Kontemplativ beten

Kontemplation in der westlichen Tradition

Kontemplation (lat. contemplari „anschauen“, „betrachten“) bedeutet allgemein Beschaulichkeit oder auch beschauliche Betrachtung. Kontemplation ist auch als mystischer Weg der westlichen Tradition bekannt. In der Regel wird durch ein kontemplatives Leben oder Handeln ein besonderer Empfindungszustand oder eine Bewusstseinserweiterung angestrebt. Eine kontemplative Haltung ist von andächtiger Ruhe und liebender Aufmerksamkeit bestimmt.

In christlicher Bedeutung ist die Kontemplation auch eine irdische Vorwegnahme der himmlischen visio beatifica (Gottesschau der Seelen), soweit die Gottesgnade dies dem Menschen ermöglicht. Durch die gesamte Geschichte christlicher Mystik hindurch haben sich vielfältige Erscheinungsformen der Kontemplation entwickelt.

Johannes vom Kreuz erkannte in der dunklen Nacht des Glaubens die Kontemplation (Betrachtung) des Heiligen Kreuzes, um sich Gott rückhaltlos zu öffnen. Andere Mystikerinnen und Mystiker betonten die Liebesintensität des kontemplativen Menschen (z.B. Mechthild von Magdeburg).

Thomas von Aquin fasst die Kontemplation selbst als „höchste Tätigkeit“ auf. In jüngerer Zeit wurde das Ideal des in actione contemplativus (Gottvertrautheit als Ineinander von Beschauung und Tätigsein, vgl. Ignatius von Loyola) ein wesentlicher Typus. Papst Franziskus sagt über diese Haltung:

Der Jesuit denkt immer weiterführend, in Kontinuität, mit Blick auf den Horizont, in dessen Richtung er gehen soll, während er Christus im Zentrum hat. Das ist seine wahre Stärke, sie spornt ihn dazu an, auf der Suche, schöpferisch und hochherzig zu sein. Sie muß daher heute mehr denn je contemplativa in actione (beschaulich im aktiven Tun) sein, sie muss eine tiefe Nähe zur ganzen Kirche haben, die als ,Volk Gottes‘ und ,heilige hierarchische Mutter Kirche‘ verstanden wird. Das verlangt viel Demut, Opfer, Mut, besonders wenn man Unverständnis erlebt oder Ziel von Missverständnissen und Verleumdungen ist, aber es ist die fruchtbarste Haltung.

Papst Franziskus, Interview in Civilta‘ Cattolica vom 19.9.2013

Das Ziel der Kontemplation ist es, sich für Gottes Geist zu öffnen. Dies kann in drei Schritten erfolgen: via purgativa (Reinigung von den Affekten und Sinneseinflüssen, via illuminativa (Erleuchtung durch Erkenntnis und Einsicht) und schließlich via unitiva (Seeleneinheit mit Gott).

Zur Kontemplation im weiteren Sinne gehören auch Askese (Loslösung, „Gelassenheit“) und geistliche Armut.

Wo wir uns auch aufhalten mögen,
Gott ist dort.

Der nötige Raum,
um ihn zu finden,
ist der unserer Liebe,
die von Gott nicht getrennt sein,
die ihm begegnen will.

Madeleine Delbrel

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EIN KURZER ABRISS ZU KONTEMPLATIVEN WEGEN

Dem Ziel der Kontemplation kann sich der Mystiker auf verschiedenen Wegen nähern, dabei unterscheiden wir die folgenden Methoden, die anschließend kurz beschrieben werden:

  • benediktinische Methode (lectio, meditatio, oratio)
  • hesychastische Methode, insbesondere Ruhe– und Jesusgebet (wiederholte Kurzgebete zu Gottvater bzw. Jesus Christus)
  • ignatianische Exerzitien – geistliche Übungen (Ignatius von Loyola)

Das Verbinden des Gebetes mit dem Atem wird als „hesychastische Methode“ bezeichnet. Durch das Jesusgebet wird die Hesychia nicht mehr nur in der Abgeschiedenheit möglich, sondern kann in jeder Situation angewandt werden

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1. Lectio Divina (die Betrachtung der Heiligen Schrift)

Lectio divina ist ein altbewährter Weg, mit Hilfe geistlicher Texte in den Dialog mit Gott zu treten und letztlich in die Kontemplation des schweigenden Gebetes. Der Begriff meint nicht ein Lesen im Sinne von verstandesmäßigem Erfassen eines Inhaltes, sondern einen den ganzen Menschen umfassenden Prozess.

Wie schön ist es, dem Herrn zu danken,
deinem Namen, du Höchster, zu singen,
am Morgen deine Huld zu verkünden und in den Nächten deine Treue.

Psalm 92, 2-3

Lies den Text wiederholt und langsam, am besten halblaut…
Gedanken kommen und gehen…
Manche Gedanken bekommen bald ein seltsames Gewicht.
Ein Wort oder ein Satz bringt in dir etwas zum Schwingen.
Verweile bei diesem Wort, bei diesem Satz.
Wiederhole die Worte, lass sie ganz Teil werden von dir.
Du wirst bald merken, dass du angesprochen wurdest.
Du bist zur Hörenden, zum Hörenden geworden.

