Respekt, Teil 3

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III. Gleichbehandlung von Religionen – gangbarer Weg?

Sobald wir von mehreren Religionen sprechen, tritt eine weitere Frage in den Vordergrund: Welche Stellung genießen die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in der säkularen Gesellschaft? Soll (oder muss) der Staat Unterschiede machen zwischen dem in Europa mit reicher Tradition verankerten Christentum und anderen Religionen? Hier erfolgt – meist von säkularer Seite – der Ruf nach „Gleichbehandlung“: Entweder alle Religionen dürfen… oder keine. Josef Bordat unterscheidet an dieser Stelle zwischen „Signifikanz“ und „Pragmatik“. Wie zu erwarten spricht sich der Autor aus pragmatischen Gründen für die Gleichbehandlung aus, wogegen er bei der Signifikanz wie folgt argumentiert:

Der Nein-Anteil geht auf die Signifikanz: In Europa wird das Christentum als eine der drei Säulen europäischer Identität – neben griechischer Philosophie und römischem Recht – in besonderer Weise bevorzugt, eben weil es eine Quelle europäischer Identität ist. Und weil zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des deutschen Grundgesetzes (1949) und der Europäischen Menschenrechtskonvention (1950) grob geschätzt 95% der Europäer Christen waren. Da die Mütter und Väter des GG und der EMRK in erster Linie das Christentum meinten als sie „Religion“ schrieben, darf man die Normen zur Religionsfreiheit auch heute noch in diesem Sinne ausdeuten und der Mehrheitsreligion mir ihrem großen Einfluss auf das, was wir heute sind, einen Vorrang gegenüber anderen Religionen einräumen.

Das bedeutet nicht, dass das ewig so bleiben muss. Sollte einmal – und einiges spricht dafür – eine zweite Religion in Europa in signifikanter Größenordnung neben das Christentum treten, dann müsste in Einzelfällen in der Tat geschaut werden, ob und wie sich das auch ikonographisch niederschlagen könnte. Es ist gut, dass auch andere als die „angestammte“ Religion des Christentums nach Repräsentation im öffentlichen Raum ausgreifen (man denke an die Frage des Neubaus von Moscheen). Solange aber eine Religion vom Volk getragen wird, kann sie gegenüber Religionen, die keine Rolle im öffentlichen Leben spielen, bevorzugt werden. Es ist zum Beispiel nicht einzusehen, dass den Schulen in einem Land wie Italien mit einem Katholikenanteil von 80% grundsätzlich das Kreuz genommen werden soll…

Es geht freilich um Minderheitenschutz. Dieser darf aber nicht zum systematischen Nachteil der Mehrheit werden. Meiner Meinung wäre es zudem im Gegenzug konsequent, Religionsfreiheit in diesem Sinne auch dort einzufordern, wo Christen in Minderheitskommunitäten leben, obgleich sie oft viel länger in den betreffenden Regionen präsent sind als der dort nunmehr vorherrschende Islam (JB).

Zuerst spricht Bordat die „europäische Identität“ an, für die das Christentum als eine von drei Säulen zu sehen ist – damit kann man sich (als Christ) rasch anfreunden. Aber schon im nächsten Gedanken ist nur mehr von „Mehrheitsreligion“ die Rede – und wir hören nichts mehr mehr von einer tragenden christliche Säule. Da könnten wir doch auch die griechische und die römische Säule, die für viele auch nicht mehr so im täglichen Bewusstsein stehen, einfach wegbeamen?

Hier betritt Bordat gefährlich dünnes Eis. Denn nach seiner Darlegung verliert das Christentum, sobald die „christliche Mehrheit“ (wie auch immer diese gemessen werden soll) weg ist, seine signifikante Stellung. Daher muss Bordat gleich nachlegen: „Meiner Meinung nach wäre es zudem im Gegenzug konsequent, Religionsfreiheit in diesem Sinne auch dort einzufordern, wo Christen in Minderheitskommunitäten leben, obgleich sie oft viel länger in den betreffenden Regionen präsent sind als der dort nunmehr vorherrschende Islam.“

Dieser Eiertanz (ein möglicherweise überwiegendes „Nein“ zu Gleichbehandlung und ein eingeworfenes „Ja“ zu einem ausgeprägten Minderheitenschutz) darf in Frage gestellt werden. Der Gedanke von Jan Philipp Reemtsma ist es, dass der säkulare Staat sich gegenüber den Religionen neutral zu verhalten hat, ja dass die „Würde“ des Staatswesens es gebietet, religiöse Symbole eben nicht in der Deutung der Religionsgemeinschaften zu sehen. So darf davon ausgegangen werden, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, über die Signifikanz der Religionen nachzudenken, sondern vor allem über die Gewährleistung des Respektes gegenüber den Religionen zu wachen.

Argumente für die Gleichbehandlung von Religionsgemeinschaften

Eine Religionsgemeinschaft kann nicht (jedenfalls nicht in erster Linie) von ihrer Geschichte leben. (Christliche) Kirche als Gemeinschaft aller (christlichen) Gläubigen muss sich hier und heute beweisen, und je besser das gelingt, desto höher werden Anerkennung und Respekt vor ihrem Ausdruck und ihren Leistungen sein; dann braucht diese Kirche auch keine von staatlicher Seite anerkannte Signifikanz.

Hier beraubt sich der „weltanschaulich neutrale“ Staat mit der systematischen Ausgrenzung von Religion aus der eigenen Gesellschaft selbst seines Einflusses und verbaut sich damit die Chance, Konflikte klar zu benennen, ehe diese gewaltsam werden. Religiöse Konflikte gehören aber auf die Tagesordnung internationaler Beziehungen. Dazu gehört aber zunächst, Religion als öffentliche Angelegenheit ernst zu nehmen. Wenn der Westen hier die „Neutralitätsauffassung“ vertritt, tut er den Menschenrechten, religiösen Minderheiten und am Ende sich selbst keinen Gefallen (JB).

Der Staat hat die Religionen ernst zu nehmen, weil nur unter dieser Voraussetzung so etwas wie Respekt entstehen kann. Der erste Kurzschluss der Bordatschen Denkweise liegt darin, dass nicht die Frage „soll der Staat sich neutral gegenüber den Religionsgemeinschaften verhalten oder nicht“ das Problem ist, sondern vielmehr der Respekt gegenüber den Religionen. Dieser hat zu bestehen, egal ob ein oder 100 Millionen Gläubige(r) vor der Tür stehen. Der zweite Fehlschluss besteht in der Annahme, ein sich neutral verhaltender Staat würde Religionen nicht ernst nehmen, sowie „den Menschenrechten und religiösen Minderheiten keinen Gefallen tun“. Genau das Gegenteil ist der Fall, denn gerade ein neutraler Staat wird Gleichheitsgrundsätze glaubwürdig vertreten können und deshalb Minderheiten schützen. Dementsprechend muss die Forderung lauten: „Ja“ zur Gleichbehandlung und „Ja“ zum Minderheitenschutz.

