(1) – Ziel unseres Lebens

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. Thema UNTERSCHEIDUNG DER GEISTER

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DAS ZIEL UNSERES LEBENS

Mit der folgenden Einführung in die jesuitische UNTERSCHEIDUNG DER GEISTER betreten wir ein faszinierendes Terrain, auf dem wir allen möglichen Spannungsfeldern unseres Glaubenslebens begegnen können – unsere innere Bereitschaft vorausgesetzt. Die Vorstellung, die dem Heiligen Ignatius als Ausgangspunkt dient, ist klar und einfach zugleich. Bei der ignatianischen Unterscheidung geht es nicht um ein reines Abwägen von etwas, sondern der Heilige schreibt ganz präzise:

Ich setze voraus, dass es dreierlei Gedanken in mir gibt: solche, die mein eigen sind und allein meiner Freiheit und meinem Willen entspringen, während die beiden andern von außen kommen: der eine vom guten, der andere vom bösen Geist.

Ignatius von Loyola, Exerzitien, Nr. 32

Mit der Voraussetzung der „dreierlei Gedanken“ oder „Geister“ können wir uns auf die Suche nach der ignatianischen Spiritualität begeben. Im ersten Teil dieser Einführung gehen wir der Frage nach, wie wir diese Geister überhaupt erkennen und enden mit einer Übung für unser tägliches geistliches Leben. Im zweiten Teil werden wir zu den berühmten „Regeln der Unterscheidung“ geführt, die anschließend zitiert werden. Der dritte und letzte Teil ist dem geistlichen Kampf gewidmet, also den lebensnahen Schwierigkeiten, die uns besonders den ignatianischen Weg erschweren.

1. Das Erkennen der Geister

Die kirchlichen Feste der heiligen Erzengel wie auch unsere Anrufungen der Schutzengel weisen uns darauf hin, dass es eine ganze Reihe von Geistern um uns herum gibt. Wir sind umgeben von zahlreichen Geistwesen, guten wie bösen, die ständig auf uns Einfluss nehmen.

Da sind zunächst die Engel, die den Willen Gottes verkünden, wie der Erzengel Gabriel, weiters denken wir an Raphael und Tobias, die uns den Weg ebnen und uns führen. Auf der anderen Seite kennen wir Dämonen, die uns zum Bösen verführen: Hilfe in dieser Auseinandersetzung bekommen wir vom Erzengel Michael, der im aufrechten Kampf mit dem Bösen steht.

Was rufen alle diese Geister hervor?

Es sind innere Anmutungen, Gedanken und Regungen, und so benötigen wir Werkzeuge zur Unterscheidung dieser Geister. Das nachfolgende Rüstzeug soll uns helfen, genauer wahrnehmen zu können, denn wir müssen uns zunächst einmal der Geister bewusst werden: Dazu dienen Exerzitien, geistliche Übungen, um diesen Kampf „Gut gegen Böse“ zu erkennen und zu bestehen.

2. Der Wille Gottes

Das 2. Vatikanische Konzil hält fest, dass der Mensch in einem dramatischen Kampf Licht gegen Finsternis steht. Schon beim sprachgewaltigen Apostel Paulus lesen wir:

„Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ (Eph 6,12).

So kämpfen wir nicht gegen das Fleisch, sondern gegen die Geister, und der Apostel Paulus prüft diese Geister, ob sie aus Gott sind. Das Böse wird im NT sehr konkret angesprochen: „Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (Mt 16,23).

Auch im AT wird die Abgrenzung der Geister offenbart: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn“ (Jes 55,8). Das bedeutet auch, dass vieles, was an uns herantritt, nicht von Gott kommt.

Am Anfang der Welten hatten die Engel den einen Moment der Entscheidung, Gott zu dienen oder ihm nicht mehr zu folgen, ja oder nein: Mit der jeweiligen Hinwendung hatte der Engel alles gewonnen oder alles verloren, und zwar für immer.

Der Mensch wiederum erlebt vielfältige Situationen und findet immer wieder Momente zur Entscheidung – sonst wäre er in vielen Fällen wohl sehr rasch dem Reich der Finsternis zu überantworten.

Auch wir sollen wie die Engel werden, sodass es nur mehr die eine Frage gibt, nämlich diejenige um das Verhältnis zu unserem Schöpfer. Denn wir müssen uns bewusst werden, dass letztlich Gott über alles herrscht.

Was gilt nun für unsere menschliche Situation? Das ist sehr klar umrissen, versichert uns Ignatius von Loyola: „Der Mensch ist einzig und allein dafür geschaffen, Gott zu dienen“.

