Hirtenbrief an Irland

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Hirtenbrief von Benedikt XVI. zum Thema Missbrauch:

Versuch einer Einordnung des päpstlichen Briefes an die Katholiken Irlands vom 20. März 2010

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„Die Kirche hat die Macht zur Tabuisierung verloren“,

analysiert Andreas Pfeiffer, ORF-Korrespondent in Rom. Die sich über Jahrzehnte hinziehenden Missbrauchsfälle und sonstigen Verhältnisse in geistlichen Institutionen bringen die kirchlichen Schweigemauern zum Einsturz. Wie ist nun der vorliegende Hirtenbrief einzuordnen?

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In zwei von drei Stellungnahmen zum Pastoralbrief des Papstes fallen die Worte „überfällig“ oder „zu spät“. Dazu kann man stehen wie man möchte, jedenfalls scheint mir eine inhaltliche Bewertung wichtiger und zielführender.

Nach einiger Beschäftigung mit dem seit gestern vorliegenden Dokument wird der Eindruck stärker, dass die 14 Punkte des Briefes sehr stark von Scham und Erschütterung getragen werden; dementsprechend wird die Erwartungserhaltung in Richtung Aufarbeitung und neuer kirchlicher Vision weniger erfüllt. „Es muss dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen, die so tragische Konsequenzen in den Leben von Opfern und ihrer Familien hatten und die das Licht des Evangeliums in einer solchen Weise verdunkelt haben, wie es noch nicht einmal Jahrhunderten der Verfolgung gelungen ist (s.Punkt 4). Aber ist nicht vor jeder größeren Veränderung ein besonderes Maß an Schuldbewusstsein und Betroffenheit Grundvoraussetzung, also der eigentliche Motor für Umbrüche?

Der Hirtenbrief benennt die Verbrechen auch in aller juristischer Klarheit

Deutlich und überzeugend wirken die Worte des Papstes in Punkt 7, wenn er sich an die Missbrauchstäter aus Kirche und Orden wendet: „Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, verraten und Ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten […] Gleichzeitig ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung, aber verzweifelt nicht an der Gnade Gottes.“ Die Zeichen sprechen für ein Ende der Ära der Vertuschung, und gemessen am Umgang mit den amerikanischen Missbrauchsfällen steht die Kirche in einer Epoche straf- und zivilrechtlicher Konsequenzen.

Der Vatikan schreibt dem Hirtenbrief universelle Geltung zu

Nur zu verständlich, dass sich viele auch Stellungnahmen zur Situation in Deutschland und Österreich erwartet haben. Ebenso einsichtig ist es aber, dass sich die Entwicklung in den genannten Ländern in einem gänzlich anderen Stadium befindet: Hier muss noch vieles ans Licht gebracht, untersucht und bewertet werden, bevor richtungsweisende Schritte des Vatikans überhaupt gesetzt werden können. In der Zwischenzeit gilt nach den Verlautbarungen des Vatikans, dass sexueller Missbrauch ein weltweites Phänomen sei und der daher Inhalt des Pastoralbriefes durchaus auf Österreich und Deutschland bezogen werden könne. Was ja nicht heißt, dass ein Hirtenbrief an deutschsprachige Länder ausgeschlossen wird.

Pastoral- oder Hirtenbrief?

Auf der Vatikanseite ist verwirrenderweise einmal vom Pastoral-, dann aber eindeutig vom Hirtenbrief die Rede. Der folgende Hinweis auf Unterschiede zwischen Hirten- und Pastoralbrief bringt einen zusätzlichen Aspekt ins Spiel: „Die Briefe (1. und 2. Timotheus- sowie der Titusbrief) heißen Pastoralbriefe, weil sie nicht, wie die meisten anderen Paulusbriefe, an ganze Gemeinden geschrieben wurden, sondern an Einzelpersonen adressiert sind, die Pfarrer oder Leiter von Gemeinden sind“ (Wikipedia). Das würde die Bedenken mancher, der Brief wende sich zu sehr an einzelne Funktionsträger, und zu wenig an die Kirche als gesamtverantwortliche Institution, in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Entscheidender ist aber die Einordnung nach dem Stadium der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Wenn wir von einem klassischen Dreierschritt ausgehen, nämlich (1) Aufdeckung von Missständen, (2) Zuweisung von Verantwortlichkeiten und (3) Neuorientierung mit anschließender Veränderung, dann befinden wir uns noch in Phase (2), wo das Eingeständnis der Schuld und die Benennung der Verantwortung deutlichen Vorrang hat. Die Periode der Veränderung muss also erst noch kommen…

Inwieweit betreibt der Hirtenbrief Ursachenforschung für Missbrauch?