Noch schlimmer wird es aber, wenn christliche Denker beginnen, die Religionsfreiheit nicht mehr zu verteidigen, sondern nur mehr von Meinungsfreiheit sprechen. Es herrscht oftmals eine zu defensive Gesprächsstrategie, wie Josef Bordat hier unter Beweis stellt:

Die Alternative „Religion ist Zwangssystem“ oder „Religion ist Privatsache“, die oft plakativ aufgezeigt wird, ist nur vor dem Hintergrund eines wiederum totalitären Religionsverständnisses nachvollziehbar. Religion kann im öffentlichen Raum aber mehr, als unterdrückend wirken. Auch die Religionsfreiheit ginge mit dem Verbot religiöser Betätigung in der Öffentlichkeit unter, zumindest gemessen an der oben skizzierten Auslegung. Das allein wäre in der Folge nicht schlimm, wird Religion doch in jedem Fall (als Meinung nämlich) aufgefangen von der Meinungsfreiheit. Religion unter die Meinungen und Religionsfreiheit unter die Meinungsfreiheit zu subsumieren, wird zwar, nach dem, was ich oben ausgeführt habe, der historischen Bedeutung von Religion und Religionsfreiheit nicht gerecht, aber eine Gesellschaft ist nicht gezwungen, auf die Genese und Geschichte ihrer Bezugssysteme irgendeinen Wert zu legen, obgleich die Gesellschaften europäischer Staaten gut beraten wären, dies auch künftig zu tun (JB).

Aus christlicher Sicht finde ich diese Darlegung zutiefst deprimierend. Wo kommen wir hin, wenn christliche Autoren ganz pragmatisch kommen sehen, dass Religionsfreiheit in die Meinungsfreiheit diffundiert? Wozu erfolgte weiter oben die Bordatsche Argumentation „pro Religionsfreiheit als ursprüngliches Menschenrecht“? Auch hier erleben wir einen Rückzug auf die Tendenz mancher (durchaus fragwürdiger) Rechtsprechungen. Da wünschte man sich mehr vom „heiligen Zorn“ Jesu, der die Händler vor dem Tempel in die Schranken weist, mindestens aber eine überzeugende Argumentation pro Religionsfreiheit.

Meinungsfreiheit statt Religionsfreiheit – wo sind wir eigentlich?

An dieser Stelle sollten wir uns fragen, was Religionsfreiheit ganz konkret bedeuten kann. In der Praxis wird die juristische Auslegung immer wieder gefragt sein, und diese Auslegung wiederum ist mit dem Denken und Leben in der Gesellschaft verbunden. Wie denkt die säkulare Gesellschaft beispielsweise über Verschleierung?

Wie wegweisend ist hier die Rede Reemtsmas von der Schleierträgerin „…weil sie einfach den Geboten folgt, die sie für sich als verbindlich bestimmt hat. Wer will das wissen? Der säkulare Staat hat sich darum nicht zu kümmern, er darf es gar nicht wissen wollen.“ Dieser Standpunkt zeugt von nötigem Respekt und ist vollinhaltlich mit Religionsfreiheit vereinbar.

Ganz anders der Argumentationsverlauf bei Josef Bordat. Zunächst lesen wir am Ende seiner 10-Punkte-Darlegung: „[Es] spricht alles für die Möglichkeit einer öffentlichen Rolle der Religion und – wie ich meine – auch für das Kreuz im Klassenzimmer…“ Hier möchte man einen Punkt setzen! Aber Bordat folgt ganz konsequent seinem Ansatz, nur mehr von der Meinungsfreiheit zu sprechen, als ob Religionen tatsächlich nur gewisse Meinungen unter vielen Meinungen seien:

[Es] spricht alles […] für das Kreuz im Klassenzimmer, soweit es keine begründeten Bedenken einzelner Schüler bzw. deren Eltern gibt, denn Meinungsfreiheit meint ja das Recht, eine Meinung zu äußern, nicht das Recht, von Meinungsäußerungen verschont zu bleiben. Wenn nun die überwiegende Mehrheit die dauernde Meinungsäußerung, die aus dem Kreuz spricht, für so wertvoll hält, dass sie diese täglich vor Augen geführt bekommen möchte, dann müssten die Kreuze, auch an staatlichen Schulen, bereits aus Gründen der Meinungsfreiheit hängen bleiben, ohne jede Berücksichtigung der Religionsfreiheit (JB).

Und als praktische Vorschläge nennt er:

Wie könnte eine Lösung jenseits politischer und juridischer Schlachten in den Schulen aussehen? Ganz praktisch könnte eine Lösung darin bestehen, dass man in der Klasse diskutiert und als Klasse entscheidet, unter welchen Symbolen man warum lernen möchte. Die Diskussion dazu wäre sicher spannend und die Schüler könnten viel über die Bedeutung religiöser Symbole erfahren, egal, wie sie sich letztlich entscheiden. Durch die Sitzordnung könnte man zudem das „Schlimmste“ verhindern, dass also jemand einem Symbol ausgesetzt ist, das ihm (oder den Eltern) unzumutbar erscheint (JB).

Nein, Josef Bordat, dreimal nein. Das nenne ich eine zutiefst verwerfliche Argumentationslinie, sich vom bestehenden Menschenrecht der Religionsfreiheit auf die bloße Meinungsfreiheit zurückzuziehen, die jeder Schulklasse Europas das Recht einräumt, über das Kreuz abzustimmen, sodass Kreuze auf- oder abgemacht werden, je nachdem wie Europas einzelne Schulklassen im jeweiligen Schuljahr gerade so befinden.

Erst durch bestimmte Kontexte werden Kreuz und Burka zu religiösen Symbolen

Hier kann ein ganz anderer Ansatz eingebracht werden. Wir können und sollten vielmehr fragen: Hat ein Kreuz im Klassen-
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-zimmer dieselbe Bedeutung wie ein Kreuz im Gotteshaus? Die Antwort ist definitiv Nein, und Jan Philipp Reemtsma liefert auch hierfür die Argumentation:

Symbole werden erst durch Handlungen und geeignete Kontexte zu Symbolen. Darin besteht die Auffassung, die für die Umgangsformen einer säkularen Gesellschaft bestimmend ist: dass der Kontext und die Kommunikation den Sinn stiften. Dass der Sinn von außerhalb kommt und festgelegt ist, ist die Ansicht der Religiösen, nicht unsere. Nur auf diesem Dissens beruht die Möglichkeit, Religionen zu respektieren. Und darum sind Gesetze, die das Tragen von Kopftüchern für Lehrerinnen [oder das Hängen von Kreuzen] in Schulen verbieten, Gesetze, die gegen die Selbstachtung einer säkularen Gesellschaft verstoßen.

Unsere Ansicht nennt der gegenwärtige Papst Diktatur des Relativismus, und sagt klipp und klar, dass die Ansicht, Religion sei Privatsache, und ihre mögliche öffentliche Rolle definiere sich aus dem Umstand, dass sie eine Privatsache sei, eine Aggression gegen die Religion sei, und der verstorbene Papst nannte als bekennender Feind einer offenen, säkularen Gesellschaft diese Ansicht die Sünde wider den heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann. Darin lag für ihn – eine stimmige theologische Auslegung – der Sinn der Geschichte vom Sündenfall: „Darauf beziehen sich die Worte des Buches Genesis: ‚Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse’, d.h. ihr werdet selbst entscheiden, was gut und was böse ist.“ (JPR)

Wir können und sollen zu unseren verschiedenen Wertesystemen stehen

Es gibt grundlegende Unterschiede in den Wertesystemen säkularer und religiöser Teile unserer Gesellschaft, und dazu können wir – auf friedliche Weise – stehen, auch wenn dies schmerzhaft für alle beteiligten Seiten ist. „Nur auf diesem Dissens beruht die Möglichkeit, Religionen (oder aus christlicher Sicht: säkulare Wertvorstellungen) zu respektieren.“ Die Tragweite dieser Divergenz soll nicht vergessen werden – und ist in aller Schärfe zu benennen:

„Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse, d.h. ihr werdet selbst entscheiden, was gut und was böse ist“(1.Mose 3,5). Der Stolz einer säkularen Gesellschaft besteht in der Tat darin, in dieser Art von Sünde zu leben, und also ist die christliche (und islamische und jüdische) Entrüstung darüber alles andere als unverständlich (JPR).

