APOSTELGESCHICHTE 2010

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Kircheninterner Dialog Österreich
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Nachfolgend ist das ganze bis jetzt (Sommer 2011) vorliegende Dokument „APOSTELGESCHICHTE 2010“ zu lesen:

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Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. (2 Kor 4,5-7)

Liebe Schwestern und Brüder!

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Ja, wir haben den Heiligen Geist empfangen! In Taufe und Firmung sind wir mit dem Heiligen Geist ausgerüstet worden, um Zeugen Jesu Christi zu sein. Zugleich sehnen wir uns danach, dass der Heilige Geist neu ausgegossen wird, über die Kirche, über die Welt. Ein „Neues Pfingsten“ hat Papst Johannes XXIII. erhofft, als er das II. Vatikanische Konzil einberief.

Dieselbe Sehnsucht hat mich und viele mit mir bewogen, für die Erzdiözese Wien den Prozess „Apostelgeschichte 2010“ zu beginnen und so den Weg der Erneuerung, den das Konzil wollte, weiterzugehen, im Bewusstsein einer sich schnell verändernden Situation unserer Kirche, aber auch unserer Gesellschaft.

Dieser Hirtenbrief greift nochmals die Themen meines Hirtenbriefs vom 1. Oktober 2008 auf, der den „Startschuss“ zum Vorgang „Apostelgeschichte 2010“ gegeben hat. Dieser Weg hat uns im Jahr 2009 zunächst mit der Diözesanwallfahrt auf den Spuren des hl. Paulus nach Rom geführt. Paulus, der große Missionar, bleibt auch für unseren weiteren Weg ein großes Vorbild: Wie hat er Christus verkündigt? Wie hat er Gemeinden gegründet? Wie haben er und die anderen Apostel Probleme und Konflikte gelöst?

VON DER VISION EINES APOSTELKONZILS

Schon lange bewegt mich das Modell „Apostelkonzil“ (Apg 15) als Weg der Unterscheidung und Entscheidung. Es hat mich und die, die den Vorgang „Apostelgeschichte 2010“ mit mir vorbereitet haben, angeregt, drei große Diözesanversammlungen einzuberufen. 1.500 Delegierte haben sich drei Mal für zwei volle Tage (im Oktober 2009, im März und im Oktober 2010, jeweils von Donnerstagnachmittag bis Samstagmittag) im Stephansdom versammelt. Ich denke, nicht nur für mich, sondern für sehr viele waren es starke, bewegende, hoffnungsreiche Erfahrungen.

Meiner Vision von einem „Apostelkonzil“ sind wir dabei gemeinsam ein Stück näher gekommen, und zwar weniger im Hinblick auf die schwer vergleichbare Situation, um die es damals ging, als vielmehr durch den Stil. Wir haben versucht, uns die „Methode des Apostelkonzils“ zu eigen zu machen. Ich bin überzeugt: Sie kann uns in so manchen Konflikten in unseren Gemeinden und Gemeinschaften helfen, einen guten, schöpferischen Weg zu finden. Worin besteht sie? Wie haben wir versucht, sie anzuwenden?

Der Konflikt um die Heidenmission drohte die junge Kirche zu zerreißen und schon in den Anfängen zu lähmen. Mussten die zum Glauben an Christus gekommenen Heiden die Beschneidung und sämtliche Bestimmungen des jüdischen Gesetzes übernehmen, also Juden werden, um Christen zu sein? Mich fasziniert der Lösungsansatz: Es wurde nicht zuerst über das Problem diskutiert, das den Konflikt aus gelöst hatte, sondern alle Beteiligten erzählten, „was Gott mit ihnen zusammengetan hatte“ (Apg 15,4). Indem sie gemeinsam auf das schauten, was Gott in ihrer Mitte wirkt, kamen sie zum Schluss, „dass Gott schon längst … die Entscheidung getroffen hat“ (Apg 15,7).

Das war die Idee hinter der Methode unserer drei Diözesanversammlungen. Wir hatten bewusst keine vorbereitenden Kommissionen gebildet, keine Dokumente vorbereitet, um sie dann in langen Debatten zu bearbeiten, zu verabschieden – und dann in den Schubladen liegen zu lassen. Wichtiger als Papiere war mir das offene Wort, die Atmosphäre des gegenseitigen Hörens, des gemeinsamen Betens und Feierns. So entstand ein ganz eigenes Klima, das ich als wohltuend, wertschätzend und aufbauend erlebt habe. Vielen ist es ähnlich ergangen.

HINSCHAUEN UND JA SAGEN ZU UNSERER SITUATION

Die Kirche ist auch eine „Erzähl- und Deutungsgemeinschaft“. Sie lebt aus den Sakramenten, aber auch daraus, dass wir miteinander unsere Glaubenserfahrungen teilen und gemeinsam die „Zeichen der Zeit“ im Licht des Glaubens deuten. Ich danke Gott und allen, die an den Diözesanversammlungen teilgenommen haben, für die Erfahrungen dieser Tage. Vieles davon habe ich in meinem „Logbuch“ festgehalten, (diesem so schön und liebevoll gestalteten geistlichen Notizbuch, das alle Delegierten bekamen).

• Ich habe gehört und wahrgenommen, wie sehr für viele die Kirche Heimat, „Dach über der Seele“ ist, wie viele treu zur Kirche stehen und sie lieben. Ich habe besser verstehen gelernt, dass das auch dann gilt, wenn Lösungsvorschläge für die heutigen Herausforderungen vorgebracht werden, die nicht die meinen sind. Das „offene Mikrofon“ war ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Diese Offenheit müssen wir uns bewahren. Sie ist befreiend – und sehr anspruchsvoll.

• Ich war beeindruckt von der Vielfalt der Gaben und Talente, die unter uns lebendig sind. Es gibt so viel bewundernswertes Engagement von Getauften, Männern und Frauen, Jugendlichen, Ordensleuten, Diakonen und Priestern. Ich kann Gott nur danken für so viele Charismen, so viel Einsatz für das Reich Gottes!

• Ich habe bewusst das Miteinander, aber auch den Unterschied vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften und dem Weihepriestertum thematisiert. Ich weiß, dass wir an diesem Thema dranbleiben“ müssen. Es war und ist eines der großen Anliegen des Konzils. Hier gilt es noch manches zu vertiefen.