An dieser Stelle wird es deutlich schwieriger, zu einer Beurteilung des vatikanischen Schreibens zu kommen. Ein hörbarer Vorwurf ist, dass die Ursachen zu sehr im Versagen einzelner Priester und Bischöfe gesehen werden. Das kann zum Teil durch die Form des Pastoralbriefes, wie im vorigen Punkt angesprochen, motiviert sein. Nicht übersehen werden soll aber, dass Papst Benedikt alle Ebenen der kirchlichen Hierarchie, von den Laien über die Diakone und Priester bis zu den Bischöfen und Kardinälen anspricht. Damit wird das Problem der Autorität, und besonders der „Autoritätsstau“ auf der Stufe der Bischöfe, deutlich ins Blickfeld genommen.

a. Das besondere Vertrauens- und Autoritätsverhältnis in kirchlichen Erziehungsanstalten

Beginnen wir an Punkten, die nicht oder zu wenig angesprochen wurden. Erziehungsanstalten sind Einrichtungen, in denen Kinder und Heranwachsende einem ganz besonderen Vertrauens- und Autoritätsverhältnis ausgesetzt sind. Wie können insbesondere zölibatär lebende Männer diesen psychosexuellen Anforderungen gerecht werden? Ich meine an dieser Stelle natürlich nicht die Abschaffung des Pflichtzölibats, die ein ganz anderes und gesondertes Thema darstellt, sondern die Frage, ob ausschließlich Diakone und Laien in die tägliche Erziehungsarbeit integriert werden sollten.

b. Die Gewichtung der Spiritualität innerhalb der Kirche

Aus Irland ist bekannt, dass die eucharistische Verehrung und Anbetung Christi besonders verbreitet ist. Wie konnte es also gerade in einem so spirituell geprägten Umfeld zu den grauenhaften Missbräuchen kommen? Diese Frage ist in ihrer Komplexität (für mich) kaum zu beantworten. Losgelöst von der irischen Situation, die ich gar nicht weiter beurteilen kann, nehme ich als Ansatzpunkt, dass es ein gesundes Verhältnis von spiritueller und nächstenliebender Glaubenspraxis braucht, um mit sich und der Welt im reinen (!) zu bleiben. Etwas salopper gesprochen ist gemeint, dass man bei „Frömmlern“ wohl eher nicht von gereifter Sexualität ausgeht. Andererseits spreche ich mich in keinster Weise gegen Anbetungsformen aus, wie könnte ich das auch als Mitorganisator gestalteter eucharistischer Anbetungsstunden.

c. Die Macht der Tabuisierung und Vertuschung in der katholischen Kirche

„Das Programm der Erneuerung, dass das Zweite Vatikanische Konzil vorgelegt hat, wurde häufig falsch gelesen; im Licht des tiefen sozialen Wandels war es schwer, die richtigen Weisen der Umsetzung zu finden. Es gab im Besonderen die wohlmeinende aber fehlgeleitete Tendenz, Strafen für kanonisch irreguläre Umstände zu vermeiden.“

Papst Benedikt spricht über „eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat“ (s.Punkt 4).

d. Der „Autoritätsstau“ in der Institution der katholischen Kirche

„Es kann nicht geleugnet werden, dass einige von Euch (Mitbrüdern im Bischofsamt) und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Missbrauch von Kindern versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Behandlung von Vorwürfen gemacht worden […] muss zugegeben werden, dass schwerwiegende Fehlurteile getroffen wurden und Fehler in der Leitung vorkamen […] Abgesehen von der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmissbrauch: kooperiert weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Bereich“ (s.Punkt 11). Auch benennt Papst Benedikt „eine Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritäten zu favorisieren“ (s.Punkt 4).

e. Die unzureichende Aus- und Weiterbildung innerhalb der Institution Kirche

Der Vatikan konstatiert weiters die „nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminarien und Noviziaten. Es muss dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen…“ (s.Punkt 4).

f. Das säkulare, stark sexualisierte Umfeld der Kirche

„In unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, in der selbst wir Christen es oft schwer finden, über die transzendente Dimension unserer Existenz zu sprechen, müssen wir neue Wege finden, jungen Menschen die Schönheit und den Reichtum der Freundschaft mit Christus in der Gemeinschaft der Kirche nahe zu bringen“ (s.Punkt 12).

