Respekt, Teil 1

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Respekt gegenüber Religiosität

Grundsätzliches zu Islam, Burka und Kreuz

Muslime haben empört auf das in Belgien beschlossene Verbot der Vollverschleierung reagiert, das eine Premiere in Europa darstellt. Das „freiheitsfeindliche und ideologische“ Gesetz sei „vollkommen unangemessen“, erklärte dazu der belgische Muslimrat.

Was sagt uns zunächst die Intuition, aus christlicher Sicht? Können wir uns als Christen solidarisch erklären mit den betroffenen Muslimen? Wie empfinden und werten wir diese Entscheidung eines säkularen Staatswesens, auch unter dem Eindruck des kürzlichen „Kruzifix-Urteils“ des EGHMR betreffend Italien?

Die belgischen Abgeordneten haben parteiübergreifend bei lediglich zwei Enthaltungen für das Burka-Verbot gestimmt. Es gilt an allen Orten, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, also auch auf der Straße, in Geschäften oder Restaurants. Der Text verbietet dabei „das Tragen jedes Kleidungsstücks, welches das Gesicht ganz oder hauptsächlich verhüllt“. Darunter fallen auch der Ganzkörperschleier Burka, bei dem die Augen mit einem Stoffgitter verdeckt sind, und der Niqab, bei dem ein Sehschlitz frei bleibt.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass die Auseinandersetzung zwischen Religionen und säkularem Staatswesen in Europa – und darüber hinaus – ihre Fortsetzung finden wird. Wir alle (egal ob religiöse oder nicht-religiöse Menschen) sind aufgerufen, Stellung zu beziehen. Es scheint mir ein guter Ansatz zu sein, säkulare und religiöse Meinungsbildner nach grundsätzlichen Standpunkten zu befragen – und zu hinterfragen.

I. Religion und Staat – wie geht das?

Josef Bordat, Philosoph und Autor, hat sich mit Thesen zur Religionsfreiheit zu Wort gemeldet; der Beitrag des christlichen Autors mit dem Titel „Religionsfreiheit. Religiöse Symbole in Staat und Gesellschaft“ wurde auf Elsas Nacht(b)revier als Perle bezeichnet. Dem möchte ich Argumente aus einem Beitrag von Jan Philipp Reemtsma gegenüberstellen; dieser 2005 zum ersten Mal gehaltene Vortrag des Kulturphilosophen, der sich als nicht-religiös bezeichnet, ist nach wie vor „State of the Art“ zu nennen.

Offene und geschlossene Gesellschaftsformen

Beginnen wir mit Jan Philipp Reemtsma (unten als JPR gekennzeichnet), der uns am Beginn seines Vortrags aus der Gegenüberstellung „säkulare Gesellschaft“ und „Theokratie“ eine grundlegende Hypothese erschließt:

In einer säkularen Gesellschaft findet Religion in der Öffentlichkeit statt, weil sie Privatsache ist, und weil in einer säkularen Gesellschaft – anders als in einer Theokratie – vielerlei private Ansichten bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes eine Rolle spielen können.

Die säkulare Gesellschaft ist keine profane Theokratie: die wissenschaftliche Weltanschauung (wenn es denn so was überhaupt gibt…) tritt in ihr nicht an die Stelle einer Religion, auch wird der Religiöse auf Grund seiner Ansichten nicht für wahnsinnig gehalten. Dies erfolgt deshalb, weil eine säkulare Gesellschaft eine säkulare Gesellschaft ist. Sie gäbe sich selbst auf, wenn sie eine besondere nicht-religiöse Weltanschauung auszeichnete und ihr das Deutungsmonopol übertrüge (JPR).

„Religion findet in der Öffentlichkeit statt, weil sie Privatsache ist.“ Dieser scheinbare Widerspruch ist sicherlich keiner, denn sonst müsste die Burkaträgerin ihre Verschleierung beim Verlassen der Wohnung an der Türe ablegen, und andererseits dürfte kein Staat – wie Josef Bordat es in seinem Beitrag anmahnt – ein Kreuz oder andere religiöse Symbole auf seiner Flagge zeigen.

Bereits an dieser Stelle erkennen wir ganz wesentliche Positionen eines nicht-religiösen Vordenkers: Eine säkulare Gesellschaft, die den Religionen keinen Platz im öffentlichen Raum zugestehen will, ist dem Vorwurf auszusetzen, mit den stark einschränkenden Mitteln einer Theokratie zu arbeiten. Zudem wird eine gefestigte säkulare Gesellschaft – nach Reemtsma – keine „Religion der Wissenschaften“ etablieren.

Was sind Ansatz und Anspruch der Religionen?

