutet die Sünde für Gott? Wie verhält sich Gott gegenüber dem sündigen Menschen? Wozu braucht es den Kreuzestod Christi, was nützt das Kreuz? Können wir das Leiden Christi als Sühneleiden für uns sündige Menschen begreifen? Ist freiwillige Sühne für andere sinnvoll? Nützt es einem anderen, wenn ich ein Gebet oder ein gutes Werk für ihn aufopfere?

ANNÄHERUNG

Was für Hilfen und Definitionen gibt uns die Bibel? Steigen wir ein mit einem Paulus-Wort: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ (Kol 1,24) Was für eine Ansage, was für ein Ton! Paulus wirkt angesichts der vielen Entbehrungen, die er in seinem Apostelleben auf sich nimmt, keinesfalls entmutigt. Er stöhnt und jammert nicht über seine Leiden, er freut sich gar darüber! Wie ist es möglich, dass einer „sich des Kreuzes Christi rühmt“, dass einer Grund findet, über das eigene Leiden zu jubeln?

Johannes Paul II. hilft unserem Verständnis nach, wenn er davon spricht, dass Paulus damit eine „endgültige Entdeckung“ ausdrückt: Die Erkenntnis, dass sein Leiden, dass menschliches Leiden insgesamt, Sinn haben kann. Dass es sogar so sinnvoll zu sein vermag, dass es Freude macht, zu leiden, dass es mit Freude verbunden ist, für andere Lasten zu tragen.

Wenn der Apostel spricht „ …ergänze ich in meinem irdischen Leben, was an den Leiden Christi noch fehlt„, so wäre es ein Fehlschluss anzunehmen, das Leiden und die Sühne Christi seien auch nur ansatzweise nicht ausreichend gewesen. Vielmehr sieht Paulus im Kreuzestod die Einladung, als befreiter Christ an der Kirche zu wachsen und zu leiden – und sich zu freuen.

Nach dem Verständnis der Kirche ist Sühne die freiwillige Teilnahme an den Leiden Christi, dessen letzter Sinn und Zweck in der Erlösung aller Menschen besteht. Sühne ist die Offenheit und Freiwilligkeit, sein Leben in das Leiden Christi hineinverfügen zu lassen, um anderen das Heil zu ermöglichen. Dabei meint „Hineinverfügen lassen“ bereit sein für die kleinen und großen Sühneopfer, die unser Lebensweg bereithält. Es sind Liebesopfer für unsere Nächsten und für den einen Leib unserer Kirche.

Abschließend können wir die Unterscheidung zwischen Buße und Sühne treffen: Buße meint individuelles Schuldabtragen jedes einzelnen Sünders. Sühne dagegen sprengt diese Egozentrik, und weitet die Gesinnung auf die anderen hin. Die Buße blickt auf die Einordnung des eigenen Lebens in das Leben Christi, die Sühne hat dagegen „die anderen“ im Auge.

EINE „NEUE“ SPIRITUALITÄT DER SÜHNE

Die ganze Kirche besteht nur, „um das rettende Werk der Erlösung fortzuführen“, so hat es das 1. Vatikanische Konzil 1870 ausgedrückt. Das 2. Vatikanische Konzil hat diese Sicht der Kirche vertieft: Christus hat nach seiner Auferstehung die Kirche durch die Sendung des Heiligen Geistes zum „allumfassenden Heilssakrament“ gemacht. In dieser Kirche sind die Menschen in Freiheit der Sünde ausgesetzt und werden somit beständig den Weg der Buße gehen müssen, um sich Gott wieder zu nähern.

Je tiefer die Menschen erkennen, wie unvorstellbar herrlich die Liebe Gottes in seinem Sohn Jesus Christus zu ihnen gekommen ist, umso mehr werden sie ihre eigenen Unvollkommenheit sehen, und sich in den dreifaltigen Gott hineinverfügen: Umso mehr werden sie die Nachfolge Jesu Christi antreten.

Die Nähe zur Liebe Christi macht auch einfühlsam für die Sünde der anderen, also für jene Gottesferne, für die der Jünger Christi nicht unmittelbar die Verantwortung trägt. Für den Christen bedeutet das, für diese Sünder „zu ergänzen, was an den Leiden Christi fehlt“ (Kol 1,24): Das heißt, sich selbst „für die anderen“ in die Waagschale zu werfen! „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2)

Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34) Der höchste Ausdruck der Liebeshaltung Christi ist seine Opferhingabe. Die Forderung nach christlicher Liebe gipfelt daher in einer Haltung der Opfergesinnung: „Liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.“ (Eph 5,2)

Es ist verständlich, dass es eine übernatürliche Weite in der Liebe braucht, um die Kraft zu finden, Übungen wie Gebet, Almosengeben und Fasten (Mt 6,1-8) auf sich zu nehmen, oder Verzicht auf Annehmlichkeiten zu üben, oder die eigenen Wünsche und Launen zu besiegen, oder Krankheiten und Leiden zu ertragen, oder vielleicht sogar das eigene Leben Gott hinzuschenken.