Wie hieß es weiter oben bei Jan Philipp Reemtsma zum Thema wechselseitiger Respekt? „Respekt vor einem gewissen Ernst. Getragen ist der Respekt von der Überzeugung, dass wir auf der Basis solchen wechselseitigen Respekts besser miteinander leben können als ohne ihn. Und damit kommt ein Moment der Reziprozität ins Spiel und wird entscheidend.“

Dieser vorläufigen Bilanz will ich mich getrost – wenn auch nicht getröstet – anschließen.

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Quellen:

Link zu „Muss man Religiosität respektieren?“ von Jan Philipp Reemtsma

Link zu „Religionsfreiheit. Religiöse Symbole in Staat und Gesellschaft“ von Josef Bordat

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5 Gedanken zu “Respekt, Teil 3

  1. Vielen Dank für diese Analyse! Sie arbeiten sehr schön die Positionen heraus – auch die Schwachstellen in meiner Argumentation. Das ist wirklich mal eine konstruktive Kritik, die man als Beratungsleistung vergüten müsste! Ich habe auf meinem Blog darauf hingewiesen.

    Dennoch erlauben Sie mir bitte einige kurze Bemerkungen.

    1. Meine Position ist schwach. Das haben Sie völlig richtig erkannt und empören sich zu Recht darüber. Ich will versuchen zu erklären, wie ich dazu komme. Ich glaube nämlich, dass das nicht nur individuelle, sondern auch strukturelle Gründe hat.

    Ich glaube zunächst, dass ein Vergleich der Thesen von JPR und mir nur dann fruchtbar ist, wenn zuvor die Voraussetzungen und Bedingungen deutlich gemacht werden, von denen ausgegangen bzw. unter denen argumentiert wird. JPR geht von einer idealen säkularen Gesellschaft aus und zeigt auf, was darin gelten soll. Das macht er sehr gut und man möchte ihm – von einigen polemischen Spitzen, die nicht fehlen dürfen – zustimmen. Ich gehe von der realen säkularistischen Gesellschaft aus und beschreibe anhand der herrschenden Rechtsauffassung, was darin gilt bzw. gelten wird, wenn diese Auffassung fortgeschrieben wird. Also: JPR ist eher normativ, ich eher deskriptiv ausgerichtet, auch wenn JPRs Text eine selbstverständliche deskriptive Diktion aufweist – Motto: „Die säkulare Gesellschaft ist…“. Oft kann man nur sagen: „Nein, ist sie nicht, sollte sie zwar sein, ist sie aber nicht!“ Man kommt insbesondere dann zu diesem Urteil, wenn man die „vierte Staatsgewalt“, die Medien, mit in die Betrachtung einbezieht und als wichtigen Teil der säkularen (ich sage: säkularistischen) Gesellschaft ernst nimmt, gerade weil sie Meinungen bildet und dabei Religionen systematisch benachteiligt. Ihnen als Katholik muss ich nicht erklären, was ich damit meine.

    Als Beispiel für JPRs Verwechslung von Sein und Sollen möchte ich nur den weit verbreiteten Wissenschaftsglauben nennen, der de facto längst die Rolle des unhintergehbaren Deutungsmusters übernommen hat. JPR meint, die säkulare Gesellschaft sehe ihn wie den Hinduismus oder das Judentum oder den Islam, als eine von vielen möglichen Weltsichten, von denen sich der Staat und die säkulare Gesellschaft gleichermaßen fern zu halten haben. Das ist aber nicht so. Der Wissenschaftsglaube ist die neue Weltreligion und zudem die einzige, die sich scheinbar aus sich selbst rechtfertigt, weil sie – trotz eines Habermas – von vorne herein als epistemologisch und ethisch überlegen gilt bzw. als überlegen dargestellt wird – von und in der säkularen Gesellschaft, und zwar unter dem Vorzeichen der Säkularität von Wissenschaft, die dieser in der Vergangenheit große Erfolge bereitet hat. Das ist die Hoffnung, die viele mit Wissenschaft verbinden. Und spätestens da nimmt die Einstellung großer Teile der wirkmächtigen Öffentlichkeit religiöse Züge an.

    2. Mein Text geht auf ein Minimum zurück. Er ist ein (vielleicht misslungenes) Kompromissangebot an die Adresse derer, die gegen Religion massive Vorbehalte haben. In zahlreichen „Grabenkämpfen“ in der virtuellen und realen Welt (das hieß für mich bisher: in Berlin, Katholikenanteil: 9 Prozent) habe ich von dem seitens JPR angemahnten Respekt gegenüber Religiosität wenig zu spüren bekommen. Nota bene: Ich meine, man müsste scharf zwischen „Toleranz“ und „Respekt“ unterscheiden – fordern und geben kann ich nur ersteres. Auch JPR meint an einigen Stellen eigentlich „Toleranz“, wenn er von „Respekt“ spricht, etwa dann, wenn er davon spricht, man solle Positionen „hinnehmen“ – das ist näher an dem Bedeutungsgehalt von „Toleranz“ als an dem von „Respekt“. Doch das nur nebenbei.

    Es ist aber doch so, dass eine Position nicht respektiert wird, weil sie ernst gemeint ist (wie JPR mit Blick auf das Ideal der säkularen Gesellschaft meint), sondern es ist vielmehr so, dass, wenn sie ernst gemeint ist, sie in der Realität der säkularistischen Gesellschaft gerade nicht respektiert wird, sondern als „extremistisch“, „fundamentalistisch“, „fanatisch“ oder sonst etwas abqualifiziert wird, das die Grundlage des freiheitlichen Diskurses bedroht. Und weil das so ist, muss die „ernste Position“ folgerichtig aus diesem Diskurs ausscheiden. Dieser Mechanismus der Filterung passiert, oft schon durch Selbstzensur.

    Mir wird regelmäßig Intoleranz vorgeworfen, wenn ich meine Position klar mache, die in den allermeisten Fällen die Position der Römisch-Katholischen Kirche ist. Doch bin ich schon deshalb intolerant, weil ich damit nicht dem Prinzip der Gleichgültigkeit gehorche, das der Papst, wie JPR auch zu berichten weiß, „Diktatur des Relativismus“ nennt? Offenbar. Und ich habe den Eindruck, dass das besonders schnell und vehement passiert, wenn die ernste Position eine katholische ist. Natürlich ist das Gegenteil der Fall: Nur wer überhaupt eine Position hat, kann verstehen, dass auch der andere eine Position einnimmt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Christen mit zunehmender Kirchenbindung immer toleranter gegenüber Andersgläubigen werden. Alles richtig, nur leben wir unter Bedingungen (auch medialen) die das Gegenteil suggerieren.

    3. Ich ziehe mich auf Meinungsfreiheit zurück. Ja, aber ich bin damit nicht glücklich. Das Armutszeugnis, dass Sie meinem Ansatz ausstellen, fällt auf die Prämissen meines Ansatzes zurück. Ich finde es auch deprimierend, dass man sich für Religion überhaupt rechtfertigen muss und traurig, religiöse Überzeugungen als bloße „Meinung“ in Diskurse einbringen zu müssen.

