Respekt, Teil 2

++
+

II. Respekt gegenüber Religiosität – was heißt das?

Wo bleiben die Tugenden Achtung, Toleranz und Respekt?

In den heutigen Debatten und Stellungnahmen gewinnen zunehmend diejenigen Oberhand, die am lautesten kläffen. Das widerspricht den Diskursanforderungen einer sich aufgeklärt nennenden Gesellschaft – und gefährdet den kulturellen Frieden. Es ist Zeit, zurück zu rudern und sicheres Terrain zu gewinnen: Achtung, Toleranz und Respekt waren immer noch die Tugenden, die den gesellschaftlichen Frieden bewahrt haben.

Der Respekt, den die säkulare Gesellschaft dem Religiösen entgegenbringt, ist ebenderselbe, den sie dem Nicht-Religiösen entgegenbringt. Es ist der Respekt vor seinem Privatleben. Weder seine [die des Vatikans] noch meine Bereitschaft [als nicht-religiösem Menschen] zum Respekt ist unbedingt. Ich achte Frömmigkeit, Religiosität, Theologie nicht bloß darum, weil sie vorhanden sind… [sondern als]  Respekt vor einem gewissen Ernst. Getragen ist der Respekt von der Überzeugung, dass wir auf der Basis solchen wechselseitigen Respekts besser miteinander leben können als ohne ihn. Und damit kommt ein Moment der Reziprozität ins Spiel und wird entscheidend.

Was ich aber verlangen darf ist, dass der Religiöse sich so verhält, dass als Resultat seines Verhaltens dasselbe herauskommt wie bei meinem. Er wird sich etwas anderes denken dabei, er wird mich innerlich allenfalls darum respektieren, weil er in dem Teil von mir, den er respektiert, etwas zu erkennen meint, wovon ich nichts weiß. Er respektiert es darum, weil er darin das erkennen möchte, worum es ihm geht. Er respektiert mich als potenziellen Träger eines Glaubens, ich respektiere ihn als Mitbürger (JPR).

.

Und dieser Respekt ist nichts oberflächliches, sondern schließt – bei tiefgehenden Streitfragen wie Abtreibung – selbst Missbilligung und Kränkung mit ein, wie Jan Philipp Reemtsma ausführt:

.

.

Wer einer Religion angehört, zu deren Glaubenssätzen es gehört, dass das menschliche Leben nicht nur mit der so genannten Empfängnis beginnt, sondern ab diesem Zeitpunkt geborenem menschlichem Leben gleichgestellt werden muss, weil es von diesem Zeitpunkt an Träger einer unsterblichen Seele ist, für den ist solche Erlaubnis legalisierter Mord. Ein konsequenter Katholik kann nicht nur, sondern muss so denken.

Wenn ich die Religionsfreiheit nicht abschaffen will, muss ich hinnehmen, dass es solche Ansichten gibt. Daraus lässt sich aber schwerlich herleiten, dass ich sie auch zu respektieren habe. Ich respektiere die Freiheit meines Mitmenschen, religiöse Überzeugungen zu haben, die ich zutiefst missbillige. Dass diese Freiheit das Potenzial birgt, Mitbürger zu kränken, muss bis zu einem gewissen Grade hingenommen werden (JPR).

Umgekehrt gefragt: Wie lebe ich als Christ in einer säkularen Gesellschaft, die bestimmte religiöse Haltungen deutlich missbilligt? Man kann von der Annahme ausgehen, dass die widersprüchlichen – auch unversöhnlichen – Wertvorstellungen säkularer und religiöser Gruppen in unserer Gesellschaft ein hohes Maß an Toleranz von beiden Seiten verlangen. Wie tief dieser Konflikt reichen kann, beschreibt Jan Philipp Reemtsma im nächsten Absatz , wenn er sich in die Situation eines Gläubigen versetzt:

Mit einer Gesellschaft, die aber so verfasst ist, dass sie den Menschen und nicht Gott (würde ein Gläubiger sagen), also den Bürger und nicht den Priester in den Mittelpunkt stellt, kann jemand, der solche Auffassungen [von einer gegen den Heiligen Geist verstoßenden säkularen Welt] hat, nicht in Frieden, sondern immer nur im Zustande eines Waffenstillstands auf Zeit leben. Jede Form von Religiosität steht in Spannung zu den Realien einer säkularen, offenen Gesellschaft, einige Religionen sind unter ihre erklärten Feinde zu rechnen.

Auf der einen Seite bedeutet Säkularität als Möglichkeit, sich nach eigenem gusto mit Sinnangeboten versorgen zu können (nach eigener Façon selig zu werden), auch den Schutz vor religiöser Zwangsvergemeinschaftung. Auf der anderen Seite bedeutet Säkularität eben nicht nur die vielzitierte Gewissensfreiheit, sondern auch Nicht-Einmischung in die Expressionsformen von Religiosität. Letzteres in Form eines Bürgerrechts, ersteres in Form der Überwachung der Einhaltung bestimmter Gesetze (JPR).