Die christliche Sühnegesinnung kommt aus der Liebe und sagt frei und bewusst: Ich will diese Sühne auf mich nehmen, damit Menschen aus der Gottesferne umkehren zum heiligen Leben in Jesus Christus! Im Fall des Apostels Paulus geht diese Gesinnung soweit, dass sein Leiden an der Mission richtiggehend aufbricht: „Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ich möchte am liebsten selber verflucht und von Christus getrennt sein, um meine Brüder zu retten, die dem Fleisch nach zu meinem Volk gehören„. (Röm 9,2f.)

Wer nicht mehr für sich selbst lebt, sondern für Christus, der wird bereit sein, mit Christus „alles zu erdulden um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus und die ewige Herrlichkeit erlangen“ (2 Tim 2,10). Das Urbild einer solchen christusbezogenen Spiritualität, die „alles erdulden will“, um alle zu retten, erkennt die Kirche in der Gottesmutter Maria.

Maria hat aus freiem Willen Anteil genommen am Leben, Leiden und Sterben Christi; Gott zeigt durch sie – und zwar gerade deshalb, weil sie ganz der menschlichen Ordnung angehört – in gleichnishafter Weise, dass er eine „Mitwirkung“ an der vollkommenen Hingabe des Erlösers wünscht! Die Mutter Jesu ist gleichsam in Person die Einladung an alle Glaubenden, am Erlösungswerk derart teilzunehmen, dass wir uns die Liebes- und Sühnegesinnung Christi immer mehr zu eigen machen.

WAS IST DIE RECHTE GESINNUNG DER SÜHNE?

Eine Gesinnung der Sühne ist also nicht abwegig, sondern führt höchst positiv zur tiefsten Nachahmung der Liebe Christi. Dabei ist wahre Sühne meist unspektakulär. Folgende Hinweise veranschaulichen eine recht verstandene Haltung der Sühne:

1. Sühne sollen wir nicht suchen, aber bereit sein, sie anzunehmen!

Sühne, im Sinne einer echten Leidenssühne, gibt man sich nicht, in solche Sühne muss man sich verfügen lassen. Selbst verfügte Sühneübungen verfehlen das Thema: Schon die frühe Kirche hat jene nicht als Vorbilder und Märtyrer verehrt, die sich aus eigenem Wollen zum Martyrium gedrängt haben. Entscheidend ist die Haltung der Verfügbarkeit, sodass wir letztlich sagen können: „Nicht mein Wille, Dein Wille geschehe!“ (Lk 22,42). Allerdings muss man diese Bereitschaft in sich entwickeln und pflegen; und dazu sind die „kleinen Abtötungen“, Gebete und Opfer eine wertvolle Hilfe.

2. Abtötung, Gebete und kleine Opfer sind eine gute Einübung in die Haltung der Sühne!

Mortificatio (Abtötung) meint an dieser Stelle die bewusste Angleichung an die Gesinnung des gestorbenen Erlösers. Es ist die freiwillige Einübung in kleinen Opfern in die völlige Verfügbarkeit gegenüber Gott: durch Verzicht auf Annehmlichkeiten, Fasten, Nicht-Annahme von öffentlichem Lob, usw. Es gibt viele Möglichkeiten, was dem einen Freude ist, mag dem anderen Opfer sein. So wird der sündhafte Eigenwille eingedämmt, mit der entscheidenden Haltung: „Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein“ (Phlm 1,14).

3. Die Gebrechen des Leibes und der Seele als wirksame Sühne annehmen!

Zur Sühne gehört wesentlich das Aufopfern der eigenen Hilfsbedürftigkeit. Wenn das Leiden als Sühne getragen wird, ist es ein Werkzeug der Gnade. Hier ist an „die Freude“ des Paulus zu erinnern (Kol 1,24): Wenn jemand mit Christus verbunden ist, kann er sich sogar des Kreuzes Christi „rühmen“ und sich des eigenen Kreuzes „freuen“. Da von Christus gilt: „Durch seine Wunden wurdet ihr geheilt“ (1 Petr 2,24), so gilt auch für uns Christen, dass unsere Gebrechen an Leib und Seele zur Quelle der Heilung für andere werden können. Die Kirche lebt nicht nur aus den Taten der Vitalen, sondern noch mehr aus dem hingeschenkten Leiden der Kranken und Sterbenden. Der leidende Christ hat nicht nur eine eigene Würde und einen einzigartigen Wert, er kann selbst in der größten Passivität (etwa des Todesleidens) noch großes für die Kirche und die Welt tun.