    Nur: So ist das eben. Wenn man sich wie ich hauptsächlich mit Positionen auseinandersetzen muss, die den Papst inhaftieren, den Vatikan bombardieren und die Kirche verboten wissen möchten, schleift sich (als Alternative zum bloßen Gegenangriff) schon der Gedanke ein, wie sich selbst angesichts dieser Stimmung Religion im öffentlichen Raum noch argumentativ durchsetzen lässt. Das ist mein Startpunkt. Mir ging es also darum, eine Basis zu finden, die wir alle teilen, einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Der findet sich in der „Allgemeinen Meinungsfreiheit“. Ich nehme in gewisser Weise die Position am anderen Ende der säkularen Gesellschaft ein und schreibe diese damit fort zu einer säkularistischen, wie ich sie heute schon an vielen Stellen erlebe. In dieser kann Religion nur noch als Meinung aufgegriffen werden. Damit werden wir in Europa zu tun bekommen. Defensiv, zugegeben! Doch was wäre eine Alternative in der realen, nicht der idealen Gesellschaft?

    4. Nicht nur in der Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Bedingungen, sondern auch in der Sache selbst, also: den Streitgegenständen, geht JPR (und in der Folge dann auch Sie) m.M.n. an der Realität vorbei.

    Beispiel Religionsunterricht. Hier weisen Sie selbst auf die unbestimmten Begriffe hin, mit denen JPR das Feld markiert (etwa „Indoktrination“). Was er will, ist Religionskunde, und die gehört selbstverständlich auch an staatliche Schulen (hier findet sie vorwiegend im Rahmen des Ethikunterrichts statt). Das beschränkt sich aber auf die Vermittlung von Fakten. Der eigentliche Auftrag des Religionsunterrichts ist aber die Vermittlung von Werten. Ob hier der Ethikunterricht mit seiner „Neutralität“ entsprechend die Vermittlung (säkularer) Werte leisten kann, darf in Frage gestellt werden. Meine Auffassung ist die, dass in der pädagogischen Praxis die Glaubwürdigkeit des Lehrers sehr unter der „weltanschaulichen Neutralität“ leidet bzw. diese verletzt werden muss (etwa durch das Einbringen eigener Erfahrungen mit dem Glauben an Wertsysteme, also auch – aber nicht nur – Religionen), damit überhaupt die Botschaft ankommt.

    Beispiel Kontextualisierung. Selbstverständlich sind Symbole immer in ihrer Bedeutung abhängig vom Gebrauchszusammenhang. Doch die Argumentation JPRs zur Bekleidung, die Sie referieren, lässt sich m.A.n. nicht auf das Kreuz übertragen, wie Sie das andeuten.

    Ein Kreuz tritt nur selten als funktionalistisches Artefakt auf, etwa dort, wo es darauf ankommt, über zwei senkrecht aufeinanderstehende Stangen eine gute gleichförmige Kraftübertragung zu erreichen (Kreuzschlüssel). Aber wenn man ein Kreuz an die Wand hängt, ist es eben ein Kreuz – mit einem definierten Bedeutungsinhalt, egal, ob das die Wand einer Privatwohnung, eines Klassenzimmers, einer Kirche oder einer Gefängniszelle ist. Niemand hängt sich ein Kreuz an die Wand, um damit etwas anderes zu wollen als den sichtbaren Ausdruck seiner christlichen Religiosität zu manifestieren. Die Motivation, ein Kopftuch zu tragen, kann hingegen schon eine andere sein als der Ausdruck einer religiösen Befindlichkeit. Insofern fällt es der säkularen Gesellschaft leichter, bei Kleidungsstücken in ihrer relativen Deutungsoffenheit über die religiöse Intention hinwegzusehen als dies beim Kreuz gelingen kann. Nicht von ungefähr gibt es eben auch den „Roten Halbmond“ und nicht nur das „Rote Kreuz“. Zu sagen: „Die christlichen Schüler sehen im Kreuz das Heil und die anderen bitte schön zwei senkrecht aufeinander stehende Holzlatten!“ – das funktioniert nicht.
    Im Gegenteil: Wird die christliche Sicht auf das Kreuz verweigert, wird sie nicht wohlwollend-neutral, sondern sie spitzt sich oft zu einer aversiven Haltung zu, der das Kreuz (zumal das Kruzifix) nur noch Grausamkeit und Brutalität bedeutet. Diese Abgrenzung zur christlichen Ausdeutung des Kreuzes als Symbol der Hoffnung und des Lebens mag oft rein provokativ gemeint sein (so wie vieles andere auch), doch in der Verweigerung der soteriologischen Deutung des Kreuzes liegt ein durchaus legitimer Interpretationsschlüssel für Nicht-Christen, insbesondere Atheisten verborgen. Wer sollte einem Atheisten eine solche Deutungsverweigerung verbieten? Das Angebot „Sieh es mal mit meinen christlichen Augen!“ wird konsequenterweise abgelehnt bzw. mit einem „Ich habe aber nur atheistische Augen!“ gewendet und führt damit in eine Patt-Situation, in der in der Tat – solange wir eine Demokratie bleiben wollen – direkt auf die Mehrheitsverhältnisse referenziert werden muss, ggfs. noch indirekt auf Sitte und Tradition, solange diese wiederum in der Bevölkerung mehrheitsfähig sind. So ähnlich ist das ja auch in Bayern gelöst worden, mit einem Einspruchsrecht bei gleichzeitig grundsätzlichem Bekenntnis zum Kreuz im Klassenzimmer. Aber eben weder gesetzliche Vorschrift ohne Ausnahmevorbehalt noch generelles „Verbot“ – beides wäre als Teil des Rechtssystems nicht verfassungskonform.

    Natürlich ist das „dünnes Eis“. Nur – noch einmal – wo sind die Alternativen?

    Zum Schluss möchte ich Sie auf zwei Texte hinweisen, die meine Position abrunden bzw. auch etwas anders aussehen lassen:

    1. „Kirche im Milieu“ (Katholik sein im kirchenfernen Berlin), Text vom 06. Mai 2010 (auf meinem Blog)
    2. „Mission“ (Christ sein in einer misstrauischen Welt), Text vom 20. April 2010 (ebenfalls auf meinem Blog)

    Da ich nicht weiß, ob Sie hier Verlinkungen wünschen, habe ich erst mal keine Links gesetzt. Dies können Sie ggfs. gerne nachholen.

    Herzliche Grüße,
    Ihr
    Josef Bordat

  2. @Josef Bordat:
    Für die ausführliche Antwort bedanke ich mich sehr!

    Verlinkungen:
    Diese sind immer erwünscht und ich werde das so rasch wie möglich in Ihren Kommentar einfügen!

    Kommentar:
    Ich möchte gerne in Ruhe antworten, denn das Thema verdient eine gewisse Sorgfalt – und Ihren im Kommentar geäußerten Punkten soll mit entsprechender Achtsamkeit begegnet werden…!

    Herzliche Grüße
    Stefan Ehrhardt / zeitzubeten

  3. Bitte um Entschuldigung für die späte Antwort, aber ich musste dafür etas Ruhe gewinnen, und das war erst heute – zu später Stunde – möglich!

    Im folgenden greife ich Gedanken aus ihrem Kommentar auf, und bemühe mich um überzeugende Antworten :-), also beginnen wir!

    „JPR geht von einer idealen säkularen Gesellschaft aus und zeigt auf, was darin gelten soll. Das macht er sehr gut und man möchte ihm – von einigen polemischen Spitzen, die nicht fehlen dürfen – zustimmen. Ich gehe von der realen säkularistischen Gesellschaft aus und beschreibe anhand der herrschenden Rechtsauffassung, was darin gilt bzw. gelten wird, wenn diese Auffassung fortgeschrieben wird.“

    Wie weit kämen Autoren mit katholischen Anliegen, wenn sie sich darauf beschränken würden, was der Istzustand der Gesellschaft denn so zu bieten hat? Christen wissen, dass sie auf dem Weg zur Heiligkeit in Christus sind, und da zählen nicht Beschreibungen, sondern vor allem Zielsetzungen, sowie christlich-ethisches Handeln. Autoren im Namen Christi, die in erster Linie „deskriptiv vorgehen“, hinken hinten nach – ich hoffe, diese Einschätzung wird durch meine nachfolgenden Einwände verständlicher.