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2. Der Weg zum Ruhegebet / Jesusgebet

Das Ruhegebet nach Johannes Cassian (4. Jh.) ist eine christliche Gebetsweise, die die Anrufung Gottes zum Inhalt hat. Ziel eines durch das Ruhegebet auf Gott ausgerichteten Lebens ist die beständige und ununterbrochene Verbindung mit dem Urgrund Liebe.

Dieses Gebet der Hingabe muss langsam eingeübt werden und dem Lebensrhythmus angemessen sein. Im Hinblick auf die vielfältigen Aufgaben und Aktivitäten wird empfohlen, nicht länger als zwanzig bis dreißig Minuten, jeweils morgens und abends zu üben. Dazu gehen wir in „unsere Kammer und schließen die Tür zu“ (vgl. Mt 6,6).

In unserer „Kammer“ beten wir, wenn wir unser Herz von allen Gedanken und Sorgen abwenden und uns in einer vertrauensvollen Ruhe Gott hingeben.

Bei „geschlossener Tür“ beten wir, wenn wir in dieser tiefen Ruhe eine Verbindung zu Gott nicht mit der Stimme, sondern mit dem Herzen suchen.

Um das Ruhegebet zu erlernen, wird eine einfache Formel gegeben, die man zunächst lernend ganz in sich aufnimmt. Cassian empfiehlt die folgende Gebetsformel:

Gott, komm mir zu Hilfe.
Herr, eile mir zu helfen!

Psalm 72,2

Auf diese Gebetsformel lenkt die/der Meditierende ständig ihren/seinen inneren Blick. So wird die Formel mehr und mehr dem Geist zu Eigen. Nach dem Erwägen wird sie dann nur noch ohne das Hinzutun eigener Gedanken innerlich wiederholt.

Dieser Vorgang, der keine aktive Betrachtung mehr ist, bewirkt im Betenden eine heilsame Veränderung und führt langsam in eine neue Dimension des Seins.

Quelle: Peter Dyckhoff: Einfach beten, München 2001

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3. Die Unterscheidung der Geister

„Ich setze voraus, dass es dreierlei Gedanken in mir gibt: solche, die mein eigen sind und allein meiner Freiheit und meinem Willen entspringen, während die beiden andern von außen kommen: der eine vom guten, der andere vom bösen Geist“ (Ignatius von Loyola: Exerzitien). Der Übende soll Erfahrung darin gewinnen, in seinem eigenen Leben zu unterscheiden, was sie oder ihn zu mehr Liebe, mehr Hingabe an Gott oder zum größeren Dienst an den Menschen führt und was nicht. Die Unterscheidung der geistigen Einflüsse ist in Gruppen und Gemeinden für deren positive Entwicklung ebenfalls von zentraler Bedeutung.

Der heilige Ignatius von Loyola legt in seinem Exerzitienbuch ausführliche und genaue Regeln zur Unterscheidung der Geister dar. Er weist u.a. darauf hin, daß der Geist Gottes die Menschen guten Willens ermutigt, beruhigt und tröstet, hingegen diejenigen, die in Sünde leben, beunruhigt und ermahnt; der böse Geist aber verfährt umgekehrt: Beruhigung und (Ver-)Tröstung der Lauen und Sünder, Beunruhigung und Entmutigung der Eifrigen (Regeln Nr.1 u. 2).

Ignatius verfasst wichtige Regeln wie diejenigen, dass geistig strebende Menschen in der Zeit der Verwirrung und Entmutigung nichts an ihren guten Vorsätzen und der eingeschlagenen Lebensrichtung ändern sollen (Nr.5); dass man sich bei religiösem Hochgefühl demütigen und bei Niedergeschlagenheit mit dem Gedanken an die Gnade aufrichten soll (Nr.11); dass man dem bösen Angreifer mutig die Stirn zu zeigen (Nr.12) und seine Einflüsterungen gerade dann, wenn er uns zur Geheimhaltung drängt, dem Beichtvater aufzudecken hat (Nr.13); dass der Feind meistens dort angreift, wo unsere schwächste Stelle ist (Nr.14).

Wir sollen uns immer wieder auf die Erkenntnis zurückbesinnen, dass „der Mensch einzig und allein dazu geschaffen ist, Gott zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen, um damit sein Leben und seine Seele zu vollenden“ Ignatius von Loyola, Prinzip und Fundament).

Seele Christi, heilige mich.
Leib Christi, erlöse mich.
Blut Christi, tränke mich.
Wasser der Seite Christi, wasche mich.
Leiden Christi, stärke mich.
O gütiger Jesus, erhöre mich.
Verbirg in Deine Wunden mich.
Von Dir lass nimmer scheiden mich.
Vor dem bösen Feind beschütze mich.
In meiner Todesstunde rufe mich.
Und lass zu Dir dann kommen mich.
Damit mit Deinen Heiligen Dich
Ich loben möge ewiglich.

(Anima Christi – ein von Ignatius von Loyola empfohlenes Gebet)

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Die kontemplativen Gebetsformen im Einzelnen:

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Avatar ZEIT ZU BETEN++>>> JESUSGEBET

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+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++Avatar ZEIT ZU BETEN++>>> RUHEGEBET

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Avatar ZEIT ZU BETEN++>>> UNTERSCHEIDUNG DER GEISTER

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