• Das vergangene Jahr war stark vom Thema Missbrauch und Gewalt im Allgemeinen und besonders in der Kirche bestimmt. Unser Weg „Apostelgeschichte 2010“ war davon mitgeprägt. Das war zugleich belastend, aber auch hilfreich. Es braucht viel Mut, wirklich genau hinzusehen und konsequent aus der Option für die Opfer zu handeln. Ich habe hier – auch schmerzlich – viel gelernt. Ich glaube, es war und ist ein Weg der Läuterung, den der Herr zugelassen hat und auf dem er uns führt.

• Ich nehme wahr, dass nicht wenige an und in der Kirche leiden. Es fällt nicht immer leicht, sich als Teil der vom Papst geleiteten weltumspannenden Kirche zu verstehen und sich auch öffentlich dazu zu bekennen. Es tut gut, einander darüber offen erzählen zu können, Kummer abzuladen. Ich erlebe es aber auch als positiv, dass wir einander und auch anderen erzählen, was uns in der Kirche hält – ja, warum wir sie lieben.

• Ich nehme auch wahr (manchmal mit Erschrecken), dass die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse schnell gehen, und dass wir noch zu wenig realisieren, dass auch die kirchliche Situation sich schneller ändert, als viele von uns wahrhaben wollen. Ich selber bin überrascht und betroffen von der Beschleunigung dieser Veränderung. Sie fordert uns alle heraus.

• Ich nehme wahr, dass bei unseren Diözesanversammlungen die Aufmerksamkeit noch zu wenig auf diesen rasanten gesellschaftlichen Wandlungsprozess gerichtet war. Die Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte werden enorm sein. An erster Stelle steht hier die demographische Entwicklung. Sie trifft uns als Kirche besonders schmerzlich. Die Zahlen der Erstkommunionkinder in vielen Gemeinden sprechen eine deutliche Sprache. Das Thema Migration wird zunehmend unsere Gesellschaft bestimmen. Die Energie- und Umweltfragen werden zu bedrängenden Sorgen. Die Schere zwischen den Armen und den Reichen klafft immer weiter auseinander. Sie bedroht den sozialen Zusammenhalt. Schon heute erleben wir, dass diese Nöte vor unseren Kirchentüren nicht Halt machen. Wenden wir ihnen noch mehr unsere Herzen zu!

• Wagen wir es auch, ehrlich auf die innerkirchlichen Entwicklungen zu schauen: Ich erlebe fast unterschiedslos im ländlichen wie im städtischen Raum einen Schwund an Menschen, die das kirchliche Leben mittragen, der fast überall (es gibt erfreuliche Ausnahmen) unaufhaltbar scheint. Dazu kommen die anhaltend hohen Kirchenaustrittszahlen. Die geburtenschwachen Jahrgänge tragen das Ihre bei. Die traditionellen Bindungen halten nicht mehr. Die religiöse Praxis hat sich tiefgreifend verändert. Der regelmäßige Gottesdienstbesuch ist radikal zurückgegangen. Er liegt manchmal sogar bei nur zwei bis fünf Prozent der Katholiken. Als Folge davon schrumpfen auch die Kerngemeinden. Trotz dem sind diese meist von einem bewundernswerten Engagement geprägt. Es bewegt mich tief zu erleben, mit wie viel Liebe, Einsatz, Hingabe unsere Gemeinden vom Stammkreis der Aktiven getragen werden. Ich wünschte mir, die Medien würden mehr über diese oft klein gewordenen, aber großartigen Gemeinden berichten!

• Ich erlebe bei mir selber, aber auch in vielen Gemeinden, Ordensgemeinschaften, kirchlichen Gruppierungen ein schmerzliches Gefühl der Überforderung. Wir werden weniger, aber die Aufgaben werden mehr. Die finanziellen und personellen Ressourcen werden geringer, die Herausforderungen der Mission würden genau das Gegenteil brauchen: mehr Personal, mehr finanzielle Mittel. Viele fühlen sich vom Bischof, von „denen da drinnen“ in der Diözesanleitung oder auch von Rom im Stich gelassen. Nicht wenige meinen, die oft geforderten Reformen würden das Ruder herumreißen, würden endlich wieder eine Aufwärtsbewegung bringen, mehr Ansehen für die Kirche, mehr Jugend.

• In unserer Erzdiözese gibt es viele, die ausdrücklich zu einem Dienst in der Kirche bestellt sind. Als Bischof habe ich sie im Namen der Kirche in ihren Dienst gesendet. Damit sollen sie nicht in ihr Schicksal entlassen sein, sondern Sendung bedeutet auch, für die Gesendeten Verantwortung und Sorge zu übernehmen. Sie sollen um den Rückhalt ihres Bischofs wissen – ich denke dabei z.B. an die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die heute oft die ersten sind, die Kindern und Jugendlichen das Evangelium verkünden. Ihnen und allen im kirchlichen Dienst wird verstärkt meine Sorge gelten.

• Was ich schon bei der Stadtmission 2003 gesagt habe, hat sich seither noch enorm zugespitzt: Ich sprach damals davon, dass wir als Kirche gedemütigt sind durch Skandale, geschwächt durch Kirchenaustritte, entmutigt durch Erfolglosigkeit – und genau in dieser Situation mutet uns der Herr zu: Geht hinaus! Seid meine Zeugen! Verkündet das Evangelium, die Frohe Botschaft! Es ist eine typisch biblische Situation. Ich war geneigt zu sagen: Herr, das geht nicht! Das überfordert uns. Doch da stand klar das Wort des Apostels: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Jesu ruft uns zu: „Fürchtet euch nicht!“