Religiosität bedeutet die Überzeugung, über einen privilegierten Zugang zu einer nur in diesem Zugang als einheitlich zu verstehenden Welt sagen wir: zur Wahrheit* zu verfügen. Für einen religiösen Menschen ist eigentlich eine säkulare Gesellschaft eine Gesellschaft des Irrtums (JPR).

[*Wahrheit: im Sinne des Wissens über die Welt in ihrer Gesamtheit oder in ihrem Kern oder in ihrem Sinn, erläutert JPR an anderer Stelle seines Vortrags]

Da stellt sich die Frage, ob und inwieweit diese Position des religiösen Menschen über „eine Gesellschaft des Irrtums“ in Frieden gelebt werden kann. JP Reemtsma wird sich dazu noch äußern, aber bleiben wir zunächst bei der Sichtweise der nicht-religiösen Teile der Gesellschaft auf die Religionen. Wie stellt sich also eine „aufgeklärte“ säkulare Gesellschaft dazu?

Die Öffentlichkeit einer säkularen Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Vorstellung eines solchen privilegierten Zugangs zur Wahrheit nicht kennt, aber auch nicht diskriminiert.

In einer säkularen Gesellschaft ist der Zugang eines Bürgers zur Öffentlichkeit nur durch seinen Status als Bürger definiert und nicht dadurch, was er denkt. Damit kümmert sich eine säkulare Gesellschaft um genau das nicht, was einem religiösen Menschen – wenn er es ernst meint – das Wichtigste sein muss (JPR).

Nun ist es Zeit, die Argumente von Josef Bordat (unten als JB gekennzeichnet) einfließen zu lassen. Bordat trifft zunächst – am Beispiel Schule – Unterscheidungen zwischen den Zuordnungen „öffentlich“ und „staatlich“, die in den juristischen Auseinandersetzungen ihre Bedeutung haben.

Öffentlich oder staatlich – praktisch gesehen eine nutzlose Streitfrage

Wir müssen jetzt differenzieren zwischen „öffentlich“ und „staatlich“. Die Schule, um die es bislang immer geht, ist ein Mittelding. Sie begründet ein besonderes Schutzverhältnis (das man durchaus „staatlichen Zwang“ nennen kann), das seinerseits aber die Schule nicht von der Öffentlichkeit abgrenzt. In Schulen finden Versammlungen, Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen statt. Schulen sind insoweit öffentlich, aber nicht staatlich. Schulklassen werden als Wahllokale genutzt und sind in dieser Funktion öffentlich und staatlich. Es geht aber vor allem um den regulären Unterricht. Dieser ist nicht öffentlich, aber staatlich, das bedeutet, er wird – an staatlichen Schulen – von einem weltanschaulich neutralen Staat angeboten. Dass diese Vorstellung reinste Theorie ist, weil der Unterricht in der Tat von Lehrerinnen und Lehrern angeboten wird, die als Persönlichkeiten ihre Werte nie ganz ausblenden können, dürfte klar sein, doch für den rechtlichen Diskurs ist diese Unterscheidung von „öffentlich“ und „staatlich“, von weltanschaulich „positioniert“ und „neutral“ sehr wichtig.

Doch sie löst die Frage, ob und inwieweit Religionen einen Platz außerhalb von Privatwohnungen oder religiösen Einrichtungen haben sollten, nicht wirklich, denn: 1. Die Zuschreibung von Instituten zu „staatlich“ oder „öffentlich“ ist – wie bei der Schule – nicht unumstritten. 2. Gesetzt den Fall, die Zuschreibung wäre eindeutig, stellte sich immer noch die Frage, ob nur staatliche oder auch öffentliche Einrichtungen von religiösen Symbolen „befreit“ werden sollen, also ob und inwieweit Religion nicht nur im staatlichen, sondern auch im öffentlichen Raum „neutralitätsverletzend“ wirkt (JB).

Hier erkennen wir einen klaren Unterschied in der Herangehensweise der beiden Autoren: Für Jan Philipp Reemtsma steht „Religion in der Öffentlichkeit“ vorbehaltlos und ohne jedes Zögern am Beginn seiner Ausführungen (wie oben zitiert: „In einer säkularen Gesellschaft findet Religion in der Öffentlichkeit statt …weil in einer säkularen Gesellschaft – anders als in einer Theokratie – vielerlei private Ansichten bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes eine Rolle spielen können“).

Dieser Standpunkt, der von einem säkularen (!) Autor gelassen ausgesprochen wird, gewinnt gegenüber defensiv agierenden christlichen Autoren besondere Bedeutung. Diskursteilnehmer – wie beispielsweise Josef Bordat – meinen die genannte Position (noch dazu ohne weiteren Argumentationsversuch) erst gar nicht einnehmen zu können. Hier wird nur mehr gefragt, „ob und wieweit Religion im öffentlichen Raum ‚neutralitätsverletzend‘ wirkt“. Und Josef Bordat führt weiter aus:.