Religionsfreiheit als „ursprüngliches“ Menschenrecht

Gläubige Menschen leben nach Reemtsma in der säkularen Gesellschaft in einem Waffenstillstand auf Zeit – und dieser Friede möge möglichst umfassend zu fruchtbaren Auseinandersetzungen genutzt werden, möchte man hoffnungsvoll ergänzen. Eine Schlüsselfrage, die über „Krieg und Frieden“ in unserer Gesellschaft wesentlich mitentscheidet, ist die Auslegung der Religionsfreiheit. Bevor wir uns den aktuellen Konfliktthemen Burka und Kreuz näher widmen, folgen wir der Interpretation der Religionsfreiheit, wie sie uns Josef Bordat vorstellt.

Christliches Gedankengut zeigt sich im Kontext der liberalen Menschenrechte in der Entwicklung, dem Wesen und dem Geltungsanspruch dessen, was als Freiheit von staatlicher Allmacht definiert wird. Es zeigt sich in Leib- und Lebensrechten, wie etwa im Folterverbot, und es liegt Freiheits- und Gleichheitsrechten zugrunde. Die vielen Freiheiten in Politik, Wissenschaft, Medien und Kunst, das macht ein Blick in die Entwicklungsgeschichte der Menschenrechtsidee deutlich, gründen auf der einen elementaren Freiheit, der Religionsfreiheit.

Dies lässt sich historisch zurückverfolgen bis zum Exodus des jüdischen Volkes, in der sich die erste kollektive Freiheitsbewegung der Geschichte manifestiert, deren Motiv auch in der religiösen Integrität der Israeliten liegt. Der Staatsrechtler Jellinek sieht in der Religionsfreiheit „das Ursprungsrecht der verfassungsmäßig gewährten Grundrechte“. Und der in Religionsfragen eher unverdächtige Marxist Ernst Bloch sagte: „Die Bedeutung der Glaubensfreiheit kann daran gemessen werden, dass in ihr der erste Keim zur Erklärung der übrigen Menschenrechte enthalten ist“. Kurzum: Ringen um Freiheit war und ist zunächst das Ringen um Religionsfreiheit.

Sodann geht es um die Reichweite der Religionsfreiheit. Gemessen an den Rechtstexten Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Welt), Europäische Menschenrechtskonvention (Europa) und Grundgesetz (Deutschland) sowie den maßgeblichen Kommentaren dazu meint Religionsfreiheit die Freiheit zur Ausübung von Religion im öffentlichen Raum. Welchen Sinn sollte Religionsfreiheit sonst auch haben? Wenn religiöse Symbole oder religiöse Betätigung im öffentlichen Raum grundsätzlich verboten sein sollen, dann kann der einzelne Bürger seine Religion eben nicht frei leben. Ihm bliebe nur die Betätigung im Privaten. Handlungen in Privatwohnungen, Clubhäusern oder Vereinsheimen sind aber ohnehin in besonderer Weise geschützt, dazu bräuchte es kein besonderes Freiheitsrecht. Religionsfreiheit muss im Kanon der Menschenrechte eben deshalb extra aufgeführt werden, weil sie auf Ausübung von Kultus und Ritus im öffentlichen Raum zielt (JB).

An dieser Stelle hege ich große Sympathie für die Bordatsche Aussage „Welchen Sinn sollte Religionsfreiheit sonst auch haben? Wenn religiöse Symbole oder religiöse Betätigung im öffentlichen Raum grundsätzlich verboten sein sollen, dann kann der einzelne Bürger seine Religion eben nicht frei leben. Ihm bliebe nur die Betätigung im Privaten.“

Doch die Freude wird schnell wieder getrübt, denn anschließend zieht Josef Bordat sich auf den „derzeitigen Stand der politisch-juristischen Auseinandersetzung“ zurück, ohne Argumente für die Freiheitsrechte der Religionen zu bringen:

Selbstverständlich haben die Religionsgemeinschaften die Freiheitsrechte derer, die ihr nicht angehören, zu achten, eine Auflage, die für rituelle Handlungen und Symbole faktisch eine begrenzende Wirkung entfaltet. Über das Maß muss sich juristisch und politisch verständigt werden. Die Tendenz geht in eine eindeutige Richtung: Je weniger Religion in der Gesellschaft verankert und je umstrittener der kulturelle Beitrag der Mehrheitsreligion Christentum zum Gemeinwesen ist, desto weiter wird die Auflage gefasst, weil immer mehr „Wohlfühlrechte“ einzelner Menschen als gegenüber der Religionsausübungsfreiheit höherstehend angesehen werden. Es soll aber nicht so sein – darin ist man sich in Deutschland (noch) einig –, dass das Recht auf „Nichtbelästigung“ den Staat die Religionsausübung im öffentlichen Raum grundsätzlich unterbinden lässt (JB).