    „Oft kann man nur sagen: „Nein, ist sie nicht, sollte sie zwar sein, ist sie aber nicht!“ Man kommt insbesondere dann zu diesem Urteil, wenn man die „vierte Staatsgewalt“, die Medien, mit in die Betrachtung einbezieht und als wichtigen Teil der säkularen (ich sage: säkularistischen) Gesellschaft ernst nimmt, gerade weil sie Meinungen bildet und dabei Religionen systematisch benachteiligt.“

    „Wenn man die „vierte Staatsgewalt“ ernst nimmt, weil sie Religionen systematisch benachteiligt?“ Die Medien sind ernst zu nehmen, d’accord, aber sie sind nicht als Maßstab für einen unabänderlichen Gesellschaftstrend heranzuziehen. Es liegt an uns (hier im Sinne von katholisch orientierten Bloggern und Journalisten), Einfluss zu nehmen, und nicht irgendeine Medienschelte resignativ hinzunehmen! (Elsa, Alipius, Johannes, Scipio, usw… sei an dieser Stelle gedankt.) Hat Jesus die Händler im Tempel anhand einer „deskriptiven Analyse“ hingenommen, oder hat er gehandelt und damit normative Standards gesetzt?

    „Der Wissenschaftsglaube ist die neue Weltreligion und zudem die einzige, die sich scheinbar aus sich selbst rechtfertigt, weil sie – trotz eines Habermas – von vorne herein als epistemologisch und ethisch überlegen gilt bzw. als überlegen dargestellt wird – von und in der säkularen Gesellschaft, und zwar unter dem Vorzeichen der Säkularität von Wissenschaft, die dieser in der Vergangenheit große Erfolge bereitet hat. Das ist die Hoffnung, die viele mit Wissenschaft verbinden. Und spätestens da nimmt die Einstellung großer Teile der wirkmächtigen Öffentlichkeit religiöse Züge an.“

    An dieser Stelle zeigt sich die ganze Ohnmächtigkeit einer deskriptiven Haltung. Es ist zunächst eine reale Beobachtung, dass die Wissenschaftsgläubigkeit quasireligiöse Züge bei einem beachtlichen Teil unserer Gesellschaft angenommen hat. In humanistischen Manifesten, mit denen ich mich einigermaßen beschäftigt habe, wird dies als „einzig gültige“ naturalistische Weltsicht beworben. Aber wie dies begründet wird, kann man nicht einfach so hinnehmen: A priori wird jede Erfahrung, die sich naturwissenschaftlich nicht nachweisen lässt, als Aberglaube an Übernatürliches von jeder weiteren Betrachtung und Diskussion ausgeschlossen: Was hat das mit Wissenschaft zu tun?
    Das ist bestenfalls eine Karikatur von Wissenschaft, oder ist ihnen nicht aufgefallen, dass Richard Dawkins auf über 500 Seiten nur zu den „Erkenntnissen“ gelangt, dass die Nichtexistenz Gottes nicht beweisbar ist (na so was!), dass man zwar noch auf die eine oder andere Erkenntnis aus der Physik warten zu habe (beeilt euch, Kollegen!), dass aber er (Richard Dawkins) schon einmal festhalten wolle, dass „Gott mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht existiere“… Bei solch einer „Wissenschaftlichkeit“ müsste man doch viel konsequenter nachfragen, wie es sein kann, dass die halbe Welt diesem Machwerk („The God Delusion“ / „Der Gotteswahn“) derartigen Applaus spendet – aber das ist eine andere Diskussion.

    Eine auf naturalistischen Grundsätzen errichtete Weltanschauung ist nicht auf Wissenschaft begründet, sondern basiert auf reiner „Natur-Wissenschafts-Gläubigkeit“, die von Christen respektvoll – aber in der Sache unmissverständlich – zurückzuweisen ist. Religiöser Glaube weist immer über diese Welt hinaus, und hat nichts mit unbelegten Hypothesen („Ich-glaube-an-das-was-mir-die-Wissenschaft-mit-einer-gewissen-Wahrscheinlichkeit-noch-beweisen-wird“) zu tun.

    „Mein Text geht auf ein Minimum zurück. Er ist ein (vielleicht misslungenes) Kompromissangebot an die Adresse derer, die gegen Religion massive Vorbehalte haben. […] Es ist aber doch so, dass eine Position nicht respektiert wird, weil sie ernst gemeint ist (wie JPR mit Blick auf das Ideal der säkularen Gesellschaft meint), sondern es ist vielmehr so, dass, wenn sie ernst gemeint ist, sie in der Realität der säkularistischen Gesellschaft gerade nicht respektiert wird, sondern als „extremistisch“, „fundamentalistisch“, „fanatisch“ oder sonst etwas abqualifiziert wird, das die Grundlage des freiheitlichen Diskurses bedroht. Und weil das so ist, muss die „ernste Position“ folgerichtig aus diesem Diskurs ausscheiden.“

    Diese Betrachtung ist mir zu einseitig. Ist es derzeit nicht vielmehr so, dass aus der säkularen Gesellschaft nur die lautesten (also nicht die klügsten) Positionen gehört werden, und von christlicher Seite vor allem „extremistische“ (i.S.v. kompromisslos auf das Gotteswort bezogene) Äusserungen in den von ihnen respektvoll zitierten Medien aufgenommen werden? Das könnten sie nun als Bestätigung ihrer Sicht der Dinge (Ausscheiden aus dem Diskurs) werten wollen, aber Stopp:

    Gerade hier beginnt unsere Aufgabe, weil der Wettstreit der lautesten Stimmen wohl kaum zu Toleranz und Respekt führen wird. Mein Appell an beide Parteien lautet also: Argumentiert ernsthafter (und respektvoller), denn wir wollen in die nächste Runde!

    „Ich ziehe mich auf Meinungsfreiheit zurück. Ja, aber ich bin damit nicht glücklich. Das Armutszeugnis, dass Sie meinem Ansatz ausstellen, fällt auf die Prämissen meines Ansatzes zurück. Ich finde es auch deprimierend, dass man sich für Religion überhaupt rechtfertigen muss und traurig, religiöse Überzeugungen als bloße „Meinung“ in Diskurse einbringen zu müssen.
    Nur: So ist das eben. Wenn man sich wie ich hauptsächlich mit Positionen auseinandersetzen muss, die den Papst inhaftieren, den Vatikan bombardieren und die Kirche verboten wissen möchten, schleift sich (als Alternative zum bloßen Gegenangriff) schon der Gedanke ein, wie sich selbst angesichts dieser Stimmung Religion im öffentlichen Raum noch argumentativ durchsetzen lässt. Das ist mein Startpunkt.“

    Solange säkulare Denker (wie JPR) noch nicht ausgestorben sind, ist es aus christlicher Sicht als Akt der Selbstaufgabe zu werten, in einem Diskurs der Weltanschauungen nur den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen zu wollen. Dabei wird beispielsweise vergessen, dass nicht-religiöse Menschen von 1789 an gerechnet 221 Jahre gebraucht haben, um nun etwas Morgenluft zu wittern. Und wir Christen ergeben uns von heute auf morgen in deskriptiven und resignativen Betrachtungen? Wie weit wären denn die Atheisten und Agnostiker gekommen, hätten sie sich auf dieses passive Denken zurückgezogen?