Angenommen, man meinte, und dafür spricht einiges, dass hinter der Aussage: „Religion soll im Staat keine Rolle spielen“ in Wahrheit steht: „Religion soll in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen“. Dann geht es nicht nur um die Wertneutralität des Staates im originär hoheitlichen Raum, sondern um das Ende der Religion in der Öffentlichkeit überhaupt. Der politische Diskurs weist in diese Richtung. Es geht letztlich um Symbolik und die Besetzung öffentlicher Räume mit Bedeutungsträgern und damit – ganz langfristig – um Sinnstiftung in der Gesellschaft. Irgendwo muss man da anfangen. Die Schule ist da ein dankbares Objekt. Kreuze, Kopftücher, Morgengebet, Religionsunterricht in staatlichen Schulen, das sind die Schlachtfelder, gemeint ist aber immer die Gesellschaft als ganze. Die Schule ist nicht das einzige Objekt der Neutralitätsbegierde und es wird auch nicht das letzte sein (JB).

Was ist nun los? Haben wir uns einfach so der „Richtung des politischen Diskurses“ anzupassen? Noch dazu, wenn der sogenannte „politische Diskurs“ nur ein Sammelsurium von wenigen Gerichtsurteilen und partikularen politischen Handlungen (aktuelles Beispiel Belgien) darstellt?

Christliche Autoren, so eine wiederkehrende Bestandsaufnahme, liefern entweder geschliffene, aber passive Positionen, oder sie verschanzen sich hinter radikalen Bibelauslegungen; beides sind untaugliche Mittel in einem sich rasch verändernden gesellschaftlichen Umfeld, in dem eher säkulare Positionen intelligent und nachdrücklich vertreten werden.

Kompensation von Sinndefiziten einer säkularen Gesellschaft?

Bei Josef Bordat fiel das Stichwort Sinnstiftung: „Es geht letztlich um Symbolik und die Besetzung öffentlicher Räume mit Bedeutungsträgern und damit – ganz langfristig – um Sinnstiftung in der Gesellschaft“. Aber handelt es sich dabei nicht um ein „einseitiges Problem“ der religiösen Menschen im Staat, denn für den säkularen Bürger stellt sich diese Frage erst gar nicht.

Dazu lohnt es sich, die Ausführungen von Jan Philipp Reemtsma zu sichten, der ganz nüchtern festhält, dass die säkulare Gesellschaft auf die Sinnfrage eben keine Antwort zu bieten habe, und der im Anschluss die „Würde“ der säkularen Gesellschaft anspricht:

Das Problem des Respekts liegt in dem Umstand begründet, dass es viele gibt – vor allem Religiöse, die der Ansicht sind, die säkulare Gesellschaft brauche das religiöse Element, weil nur darin etwas zu finden sei, was jede Gesellschaft dringend nötig habe, die säkulare Gesellschaft aber aus sich heraus nicht produzieren könne. Auf Nachfrage, was das sei, bekommt man zu hören: Sinn oder verbindliche Werte oder Orientierung. Es ist so, dass eine säkulare Gesellschaft aus sich heraus keine Antworten auf Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens oder sagen wir es mit Douglas Adams: life, the universe and everything zu bieten hat.

Die Vorstellung, die säkulare Gesellschaft bedürfe der Kompensation ihrer Sinndefizite durch Religiosität, ist einfach eine falsche Beschreibung der Sachlage. Nur in der theokratisch verfassten Gesellschaft wird Sinn verordnet und nur an dieser Verordnung mangelt es der säkularen Gesellschaft. Aber dieser Mangel ist ihre Würde. Und es ist dieser Mangel, der verbürgt, dass jeder glauben kann, was er will und, vor allem, dass er auch keinen Glauben heucheln muss, wenn er an gar nichts glaubt. Im Gegensatz zu theokratisch verfassten Gesellschaften stellt sie sicher, dass das Angebot an Lebenssinn so vielfältig ist wie die Bedürfnisse danach vielgestaltig (JPR).

Kann ich nun – als Christ – die Position, unsere Gesellschaft bedürfe keiner Kompensation von Sinndefiziten, teilen? Diese Frage lässt sich mit Ja beantworten, solange die säkularen Teile der Gesellschaft den Respekt vor den Religionen mittragen, wie es Jan Philipp Reemtsma im Folgenden ausführt.

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.Was bedeutet Respekt vor Religiosität eigentlich?

Ist Religionsfreiheit ein ursprüngliches Menschenrecht?

Wie steht es nun mit Kreuz und Burka im öffentlichen Raum?

siehe dazu Teil 2
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