Was demnach zum Heil der menschlichen Seele führt, ist:
– Gott zu loben
– Gott in Ehrfurcht zu begegnen
– Gott zu dienen

Auch der Apostel Paulus lässt keinen Zweifel am Dienst des Menschen, wenn er Jesus sprechen lässt – „Alles soll ich dem Vater unterwerfen“.

„Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem“ (Kor 15,28).

Wie können wir diese Unterordnung vollziehen? Der Mensch ist schließlich auch dem weltlichen Gesetz, dem Berufsleben etc. verpflichtet. Doch hier stellt Ignatius von Loyola klar, dass alle anderen existierenden Dinge und Rahmenbedingungen ausschließlich dazu da sind, uns bei der Erfüllung meines Dienstes an Gott zu helfen: Somit dient alles und wirklich alles der Verherrlichung Gottes.

Damit gibt es keinen Widerspruch zwischen dem Dienst an Gott und den Verpflichtungen in der Welt. Denn in welcher Situation auch immer ich mich befinde, gilt es, den Willen Gottes zu erkennen.

Warum tun wir uns oft so schwer, den Willen Gottes zu begreifen? Alle menschlichen Schwierigkeiten bestehen durch die Erbsünde; dies bedeutet für den Menschen, nicht frei und rein unterscheiden zu können. Durch die Erbsünde ist alles umgekehrt worden: Statt im Lob und Preis des wahren Gottes das Heil zu finden, dreht sich nun alles darum, den eigenen Vorteil zu finden. Genau deshalb braucht es die Unterscheidung der Geister!

3. Die innere Freiheit

Um nun zu guten Entscheidungen im meinem täglichen Leben zu kommen, ist eine Voraussetzung ganz wichtig: Die innere Freiheit, die mich überhaupt erst abwägen lässt!

Die Schwierigkeit dabei ist die Distanz zu den Dingen. Die vielen Entscheidungen, die ich abseits von Gott, in der Entfernung zu meinem Schöpfer getroffen habe und noch treffen werde.

Was muss ich als Exerzitant also machen? In einem durchaus mühsamen Prozess durchleuchte ich meine Wege und Irrungen, hole sie in mein Bewusstsein, um diese Irrtümer zu erkennen und vollständig zu revidieren. Exerzitien bieten die Möglichkeit, genau diese Prozesse zu durchlaufen: Erkenntnis, Revidierung, Reue, Bekenntnis und Heilung.

So können wir immer wieder zu einer möglichst großen inneren Freiheit umkehren, die uns für den weiteren Weg der Heilung und Heiligung stärkt.

4. Gleichmut in alle Richtungen

Wenn es also so ist, dass wir einzig zur Verherrlichung Gottes da sind, und alle anderen Dinge uns auf diesem Weg helfen sollen, dann benötigen wir ein weiteres Werkzeug, um bestehen zu können: Den Gleichmut.

Wir müssen mehr und mehr lernen, allen Dingen gleichmütig zu begegnen, auch den ganz existentiellen Bereichen unseres Lebens: So ist es nicht wünschenswerter gesund als krank zu sein, reich als arm zu sein, und angesehen als verachtet zu sein.

Nun können wir nicht von vornherein wissen, wie unser Leben auf den Weg zu Gott auszurichten ist und wie es zu einem größeren Lob Gottes wird. Aber wir haben das große Geschenk Gottes in Gestalt seines eingeborenen Sohnes erfahren, und so lautet die Frage: Was macht Jesus? So gelangen wir zur berühmten 2-Banner-Betrachtung, die uns das Banner Christi und dasjenige des Bösen schildert:

Christus schart alle diejenigen um sich, die zu ihm gehören möchten, und bindet sie ein, mit seinem Vorbild und seinen Worten. Es ist die Einladung zu seiner Nachfolge und zu einem Leben, dass mehr auf die Armut, die Demut und das Opfer ausgerichtet ist:

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23).

Jesus, der seinem Vater diese Welt wieder geheilt zurückgeben möchte, weiß jedoch, wie die Erbsünde uns Menschen auf diesem Weg ständig hindert, legt den Finger auf die Wunde: Seid mehr und mehr bereit, euch frei zu machen, um nur mehr Gott zu folgen!

Auf der anderen Seite steht der Böse, bereit alle Mittel einzusetzen, die Menschen genau von dieser Ausrichtung abzubringen. Bei Ignatius wird das auch schön beschrieben, wie die Dämonen noch an den Ketten hängend rasseln und vom Bösen eingeschworen werden: Keinen Ort dieser Welt, so lautet der Befehl, dürft ihr auslassen, auch die verstecktesten und geheimsten Orte sind aufzusuchen, um letztlich alle Menschen zu verführen.