(Mt 28,10) Seine Zusage gilt: „Ich bin bei euch, alle Tage…“ (Mt 28,20). Seit der Stadtmission 2003 ist die Situation noch deutlicher geworden. Die Katholikenanzahl ist weiter geschrumpft. Zugleich ist der Ruf nach Mission noch stärker geworden. Ich sehe das immer klarer als einen drängenden Anruf des Herrn an uns, IHM zu vertrauen. ER allein kann die Lage wenden. ER allein kann die Herzen erreichen, sie zu IHM hinwenden. Wir sind schwache Werkzeuge, und es ist unsere Auszeichnung, von IHM gebraucht und in Dienst genommen zu werden. Drei Zahlen geben mir zu denken: Fast drei Viertel der Österreicher sagen, sie wollten, dass Österreich ein christliches Land bleibe, und 91 Prozent haben sich bei einer ORF-Umfrage dafür ausgesprochen, dass Kruzifixe in den Schulen bleiben. Aber nur zehn Prozent der Katholiken nehmen regelmäßig am Gemeindeleben teil. Was heißt das? Ich lese es so: Viele, vielleicht sogar sehr viele Menschen haben den – oft vagen – Wunsch nach einem „halbwegs christlichen“ Österreich. Nur eine Minderheit bildet den tragenden Kern der Kirche. Wie können wir, das „engagierte“ Segment der Kirche, den vielen Erwartungen entsprechen, die auf uns liegen? Wie können wir alles das leisten, was unser Gemeindeleben erfordert und was so viele Kräfte bindet, und doch unseren Blick, unser Herz und unsere Hände frei halten für den Auftrag, Menschen für Christus zu gewinnen?

Mit allen diesen Eindrücken, Fragen, Gedanken bin ich aus dem Prozess „Apostelgeschichte 2010“ herausgekommen. Er hat mich verändert. Ich habe viel gelernt. Mein Eindruck ist, dass es vielen so ergangen ist: Wir erlebten gemeinsam die Freude des Christseins! „Mit euch bin ich Christ“, kann ich mit dem hl. Augustinus sagen, und „für euch bin ich Bischof“. Diese Erfahrung macht es mir leichter, auch den Erwartungsdruck anzunehmen, der auf mir liegt, mit der Frage: Wie geht es weiter? Eines kann ich sagen: Ich glaube, die eingeschlagene Richtung stimmt. Ich traue mich heute zu sagen: Gehen wir auf diesem Weg beherzt weiter!

DER „MASTERPLAN“ ALS DIÖZESANER ENTWICKLUNGSPROZESS

Am Schluss der dritten Diözesanversammlung habe ich von einem „Masterplan“ für die Diözese gesprochen. Ich habe gesagt, für unsere Situation passe kein „Rasterplan“, wie er in anderen Ländern durchgezogen wurde und wird. Zu vielschichtig, zu bunt und vielgestaltig ist unsere Diözese, als dass ein uniformer, systematischer Einsparungsplan über die ganze Diözese gelegt werden könnte. Unser Entwicklungsplan muss zu dieser komplexen Situation passen. Einige Merkmale unserer Situation: Fast die Hälfte unserer Pfarren wird von Ordensgemein schaften geleitet. Die Unterschiede zwischen den drei Vikariaten erfordern unterschiedliche Zugänge. Eine wachsende Zahl von Katholiken mit Migrationshintergrund gehört zum Leben unserer Ortskirche. Die Kategoriale Seelsorge ist stark im Wachsen.

Was verstehe ich unter „Masterplan“? Es ist nicht ein billiges Wortspiel, wenn ich darunter zuerst den Plan verstehe, den der Meister, unser Herr, selber mit uns hat. Wenn wir nicht Seinen Plan zu verwirklichen suchen, mühen wir uns umsonst. „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“ (Ps 127,1). Wer sagt uns aber, was Sein Plan für uns, Seine Kirche heute ist? Wie wird das konkret? Wie soll es weitergehen?

Vorweg sei ein Missverständnis abgewehrt: Sobald ich von „Mission“ oder gar „Neuevangelisierung“ spreche, kommt immer wieder der Einwurf: Das tun wir doch längst! Ist nicht heute fast jedes Taufgespräch, jede Erstkommunion- und Firmvorbereitung „Mission pur“? Tun wir das nicht längst schon, was jetzt als etwas Neues angepriesen wird? Ja, wir tun es, mit großem Einsatz, mit einem Erfolg, den letztlich nur Gott kennt, und mit unermüdlicher Bereitschaft, Jahr für Jahr unter schwieriger werdenden Verhältnissen neu zu beginnen. Ich kann dafür nicht genug danken.

Unter dem Begriff „Masterplan“ verstehe ich kein fertiges Rezept, das ich in der Tasche haben kann. Uns geht es darum, dass wir gemeinsam neu und frisch dem Herrn selber die Frage stellen: Was willst Du, das wir tun sollen? Deine Kirche ist ja kein Selbstzweck!

Was sagst DU uns durch die vielen Suchenden? Wie lässt DU uns Deinen Herzschlag im Leben so vieler vernehmen, die nicht in unseren Kerngemeinden sind? Willst DU uns nicht zu einem Umdenken, einer Umkehr führen? Rufst DU uns nicht, uns neu hinter DICH zu stellen und DIR nachzufolgen? Denken wir nicht allzu oft in allzu menschlichen Kategorien, sodass Jesus zu uns wie zu Petrus energisch sagen muss: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16,23)?

Ich frage mich selbstkritisch: Träume ich nicht insgeheim von der Gestalt der Kirche, die ich in meinen jungen Jahren erlebt habe? Hoffe ich nicht doch ins geheim, dass es irgendwie gelingen muss, der Kirche wieder Ansehen, Akzeptanz, Beliebtheit und greifbaren Erfolg zu verschaffen? Bin ich bereit, zur heutigen Situation wirklich ja zu sagen? Sie als die Chance zu sehen, die Gott uns heute gibt? Ich bin gewiss: Christus will seine Kirche in Dienst nehmen als Zeichen und Werkzeug der Vereinigung mit Gott und der Erlösung der Menschen (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 1).

Wenn das Zeichen undeutlich, das Werkzeug untauglich wird, muss es neu geschmiedet werden – im Feuer der Prüfung, unter mächtigen Schlägen und im stillen Aufschmelzen des Materials und seiner Ausgießung in die kommen de Form. Denn der Geist will unsere Herzen erneuern und mit ihnen das Angesicht der Erde.

„MISSION ZUERST“ – UNSERER SENDUNG AUF DER SPUR

„Mission zuerst“ habe ich als oberste Priorität des „Masterplanes“ genannt. Welche konkreten Schritte folgen daraus? Zuerst die Frage: Wie können wir unsere Jüngerschaft in der Nachfolge Jesu vertiefen, beleben, ja sie konkret lernen und einüben? Welche Entwicklungen unserer Struktur und Organisation braucht es in unserer Diözese, damit wir uns auf unsere Mission ausrichten können? Welche Strukturen müssen wir eventuell aufgeben, welche ändern, welche neu schaffen, damit sie der Mission dienen?