    „Mir ging es also darum, eine Basis zu finden, die wir alle teilen, einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Der findet sich in der „Allgemeinen Meinungsfreiheit“. Ich nehme in gewisser Weise die Position am anderen Ende der säkularen Gesellschaft ein und schreibe diese damit fort zu einer säkularistischen, wie ich sie heute schon an vielen Stellen erlebe. In dieser kann Religion nur noch als Meinung aufgegriffen werden. Damit werden wir in Europa zu tun bekommen. Defensiv, zugegeben! Doch was wäre eine Alternative in der realen, nicht der idealen Gesellschaft?“

    Jesus möge mir verzeihen, wenn ich seinen Namen nochmals bemühe. Aber können sie mir irgendein Gotteswort oder christliches Handlungsmuster nennen, dass von „deskriptiven Betrachtungen“ geleitet ist? Gottesworte sind normativ und den Reden des Jesus von Nazareth mangelt es weder an Klarheit noch an Kompromisslosigkeit und Schärfe. Warum ich unseren Herrn mit ins Spiel bringe? Weil wir alle zum Weg zur Heiligkeit berufen sind, und dieser Weg ist nichts anderes als – die Nachfolge Jesu: Wenn es um christliche Überzeugungen geht, hat dieser Weg respektvoll und doch kompromisslos, klar und gerecht („auf Gott gerichtet“) auszusehen.

    „Nicht nur in der Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Bedingungen, sondern auch in der Sache selbst, also: den Streitgegenständen, geht JPR (und in der Folge dann auch Sie) m.M.n. an der Realität vorbei. Beispiel Religionsunterricht. Hier weisen Sie selbst auf die unbestimmten Begriffe hin, mit denen JPR das Feld markiert (etwa „Indoktrination“). Was er will, ist Religionskunde, und die gehört selbstverständlich auch an staatliche Schulen (hier findet sie vorwiegend im Rahmen des Ethikunterrichts statt). Das beschränkt sich aber auf die Vermittlung von Fakten. Der eigentliche Auftrag des Religionsunterrichts ist aber die Vermittlung von Werten.“

    Sorry, aber hier ist ihre Sicht der Dinge anhand ganz realer Beobachtungen und „persönlicher Stichproben“ zu hinterfagen. Zwar sehe ich den eigentlichen Auftrag des Religionsunterrichtes auch in der Vermittlung von Werten. Aber letzteres hat – an öffentlichen Schulen – weder in meiner Generation stattgefunden, noch tut es das in der Generation meines 14-jährigen Sohnes (von einer Handvoll Ausnahmen können wir getrost absehen). Es ist gewissermaßen zu respektieren (!), dass eine staatlich begründete Religionskunde die Vermittlung von Werten nicht schafft, vielleicht auch gar nicht zum Ziel haben sollte.
    Christliche Werte werden nicht an der Schultafel, sondern durch Vorleben, durch Beispiel und durch Nächstenliebe vermittelt, da sollten wir uns doch einig werden! Folglich sind Elternhaus, Kirche und christliche Institutionen für diese Art der Erziehung zuständig, und zwar in glaubhafterer Form als durch staatliche Einrichtungen.

    Sehen Sie denn nicht, wohin die eigentliche Reise säkularer („humanistischer“) Kräfte gehen soll? Religiös orientierten Eltern soll verboten werden, Kindern zu Hause (!) religiöse Inhalte zu vermitteln. Das ist kein Scherz! Mit dem Hinweis auf den (von ihnen zu Recht als schwammig bezeichneten) Begriff Indoktrination soll sogenannter Aberglaube von Minderjährigen rechtlich verbindlich ferngehalten werden, so steht es wörtlich in Humanismus-Manifesten.

    Wer sich als Christ in die Defensive drängen lässt, und sich mit der Sicht auf vermeintliche Realitäten rechtfertigt, hat von vorneherein verloren. Wenn sie tatsächlich so denken, dann lassen sie sich bitte jetzt schon als „tatsächlich verlorenes Schaf“ etikettieren ;-)

    „Beispiel Kontextualisierung. Selbstverständlich sind Symbole immer in ihrer Bedeutung abhängig vom Gebrauchszusammenhang. Doch die Argumentation JPRs zur Bekleidung, die Sie referieren, lässt sich m.A.n. nicht auf das Kreuz übertragen, wie Sie das andeuten. Ein Kreuz tritt nur selten als funktionalistisches Artefakt auf, etwa dort, wo es darauf ankommt, über zwei senkrecht aufeinanderstehende Stangen eine gute gleichförmige Kraftübertragung zu erreichen (Kreuzschlüssel). Aber wenn man ein Kreuz an die Wand hängt, ist es eben ein Kreuz – mit einem definierten Bedeutungsinhalt, egal, ob das die Wand einer Privatwohnung, eines Klassenzimmers, einer Kirche oder einer Gefängniszelle ist. Niemand hängt sich ein Kreuz an die Wand, um damit etwas anderes zu wollen als den sichtbaren Ausdruck seiner christlichen Religiosität zu manifestieren.“

    Diese Sicht kann ich ganz und gar nicht teilen. Welche öffentliche Schule (abgesehen davon, dass sie kaum als natürliche Person gesehen werden kann) wollte mit den in Klassenzimmern aufgehängten Kreuzen „den sichtbaren Ausdruck ihrer christlichen Religiosität“ manifestieren“?

    Ein Kreuz bei der Fronleichnamsprozession und in der Kirche bedeutet etwas ganz anderes als das oft achtlos aufgehängte Kreuz in Klassenzimmern. Genauer gesagt: Für mich als Christ (!) hat das Kreuz im staatlich-öffentlichen Raum mehr kulturelle, und im Gottesdienst eindeutig religiöse Bedeutung. Für den nicht-religiösen Menschen hat es immer dieselbe, nämlich keine religiöse Bedeutung – der nicht-religiöse Mensch kann bestenfalls gegen „unzumutbar zur Schau getragenen Aberglauben im öffentlichen Raum“ klagen, und dabei widerspricht er dem Recht auf Religionsfreiheit.

    Im Gegenzug können sie selbstverständlich auf die Entscheidung des EGMR betreffend Italien verweisen – und beweisen damit gar nichts: Wie sind schon Höchstgerichtsentscheidungen zu werten, die in der Praxis an einer standhaften Bevölkerung scheitern?

    Der Gedanke der Kontextualisierung ist ein ganz entscheidender – und kann gar nicht oft genug ins Spiel gebracht werden. Die Bibel im Nachtkästchen meines Hotels ist gar nichts, in meiner Hand ist sie hoffentlich alles!

    „Wird die christliche Sicht auf das Kreuz verweigert, wird sie nicht wohlwollend-neutral, sondern sie spitzt sich oft zu einer aversiven Haltung zu, der das Kreuz (zumal das Kruzifix) nur noch Grausamkeit und Brutalität bedeutet. Diese Abgrenzung zur christlichen Ausdeutung des Kreuzes als Symbol der Hoffnung und des Lebens mag oft rein provokativ gemeint sein (so wie vieles andere auch), doch in der Verweigerung der soteriologischen Deutung des Kreuzes liegt ein durchaus legitimer Interpretationsschlüssel für Nicht-Christen, insbesondere Atheisten verborgen. Wer sollte einem Atheisten eine solche Deutungsverweigerung verbieten?“

    Niemand, aber auch gar niemand will einem Atheisten etwas verbieten. Warum auch? Für einen Atheisten, der zu seinem Grundsatz („Gott gibt es nicht“) steht, kann gar nichts anders als „zwei senkrecht aufeinander stehende Stangen“ nicht ernst zu nehmen. Konsequenterweise kann er sich (bei der für ihn sinnlosen Betrachtung des scheinbar „grausamen Sinnbilds“) über das Kreuz lustig machen, solange nicht die Religionsfreiheit verletzt wird. Die bloße Meinungsfreiheit würde dem Christen hier nicht viel helfen!