Dabei ist es das Ziel des Bösen, dass die von der Erbsünde beeinträchtigten Menschen, ob jung oder alt, wer auch immer es sein mag, verführt werden zu:

– Besitz, und
– durch den Besitz zu Stolz, und
– durch den Stolz zu jedem weiteren Laster.

Zur Unterscheidung der Geister müssen wir nun wissen, dass die guten Geister uns immer zu ermuntern, Jesus zu folgen: Das Kriterium zur Unterscheidung wird immer der arme, gedemütigte und gekreuzigte Christus sein!

Umgekehrt werden wir durch die Weltanschauung des Bösen immer zu Besitz, Hochmut und gesellschaftlicher Anerkennung getrieben.

5. Jeder ist gerufen

Wie ist das nun mit dem Willen Gottes, und zwar auf den einzelnen Menschen bezogen? Jesus, Gottes Sohn, ruft den Menschen in die Nachfolge, und zwar jeden Menschen. Es gibt keinen Menschen, der nicht auf den dreieinigen Gott hin geschaffen wurde.

Aber nicht ich muss den Sinn finden! Vielmehr sind die Gaben, Jesus in unserem Leben leuchten zu lassen, in jedem von uns ganz individuell angelegt. Christus ist deshalb auf die Welt gekommen, um jeden von uns zu befreien, so dass jeder mit seinen Begabungen zu seiner Berufung gelangen kann.

Indem wir unseren Weg auf Gott hin ausrichten, zeigen wir, jeder auf seine Weise, einen Teil und einen Ausschnitt des Heilands: So hat das Leben eines jeden Menschen einen unwahrscheinlich tiefen und schönen Sinn!

Der Exerzitant sollte nun nach verschiedenen Schritten und Prüfungen in die Lage kommen, die Ignatius von Loyola in seinem berühmten Gebet beschreibt:

„Ewiger Herr aller Dinge, ich bringe Dir mein Angebot dar mit Deiner Gunst und Hilfe, angesichts Deiner unendlichen Güte und in Gegenwart Deiner glorreichen Mutter und aller heiligen Männer und Frauen des himmlischen Hofes: dass ich wünsche und ersehne, und dass es mein überlegter Entschluss ist, wofern es nur zu Deinem größeren Dienst und Lobpreis gereicht, Dir nachzustreben im Ausstehen alles Unrechts und aller Schmach und aller Armut, der äußeren wie der geistigen, sofern Deine Heiligste Majestät mich erwählen und aufnehmen will zu solchem Leben und Stand.“ (98)

Drei praktische Schritte

Wie gelange ich in der täglichen Praxis zu dieser ignatianischen Haltung?

Folgende Schritte sollen mir dabei helfen:

1) Ich muss mich für einen Weg entscheiden, der die schweren Sünden ausschließt. Das verlangt, Gott zumindest so nahe zu sein, dass diese großen Sünden ausgeschlossen werden.

2) Wer aber nur die schwere Sünde meidet, und sich aus den lässlichen Vergehen nicht viel macht, ist gefährdet, wieder in die schwere Sünde zu fallen. Ich muss Gott so nahe sein, dass auch die „kleinen“ Vergehen gemieden werden können.

3) Schließlich steht der Ruf in die Nachfolge vor allen anderen Schritten: Ich bin aufgefordert, innerlich bereit zu werden für die Nachfolge Jesu.

Zum Abschluss dieser Einführung steht ein ganz einfacher Schritt als Einstieg in die ignatianische Spiritualtät – ein Vorschlag zu einem kleinen Selbstversuch.

Versuche jeden Morgen, in der ersten Bewusstseinsphase, also tatsächlich gleich nach dem Aufwachen, dich daran zu erinnern: Es gibt für mich, selbst wenn ein ganzer Berg oder tausend verschiedene Aufgaben vor mir stehen, heute nur eine einzige Aufgabe:

(1) Meine einzige Aufgabe ist es, den Willen Gottes zu erfüllen;

(2) Ich habe heute nur einen Herrn, dem ich diene;

(3) Alle Werke dieses Tages soll ich so ausüben, dass sie ein Lob Gottes darstellen können.

Thérèse von Lisieux ist zu dem Punkt gekommen, dass sie sagen konnte: Wenn ich etwas nicht aus Liebe zu Gott tun kann, dann tue ich es überhaupt nicht. Ich werde nichts mehr tun, weil es eine Pflicht ist, oder weil es irgendjemand von mir erwartet. Wenn ich etwas tue, dann aus Liebe zu Gott, meinem Herrn und Schöpfer.

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weiter zu. >>> Unterscheidung der Geister – Die Regeln zur Unterscheidung (2/3)

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Fotocredit: Rezwan Razzaq / Flickr

Heaven...

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