Ich habe für den diözesanen Entwicklungsprozess eine Steuerungsgruppe eingerichtet, die aus dem Bischofsrat und dem Team der Stabstelle „Apostelgeschichte 2010“ besteht. Diese Steuerungsgruppe strukturiert, koordiniert und begleitet den ganzen Prozess. Die konkrete Planung und Gestaltung habe ich einer Arbeitsgruppe über tragen. Ihr steht Generalvikar Nikolaus Krasa vor; weiters gehören ihr an: Weihbischof Stephan Turnovszky, Bischofsvikar Matthias Roch, Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel, Michael Scharf, Andrea Geiger, Otto Neubauer und Otmar Spanner.

Diese Gruppe erarbeitet für den Prozess eine Vorgangsweise, die es den jeweils Betroffenen ermöglicht mitzugestalten und die für die Breite der Diözese angemessen ist. Entscheidungen für die Erzdiözese fallen durch die jeweils im Kirchenrecht vorgesehenen Organe.

In diesem Prozess setze ich in der Arbeitsweise den Stil von „Apostelgeschichte 2010“ voraus. Im Buch „Vom Wendepunkt der Hoffnung“ (und auf der Homepage www.apg2010.at) sind bereits viele Grundüberlegungen und Anstöße dokumentiert.

Die Themenfelder, um die es in diesem Prozess gehen wird, sowie erste, vorläufige Schritte und einige Fragen, die sich Einzelne, Pfarrgemeinden, Gemeinschaften jetzt schon stellen sollen, habe ich wie im Hirtenbrief von 2008 wieder in sieben Punkten zusammengefasst:

 

1. NEU IN DIE LEBENSSCHULE JESU GEHEN – JÜNGERSCHAFTSSCHULEN ERRICHTEN

„Gehend nun, macht zu Schülern alle Völker, taufend sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, lehrend sie, alles zu bewahren, wieviel ich euch geboten habe …“
(Mt 28,19f – Münchner Neues Testament)

Der Glaube ist ein Geschenk, in das wir immer tiefer hineinwachsen. Die kirchliche „Urform“ dafür ist das Katechumenat – der Weg eines Taufkandidaten, einer Taufkandidatin. Wir lernen den Glauben – unser Leben lang. Wir haben in der Diözese vielfältige alte und neue Erfahrungen mit solchen Lernvorgängen des Glaubens. Ich denke z.B. an Gruppen der Katholischen Aktion, Exerzitien (im Alltag), Einkehrtage, Familienrunden, Bibel teilen, Cursillo, neokatechumenale Katechesen, Alpha-Kurse, Glaubenskurse verschiedener Art, Pfarrmissionen, den ganzen Bereich der Sakramentenvorbereitung und auch an viele Sozial- und Caritaskreise. Es lohnt sich, persönlich, wie in allen Gruppen und Runden immer wieder bewusst auf dieses Lernen im Glauben zu achten. Kirchliche Orte sollten Schulen der Jüngerschaft sein, kirchliche Gemeinschaften sind Lebensschulen Jesu.

In welche Schulen des Glaubens bin ich schon gegangen?

Was möchte ich noch lernen im Glauben?

Wer spricht mit mir über Gott, Jesus, den Heiligen Geist, die Kirche,

über Auferstehung, Erlösung, Reich Gottes?

Mit wem lerne ich, über meinen Glauben zu reden?

Woran erkennen wir und andere, dass wir Jesu Jünger und Jüngerinnen sind?

Inwiefern sind unsere Pfarren und Gemeinschaften, die Sakramentenvorbereitung, die vielen Aktivitäten und Runden Lebensschulen Jesu, Lernorte für Glauben und Jüngerschaft?

Welche Lerngemeinschaften des Glaubens gibt es bei uns?

Um bestehende Vorgänge zu überprüfen und zu verbessern bzw. um neue Lerngruppen aufzubauen, wird die Steuerungsgruppe Hilfen entwickeln (z.B. Kriterienkataloge, Modellprojekte) bzw. deren Entwicklung beauftragen. Um als missionarische Gemeinden zu leben, solche Gemeinden zu gründen, aufzubauen und zu fördern, braucht es Menschen, die bereit sind, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu sein und immer neu zu werden. Die Jünger von damals sind an der Hand Jesu gegangen. Jüngerinnen und Jünger von heute gehen mit der Bibel in der Hand.

Derzeit ist ein Ausbildungslehrgang in Erarbeitung für die (ehrenamtliche) Leitung von kleinen christlichen Gemeinschaften/Gemeinden, der mit Jahres beginn 2012 starten soll.

Wir werden unsere Formen der Sakramentenkatechese kritisch hinterfragen und neue Akzente setzen. Ich wünsche mir, dass viele junge und ältere Menschen zum YouCat greifen. Bleiben wir im Gespräch über unseren Glauben. Wir werden in Zukunft verstärkt Ressourcen in Glaubens- und Missionsschulen einbringen. Ich wünsche mir viele erneuerte und neue Glaubens- und Missionsschulen, denn wir werden mehr denn je auskunftsfähig sein müssen, über die Hoffnung, die uns leben lässt.

2. NEUES MITEINANDER VON GEMEINSAMEM PRIESTERTUM DER GLÄUBIGEN UND WEIHEPRIESTERAMT

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1 Petr 2,9)

Kirche ist Volk Gottes – ein gemeinsames Priestertum im Dienst an der Welt, besonders den Armen, Schwachen und Fremden. Das Weihepriesteramt steht im Dienst am Volk Gottes. Wie das gemeinsame Priestertum und das Weihepriesteramt in der Praxis zueinander stehen und aufeinander bezogen sind, ist weiterzuentwickeln. Noch scheinen wir – zum einen – oft in einer überhöhten Sicht des geweihten Priesters befangen zu sein. Zum anderen gibt es Laien, die so von sich überzeugt sind, dass auch gute und wohlmeinende Priester keine Chance haben. Das gemeinsame Priestertum wird dagegen oft noch zu wenig wahrgenommen, geschätzt und gelebt.