    „Das Angebot „Sieh es mal mit meinen christlichen Augen!“ wird konsequenterweise abgelehnt bzw. mit einem „Ich habe aber nur atheistische Augen!“ gewendet und führt damit in eine Patt-Situation, in der in der Tat – solange wir eine Demokratie bleiben wollen – direkt auf die Mehrheitsverhältnisse referenziert werden muss…“

    Diese Referenzierung auf Mehrheitsverhältnisse steht beispielsweise im Konflikt mit Ihrem im Artikel formulierten Wunsch nach Minderheitenschutz. Aber lassen sie mich – der Anschaulichkeit halber – die Absurdität einer Abstimmung im Klassenzimmer wiederholen:

    Das nenne ich eine zutiefst verwerfliche Argumentationslinie, sich vom bestehenden Menschenrecht der Religionsfreiheit auf die bloße Meinungsfreiheit zurückzuziehen, die jeder Schulklasse Europas das Recht einräumt, über das Kreuz abzustimmen, sodass Kreuze auf- oder abgemacht werden, je nachdem wie Europas einzelne Schulklassen im jeweiligen Schuljahr gerade so befinden.

    „Natürlich ist das „dünnes Eis“. Nur – noch einmal – wo sind die Alternativen?“

    Meine Alternativen – ohne auch nur ein Jota meiner oben geäußerten Gedanken aussen vor lassen zu wollen – lauten somit:

    1. Der sogenannte Wissenschaftsglaube ist angreifbar, eben weil er sich auf einen naturalistischen Wissenschaftsgedanken beruft, der naturwissenschaftlich nicht beweisbare Hypothesen (Gott) a priori von der Gesellschaft fernhalten will: Mit welchem Recht?

    2. Der Gedanke der Kontextualisierung ist ein ganz entscheidender – und kann gar nicht oft genug ins Spiel gebracht werden, auch angesichts nicht umsetzbarer Höchstgerichtsentscheidungen.

    3. Das Aufgeben des Rechtes der Religionsfreiheit steht nicht – und soll auch unter keinen Umständen zur Disposition stehen: Es sind vielmehr klare und überzeugende Argumente zu formulieren, warum dieses erworbene Recht bestehen soll.

    Der klare christliche Kurs heißt also Widerstand, eine Haltung, die zuletzt vor zwei Generationen so schmerzlich vermisst wurde.

  4. Erst mal vielen Dank für die Replik, mit der ich mich auch erst mal einige Zeit in Ruhe auseinandersetzen muss. Dann werde ich noch mal antworten. Ich meine aber, herausgelesen zu haben, dass wir uns in ganz wesentlichen Fragen inhaltlich viel näher sind, als die in der Sache harte (und damit – zumindest für mich – sehr hilfreiche!) Auseinandersetzung um methodische Fragen vermuten lässt. – Bis bald, Ihr Josef Bordat

  5. Lieber Stefan Ehrhardt,

    noch einige Bemerkungen.

    Zunächst: Substanziell scheinen unsere Positionen nahe beieinander zu liegen. Zu begründen, warum ich das Kreuz für wichtig halte, ist hier also nicht nötig. Das freut mich. Auch das, was Sie über die Arbeit der katholischen A-Blogger sagen, kann ich nur unterstreichen. In hervorragender Weise bieten sie ein Gegengewicht zu den Medien im Strom der Zeit bzw. des Zeitgeistes. Hut ab! Absolut d’accord. Richtig ist ferner, dass wir uns sehr kritisch mit dem Szientismus als Weltanschauung auseinandersetzen und die selbstattestierte Deutungshoheit „der Wissenschaft“ hinterfragen müssen. Sie werden mit geringem Rechercheaufwand im Internet einige Texte finden, in denen ich von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus diese ideologische Weiterung der naturwissenschaftlichen Methodologie scharf kritisiere. Also, da rennen Sie bei mir offene Türen ein!

    Aber ich glaube, dass es darüber hinaus einige Missverständnisse aufzuklären gilt.

    Missverständnis Nr. 1: „Autor mit katholischem Anliegen“

    Ich verstehe mich als „katholischer Philosoph“. In meiner Arbeit und in dem Ausgangstext bin ich ein katholischer Autor mit einem philosophischen Anliegen. Das bedeutet, dass ich die analytische Methodik und die Kriterien des Diskurses übernehme – auch dann, wenn sie mir nicht gefallen. Der vorliegende Text ist denn auch kein flammendes Pamphlet für das Kreuz, sondern der Versuch, mit einem Gedankenexperiment die rechtliche Frontstellung aufzubrechen, indem die Frage des Kreuzes in Schulen mit den Mitteln des Säkularismus’ einer Lösung zugeführt wird, die dem Ideal der eigenen Norm möglichst nahe kommt.

    Meine Stoßrichtung ist weniger eine der christlichen Defensive als eine der philosophischen Offensive: Ich wollte nämlich zeigen, dass wir Christen selbst dann, wenn(!) wir uns auf die Spielregeln eines strengen Säkularismus einlassen, dass wir selbst dann Rechte haben, die nicht zu leugnen sind, ohne dass dies auf Konstitute jeder(!) zivilisierten Gesellschaft zurückfiele. Eine säkular-liberale Gesellschaft, die das Kreuz beseitigt, beseitigt ihre eigenen(!) Grundlagen, nämlich die Meinungsfreiheit. Bei der Religionsfreiheit kann sie (geschichtsvergessen und kulturvernichtend wie sie nun mal ist!) zu einer noch so bedeutungsschweren apologetischen Argumentation sagen: „Na, und?“. Bei der Meinungsfreiheit fällt es auf sie zurück. Leider sind eben die Religionskritiker selten so klug und so fair wie Ernst Bloch oder auch Jürgen Habermas, um einzugestehen, welche enorm wichtige (rein funktionalistisch wichtige!) Rolle Religion spielt. „Weg damit!“ Dagegen müssen wir uns selbstverständlich wehren, doch auch wenn wir scheitern ist nicht aller Tage Abend: Den Diskurs um Religionsfreiheit kann eine Gesellschaft im vollendet säkularistischen System mangels Relevanz abblocken, den Diskurs um Meinungsfreiheit nicht!
    .
    Das war mein Ansatz: Zeige, dass Dein Anliegen auch dann eine Rolle spielt, wenn (im Extremfall) die originäre Rechtsquelle, die das Anliegen bisher ermöglichte, versiegt, weil es eine andere Rechtsquelle gibt, die das System mit Wasser und Leben versorgt und deshalb nur zu sprudeln aufhört, wenn das System bereit ist, sich selbst aufzuheben.

    Meine These: Das Kreuz im Klassenzimmer ist geboten, selbst dann, wenn(!) man die Religionsfreiheit außen vor lässt, denn schon aus der Allgemeinen Meinungsfreiheit kann sich Religion Gehör verschaffen. Auch der Minderheitenschutz lässt sich ohne Religionsfreiheit, aber mit Meinungsfreiheit begründen.