Wenn in der Ursachenforschung etwas überhaupt nicht angesprochen wurde, dann ist es die historische und gegenwärtige institutionelle Rolle des Vatikans, insbesondere das Fördern und Ausüben von Autorität. Wer sich allerdings hierzu Eingeständnisse und Visionen erwartet hat, überschätzt das Medium „Hirtenbrief“ und unterschätzt den Glauben des Papstes an die gerechte („gottgerichtete“) Rolle und Tätigkeit des Vatikans.

Innerkirchliche und gesellschaftliche Bedeutung des Hirtenbriefes

Es ist nun etwas ganz anderes, ein vatikanisches Schreiben bezüglich innerkirchlicher oder aber gesellschaftsrelevanter Inhalte zu bewerten. Innerkirchlich ist den Äußerungen der Bischöfe und Kardinäle überwiegend zu entnehmen, dass Papst Benedikt XVI. sich in gewünschter Tiefe und Klarheit zum komplexen Problem der Missbrauchsfälle in Irland geäußert hat, auch mit der nicht zu unterschätzenden universellen Wirkung. Andererseits ist klar, dass es sich um ein „seelsorgliches Papier“ des obersten Seelsorgers der katholischen Kirche handelt; wer wollte also erwarten, dass ein Hirtenbrief von den säkularen Teilen der Gesellschaft anerkennend aufgenommen wird?

Wie sieht der Papst seine persönliche Rolle?

In einer irischen Stellungnahme war zu vernehmen, dass der Papst nicht nur Visitationen organisieren, sondern selbst nach dem Rechten sehen solle. Dem kann ich nicht ganz folgen, denn es heißt im Schreiben von Papst Benedikt:

„Bereits mehrfach seit meiner Wahl auf den Stuhl Petri habe ich Opfer sexuellen Missbrauchs getroffen und ich bin bereit, das auch in Zukunft zu tun. Ich habe mit ihnen zusammen gesessen, habe ihre Geschichten gehört, ihr Leiden wahrgenommen und ich habe mit ihnen und für sie gebetet“ (s.Punkt 5).

Wo bleibt die Vision einer erneuerten katholischen Kirche?

Vielfach wurde die fehlende Vision einer erneuerten katholischen Kirche bemängelt. Wie bereits angedeutet, ist es nicht primäre Aufgabe eines Hirtenbriefes, Visionen zu entwickeln. Zudem befindet sich der Vatikan noch in einer Phase der Erschütterung, der Betroffenheit und der Suche nach Verantwortung. Dies kommt im Schreiben von Papst Benedikt auch klar zum Ausdruck:

„Für die Bewältigung der gegenwärtigen Krise sind Maßnahmen, die gerecht mit individuellem Unrecht umgehen, unerlässlich, aber allein für sich sind sie nicht ausreichend: wir brauchen eine neue Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens zu schätzen“ (s.Punkt 12).

Die Gläubigen sollen ebenfalls ermutigt werden, ihre eigene Rolle im Leben der Kirche zu spielen. Sorgt dafür, dass sie so ausgebildet sind, dass sie eine verständliche und überzeugende Darstellung des Evangeliums in mitten der modernen Gesellschaft geben können (1. Petrusbrief 3:15) und vollständiger mit dem Leben und dem Auftrag der Kirche kooperieren“ (s.Punkt 11).

So warten wir mehr oder weniger geduldig auf weitere Schritte aus Rom, oder besser noch auf Worte und Taten aus unserer katholischen Kirche, wie sie der Jesuitenpater Georg Sporschill fordert: „Alle unsere gemeinsamen Anstrengungen müssen dahin gehen, von einer autoritätsbestimmten Kirche zu einer Athmosphäre und Realität zu finden, die von Mut und Ehrlichkeit geprägt ist.“

PS: Nicht nur die römische Kirche ist ein wenig bedächtig in ihren Schritten, auch der im Bild gezeigte Buchtitel vom Gespann des Psychotherapeuten Wunibald Müller und des Benediktiners Anselm Grün ist erst im Mai erhältlich…

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