Wir alle gehören durch die Taufe Christus an. Christsein ist weder ein Ehrenamt, noch ein Hauptamt, sondern eine Lebensentscheidung. Wir sind aufeinander angewiesen und verwiesen. Gemeinsam tragen wir Sorge und Verantwortung für die Kirche, für Gemeinden und Gemeinschaften. Wir sind uns gegenseitig anvertraut und geschenkt. Und wir bedürfen der gegenseitigen Vergebung, wo wir uns nicht in Würde begegnet sind und falsche oder unerfüllbare Erwartungen aneinander gestellt haben.

Was heißt für mich, Anteil zu haben am gemeinsamen Priestertum?

Wie wird mir die gleiche Würde aller Getauften bewusst?

Wie können wir uns gegenseitig stärken und unterstützen?

Wie sind wir eine Hilfe füreinander?

Wie können wir uns in unseren unterschiedlichen Aufgaben ernst nehmen, einander begleiten und korrigieren?

Wie können wir gemeinsam besser für die Menschen da sein?

Welche Erwartungen haben wir aneinander?

Wie sehe ich mich als geweihter Priester oder Diakon, und wie sehe ich die anderen?

Bin ich bereit, auf die mir anvertrauten Mitchristen zu hören, sie in ihren Charismen ernst zu nehmen?

Was bedeutet es für uns, dass jeder seine und jede ihre eigene unmittelbare Beziehung zu Gott hat?

Alle, die andere in ihrem Engagement begleiten, müssen gut darauf achten, wer an welcher Stelle seine/ihre eigene Berufung entfalten kann. Es gilt genauer hinzuschauen und die vorhandenen Kräfte gezielter einzusetzen. Das betrifft auch Entscheidungen der Diözesanleitung. Hier möchte ich in Zukunft bewusster beachten, wer das Charisma der Leitung, besonders der geistlichen Leitung hat.

Ich sage es ohne Umschweife, wir brauchen heute in der Kirche eine tief greifende doppelte Bekehrung: Wir Priester müssen uns bekehren, uns tatsächlich in den Dienst des gemeinsamen Priestertums aller zu stellen, d.h. „darunter“ und das in Freude. Die Laien – so bekennen mir immer mehr Laien – brauchen eine Bekehrung zur inneren dankbaren Haltung, von den Priestern etwas zu empfangen, das sie sich selber nicht geben können. Das hat weitreichende Konsequenzen, wenn wir bereit sind, uns gegenseitig zu tragen, wertzuschätzen, mit den Charismen zu beschenken und Hirtensorge gemeinsam wahrzunehmen.

3. CHRISTLICHE GEMEINSCHAFTEN UND GEMEINDEN VOR ORT – AUFBAUEN, STÄRKEN UND GRÜNDEN

„Die Einheimischen waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich; sie zündeten ein Feuer an und holten uns alle zu sich, weil es zu regnen begann und kalt war.“ (Apg 28,2)

Paulus erlebt nach seinem Schiffbruch vor Malta überraschende Gastfreundschaft (Apg 27/28). Diese ist heute eine der wichtigen Aufgaben, die christlichen Gemeinden und Gemeinschaften aufgetragen sind: ein Feuer anzünden und die Gäste und Pilger aus den Stürmen des Lebens freundlich empfangen. Ob sie bleiben wollen oder nur eine kurze Rast machen, soll ihnen überlassen werden. Christus braucht Gemeinden, damit die Gemeinschaft, die er stiftet, konkret erfahren werden kann – im geteilten Leben und Glauben sowie im Dasein für andere.

Pfarren sind Kirche vor Ort, Gemeinschaft von Glaubenden. Woran merken wir das selbst in der konkreten Praxis?

Woran können es andere, die bei uns vorbeikommen, spüren?

Ist unsere Gemeinde gastfreundlich?

Wie viele Menschen sind im vergangenen Jahr neu zu uns gestoßen?

Gibt es bei uns einen „welcome service“?

Welche Menschen finden bei uns Hilfe und Begleitung auf der Suche nach Gott, nach dem Woher und Wohin, dem Sinn des Lebens?

Welche neuen Formen, miteinander Gottesdienst zu feiern, kennen wir?

Welche Kräfte sind gebunden für unsere derzeitige Pfarrstruktur?

Über welche freien Ressourcen verfügen wir?

Worauf richten wir die vorhandenen Kräfte?

Wozu/Für wen ist unsere Gemeinde/Pfarre da?

In den nächsten Jahren wird sich in der Struktur unserer Pfarren vieles verändern. Nehmen wir das ehrlich und ohne Scheu in den Blick. Einzelne Dekanate sind bereits auf einem guten Weg einer wachsenden Zusammenarbeit.

Wir wollen wachsen, auch wenn wir vorerst zahlenmäßig Mitglieder verlieren! Das Ziel ist eine wachsende Anzahl von kleinen lebendigen Gemeinden/Gemeinschaften, die wie „Sauerteig“ in die Gesellschaft hinein wirken. Hier gilt es, bestehende weiter aufzubauen und neue zu gründen. Ihre Leitung wird getauften Frauen und Männern übertragen werden. Mehrere kleine christliche Gemeinden oder Gemeinschaften werden unter der Leitung eines Pfarrers zusammengefasst werden. Zur Leitung und Begleitung dieser größeren Einheiten werden Laien, haupt- und ehrenamtlich, im pastoralen Dienst mit Priestern in Teams zusammenarbeiten. Das kann bedeuten, dass manche Pfarrkirchen in Filialkirchen umgewandelt werden, vor allem aber sollen viele kleine christliche Gemeinden/Gemeinschaften wachsen können, die auf die neuen Erfordernisse antworten wollen. Bestehende Modelle der Kooperation (wie etwa Pfarrverbände und Seelsorgeräume) müssen berücksichtigt, aber auch auf ihre Praktikabilität hin kritisch hinterfragt werden bzw. sind sie auf ihre Wachstumsmöglichkeiten und Lebendigkeit hin zu prüfen. Für die Gestaltung solcher Prozesse des Zusammenwachsens und Zusammenarbeitens von Gemeinden innerhalb größerer Gebiete bzw. Verwaltungseinheiten erarbeitet die Steuerungsgruppe diözesane Vorgaben.

Diese sollen Spielraum eröffnen für jeweils passende ortsbezogene Lösungen. Dadurch soll der Entwicklungsprozess der Verschiedenartigkeit der Situationen in der großen Erzdiözese Rechnung tragen.