„Wohlfühlrechte“ und „Nicht-belästigung“? Wie weit ist es gekommen, dass solche Begriffe ernst genommen werden? Ist in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung nicht etwas aus dem Ruder gelaufen? Sind diese Termini noch mit einer Sprache des Respekts – gegenüber Religion und den mit ihr verbundenen Freiheitsrechten – vereinbar? Jetzt ist es endgültig Zeit zu fragen:

.
Wie steht es nun mit Burka und Kreuz in Öffentlichkeit und Schule?

Jan Philipp Reemtsma bietet uns an dieser Stelle eine entspannte Stellungnahme, die einer säkularen Positionierung bei gleichzeitiger klarer Verabschiedung überzogener säkularer Ansprüche das Wort redet:

In der Debatte [um religiös motivierte Bekleidung und religiöse Symbole] scheint mir eine Dimension des Problems übersehen worden zu sein, und diese Dimension hängt mit dem zusammen, was ich den Stolz der säkularen Gesellschaft nennen möchte. Der besteht in diesem Falle darin, sich den Blick auf Kleidung nicht von einem religiösen Bekenntnis vorschreiben zu lassen. Für den Blick des säkularen Staates sollte es sich beim Schleier um ein Modeaccessoire handeln, und Leute können anziehen, was sie wollen. In Grenzen, versteht sich. Es gibt gewisse Anstandsregeln, aber die sind nicht religiös definiert. Diese Anstandsregeln definieren, wie wenig jemand allenfalls anziehen darf, nicht wie viel.

Der säkulare Staat hat sich nicht darum zu kümmern, was eine Kleidung für den oder die Religöse(n) bedeutet. Wie will er das auch tun? Es mag sein, dass jemand den Schleier trägt, weil sie offensiv ihre Überzeugung zur Schau stellen und signalisieren will, dass sie sich eine islamisch-fromme Gesellschaft wünscht, in der alle Frauen den Schleier tragen. Es mag sein, dass jemand den Schleier trägt, weil sie einfach den Geboten folgt, die sie für sich als verbindlich bestimmt hat. Wer will das wissen? Der säkulare Staat hat sich darum nicht zu kümmern, er darf es gar nicht wissen wollen (JPR).

Umgekehrt benennt Jan Philipp Reemtsma aber auch diejenigen Bereiche, in denen der Staat seine Aufsichtspflicht durchaus wahrnehmen kann, vielleicht sogar muss.

Wohl darf und muss er über die weltanschauliche Neutralität seiner öffentlichen Schulen wachen, aber das tut er, indem er über die gelehrten Inhalte wacht und darüber, wie seine Lehrerinnen und Lehrer sie darbieten. Klar, dass bei Bestehen einer Schulpflicht, der säkulare Staat konfessionsfreie Schulen anzubieten hat, und dass zu diesem Angebot die Garantie gehört, dass hier Religion möglicherweise in der einen oder anderen Form als Lehrfach angeboten wird, dass es aber keinerlei religiöse Beeinflussung geben soll. Findet dort religiöse Indoktrination statt, kann er Lehrer entlassen und in hoffnungslosen Fällen Berufsverbote aussprechen (JPR).

Hier werden – bei aller Klarheit in der Darlegung – die Beurteilungsschwierigkeiten in der Praxis erkennbar: Was heißt „religiöse Beeinflussung“, und wo beginnt „Indoktrination“?  Ein deutliches Manko in den öffentlichen Auseinandersetzungen ist zu erkennen: Anstatt über diese mehr grundlegenden und pädagogischen Fragen zu diskutieren, lautet die politische Auseinandersetzung bis dato „Religionsunterricht: Ja oder Nein“ bzw. „Ersatz des Religionsunterrichts durch Ethikunterricht“. Beachtlich jedenfalls, dass ein Mann wie Jan Philipp Reemtsma die Möglichkeit einräumt, dass in konfessionsfreien Schulen Religion als Lehrfach angeboten wird.

Allerdings kann man sich aus verschiedenen Gründen fragen, ob ein staatlicherseits durchgeführter Religionsunterricht überhaupt noch wünschenswert ist. Ein fundierter und ausgewogener Ethikunterricht kann sehr gut herausarbeiten, dass grundlegende ethisch-moralische Regeln sowohl von säkularer als auch von der Seite der Religionen eingebracht werden können, aber dass es zumindest einen fundamentalen Unterschied gibt: Im Fall der säkularen Gesellschaft sind es ausschließlich vom Menschen gemachte Normen, während es sich – im Blick auf das Christentum – von Gott gewollte und vom Gottessohn Jesus Christus gelebte Gebote handelt.

+

.

.

Müssen wir die bisherige Interpretation der Religionsfreiheit aufgeben?

Hat das Kreuz in der Kirche dieselbe Bedeutung wie in Schulen oder auf Staatswappen?

Können wir weiterhin zu unserem christlichen Wertesystem stehen?

siehe dazu Teil 3

.

.

+