4. Wir können und dürfen die Wirkung unserer Sühne nicht berechnen!

Bei christlicher Sühne geht es in keiner Weise um einen Gnadenhandel mit Gott! Zwar weiß der Christ, dass seine Sühne tatsächlich ihre geheimnisvolle Fruchtbarkeit hat „für den Leib, der die Kirche ist“ (Kol 1,24). Aber wir Christen dürfen Leiden, Gebetsübungen, Nächstenliebe usw. nicht aus einer Haltung auf uns nehmen, als wollten wir von Gott eine Gegenleistung erzwingen. Wir sühnen, weil wir wie Christus lieben wollen! Dabei erbitten wir von Gott Gnade für andere. Jedoch wäre es falsch, immer schon nach den Früchten Ausschau zu halten. Viele Heilige hatten das Gefühl völliger Erfolglosigkeit und totalen Versagens. Sie haben es ertragen, weil christusförmige Sühne Teilhabe an seiner Nacht des Kreuzes bedeutet – in nacktem Vertrauen und ohne äußeren Trost alles zu geben.

5. Die scheinbare Fruchtlosigkeit ist ein Element der wahren Sühne!

Unter dem Kreuz habe Jesus seine Mutter Maria gerade deshalb „übergeben“ (Joh 19,25f.), weil er in ihr „die erhabenste Frucht seiner Erlösung“ erblickt hat, interpretiert Hans Urs von Balthasar die Szene unter dem Kreuz. Maria versichert Jesu gleichsam, dass sein Tod sinnhaft ist. Jesus übergibt seine Mutter an den Jünger, um so den letzten und schmerzhaftesten Verzicht zu leisten, dann geht er in die Dunkelheit des erlösenden Todes. In seinem Sterben erfüllt sich das Wort: „Das Weizenkorn bringt nur dann Frucht, wenn es in die Erde fällt und stirbt“ (Joh 12,24); und es ist für den in die Dunkelheit Versenkten nicht abzusehen, dass gerade aus seinem Sterben in Wahrheit „die hundertfache Frucht“ kommt (Mk 4,20). Der sühnende Christ, auch wenn er noch so ideal gesinnt ist, wird irgendwann sein Beten und Opfern als sinnlos erfahren – doch gerade in dieser Trockenheit liegt die Gnade. Gerade in diesen Phasen hat er Anteil an der Dunkelheit Jesu Christi am Kreuz, die aber der entscheidende Punkt der Erlösung ist: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5).

6. Durch unsere scheinbar vergebliche Sühne bewahrt uns Gott vor dem Tugendstolz!

Diese vermeintliche Vergeblichkeit schützt uns vor Hochmut und Tugendstolz. Wir dürfen uns nur „des Kreuzes Christi rühmen“ (Gal 6,14), allenfalls auch noch „der eigenen Schwachheit“ (2 Kor 11,30), aber auf keinen Fall sollen wir uns der eigenen Leiden rühmen. Der Sühnende darf zwar grundsätzlich wissen, dass „im Herrn die Mühe nicht vergeblich ist“ (1 Kor 15,58), es ist uns aber nicht gestattet, unseren eigenen Anteil zu ermessen. Im Gegenteil, je tiefer wir in das Geheimnis der Sühne eintauchen, desto werden wir erfahren, dass Christus allein und einzig die Quelle der Versöhnung (Sühne) ist. „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst – ohne jede Berechnung der eigenen Tugendhaftigkeit – sollt ihr geben!“ (Mt 10,8). Dies ist eine Gabe Gottes, dass sich kein Mensch vor dem Schöpfer rühmen kann (1 Kor 1,29).

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Eine Gesinnung der Sühne scheint auf den ersten Blick unattraktiv, ein törichter Verzicht auf Lebensqualität. Der Blick des Glaubens aber, der sein Maß an Jesus Christus nimmt, lässt uns das Licht sehen, das aus den geheimnisvollen und oft wirklich dunklen Abgründen der Sühne hervorleuchtet: „Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17).

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3 Gedanken zu “SÜHNE + LIEBE

  1. Ich war gerade in Fatima und die Botschaft der Gottesmutter bzw. ihre Bitte an die Seherkinder ist ja eine einzige Bitte um Sühne und wird von den Kindern heroisch in die Tat umgesetzt. Unsere Zeit ist nicht weniger sündhaft geworden… Die Bitte der Gottesmutter an uns alle würde bestimmt auch eine Bitte um Sühne sein! Danke für Ihren wertvollen Beitrag, sehr verständlich geschrieben!

  2. Der „Zufall“ hat mich auf diese Seite geführt. Mir wird plötzlich Vieles klar und ich kann in vielen persönlichen und allgemeinen Unerträglichkeiten Sinn finden: nicht nur mit eigener Schuld besser umgehen lernen, sondern auch umfassend Barmherzigkeit neu verstehen, ihre Bedeutung für mein Leben und die Welt, geistlich und auch praktisch. Danke!

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