In Zukunft wird es Kennzeichen einer Pfarrkirche sein, dass dort sonntags Eucharistie gefeiert wird. In vielen Kirchen wird nur mehr eine Eucharistiefeier pro Sonntag gefeiert werden. Es bedeutet jedenfalls, dass alle derzeit bestehenden Pfarren in Vorgänge der Neuordnung einbezogen werden. Solange diese kommenden Strukturen noch in Entwicklung sind, möchte ich keine neuen Pfarrer ernennen, sondern Moderatoren, damit so die Möglichkeiten für Veränderungen offener bleiben.

4. NEUE GEMEINDEN JENSEITS DER TERRITORIALEN ORDNUNGEN ENTWICKELN UND UNTERSTÜTZEN

„Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht.“ (Phil 1,27)

Gemeindebildung findet nicht nur im Sinne von Pfarren statt, die als Territorium auf einer Landkarte beschrieben werden können. Es gibt eine Vielzahl von kirchlichen Gemeindeformen und Gemeinschaften, die sich nach anderen Kriterien zusammenfinden: Menschen, die von derselben Lebenssituation betroffen sind; Menschen, die sich um ein geistliches Zentrum sammeln; Menschen, die sich von einer bestimmten Spiritualität angezogen fühlen etc. Diese Art der Gemeindebildung wird wahrscheinlich in Zukunft noch wichtiger werden. Es wird wichtiger, dass Menschen auf vielerlei Weisen und an ganz unterschiedlichen Orten mit Kirche, mit der Gemeinschaft des Glaubens an Christus in Berührung kommen. Dazu braucht es Pioniergeist und Unterstützung solcher Initiativen und Einrichtungen. Solche hervorragenden Orte sind und können sein: Ordensniederlassungen, die kirchlichen Schulen, der Religionsunterricht, die kirchlichen Krankenhäuser, kirchliche Erwachsenenbildungseinrichtungen, die vielen Einrichtungen der Caritas. Das sind heute Orte, an denen Menschen von Kirche konkrete Hilfe und Begleitung erfahren und auch explizit zur Begegnung mit Christus eingeladen werden. Immer wieder bilden sich auch neue Gemeinden, etwa um Orden und geistliche Zentren oder als Gründungen neuer geistlicher Bewegungen. Zu diesen stark personenbezogenen Gemeindeformen zähle ich auch die anderssprachigen Gemeinden. Sie sind eine starke und stark wachsende Größe, vor allem in der Großstadt Wien.

Wie gestaltet sich Gemeindeleben ohne einen fixen Ort?

Wo sind Orte mit besonderer Anziehungskraft?

Was kann die ganze Diözese/die territoriale Seelsorge von ihnen lernen?

Wie können unsere Einrichtungen noch ansprechendere Orte der Verkündigung der Frohbotschaft Christi werden?

Wie wird Glaubensgemeinschaft in ihnen erlebbar?

Wie können verschiedene Gemeindeformen voneinander lernen?

Wie kann der Zusammenhalt verschiedener Gemeindeformen in der einen Erzdiözese gefördert werden?

Welche Unterstützung brauchen neue kirchliche Gemeinden/Gemeinschaften?

Zum Entwicklungsprozess der Diözese wird auch ein Konzept für die bessere Einbindung dieser verschiedenartigen Gemeinden gehören. Ich sehe mit großer Freude das Wachsen von kirchlichen Gemeinden/Gemeinschaften von anderssprachigen Bevölkerungsgruppen und auch die ganz kleinen Initiativen einzelner neuer Bewegungen. Der spirituelle Reichtum der vielen Ordensgemeinschaften in unserer Diözese soll wesentlich stärker im Aufbau von kirchlichen Gemeinden/Gemeinschaften zum Tragen kommen. Dort, wo Neues wächst, muss in Zukunft investiert und für ein gutes Zusammenwirken aller gesorgt werden.

Einen besonderen Schwerpunkt lege ich auf alle im Religionsunterricht verkündigenden Frauen und Männer. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass die kirchlichen Schulen, Kindergärten, Studentenheime, Krankenhäuser,… zu Orten der Lebensschule Jesu werden. Für alle Gemeindeformen wird es neue Visitationsordnungen geben – adaptiert an „Mission zuerst“.

5. EINE NEUE PASTORAL DES RUFENS – FÜR DIENSTE IN HINGABE UND PROFESSIONALITÄT

„Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!“ (Joh 6,9)

Bei der Brotvermehrung sind die Jünger zunächst nicht fähig, die Aufgabe zu erfüllen, die Jesus ihnen gestellt hat: Gebt ihr ihnen zu essen! Doch dann erkennen sie den Buben, der Brote und Fische hat; und Jesus kann allen zu essen geben.

Unsere Erzdiözese ist eine große und komplexe Organisation. Gerade auch die kirchlichen Angestellten stehen vor neuen Herausforderungen in dieser Phase der Neuorientierung. Von ihnen wird zu Recht professionelles Handeln erwartet. Zugleich braucht Handeln im Auftrag der Kirche die Bereitschaft zur Hingabe im Dienst.

Es braucht die Aufmerksamkeit für die Charismen. Unsere Charismen, die Gaben des Hl. Geistes sind das unerschöpfliche „Kapital“ der Kirche. Sie sind die wesentliche Ressource für unseren Dienst, zur Erfüllung unseres Auftrags. Sie zu entdecken und zu fördern, ist Aufgabe der komplexen Organisation Kirche, in erster Linie der Leitung. Oft sind wir in Teilorganisationen und Gemeinden auf der Suche nach Menschen für bestimmte Aufgaben. Wir dürfen darüber aber nicht übersehen, mit welchen vielleicht unerwarteten Charismen der Herr unsere Gemeinschaft beschenkt. Eventuell vorsichtig Interessierte sind nicht zuerst als potenzielle zusätzliche Arbeitskräfte anzusehen. Es braucht die offene Begegnung, um zu entdecken, was der oder die andere mitbringt.

Was würde sich in meiner Gemeinde/Gemeinschaft, Einrichtung oder Dienststelle verändern, wenn wir sie mehr nach den Charismen aufbauen als nach dem, was wir meinen, was erledigt werden muss?

Welche Charismen haben die Menschen in meiner Umgebung?