    Während eine säkularistische Gesellschaft Religionsfreiheit de facto (oder auch de iure) abschaffen kann, fällt das bei der Allgemeinen Meinungsfreiheit schwerer, solange sie zudem liberal sein will. Anders gesagt: Erst die Subsumtion von Fällen der Religionsfreiheit unter die Meinungsfreiheit macht diese für die konsequent säkularistische Gesellschaft überhaupt diskutabel. Mit meinem Gedanken – so hoffte und dachte ich zumindest – gelange ich auf der Ebene der Säkularität(!) zu einer Verteidigung des Glaubens. Das ist auch eine Art, für die christliche Sache zu kämpfen. Wenn Sie so wollen: den Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen und dessen zentrale Freiheits-Argumentation gegen ihn zu wenden. Darauf kommt es m.A.n. in Europa zukünftig vermehrt an.

    Im übrigen: Sie sind mit dem Kontextualisierungsgedanken im Grunde auf dem gleichen Dampfer, also wenn Sie das Kreuz aus dem religiösen Kontext lösen, was sie – wenn ich Sie richtig verstehe – für das Kreuz in der Schule vorschlagen. Mit der Aufspaltung in „Kulturkreuz“ (in Schulen etc.) und „Religionskreuz“ (in der Kirche), die ich nicht ganz nachvollziehen kann, obwohl ich sie jetzt besser zu verstehen glaube, lösen sie ja gerade ebenso die Debatte um aus dem Topos der Religionsfreiheit. Wenn das Kreuz im Klassenzimmer gar nichts mit Religion zu tun hat, sondern mit Kultur, dann können Sie das Aufhängen ja nicht mit „Religionsfreiheit“ begründen. Damit stärken sie das Kreuz als Signum der Kultur, das keine religiöse Bedeutung hat, nur im Rahmen der Meinungsfreiheit. Und damit liegen Sie im Ergebnis auf meiner Linie. Oder sehe ich das falsch?

    Missverständnis Nr. 2: Normen ersparen nicht die Auseinandersetzung mit Gegebenheiten

    Normativität ist zwar nicht von den Tatsachen abhängig, richtig, aber wenn man Normen durchsetzten will, sollte man sich schon auf die Argumentation einlassen. Und da ist es am geschicktesten (dachte ich bis vor kurzem), wenn man im Normsystem des Anderen(!) die eigene Norm auffindbar macht. Ich hoffe doch, dass mir das mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit gelungen ist.

    Wir können zudem als Christen nicht immer sagen, dass uns Urteile und Gesetze nicht interessieren und unsere Normen dagegen stellen, wenn wir – und das sollten wir – gesellschaftlich relevant sein wollen.

    Der Punkt im vorliegenden Fall ist doch der: Es kann weder gesetzlich vorgeschrieben, noch verboten werden, ein Kreuz auf- bzw. abzuhängen. Normativ kommen Sie also nicht weiter. Die Norm erspart nicht den Diskurs. Die Norm verweist (wie im Bayrischen Schulgesetz) zurück auf den Diskurs! Da ist es dann tatsächlich so, dass von Fall zu Fall entschieden wird (in Bayern ausgehend vom Grundsatz: das Kreuz soll hängen).

    Mehr können Sie nicht verlangen. Sie können natürlich schärfer normieren: In jeder Klasse muss ein Kreuz hängen. Da bin ich sehr dafür. Sie vermutlich auch. Aber Andere eben nicht. Wir kommen da nicht raus. Mehr als den Diskurs kann ich Ihnen nicht anbieten. Und selbstverständlich kann man da seine Normen einbringen. Das machen die Anderen aber auch. Letztlich geht es dann doch um Mehrheiten. Das muss man nicht gut finden, nur sehe ich keine andere Möglichkeit. Normen kommen im Diskurs(!) eben nicht ohne jede Rücksicht auf die Fakten aus.

    Ich bin also sehr dafür, die Ebenen analytisch zu trennen. Wenn man normativ argumentiert, macht man die eigene Position deutlich, stellt diese aber zunächst lediglich unvermittelt gegen die Position des Anderen. Jetzt müssen Argumente für die Positionen her. Diese Argumentation endet beim weltanschaulich begründeten Menschenbild. Weltanschauung wurzelt im Glauben (auch die wissenschaftliche). Hier gilt es, die Vernunft des christlichen Glaubens zu zeigen. Das ist alles richtig, nur darum ging es mir, wie gesagt, in dem zugrundeliegenden Text nicht.

    Jetzt ist es ja so, dass ich weder der klügste noch der kämpferischste aller christlich-katholischen Philosophen bin. Sie brauchen also die Hoffnung auf die „guten Argumente“, die Sie einfordern, nicht aufzugeben, nur weil ich Ihnen diese nicht liefern kann. ;-)

    Ich will kein neues Fass aufmachen, zudem bin ich kein Theologe, aber lassen Sie mich dennoch kurz auf das Verhältnis von Normativität und Faktizität in der Ethik Jesu eingehen, das Sie ansprechen. Sie wählen eine Situation, in der Jesus sich mit normativer Diktion über den – nennen wir es ruhig so – „Zeitgeist“ hinwegsetzt, mehr noch: mit dem „Sollen“ im Rücken wütend gegen das „Sein“ angeht. Es gibt aber auch Situationen, in denen Jesus anders mit Normen umgeht. Denken Sie an die Situation mit der Ehebrecherin. Die Norm ist glasklar, doch die Situation erfordert eine andere Lösung als das, was die Norm vorsieht. Oder an den barmherzigen Samariter: die Priester, die vorübergehen, verhalten sich absolut gesetzeskonform, aber eben nicht richtig. Die Situation erfordert ein Überdenken der Norm. Jesus gibt uns für diese Deutungsaufgabe eine Meta-Norm: die Liebe.

    Missverständnis Nr. 3: Absprache, nicht Abstimmung

    Mir geht es darum, dass überhaupt eine Auseinandersetzung mit religiösen Symbolen stattfindet. Mit geht es nicht um eine Abstimmung nach dem Motto „Wer ist für Kreuz, wer für Halbmond, wer für Davidstern und wer enthält sich?“. Mir geht es bei der Diskussion in der Klasse um eine informierte Positionierung der Schüler (als Klasse!), ohne mit dem mehrheitlichen Schülerwillen eine Rechtspflicht zu verknüpfen (dann hinge nämlich in einigen Berliner Klassen kein Kreuz, sondern ein Hakenkreuz!).

    Lassen Sie mich zum Schluss einen Verdacht äußern: Vielleicht gehen wir einfach von unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten aus. Ich habe einen Teil meines Lebens in Berlin verbracht, wo der Anteil der getauften Christen bei unter 30 Prozent liegt. Ich habe in „Kiezen“ Berlin-Weddings gewohnt, in denen es außer meiner Frau und mir keine Katholiken gab. Jetzt lebe ich in Barcelona, einer weitgehend entchristlichten Stadt. Und dass, nachdem ich durch meine Kindheit und Jugend in einem niederrheinischen Dorf katholisch sozialisiert bin – Katholikenanteil (damals): 90 Prozent. Die neuen Lebenswelten in Berlin gingen natürlich nicht ganz spurlos an mir vorbei, haben zweierlei geschärft: das Bewusstsein für meinen Glauben und die Notwendigkeit einer behutsamen Vermittlung in einer Öffentlichkeit, die mit eben diesem Glauben nichts anfangen kann.

    Jetzt stellen Sie sich vor: Eine staatliche Schule mit 800 Schülern, darunter 5 getaufte Christen (ich spreche von Berlin). Sollten wir jetzt normativ bleiben oder auf die Situation eingehen und schauen, was wir gemeinsam daraus machen können? Was heißt es in diesem Fall konkret, in der Liebe Jesu zu sein?

    Aus Zeitgründen muss ich mich aus der Diskussion verabschieden. Ich bedanke mich für die Auseinandersetzung und gebe Ihnen das Schlusswort.

    Herzliche Grüße,
    Ihr
    Josef Bordat

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