Wie können sie dem Aufbau von kirchlichen Gemeinden dienen?

Wie kann ich meine Begabungen besser einbringen?

Als Bischof weiß ich mich für beides verantwortlich: für eine gute, professionelle Qualität meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie für ihre Herzensbildung und ihre geistliche Berufshaltung. Auf beides möchte ich in Zukunft stärker achten und Anreize dafür setzen. Unter den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen wird die Mitgliederzahl der Kirche derzeit kleiner. Es geht aber nicht um eine „Elitekirche“. Vermehrt Menschen in den Dienst der Kirche zu rufen, bedeutet nicht, von allen spirituelle oder aktivistische Hochleistungen zu fordern. Es geht um das Wesen von Christsein und von Kirche: ein Dasein für die anderen, Dasein für die Welt. Alle Einrichtungen der Erzdiözese – von Pfarren bis zu den diözesanen Dienststellen – müssen sich an diesem Kriterium des grundlegenden Dienstcharakters messen lassen.

 

6. LOSLASSEN FÜR NEUES – WAGEMUT IST GEFRAGT!

„Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,18f)

Dankbar dürfen wir zurückschauen auf eine wertvolle und reiche Vergangenheit. Zugleich ist es unübersehbar, dass sowohl die personellen wie die finanziellen Ressourcen für die Kirche weniger werden. Die größte Ressource sind die Menschen, die sich für einen ehren- oder hauptamtlichen Dienst zur Verfügung stellen. Das sind sehr viele. Ich bin ihnen allen sehr dankbar!

Die zweite wesentliche Ressource sind die großzügigen Zahlungen durch die Mitglieder der Kirche: der Kirchenbeitrag. Dankbar bin ich den Vielen, die trotz mancher innerer Distanz genug Sympathie für die Kirche aufbringen, um ihr finanzielle Zuwendungen zukommen zu lassen. Nur durch diese Beiträge ist es möglich, dass wir so viele kirchliche Aktivitäten und Einrichtungen nach wie vor erhalten können.

Lange Zeit haben wir versucht zu überspielen, dass die Ressourcen weniger werden und den bislang üblichen Betrieb dennoch aufrechterhalten. Viel Phantasie und mancher Druck wurde eingesetzt, um dennoch zurechtzukommen – „Löcher zu stopfen“, sagen manche. Energie für Alternativen hat dann oft gefehlt.

Wo bricht Neues hervor?

Welches Neuland können wir „beackern“?

Wo würde Jesus heute hingehen?

Wen würde er heute treffen wollen?

In welchen Räumen würde er sich aufhalten wollen?

Was stellen wir hinten an? Was lassen wir?

Jede Pfarre, Gemeinde, Einrichtung, Dienststelle,… möge sich ganz konkret fragen: Was machen wir nicht mehr, damit wir Kräfte frei bekommen für Neues?

Der beginnende diözesane Entwicklungsprozess bringt auch hier eine neue Chance: Nicht irgendwie weiterzumachen wie bisher, sondern Neues zu wagen. Damit wir dazu Kraft haben, müssen wir bisher Getanes aufgeben. Wir werden auch Aktivitäten lassen, die gut und wichtig waren und uns Freude gemacht haben. Wir werden an dieser Erfahrung der Endlichkeit unserer Kräfte und Ressourcen leiden. Wir werden zugleich die Erfahrung von Freiheit machen, die erleichternde Klarheit der Konzentration erleben und die Lust des Neuanfangs spüren.

Ich möchte, dass alle Ebenen und Teile der Diözese danach trachten, mindestens zehn Prozent ihrer personellen wie finanziellen Kräfte für das Neue und den Wandlungsprozess frei zu bekommen.

7. AUFBAU DER ALLIANZEN IM „TUN DER GERECHTEN“ STÄRKEN

„Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“  (Mt 25,40)

Nach dem Matthäusevangelium ist die entscheidende Bedingung im Gericht Gottes der konkrete Einsatz für die Notleidenden. Hier geschieht sehr viel Gutes in vielen verschiedenen Formen durch Mitglieder und Einrichtungen unserer Diözese. Keine andere soziale Organisation hat ein derart dichtes Netz.

Angesichts der Not bei uns und erst recht in der weiten Welt erscheint das dennoch oft wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Da ist es tröstlich, dass wir als Kirche nicht allein sind in unserem Engagement; wir teilen es dankbar mit vielen Menschen guten Willens. Als Kirche stehen wir im Engagement für eine bessere Welt neben anderen, die das auch tun. Zudem stehen wir auf dem „Markt der Sinnangebote und Weltanschauungen“ als ein Anbieter neben anderen. Wir haben eine lange innegehabte, bequeme Vormachtstellung inzwischen ziemlich deutlich und endgültig verloren. Ich möchte das nicht beklagen, sondern als Gelegenheit sehen, demütig zu werden, sozusagen vom hohen Ross zu steigen, unsere Position und unsere Möglichkeiten richtig einzuschätzen. Gleichzeitig gibt uns diese Situation die Chance, den Glauben neu buchstabieren zu lernen und die Schönheit des Christentums wieder zu entdecken.

Mit wem bin ich/sind wir als kirchliche Gemeinde/Gemeinschaft im Engagement verbunden?

Wem bin ich für diese Gemeinsamkeit dankbar?

Von wem können wir lernen, was Gerechtigkeit, Würde und Heil bedeutet?

Wer ist für uns Partner im Engagement für eine bessere Welt für alle?

Auch angesichts der wachsenden Not wollen wir den Weg frei machen, uns öfter an vielen Stellen und bei vielen Gelegenheiten mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen tun. Alle, die sich – oft ohne es so zu nennen – für die Werte des Evangeliums in Dienst nehmen lassen, sind für uns mögliche Partner, deren Weggemeinschaft wir gerne annehmen. Wer immer sich für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, die Bekämpfung der Armut, den Respekt vor Fremden, unbedingte Anerkennung der Würde aller einsetzt, verdient unsere Solidarität und unseren Dank.

Wichtige Kriterien für die Zuteilung von Ressourcen werden in der Erzdiözese künftig der diakonale Einsatz sowie die Verknüpfung der Aktivitäten in die Zivilgesellschaft hinein sein. Wo wir in konkreten Anliegen mit anderen, die nicht aus der Kirche kommen, zusammenarbeiten, können wir unendlich viel voneinander lernen.

Wir Christen lernen im barmherzigen Tun unseren eigenen Glauben neu kennen; wir bekommen ihn neu geschenkt von denen, die uns bitten, brauchen und auf uns hoffen. Wir bekommen ihn auch neu geschenkt aus der Hand derer, die mit uns zusammenarbeiten, unsere Motive achten, nach unserer Hoffnung trotz allem fragen.

„… DAMIT WIR SEINE FREUDE IN FÜLLE IN UNS HABEN.“

(Joh 17,13c)

Eine weitere Etappe unseres Weges beginnt! Es wird ein strukturierter Veränderungsprozess sein. Die konkrete Form muss sich erst entwickeln, weil es eben kein Rasterplan, kein fertiges Rezept ist. Das Ziel dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: Wir haben einen Auftrag!

Im Frühjahr 2013 werden wir – wie schon angekündigt – zu einer diözesanen Wallfahrt zu den paulinischen Gemeinden aufbrechen, um uns wiederum vom hl. Paulus inspirieren zu lassen, in seine Schule zu gehen für unsere Zukunft.

Um unsere Erfahrungen, die wir mit dem Herrn machen, auszutauschen, werden sich im Oktober 2013 erneut Delegierte aus allen Pfarren und Einrichtungen der Erzdiözese in einer Diözesanversammlung treffen. Bis dahin wünsche und hoffe ich, dass vieles in Bewegung kommt – mit Bangen wohl auch, aber freudig folgend dem Auftrag Christi.

Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit. In dem wir die Zeichen der Zeit erkennen, können wir darin den Anruf Gottes für unser Engagement heute deuten. Gerade in der Dramatik unserer Situation wird sein Rufen deutlich und zeigt sich, was ER heute von seinen Hirten und seinem Volk erwartet. Das nüchterne und demütige Hinschauen auf unsere Wirklichkeit ist kein Jammern, es ist eine große Chance für unsere Umkehr und unseren Neuanfang. Nicht Notlösungen und Überbrückungen dürfen uns leiten, sondern das bewusste JA zu unserer Situation. Es geht darum, sich auf eine rasant verändernde Wirklichkeit einzulassen – vor allem aber auf die Menschen, die sich darin zurechtfinden müssen.

Es wird uns schwerfallen loszulassen – gerade Gewohntes und Liebgewordenes. Wir werden uns auch nicht immer einig sein, was wir lassen und tun und welche Prioritäten wir setzen. – Wir stehen wieder an einem Anfang.

Wir dürfen zugleich dank bar auf eine reiche und wertvolle Vergangenheit blicken. Angesichts dessen, was hinter uns liegt, und dessen, was vor uns liegt, scheint es nicht leicht, von der Freude zu sprechen. Dennoch ist es die Freude, die uns antreibt. Wir können sie nicht machen, sondern nur empfangen – in dem Moment, in dem wir begreifen, zu welcher Würde wir gesalbt und berufen sind. Diese Freude, die wir am gemeinsamen Christ sein erleben, lässt uns auch immer wieder ganz absichtslos missionarisch sein.

Halten wir fest an der Zusage Gottes: Fürchtet euch nicht! Es kann gut sein, dass dort, wo Gewohntes und Liebgewordenes vergeht, der Geist selber die Mauern und Dächer unserer kirchlichen Behausungen abbricht und alte Wege verwehrt, um uns auf Reisen zu schicken, auf Pilgerschaft in unbekanntes Gebiet:

 „Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen; dann wird er kommen und euch mit Heil überschütten.“ (Hos 10,12)

Wir alle sind gemeinsam Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes, unkündbar – Gesandte an Christi statt! Nicht aufgrund von Verdiensten und Tugenden, sondern allein aus Gottes Güte. Am hl. Paulus wird deutlich, wie Gott in seiner Freiheit auch Unerwartete beruft auf nicht vorhergesehene Weise. Gott weitet unseren Blick auf seine ganze Schöpfungsfamilie. Diese hat er auch jenseits unserer Kirchengrenzen mit seinem Geist reich beschenkt in ihrem Erbe und in ihren Träumen. Er lässt sich finden, wo wir ihn nicht erwarten. Im Gewand des Fremden kommt er uns entgegen und bittet um Aufnahme.

Geben wir also, was wir zu geben haben zum Wohl der Menschen und zum Aufbau der Gemeinden. Wenn wir aber schenken, dann muss uns bewusst sein, wir geben weiter, was wir selbst empfangen haben. Segen haben wir empfangen, Segen sollen wir sein!

Beten wir gemeinsam – miteinander und füreinander, dass wir SEINE Freude in Fülle in uns haben!

Mit herzlichen Segenswünschen

Christoph Kardinal Schönborn
Erzbischof von Wien

Wien, am 4. Sonntag der Osterzeit 2011 (Gut-Hirten-Sonntag)

Herr Jesus Christus

durch die Taufe gehören wir Dir an.

Durch Dich hat uns der Vater seine Liebe gezeigt

und sich selbst uns zugewendet.

Du hast Dich klein gemacht, um uns nahe zu sein.

Wir danken Dir und preisen Dich,

denn Du zeigst uns den Weg zum Leben in Fülle.

Du begegnest uns durch die Wirklichkeit unserer Zeit.

Auch im Gewand des Fremden kommst Du uns entgegen.

Ja Jesus, Dir vertrauen wir, von Dir wollen wir lernen:

Dein Zugehen auf die Menschen,

Dein Dasein besonders für die Notleidenden.

Wir ersehnen Deinen Heiligen Geist, der uns Kraft und Mut ist.

Dein Heiliger Geist wecke in uns neu die Freude und die Leidenschaft,

für Dich und die Menschen zu brennen.

Amen.

„Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“ (2 Kor 4,5-7)

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Herausgegeben von:

Erzdiözese Wien
APG 2010
Wollzeile 2 | A-1010 Wien
http://www.erzdioezese-wien.at
http://www.apg2010.at

Das Buch „Vom Wendepunkt der Hoffnung – Der Prozess Apg 2010 in der Erzdiözese Wien“ ist erhältlich in der Materialstelle der Erzdiözese Wien und im Büro „Apg 2010“ – beide:
Stephansplatz 6 | 1010 Wien | apg2010@edw.or.at | http://www.apg2010.at

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